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Werk:Compendium/XIII

aus AufEinWort, der freien Forschung
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▷Capitulum XIII

▷Post primi principii considerationem adhuc ex dictis aliquid de anima inferam. Elicias ex praemissis quomodo aer nullo sensu nostro attingitur nisi qualificatus. Ex quo constat quod, si aer viveret vita sensitiva, in se sentiret species qualitatum. Aer autem aut subtilis est aut grossus aut medio modo se habet. Subtilis aether est. Oportet igitur animam sensitivam aerem vivificare sibi coniunctum, ut in vivificato aere sentire possit species obiectorum, puta in aere vivo diaphano et subtili speciem visibilis, in communi speciem soni, in ingrossato et immutato species aliorum sensuum. Non est igitur anima sensitiva nec terra nec aqua nec aer nec aether sive ignis, sed est spiritus vivificans aerem modo praemisso, et coniunctum ex spiritu et aere per sensibilem speciem in actu positum sentit. Aer igitur corpus vitae spiritus nostri sensitivi exsistit, quo mediante vivificat totum corpus et sentit obiecta, et non est naturae alicuius obiecti sensibilis, sed simplicioris et altioris virtutis. Sentire quoddam pati est. Agit igitur species in corpus organicum iam dictum.

Nach der Betrachtung des ersten Ursprungs will ich auf Grund des bisher Gesagten noch etwas über die Seele hinzufügen. Aus dem Bisherigen vermagst du zu erfassen, daß die Luft nur, sofern sie qualitativ ist, von unserem Sinn erreicht wird. Daher steht fest, daß die Luft, wenn sie ein sinnenhaftes Leben leben würde, in sich die Eigengestalten der Qualitäten empfände. Die Luft ist entweder fein oder dicht oder sie verhält sich in mittlerer Weise. Feine Luft ist Äther. Die sinnenhafte Seele muß also die ihr verbundene Luft beleben, um in der belebten Luft die Eigengestalten der Gegenstände sinnlich wahrnehmen zu können; z. B. in der lebendigen Luft, die durchscheinend und fein ist, die Eigengestalt des Sichtbaren; in der gewöhnlichen die Eigengestalt des Tones; in der verdichteten und veränderten die Eigengestalten der anderen Sinne. Die sinnenhafte Seele ist also weder Erde, noch Wasser, Luft, Äther oder Feuer, sondern der Geist, der die Luft in der besprochenen Weise belebt, und das aus Geist und Luft Verbundene, das durch die sinnliche Eigengestalt in Wirklichkeit gesetzt worden ist, sinnlich wahrnimmt. Die Luft stellt den Körper des Lebens unseres sinnenhaften Geistes dar, mit dessen Hilfe er den ganzen Körper belebt und die Gegenstände wahrnimmt; er ist nicht von der Natur irgendeines sinnlichen Gegenstandes, sondern von einfacherer und höherer Kraft. Empfinden ist eine Art von Erleiden. Die Eigengestalt wird also auf den genannten, organischen Körper hin tätig.▷Hinc species non est corporalis, cum agat in corpus, sed est in respectu ad corpus illud organicum spiritus formans. Et quia sentitur, erit corpus illud vivum et purum omni specie carens. Anima autem, quae est vivificans ipsum et cuius est sentire, penitus omni corpore et specie simplicior et abstractior non cognoscit, nisi attendat. Est igitur virtutis semper vivificativae et cognitivae, qua utitur, quando movetur, ut attendat. Est igitur in ipsa anima sensitiva ultra virtutem vivificativam quaedam potentia cognitiva, quasi imago sit intelligentiae, quae in nobis ipsi intelligentiae iungitur. Vides radium solis penetrare vitrum coloratum et in aere speciem coloris apparere. Splendore enim illo, qui est splendor coloris vitri, vides aerem coloratum in similitudine vitri; habet se tamen color vitri ut corpus et color aeris ut intentio et spiritus ad illum. Huius autem intentionis species adhuc subtilior et spiritualior, quia est splendor eius, sentitur in visu, scilicet in diaphano aerio vivo oculi.

Daher ist die Eigengestalt, wenn sie auf den Körper einwirkt, nicht körperlich, sondern ist im Hinblick auf jenen organischen Körper der gestaltende Geist. Und weil sie empfunden wird, muß jener lebendige Körper rein und von jeder Eigengestalt frei sein. Die Seele aber, die ihn belebt und der das Empfinden eigen ist, und die gänzlich einfacher und abstrakter ist als Körper und Eigengestalt, erkennt nicht, außer wenn sie darauf achtgibt. Sie hat eine immer belebende und erkennende Kraft, deren sie sich bedient, sobald sie sich bewegt, um zu erkennen. In der sinnenhaften Seele befindet sich also noch über die lebendigmachende Kraft hinaus eine erkennende Kraft, gleichsam als Abbild der Vernunfterkenntnis, welche in uns mit dieser verbunden ist. Du siehst, wie ein Sonnenstrahl ein farbiges Glas durchdringt, und daraufhin in der Luft die Eigengestalt der Farbe erscheint. Denn in jenem Glanz, der der Glanz der Farbe des Glases ist, siehst du die farbige Luft in Ähnlichkeit mit dem Glas; doch die Farbe des Glases verhält sich wie der Körper und die Farbe der Luft wie das Hingerichtetsein und wie der Geist zu ihm. Diese Eigengestalt, die ganz hauchfein ist – eben weil sie sein Glanz ist –, wird im Sehen wahrgenommen, d. h. im lebendigen Widerschein des Auges.▷Anima igitur sensitiva, quae vivificat diaphanum, est adeo spiritualis, quod splendorem splendoris sentit in suo diaphano purissimo. Sentit enim diaphani eius superficiem penitus incoloratam in similitudine  tingi, et se convertens ad obiectum, unde splendor venit, medio illius splendoris, quem in superficie corporis sui diaphani sentit, obiectum cognoscit. Unde, cum non fiat visio, nisi videns attendat ad splendorem seu intentionem – praetereuntes enim, si non sumus attenti, non videmus –, patet quod visio ex intentione coloris et attentione videntis oritur.

Die sinnenhafte Seele, die den Widerschein belebt, ist so sehr geistig, daß sie den Glanz des Glanzes in ihrem allerreinsten Durch-Scheinen wahrnimmt. Sie stellt fest, daß die gänzlich farblose Oberfläche des Durchscheinenden in der Ähnlichkeit gefärbt wird, und indem sie sich dem Gegenstand zuwendet, von dem der Glanz herkommt, nimmt sie mittels jenes Glanzes, den sie in der Oberfläche des Körpers ihrer Durchsichtigkeit empfindet, den Gegenstand wahr. Da keine Schau zustande kommt, wenn der Sehende nicht auf den auf ihn hingerichteten Glanz achtet – denn Vorübergehende nehmen wir nicht wahr, wenn wir nicht aufmerksam sind –, ist offenbar, daß die Schau aus der Hinkehr der Farbe und der Zukehr des Schauenden entsteht.▷Et si bene consideras, in aere illo colorato similitudinem hominis reperies. Nam est corpus, anima et spiritus. Corpus, ut aer est; anima, ut species coloris per | omnia aerem penetrantis, formantis et[1] colorantis; spiritus vero, ut radius lucis colorem illuminantis. Nam rationalis nostra anima nisi in se haberet spiritum discretionis, qui in ea lucet, homines non essemus nec clare prae ceteris animalibus sentiremus. Lux autem illa, quae in nobis lucet, desuper datur et non commiscetur corpori; lucem autem esse discretivam experimur.

Wenn du es gut bedenkst, wirst du im Beispiel dieser gefärbten Luft ein Ähnlichkeitsbild für den Menschen finden. Er ist Körper, Seele und Geist. Der Körper ist wie die Luft; die Seele wie die Eigengestalt der Farbe, die die Luft ganz durchdringt, gestaltet und färbt; der Geist aber ist wie der Lichtstrahl, der die Farbe erleuchtet. Denn wenn unsere verständige Seele nicht den Geist der Unterscheidung in sich hätte, der in ihr leuchtet, dann wären wir nicht Menschen und würden nicht klar vor allen anderen Tieren wahrnehmen. Jenes Licht, das in uns leuchtet, ist uns von oben gegeben und vermischt sich nicht mit dem Körper. Daß das Licht jedoch unterscheidungsbewirkend ist, erfahren wir.▷Ideo omnem discretionem et illuminationem atque perfectionem animalitatis nostrae ab illa insensibili luce nos habere certissime scimus, quae si non luceret in nobis, penitus deficeremus; quemadmodum cessante radio solis penetrare vitrum coloratum nihil de colorato aere visibile manet. Caelum autem ut vitrum est in se zodiacum seu circulum vitae continens; virtus vero omnia creantis est ut radius. Ex his paucis materiam speculandi sumito, quam, ut volueris, poteris ampliare. Superest de fide nostra dulcissima consideratio, quae omnia sua certitudine superat et sola est felicitans; circa quam solide et crebriter verseris.

Darum wissen wir ganz sicher, daß wir alle Unterscheidungsgabe, Erleuchtung und Vollkommenheit unserer Lebendigkeit von jenem unsichtbaren Lichte haben. Wenn es nicht in uns leuchtete, müßten wir gänzlich vergehen; genauso wie wenn der Sonnenstrahl aufhört, das farbige Glas zu durchdringen, nichts von der farbigen Luft sichtbar bleibt. Der Himmel aber ist wie ein Glas, das in sich den Zodiacus oder den Lebenskreis enthält; die Kraft des Alles-Schaffenden aber ist wie der Strahl. Aus diesen wenigen Worten nimm dir Stoff für deine Betrachtungen, die du, wenn du willst, erweitern kannst. Darüber hinaus bleibt uns noch die Betrachtung unseres geliebten Glaubens, der durch seine Gewißheit alles überragt und allein beglückt; mit ihm beschäftige dich häufig und tief.◀▷

  1. ↑ fol.174r