WTH/Die ideale Sprechsituation/10
▶Die Kommunikationsstruktur, durch die die ideale Sprechsituation ausgezeichnet ist, schließt systematische Verzerrungen aus und garantiert insbesondere die Freizügigkeit zwischen Handlung und Diskurs und, innerhalb des Diskurses, zwischen den verschiedenen Diskursebenen. Deshalb darf jeder Konsensus, der argumentativ unter Bedingungen einer idealen Sprechsituarion erzeugt worden ist, als Kriterium für die Einlösung des jeweils thematisierten Geltungsanspruchs angesehen werden. Ein vernünftiger Konsensus kann von einem trügerischen in letzter Instanz allein durch Bezugnahme auf eine ideale Sprechsituation unterschieden werden. Welchen Status kann indessen eine wie immer unvermeidliche Bezugnahme auf eine ideale Sprechsituation haben? Zunächst kann bezweifelt werden, ob sich eine ideale Sprechsituation überhaupt verwirklichen läßt und ob sie nicht eine bloße Konstruktion darrtellt. Jede empirische Rede ist sowohl durch die raumzeitlichen Begrenzungen des Kommunikationsvorgangs wie auch durch die psychischen Belastungsgrenzen der Diskursteilnehmer grundsätzlich Restriktionen unterworfen, die eine vollständige Erfüllung der idealen Bedingungen ausschließen. Eine hinreichende Realisierung der Forderungen, die wir an Diskurse stellen müssen, möchte ich trotzdem nicht apriori für unmöglich halten, weil die erwähnten Beschränkungen durch institutionelle Vorkehrungen entweder kompensiert oder doch in ihren Auswirkungen auf das deklarierte Ziel einer Gleichverteilung der Chancen, Sprechakte zu verwenden, neutralisiert werden können. Schwerer wiegt das andere Bedenken, ob und wie überhaupt empirisch festgestellt werden kann, wann die Bedingungen einer idealen Sprechsituarion erfüllt sind. Die Bedingungen der empirischen Rede sind auch dann, wenn wir der erklärten Absicht, einen Diskurs aufzunehmen, folgen, sehr oft nicht mit denen einer idealen Sprechsituarion identisch. In der Retrospektive können wir haufig genug feststellen, wann wir ideale Sprechsituationen verfehlt haben. Allerdings fehlt ein externes Kriterium der Beurteilung, so daß wir in gegebenen Situationen niemals sicher sein können, ob wir einen Diskurs führen oder ob wir nicht vielmehr unter Handlungszwängen agieren und Scheindiskurse vorführen. Aus diesem Umstand ergibt sich eine interessante Antwort auf unsere Ausgangsfrage.