WTH/Die ideale Sprechsituation/14
Das analytische Gespräch leistet weniger und mehr als der übliche Diskurs. Weniger leistet die, wie wir jetzt sagen wollen, therapeutische Kritik insofern, als der Patient gegenüber dem Arzt keineswegs von Anbeginn eine symmetrische Stellung einnimmt: der Patient erfüllt gerade nicht die Bedingungen eines Diskursteilnehmers. Ein gelingender therapeutischer "Diskurs" hat erst zum Ergebnis, was für den gewöhnlichen Diskurs von Anbeginn gefordert werden muß. Die effektive Gleichheit der Chancen bei der Wahrnehmung von Dialogrollen, überhaupt der Wahl und Ausübung von Sprechakten, muß zwischen den ungleich ausgestatteten Gesprächspartnern erst hergestellt werden. Andererseits leistet der therapeutische auch mehr als der gewöhnliche Diskurs. Weil er auf eine merkwürdige Weise mit dem System Handeln-Erfahrung verschränkt bleibt, also kein handlungsentlasteter und erfahrungsfreier Diskurs ist, der ausschließlich Geltungsfragen thematisiert und sich alle Inhalte oder Informationen von außen zuführen lasren rnuß, resultiert die gelingende Selbstreflexion in einer Einsicht, die nicht nur der Bedingung der diskursiven Einlösung eines Wahrheits- (bzw. eines Richtigkeits-)anspruches, sondern zusätzlich der Bedingung der (normalerweise gar nicht diskursiv zu erreichenden) Einlösung eines Wahrhaftigkeitsanspruches genügt. lndem der Patient die vorgeschlagenen und "durchgearbeiteten" Interpretationen des Arztes annimmt und als zutreffend bestätigt, durchschaut er zugleich eine Selbsttäuschung. Die wahre Interpretation ermöglicht gleichzeitig die Wahrhaftigkeit des Subjektes in den Äußerungen, mit denen es bis dahin (möglicherweise andere, mindestens aber) sich selbst getäuscht hatte. Wahrhaftigkeitsanrprüche lassen sich in der Regel nur in Handlungszusammenhängen überprüfen. Jene ausgezeichnete Kommunikation, in der Verzerrungen der Kommunikationsstruktur selbst überwunden werden können, ist die einzige, in der zusammen mit einem Wahrheitsanspruch zugleich ein Wahrhaftigkeitsanspruch "diskursiv" geprüft (und als unberechtigt abgewiesen) werden kann.[1]
- ↑ Vgl. Erkenntnis und Interesse. Kap. 10 und 11 und die Einleitung zur Neuausgabe von "Theorie und Praxis" Frankfurt a.M. 1971.