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Diskursethik Zielsetzung

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←Diskursethik

▶Apel und Habermas ging es darum, zwischen Szientismus und Relativismus einen Weg zu finden, wie Normen universell begründbar sind, ohne sich dem skeptischen Argument Humes auszusetzen, dass ein Sollen aus einem Sein nicht ableitbar ist (Humes Gesetz). Habermas kritisiert explizit die Feststellung Alasdair MacIntyres, dass der Versuch einer Ethikbegründung aus der Vernunft gescheitert sei.[1] (1) Die Diskursethik schließt damit an den Anspruch einer deontologischen Ethik Kants an.[2] Sie geht von einem guten Willen aus, d. h. der Bereitschaft in einen rationalen Diskurs einzutreten. (2) Sie ist in gleicher Weise kognitivistisch, versucht also die Forderung nach einer Moral positiv zu begründen. Moralische Aussagen können wahr sein. (3) Sie ist universalistisch, beansprucht also ihre Gültigkeit gegenüber jedem und für jede Handlungssituation. Damit entspricht sie dem postkonventionellen Stadium der entwicklungspsychologischen Gerechtigkeitstheorie von Lawrence Kohlberg, auf den sowohl Apel[3] als auch Habermas[4] Bezug nehmen. (4) Sie ist wie der Kategorische Imperativ eine formalistische Verfahrensethik, gibt also ein grundsätzliches Prinzip an, auf welche Weise Handlungsnormen zu ermitteln sind. Die inhaltlichen ethischen Forderungen sind erst in den jeweiligen Diskursen zu bestimmen.

Der wesentliche Unterschied zu Kant besteht darin, dass die Bestimmung der ethischen Normen oder Maximen nicht individuell subjektiv erfolgen soll, sondern in einem intersubjektiven Dialog, der bestimmten Regeln unterliegt. Apel und Habermas sehen bei Kant einen solipsistischen Monolog, den es zu überwinden gilt.[5] Im Gegensatz zu Kant gehen Apel/Habermas zudem von einer empirisch gegebenen Lebenswelt aus, deren Konflikte in einem praktischen Diskurs gelöst werden sollen. Apel kennzeichnet die Diskursethik als eine „Ethik der solidarischen Verantwortung derer, die argumentieren können, für alle diskursfähigen Probleme der Lebenswelt.“[6] Habermas beschreibt diese Sicht wie folgt:

„Die Abstraktionsleistungen, die eine formalistische Ethik erfordert, beziehen sich also nicht auf historische Randbedingungen und konkrete Inhalte der regelungsbedürftigen Konflikte, sondern auf etwas ganz anderes. Der hypothetische Blick des moralisch urteilenden Subjekts bringt einzelne problematisch gewordene Handlungen und Normen, gegebenenfalls auch eine Gesamtheit legitim geregelter interpersonaler Beziehungen, unter den Gesichtspunkt deontischer Geltung. Er schneidet diese nicht von dem Kontext der jeweiligen Lebenswelt, sondern von der selbstverständlichen Geltung, d. h. von den Evidenzen des lebensweltlichen Hintergrundes ab. Dadurch verwandeln sich die zum Problem gewordenen Normen in Sachverhalte, die gültig, aber auch ungültig sein können.“[7]▶
  1. ↑ Jürgen Habermas: Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln. Suhrkamp, Frankfurt 1983, 55
  2. ↑ Marcel Niquet: Moralität und Befolgungsgültigkeit. Prolegomena zu einer realistischen Diskurstheorie der Moral, Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, 9; explizit auch: Jürgen Habermas; Moralität und Sittlichkeit. Treffen Hegels Einwände gegen Kant auch auf die Diskursethik zu?, in: Wolfgang Kuhlmann (Hrsg.): Moralität und Sittlichkeit. Das Problem Hegels und die Diskursethik, Suhrkamp, Frankfurt 1986, 16–37; ebenso Karl-Otto Apel unter direkter Bezugnahme auf diesen Aufsatz: Grenzen der Diskursethik? Versuch einer Zwischenbilanz, in: Zeitschrift für philosophische Forschung, Bd. 40, H. 1 (Jan. - Mar., 1986), 3–31
  3. ↑ Karl-Otto Apel: Die transzendentalpragmatische Begründung der Kommunikationsethik und das Problem der höchsten Stufe einer Entwicklungslogik des moralischen Bewusstseins, in: ders. Diskurs und Verantwortung. Das Problem des Übergangs zur postkonventionellen Moral. Suhrkamp, Frankfurt 1988, 306–369
  4. ↑ Jürgen Habermas: Moralbewußtsein und Kommunikatives Handeln, in: Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln, Suhrkamp, Frankfurt 1983, 127ff (online (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2018. Suche in Webarchiven)
  5. ↑ Kritisch kommentiert dies u. a.: Detlef Horster: Der Kantische „methodische Solipsismus“ und die Theorien von Apel und Habermas, in: Kant-Studien, 73. Jahrgang• Heft 4 . 1982, 463–470
  6. ↑ Karl-Otto Apel: Diskurs und Verantwortung. Das Problem des Übergangs zur postkonventionellen Moral. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988, 116
  7. ↑ Jürgen Habermas: Was macht eine Lebensform 'rational'? In: Erläuterungen zur Diskursethik. Suhrkamp, Frankfurt 1991, 35