Begriff der Universalien
Schon die Bestimmung des Begriffs der Universalien ist problematisch. Universalien können Sammelbegriffe sein, mit denen Arten oder Gattungen bezeichnet werden, sie können für Eigenschaften wie z. B. Rundheit stehen oder sie können eine Beziehung (Verwandtschaft, Kausalbeziehungen, räumliche oder zeitliche Beziehungen) ausdrücken. Allgemeinbegriffe wie Röte oder Lebewesen beziehen sich auf mehrere Gegenstände. Sie sind im Gegensatz zu Einzeldingen (Partikularien) wiederholbar und mehrfach realisierbar. Handelt es sich um Eigenschaften, können sie manchen Gegenständen dauerhaft oder nur zeitlich begrenzt zukommen oder bei anderen Gegenständen ganz fehlen (Akzidenzien). Sie werden mehreren Gegenständen zu Recht oder zu Unrecht zugeschrieben. Sollen mathematische Größen wie zum Beispiel die Zahl Pi mit erfasst werden, ist es besser, von abstrakten Gegenständen zu sprechen. Andere Bezeichnungen für Universalien sind Formen, Ideen (z. B. bei Platon) oder Begriffe (vor allem seit Gottlob Frege in der analytischen Philosophie).
Kriterien für Universalien:
- Zeitunabhängigkeit
- reine Begrifflichkeit
- fehlende Wahrnehmbarkeit
- fehlende kausale Wirkung
Keines der Kriterien reicht alleine, um Universalien zu bestimmen. Ob auf einzelne Kriterien verzichtet werden kann, ist nicht eindeutig geklärt. Dabei gibt es Begriffe, die mehrere Elemente einer Klasse bezeichnen (Mensch), und solche, die der Bezeichnung einer Klasse selbst dienen (Menschheit). Die Begriffe „Mensch“ wie „Menschheit“, aber auch „Gerechtigkeit“ oder „die Menge der geraden Zahlen“ sind ohne konkrete Bezugnahme (dieser Mensch; die Menschheit zu jenem Zeitpunkt) zeitunabhängig, rein begrifflich, nicht wahrnehmbar und auch nicht kausal.
Das unterschiedliche Verständnis des Universalienbegriffs kommt bereits in den Begriffsbestimmungen der verschiedenen Anschauungen zum Ausdruck, die nachfolgend dargestellt werden:
Thomas von Aquin (Realismus)
„Wenn ein Ding von dem her benannt wird, was ihm und vielen gemeinsam ist, dann sagt man, dass ein solcher Name ein Universale bezeichnet, denn der Name bezeichnet so eine vielen Dingen gemeinsame Natur oder Disposition.“[1]
Johannes Duns Scotus (Konzeptualismus) „Universalien steht für dreierlei:
a) für eine Zweitintention, die eine gedankliche Beziehung des Prädizierbaren zu dem ist, wovon es prädizierbar ist. Es ist diese Beziehung, die das Wort Universale konkret und Universalität abstrakt bezeichnet. Ferner steht Universale für das, was von jener Zweitintention her benannt wird, also für irgendeine Erstintention, da Zweitintentionen auf Erstintentionen angewandt werden. So nun kann es für etwas Doppeltes stehen:
b) für den indirekten und
c) für den direkten Anwendungsfall dieser Zweitintention. Auf die erste Weise wird die Natur an und für sich Universale genannt, da sie nicht von sich her individuiert ist und es ihr dabei nicht widerstreitet, von vielen ausgesagt zu werden. Auf die zweite Weise ist Universale nur das, was auch aktuell und unbestimmt ist, so dass ein einzelner Begriff von jedem Einzelding aussagbar ist, und das ist das Universale im eigentlichen Sinn des Wortes.“[2]
Wilhelm von Ockham (Nominalismus)
„Jedes Universale ist ein Einzelding und daher nur von bezeichnungswegen ein Universale.“[3]
Pierre d’Ailly (Nominalismus)
„Da es ein Universale nicht dem Sein nach, sondern der Repräsentation nach gibt, ist recht verstanden ein Allgemeinbegriff, was von der Seele gebildet und mehreren Dingen in dem Sinn gemeinsam ist, dass es sie gemeinsam vorstellig macht.“[4]
Die Frage der Universalien kann theoretisch unter verschiedenen Aspekten betrachtet werden:[5]
- logisch: Sind im wissenschaftlichen Diskurs alle Dinge durch Individuenvariablen auszudrücken oder gibt es Größen, die nicht in Einzeldinge zu gliedern sind und doch Allgemeines ausdrücken?
- semantisch: Benennen Allgemeinbegriffe als Zeichen etwas, was es in den Einzeldingen nicht gibt?
- ontologisch: Gibt es in der Wirklichkeit nur Einzelseiendes oder hat auch Allgemeines eine eigene Existenz?
- erkenntnistheoretisch: Beruhen Erkenntnis und Wissen, die auf Allgemeinheit und Notwendigkeit ausgerichtet sind, auf einem Erfassen von Realitätsstrukturen oder auf der Zusammenführung von Einzeldingen nach den Regeln der Logik und Grammatik?
- ↑ Thomas von Aquin, In Perihermeneias, zitiert nach HWPh, Bd. 11, 180
- ↑ Duns Scotus, Questiones subtilissimae de metaphysicam Aristotelis, zitiert nach HWPh, Bd. 11, 181
- ↑ Wilhelm von Ockham, Summa logicae, zitiert nach HWPh, Bd. 11, 182
- ↑ Pierre d’Ailly, Tractatus de anima, zitiert nach HWPh, Bd. 11, 183
- ↑ Jan Peter Beckmann verwendet diese Struktur zur Kennzeichnung des Nominalismus in: Ders.: Wilhelm von Ockham, Beck, München 1995, S. 121–122.