Topik
Topik Vorlage:dt.-lat.-grie.
V. lat. topica 'topisch*, aus agr. τοπικός topikós, 'topisch, örtlich' „sich auf einen Ort beziehend, lokal, sich auf einen gemeinsamen Ort beziehend, oder Thema, aktuell“), aus τόπος tópos, „ein Ort“, vorgriechischen Ursprungs.
- (die) Topik (von griech. topos, „Ort“, also „Orts-Lehre“ bzw. „Lehre von der Verortung“) steht für:
- Topik (Aristoteles), ein Werk des Philosophen Aristoteles
- Die Topik ([] (Ausspracheunterschied zum linguistischen Begriff T[ɔpik]), von altgriechisch τά τοπικά ta topiká, abgeleitet von altgriechisch τόπος tópos „Ort, Platz, Stelle“) ist ein auf Aristoteles zurückgehender Fachbegriff der Rhetorik und bezeichnet eine Systematik zur Kategorisierung und zum Auffinden von Argumentationsmustern (sog. Topoi) zum Zwecke der Überzeugung.
- Topik (Psychologie), ein räumliches Seelenmodell
- Topik (Rhetorik), die Lehre von der Auffindung des Stoffes zum Zweck der rhetorischen Behandlung
- Topik (Aristoteles), ein Werk des Philosophen Aristoteles
- (das) Topik steht für:
- Topik (Linguistik), sprachliche Einheit, über die etwas ausgesagt wird
Topik[1], griech.-deutsch (wörtlich: Örterlehre oder Beweislehre), die Anweisung alles aufzufinden, was sich über eine Sache sagen läßt, somit die Kunst, einen Leitfaden oder ein Schema der allgemeinen Gesichtspunkte, Sätze u. Beweisgründe, nach welchen die wissenschaftliche Erörterung eines Gegenstandes stattfinden kann und welche man sich gleichsam an verschiedene Orte vertheilt denkt, aufzustellen. Die T. des Aristoteles in 8 Büchern gehört zu seinen logischen Schriften und enthält die Lehre von den dialektischen d.h. auf das Bestreitbare und Wahrscheinliche gerichteten Schlüssen oder Beweisen; nach seinen Grundsätzen bearbeitete Cicero in seiner Topica ad C. Trebatium die Lehre von den Beweisen u. gerichtlichen Gründen, das Mittelalter hatte als T. seine aristotelisch-scholastische Kategorientafel. Der Sache nach findet man T.en in allen Lehrbüchern der Rhetorik, ohne Anwendung der T. wäre keine Chrie (s. d.), überhaupt kein geordneter Vortrag und keine systematische Behandlung irgend einer Wissenschaft möglich. Die T. soll dem Philosophen und Redner sein Geschäft erleichtern und thut dies auch, pedantisches Festhalten an einem einmal angenommenen Schema aber schadet der geistigen Entwicklung. Kant ließ den Logikern u. Rhetorikern ihre T., redete aber noch von einer transscendentalen T., welche sich mit der Erforschung des Ursprungs unserer Vorstellungen zu befassen habe. – Im engern Sinne versteht man unter T. die Topologie oder topische Theologie, nämlich die systematische Aufstellung der Hauptgrundsätze, nach welchen diejenigen biblischen Beweisstellen ausgewählt und behandelt werden sollen, aus denen sich der christliche Lehrbegriff ermitteln läßt. – Topische Methode, das Verfahren des Predigers, den Bibeltext kurz zu erklären u. aus demselben eine allgemeine Wahrheit auszuwählen oder abzuleiten, die alsdann das Thema der Predigt abgibt.
Der Topik-Begriff in der klassischen Rhetorik
Topik bedeutete in der griechischen Antike die Lehre von der Auffindung des Stoffes zum Zweck der rhetorischen Behandlung eines beliebigen Gegenstandes, insbesondere aber die systematische Zusammenstellung allgemeiner Begriffe und Sätze (Topen, lat. loci communes), die beim Ausarbeiten von Reden als Richtschnur oder Leitfaden für die Auffindung und Wahl zweckmäßiger Beweisgründe dienen sollten. Insbesondere ist die Topik eine Systematik, mit der „kunstgemäße Beweise“ (lateinisch: probationes artificiales) entwickelt werden können.[3] Die Topik ist damit die erste systematische Erfassung jener Vorgänge, die der Bildung von allgemein anerkannten Überzeugungen zugrunde liegen. Ferner behandelt sie auch die Nutzung oder Methoden der Veränderung von Überzeugungen zum Zwecke der Überredung (lateinisch: persuasio).[4]
Topik und Überzeugung
Das topische System ist, ideengeschichtlich betrachtet, als Vorläufer moderner Verfahren zur Analyse, Nutzung und Änderung der Einstellungen von Individuen und Gruppen zu sehen.[5] Besondere Schnittmengen hat das System der klassischen rhetorischen Topik mit der modernen kognitiven Verhaltenstherapie, insbesondere mit der besonders verbreiteten Technik „Kognitive Umstrukturierung“. Die Nähe zum topischen System der antiken Rhetorik ist in der psychologischen Forschung gleichwohl wenig bekannt, obwohl der im Verständnis der Topik begründete sokratische Dialog als zentrale Methode für das Infragestellen von dysfunktionalen Kognitionen im Rahmen der heutigen Verhaltenstherapien anerkannt ist.[6]
Entwicklungsgeschichte
Die Topik wurde von den späteren griechischen Rhetorikern und Grammatikern sowie mit Vorliebe von den Römern behandelt, beispielsweise von Cicero in seinen Schriften „De inventione“ und „Topica“. Im Mittelalter verlor die Topik sich in leere Spielereien.
In neuerer Zeit hat man eine besondere Behandlung der Topik als unersprießlich ganz aufgegeben. Diese Entscheidung war jedoch keineswegs unumstritten. Giambattista Vico kritisierte die Vernachlässigung der Topik, da ohne sie keine reichhaltige Rede möglich sei.
„Die Kritik ist die Kunst der Wahren, die Topik aber die der reichhaltigen Rede. Die in der Topik oder in der Lehre das Medium aufzufinden, Geübten – Medium nennen die Scholastiker, was die Lateiner mit Argumentum bezeichnen – besitzen, da sie gewohnt sind, beim Reden alle Punkte, wo die Argumente bereit liegen, wie die Buchstaben des Alphabets zu durchlaufen, damit schon die Fähigkeit, ohne weiteres zu sehen, was jeweils in der vorliegenden Sache überzeugend gemacht werden kann. Die diese Fähigkeit nicht erreicht haben, verdienen kaum den Namen eines Redners […]“
In der Grammatik ist Topik die Lehre von den Stellen, welche den einzelnen Wörtern im Satz und den Sätzen in der Periode zukommen. Diese Definition gehört jedoch, wie einige andere Nutzungen des Wortes „Topik“ nicht in das Bedeutungsfeld, das dieses Wort im System der klassischen Rhetorik hat.
Literatur
Originaltexte:
- Aristoteles: Topik
- Marcus Tullius Cicero: Topik. Lateinisch-Deutsch. Übersetzt und mit einer Einleitung herausgegeben von Hans Günter Zekl (= Philosophische Bibliothek. Band 356). Felix Meiner, Hamburg 1983, ISBN 3-7873-0591-2 (Latein: Topica.).
Lexika:
- Tim Wagner: Topik. In: Gert Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 9. Max Niemeyer, Tübingen 2009, ISBN 978-3-484-68109-5, Sp. 605–626.
Sammelwerke:
- Thomas Schirren, Gert Ueding (Hrsg.): Topik und Rhetorik. Ein interdisziplinäres Symposium (= Rhetorik-Forschungen. Band 13). Max Niemeyer, Tübingen 2000, ISBN 3-484-68013-X.
Einzelnachweise
- Gert Ueding: Klassische Rhetorik (= Beck’sche Reihe. C. H. Beck Wissen. 2000). 3. Auflage. Beck, München 2000, ISBN 3-406-46265-0.
- Wagner: Topik. 2009, Sp. 605.
- Gert Ueding, Bernd Steinbrink: Grundriß der Rhetorik. Geschichte. Technik. Methode. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Metzler, Stuttgart u. a. 1994, ISBN 3-476-01236-0, S. 230 ff.
- Gert Ueding, Bernd Steinbrink: Grundriß der Rhetorik. Geschichte. Technik. Methode. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Metzler, Stuttgart u. a. 1994, ISBN 3-476-01236-0, S. 234 ff.
- Gert Ueding: Klassische Rhetorik (= Beck’sche Reihe. C. H. Beck Wissen. 2000). 3. Auflage. Beck, München 2000, ISBN 3-406-46265-0, S. 33 ff. und 79 ff.
- Beate Wilken: Methoden der Kognitiven Umstrukturierung. Ein Leitfaden für die psychotherapeutische Praxis (= Urban-Taschenbücher. 466). 3., aktualisierte Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2006, ISBN 3-17-017965-9.
- Gian Battista Vico: De nostri temporis studiorum ratione. = Vom Wesen und Weg der geistigen Bildung. Lateinisch-deutsche Ausgabe. Sonderausgabe. 2., unveränderter reprografischer Nachdruck der Ausgabe Godesberg 1947. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1974, ISBN 3-534-02028-6, S. 31.
- ↑ Quelle: Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1857, Band 5, S. 497. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20003545032; Lizenz: Gemeinfrei; Faksimiles: 497