Gemeinsinn
Gemeinsinn [1] (koinê aisthêsis, sensus communis, common sense) bedeutet bald die Wahrnehmung des den verschiedenen Sinnen Gemeinsamen, bald den »inneren Sinn« (s. d.), bald den gesunden Menschenverstand, bald den socialen Sinn.
Nach ARISTOTELES werden Bewegung, Ruhe, Gestalt, Größe, Zahl, Einheit von den Sinnen gemeinsam empfunden (De an. III 1, 425 a 15). Tôn de koinôn êdê echomen aisthêsin koinên, ou kata symbebêkos. ouk ar' estin idia... ta d' allêlôn idia kata symbebêkos aisthanontai ai aisthêseis, ouch hê autai, all' hê mia, hotan hama genêtai hê aisthêsis epi tou autou (l.c. 425a 27 squ.). Zugleich nehmen wir auch wahr, daß wir wahrnehmen (aisthanometha hoti horômen kai akouomen l.c. III 2, 425b 12; De memor. 1; De somn. 2). Ein Bewußtsein unserer selbst schreiben dem Gemeinsinn auch die Stoiker zu hoi Stôikoi tênde tên koinên aisthêsin entos haphên prosagoreuousi, kath' hên kai hêmôn autôn antilambanometha, Stob. Ecl. I, 50; Floril. IV, 237). – AVICENNA rechnet den Gemeinsinn zu den inneren Sinnen (s. d.) als die Fähigkeit, »quae omnia sensu percepta recipit« (bei STÖCKL, II, 37). Ähnlich SUAREZ (De an. III, 30) u. a. DESCARTES erklärt: »Sensus communis, id est potentia imaginatrice cognoscere« (Med. II). Die schottische Schule bezeichnet als »common sense« den gesunden Menschenverstand, die Quelle apriorischer Wahrheit, des Sittlichen, der Religion (BEATTIE u. a.). Der Gemeinsinn ist die Grundlage der Philosophie (REID, Inquir. I, 4). KANT nennt Gemeinsinn das allgemein-subjective Princip der Geschmacksurteile (Krit. d. Urt. § 20 ff.), bezw. deren subjectiven Notwendigkeit (l.c. § 22). Der Gemeinsinn sagt, daß jedermann mit unserm ästhetischen Urteil zusammenstimmen solle (ib.). Nach ESCMENMAYER sind alle specifischen Sinnesarten »gleichsam nur verschiedene Refractionen eines Gemeinsinns«. Der Gemeinsinn ist »das Identische« aller Differenzen der Einzelsinne: »Empfinden heißt, die einzelne Fraction eines Sinnes in die Identität des Gemeinsinns aufnehmen« (Psychol. S. 38). Vgl. innerer Sinn, Gemein empfindungen.
Gemeinsinn (Gemeinwohl)
Gemeinsinn, als ethische Haltung verstanden, ist die Bereitschaft, sich für das Gemeinwohl einzusetzen. So wurde er bereits im Rotteck-Welckerschen Staatslexikon als „Richtung des Gemüths auf die Verfolgung allgemeiner oder gemeinsamer […] Interessen“ beschrieben.[1] Verwandte Begriffe in diesem Sinne sind Gemeingeist[2], die „eigentliche ‚Bürgertugend‘“,[2] Bürgersinn, soziales und bürgerschaftliches Engagement. Gemeinsinn gilt mitunter als Gegenbegriff zu Eigensinn.[2]
Thomas Wanninger diskutierte 1998 in Bildung und Gemeinsinn die Bildbarkeit des Gemeinsinns und in einem historischen Überblick Bedeutungsformen und Urteilsfelder des sensus communis. Er entwickelte eine Pädagogik des Gemeinsinns, weil nicht davon auszugehen sei, dass der Gemeinsinn ein Instinkt sei. Dabei erkennt Wanninger die Möglichkeit zum Handeln nach den Grundsätzen des Gemeinsinns jedem zu, der sich darum bemüht, Störendes (Egoismus, Hang zum Vorurteil etc.) wegzulassen. Die Frage des Pädagogen lautet für Wanninger nicht, was zu tun sei, sondern was bewusst zu lassen sei. Im Grunde handelt es sich hier um eine negative Erziehung.[3]
Ernst-Wolfgang Böckenförde bemerkt zum Gemeinsinn: „Vom Staat her gedacht, braucht die freiheitliche Grundordnung ein verbindendes Ethos, eine Art „Gemeinsinn“ bei denen, die in diesem Staat leben. Die Frage ist dann: Woraus speist sich dieses Ethos, das vom Staat weder erzwungen noch hoheitlich durchgesetzt werden kann? Man kann sagen: zunächst von der gelebten Kultur“.[4]
Literatur
- Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen 1960.
- Thomas Wanninger: Bildung und Gemeinsinn. Ein Beitrag zur Pädagogik der Urteilskraft aus der Philosophie des „sensus communis“. Bayreuth, Univ. Diss., 1999
- Wolfgang Fänderl (Hrsg.): Beteiligung über das Reden hinaus. Gemeinsinn-Werkstatt: Materialien zur Entwicklung von Netzwerken. (2. Aufl.) Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung, 2006.
Einzelnachweise
- Karl von Rotteck, Carl Theodor Welcker (Hrsg.): Das Staats-Lexikon. Encyklopädie der sämmtlichen Staatswissenschaften für alle Stände. Band 6. 3. Auflage, Brockhaus, Leipzig 1862, S. 284 (Digitalisat).
- Meyers Großes Konversations-Lexikon. Band 7. 6. Auflage, Bibliographisches Institut, Leipzig 1907, S. 537, in: http://www.zeno.org/nid/20006667104
- Thomas Wanninger: Bildung und Gemeinsinn. Ein Beitrag zur Pädagogik der Urteilskraft aus der Philosophie des „sensus communis“. Dissertation, Kulturwissenschaft, Universität Bayreuth, 1998 (Diplomica Verlag GmbH, Hamburg, ISBN 3-8386-1888-2)
- Ernst-Wolfgang Böckenförde: Freiheit ist ansteckend. Frankfurter Rundschau von 2. November 2010, S. 32. Zitiert nach: Julian Rössler: Politische Freiheit im Völkerrecht. Mohr Siebeck, 2016, ISBN 978-3-16-154634-1. S. 161.
- ↑ Quelle: Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1. Berlin 1904, S. 370-371. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20001789295; Lizenz: Gemeinfrei; Faksimiles: 370 | 371