Kontemplation
contemplātio-n, konteml--ation, lat.-deu. f. Anschauung; anteilnahmloses Schauen;
- ‘Betrachtung, Beschaulichkeit (ohne praktisches Handeln)’,
- spätmhd. contemplācie, contemplacion,
- entlehnt aus lat. contemplātio (Genitiv contemplātiōnis) ‘Anschauung, Betrachtung’,
- contemplor + -tiō "Betrachter, (An)Schauer, Seher"
- Abstraktum zu lat. contemplārī ‘beschauen, betrachten’,
- Verbum und Abstraktum müssen also einmal Fachwörter der Auguralsprache gewesen sein.
- Auf geistiges Schauen bezogen, wird das Substantiv zu einem Begriff in Religion und Mystik
- und bezeichnet die ‘Versenkung in die Werke Gottes und in die Gottheit selbst’.
- – kontemplativ Adj. ‘betrachtend, beschaulich, untätig’ (18. Jh.), lat. contemplātīvus.
¦√¦ *temp- “ausdehnen, strengen”;

Kontemplation (von lateinisch contemplatio „Richten des Blickes nach etwas“, „Anschauung“, „[geistige] Betrachtung“[1]) ist in philosophischen und religiösen Texten die Bezeichnung für ein konzentriertes Betrachten. Dies entspricht ungefähr dem Begriff ϑεωρία (theōría) in der griechischen Philosophie. In erster Linie geht es dabei um Betrachtung eines geistigen, ungegenständlichen Objekts, in das man sich vertieft, um darüber Erkenntnis zu gewinnen. Im religiösen Kontext ist das Objekt oft eine Gottheit oder deren Wirken. Kontemplation präsentiert sich als intuitive Alternative oder weiterführende Ergänzung zum diskursiven Bemühen um Erkenntnis.
Wenn im menschlichen Leben die Betrachtung eine dominierende Rolle spielt, spricht man von einer theoretischen oder kontemplativen Lebensform oder -phase (lateinisch vita contemplativa) im Gegensatz zur „praktischen“ Lebensweise, dem auf äußere Aktivität ausgerichteten „tätigen“ Leben (vita activa). Das Spannungsverhältnis und die Rangordnung zwischen Betrachtung und Aktivität zählt seit der Antike zu den am intensivsten diskutierten Themen der philosophischen und religiösen Ethik. In der Antike und im Mittelalter herrschte in tonangebenden intellektuellen Kreisen die Auffassung vor, dass die Beschaulichkeit die beste Daseinsform sei, da sie die wertvollsten Früchte erbringe. Dies änderte sich jedoch in der Neuzeit, vor allem in der Moderne; die herkömmliche Überzeugung, dass kontemplative Reflexion einen privilegierten Zugang zu besonders wichtigen Einsichten biete, stieß auf zunehmende Skepsis.
Kontemplationskonzepte wurden zuerst in antiken Philosophenschulen ausgearbeitet. Im Christentum wird die Kontemplation seit der Zeit der Kirchenväter als Ausrichtung auf Gott geschätzt, gepflegt und in spiritueller Literatur eingehend erörtert. Für große Teile der christlichen Welt bildet die kontemplative Betrachtung der Werke Gottes und eine auf Gott selbst gerichtete Kontemplation traditionell einen Kernbestandteil des religiösen Lebens der Frommen. Dies gilt vor allem für das katholische und das orthodoxe Eremiten- und Mönchtum, aber auch für eine weit verbreitete Laienfrömmigkeit. Oft wird von der Kontemplation eine Erfahrung von Gottes Gegenwart oder sogar eine Gottesschau erhofft. Die geistlichen Autoren pflegen aber seit jeher zu betonen, dass solche Schau ein göttlicher Gnadenakt sei und vom Menschen nicht aus eigener Kraft herbeigeführt werden könne.
Auch im Islam, Hinduismus und Buddhismus sind kontemplative Praktiken verbreitet.
Etymologie und Begriffsgeschichte
Das lateinische feminine Substantiv contemplātio ist vom Verb contemplārī abgeleitet, das „beschauen“, „(in der Nähe) betrachten“, „sein Augenmerk auf etwas richten“ bedeutet. Es handelt sich um eine Wortbildung aus dem Präfix con- („zusammen“, „mit“, „von allen Seiten“) und dem Substantiv templum, einem Fachausdruck aus dem Auguralwesen. Die römischen Auguren, mit der Wahrsagung beauftragte Beamte, sollten den Willen der Götter ermitteln, indem sie in einem bestimmten Bereich des Himmels den Vogelflug beobachteten und deuteten. Als templum bezeichnete man in der Fachsprache der Vogelschau die Beobachtungshütte, in der sich der Augur bei seiner Tätigkeit aufhielt, und – sekundär – auch das Beobachtungsfeld am Himmel, das er von dort aus in den Blick nahm. Der Ausdruck templum, der ursprünglich für jedes Bauwerk verwendet wurde, erhielt im Lauf der Zeit unter dem Einfluss seines Gebrauchs im Auguralwesen eine spezielle sakrale Bedeutung („Heiligtum“, „geweihter Bezirk“). Er wurde dann in erster Linie für Kultbauten verwendet, die einer bestimmten Gottheit geweiht waren. Davon ist das deutsche Wort Tempel abgeleitet. Contemplārī, ursprünglich das Beobachten als Aufgabe der Auguren, konnte später jede Art des aufmerksamen Betrachtens sowohl im sinnlichen als auch im geistigen Bereich bezeichnen. Cicero, der als Vermittler griechischen Gedankenguts die lateinische philosophische Terminologie maßgeblich prägte, gab den griechischen Ausdruck ϑεωρία (theōría, „geistige Schau“) mit contemplātio wieder.[2]
Schon im Mittelalter wurde das Wort in den Formen contemplâcie, contemplatiône und contemplacion als Entlehnung aus dem Lateinischen in die spätmittelhochdeutsche Sprache übernommen. Es bezeichnet im Deutschen wie im Lateinischen die beschauliche, nicht mit praktischem Handeln verbundene Betrachtung religiöser Inhalte, insbesondere die Versenkung in die Werke Gottes und in die Gottheit selbst.[3]
Seit dem 18. Jahrhundert ist das Adjektiv kontemplativ („betrachtend“, „beschaulich“, „untätig“), abgeleitet von lateinisch contemplātīvus, im Deutschen geläufig. Man verwendet es auch außerhalb religiöser Zusammenhänge für das Sichvertiefen in die Betrachtung der Natur oder eines Kunstwerks oder für eine besinnliche Haltung und beschauliche Lebensweise. Bildungssprachlich kommt auch das Verb „kontemplieren“ (sich der Kontemplation hingeben) vor.[4]