Idiota - illiteratus
Der lateinische Begriff idiota, Lehnwort aus dem griechischen, bezeichnete eigentlich den Privatmann im Unterschied zu einem Amtsträger, der in der Öffentlichkeit tätig war. Spätestens seit Augustinus kam dem idiota dieselbe Bedeutung wie dem Begriff illiteratus zu, der nach Georges mit „ungelehrt, unwissend, nicht wissenschaftlich gebildet“ übersetzt wird. Obwohl dieser Begriff über die Zeit vielen Wandlungen unterlag, kommt ihm selten eine tatsächlich negative Bedeutung zu, wie der daraus nach 1800 entstandene Begriff „Idiot“ als Bezeichnung für einen Blödsinnigen nahelegt. Schon in der Apostelgeschichte werden Petrus und Johannes homines […] sine litteris et idiotae (Apg. 4,13) genannt und in Antike und Mittelalter gelten litteratus und illiteratus nicht als zwei entgegengesetzte Begriffe – gebildet und ungebildet – vielmehr kann von einer Alternative gesprochen werden, ohne dass eine der beiden Formen als höherwertig oder geringschätzig betrachtet wurde. Ab dem 12. Jahrhundert, im Zuge der sich entwickelnden Laien-Literatur, kommt es sogar zu einer Aufwertung des idiota gegenüber dem Gelehrten.
Wandlungen der Begriffe litteratus – illiteratus in Antike und Mittelalter (vgl. dazu v.a. Grundmann: Litteratus – illiteratus.)
[✐ | ✎]Litteratus bedeutet – im antiken Latein wie später im Mittelalter – eigentlich lediglich buchstabenkundig, d.h. schreib- und lesefähig. Wenn auch, v.a. durch Cicero (106-43 v. Chr.), der Sprachgebrauch eine andere Färbung erhielt und bis um 400 ein litteratus schon etwas mehr können musste als lediglich lesen und schreiben: Ein litteratus war ein höhergebildeter, der etwa Literaturkenntnisse besaß. Literalite loqui heißt hier: „gebildet sprechen“ und der Begriff konnte auf verschiedene Stufen der Bildung verschieden angewendet werden. Um 400 wurde nach Scipius von einem ilitteratus erwartet, dass er sehr wohl lesen und schreiben konnte, wenn er auch nicht als Gelehrter erzogen worden war und eine weniger gute Bildung hatte.
Als nach dem 4. Jahrhundert das Schriftlatein mit der Muttersprache nicht mehr übereinstimmte, sondern mehr und mehr zur Gelehrtensprache wurde, galt als litteratus wieder mehr oder weniger jeder der lesen konnte. Die Unterscheidung aus der Antike galt also nicht mehr, selbst von Königen wurde nicht erwartet, dass sie litteratus waren und so blieb es in der Folgezeit bis ins 8. Jahrhundert. Der Begriff litteratus nahm allmählich die Bedeutung nicht nur von lese- und schreibfähig an, sondern wurde, da die lateinische Sprache mehr und mehr Schrift- und Gelehrtensprache wurde, gleichbedeutend mit lateinkundig: ein idiota war demnach ein Lateinunkundiger und somit ebenfalls ein Analphabet. Literaliter loqui heißt im Mittelalter nicht mehr, wie um 400: „gebildet sprechen“, sondern lediglich: „lateinisch sprechen“. Lateinkundig und somit litteratus waren bald fast ausschließlich Mönche und Kleriker. Adlige mit Lateinkenntnissen gab es selten und meist hatten sie in ihrer Kindheit eine Form von klerikaler Erziehung genossen. In Klöstern und Kathedralschulen pflegten die Mönche zurückgezogen die lateinische Sprache in Schrift und Wort – Laien blieben ausgeschlossen und auch Adlige wie Könige blieben somit illiteratus. Aber auch jene Mönche bspw., welche keine Schulbildung erhalten hatten, wurden bei den Kluniazensern im Gegensatz zu den im Kloster ausgebildeten Mönchen (literati), idiotae oder illiterati genannt.
Idiota war demnach die Bezeichnung für Menschen, welche lediglich ihre Muttersprache beherrschten, weshalb sie jedoch nicht unbedingt ungebildet im heutigen Sinne sein mussten: Ihre Bildung war lediglich eine andere, sie hatten eigene, schriftlose Formen der Bildung: In ihren Volkssprachen pflegten sie Überlieferungen und Gesänge, Dichtung und Sage sowie Recht. Theologisches Wissen eignete sich der idiota, da er die Heilige Schrift nicht lesen konnte, vor allem über Kirchenbilder an, auf welchen die biblischen Szenen abgebildet waren.
Immer aber wurde auch Unzufriedenheit über einen illiteraten Laienadel laut und im 12. Jahrhundert kam litteratus wieder eine höhere Bedeutung zu. Nicht bloß schreib- und lateinkundig sollte der litteratus sein, ihm sollte zudem eine besondere Bildung zukommen. Zugleich jedoch setzte eine genau gegenteilige Bewertung des litteratus bzw. idiota ein: Verweisend auf die Apostelgeschichte, in welcher Petrus und Johannes als idiotae bezeichnet werden, wurde die Frage laut, ob nicht gerade die illiteratus die besseren Menschen seien. Franz von Assisi (12/13. Jh.) sowie Anhänger verschiedener religiöser Bewegungen, die christliche Armut und apostolische Nachfolge in den Vordergrund rückten bezeichneten sich auch als idiotae et illitterati (auch rusticioder rusticani) (Franz v. Assisi, Testament, c.4). Denker der rheinischen Mystik, so etwa Meister Eckhart, richteten ihre Schriften und Predigten vor allem an die Ungelehrten um gerade auch ihnen die andere Seite der Bildung nahezubringen.
Mit Aufkommen der Laienliteratur ab dem 12. Jahrhundert, u.a. durch Hildegard von Bingen († 1172), konnte die Bezeichnung des idiota nicht mehr pauschal auf Lateinkundige bzw. unkundige aus verschiedenen Ständen bezogen werden: Volkssprache erfuhr Verschriftlichung und Laien lernten nun das Schreiben und Lesen ihrer eigenen Sprachen.
Mit diesem Wandel verloren ab dem 15. Jahrhundert die Bildungsbegriffe litteratus und illiteratus ihre doch bis hierher, je nach Zeitabschnitt, relativ eindeutige Konnotation. Im Zuge der Frömmigkeitsbewegung der devotio moderna bzw. der Brüder vom gemeinsamen Leben (nichtklerikal) im 15. Jahrhundert und ihrer Idealgestalt des pauper idiota sowie durch den aufkommenden Humanismus als Bildungsbewegung entgegen der Scholastik und dem Aristotelismus, erfährt die Figur des idiota tendenziell wieder Aufwertung und wird geradezu Programm. Das Bild „Aqua sapientiae potavis eos“ zum Inroitus am Osterdienstag macht es deutlich: Sowohl Adlige, Papst, Kardinäle und Könige als auch Laien trinken alle direkt aus der gleichen Quelle.
Nicht nur in den Werken des mystischen Schriftstellers Rulman Merswin übernimmt der Laie die Hauptrolle, auch bei Nikolaus von Kues nimmt der idiota eine besondere Stellung ein: Nikolaus übernimmt die mittelalterliche Bedeutung des idiota als einem Laien, der nicht lesen und schreiben kann und sich daher nicht auf Autoritäten beziehen kann. In seiner Idiota-Trilogie (Idiota de sapientia, Idiota de mente, Idiota de staticis experimentis) nimmt der Laie die Hauptfigur ein, die in seiner Angewiesenheit auf das eigene Denken und den eigenen Geist gelehrte Redner und Philosophen in Fragen um die Wahrheit belehrt. Anstelle sich auf angelesenes Bücherwissen, welches von Autoritäten fraglos übernommen wird, zu beziehen, beruft der Laie sich auf sein eigenes Selbstdenken und liest in Gottes Buch um die Weisheit zu finden, welche auf den „Straßen und Gassen“ ruft. Der Laie nimmt somit bei Nikolaus von Kues eine neue Gelehrtenrolle im Gegensatz zur Scholastik ein: Die Rolle des belehrten Nichtwissenden, der erkennt, wo wahre Weisheit zu finden ist – nicht in Büchern, sondern im eigenen unabhängigen Erfahren, Mutmaßen und Experimentieren.
Der idiota des ersten Buches der Laientrilogie bezeichnet den Gelehrten als Pferd, das frisst, was es vorgesetzt bekommt, aber keine natürliche Nahrung des Geistes aufnimmt. Bücherwissen halte den Geist vom Selbstdenken ab, es fessele den Geist des Gelehrten an das Wissen der Autoritäten. Allein durch eigenes Nachdenken werde der Mensch staunen können und so zur wahren Weisheit, welche für Cusanus letztlich Gott ist, geführt. Gott nämlich, so der Laie, sei überall: „Die Wahrheit ruft auf den Straßen und Gassen“ (n.3). Zwar macht der Laie dem oratordeutlich, dass alles Messen und Wiegen, welches sie auf dem Marktplatz, auf welchem Cusanus die Szene sich abspielen lässt, beobachten können, sich allein auf Erkenntnisse in der Welt beziehen und niemals zu eigentlicher Weisheit führen. Trotzdem aber, so erklärt er weiter, ist in allem, was es auf der Welt zu erforschen gibt, eine Spur der absoluten Weisheit Gottes. Der Mensch soll also, bewusst dieser Tatsache seines endlichen Erkenntnisvermögens, seinen Geist schulen und so über immer bessere und genauere Mutmaßungen erahnen, was vor all diesem Wissen steht – die höchste Weisheit.
Im zweiten Buch der Laientrilogie, Idiota de mente, ist der Laie ein Löffelschnitzer. In diesem Buch belehrt er einen Philosophen über den menschlichen Geist und seine Vermögen. Er legt dar, dass der Löffel etwas ist, was nicht schon in der Welt geschaffen vorzufinden ist, sondern dass dieser Löffel bzw. die Idee des Löffels allein aus dem menschlichen Geist entspringt. Der Laie vergleicht den menschlichen Geist mit dem göttlichen Geist und macht am Beispiel des Löffelschnitzens klar, dass er selbst als Laie dem göttlichen Geist und damit der absoluten Wahrheit und Weisheit sehr nahe ist, quasi höchstes Abbild Gottes ist, da er durch die Schulung seiner selbstständigen Kreativität Gottes unendliche Kreativität nachahmt.
Im dritten der Dialoge nimmt der Laie die Rolle eines Forschers ein. Zwar belehrt er in diesem Buch keinen Gelehrten, dennoch aber ist er der selbstdenkende und -forschende Naturwissenschaftler, der über Experimente versucht, der Wahrheit der Dinge auf den Grund zu kommen. Der Laie ist weniger am genauen Versuchsaufbau noch an den genauen Versuchsabläufen interessiert, vielmehr interessiert ihn der methodische Zusammenhang der Ergebnisse. Die Mutmaßungen, die der Laie dadurch anstellen kann und welche in keinem Buch nachzulesen sind, führen ihn zu der Erkenntnis der Endlichkeit seines Wissens von der Welt und somit zu Demut und Weisheit Gottes, aus der alles Wissen und alle Erkenntnis stammen.
In allen drei Büchern stellt der Laie des Cusanus die „Figur der Unmittelbarkeit“ dar: Zum einen steht der Laie, frei von Bücher- und Autoritätswissen, unmittelbar zur Welt, seine Erkenntnis von Welt ist eine direkte, in welche er selbst ganz eintaucht und sich eindenkt. Zum anderen steht der Laie in Unmittelbarkeit zu Gott, da er sich über das Nachdenken in der Welt und die immer neuen Mutmaßungen über sie immer weiter der absoluten Weisheit Gottes annähert. Auch in seinem Werk De visione Dei findet sich eine Stelle, in welcher Cusanus schreibt, dass der Weg zu Gott „selbst den gelehrtesten Philosophen“ (n.37) nicht einsichtig wird, da es bei der Gottesschau nicht um Wissen und Gelerntes geht, sondern vielmehr um die eigene Vernunft, über welche der Gottsuchende sich in die belehrte Unwissenheit erheben und Gott erahnen kann.
Blumenberg, Hans: Der illiterate Laie als Leser des Weltbuches. In: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt am Main 1991. 58-67.
Grundmann, Herbert: Litteratus – illiteratus. Der Wandel einer Bildungsnorm vom Altertum zum Mittelalter. In: Archiv für Kulturgeschichte 40 (1958). 1-65.
Grundmann, Herbert: Religiöse Bewegungen im Mittelalter. Untersuchungen über die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge zwischen der Ketzerei, den Bettelorden und der religiösen Frauenbewegung im 12. Und 13. Jahrhundert und über die geschichtlichen Grundlagen der deutschen Mystik. Darmstadt 1961.
De Boer, Jan-Hendryk: Plädoyer für den Idioten. Bild und Gegenbild des Gelehrten in den Idiota-Dialogen des Nikolaus von Kues. In: Concilium Medii Aevi 6 (2003). 195-237.
Steiger, Renate: Einleitung zu Schriften des Nikolaus von Kues in deutscher Übersetzung: Idiota de sapientia. Hg. v. Ernst Hoffmann [u.a.]. Hamburg 1988. S. X-XIII.
Stand: 25. September 2012
zuletzt bearbeitet: 25. September 2012