Reziprozität
| Deklination: | ||
| Kasus | Singular | Plural |
|---|---|---|
| Nominativ | die Reziprozität | — |
| Genitiv | der Reziprozität | — |
| Dativ | der Reziprozität | — |
| Akkusativ | die Reziprozität | — |
| Worttrennung: Re·zi·pro·zi·tät, kein Plural | ||
| Aussprache: [ʁet͡sipʁot͡siˈtɛːt] | ||
- fachsprachlich: Gegenseitigkeit, Wechselseitigkeit, Wechselbeziehung
- wirtschaftsethnologisch: gegenseitiger Austausch von Gütern oder Leistungen als Teil langfristiger Beziehungen
Aus reziprok und dem Suffix -ität.
- Gegenseitigkeit, Wechselseitigkeit, Wechselbeziehung
- Relation
- „Die Sanktion für Dienste an anderen ist in Japan selbstverständlich Reziprozität […].“
- „In nicht-kapitalistischen Gesellschaften überschneiden sich die Konzepte von Formalismus und Substantivismus nicht, da diese nicht auf den Markt, sondern auf Redistribution und Reziprozität ausgerichtet sind.“
- Präfix: re- (lateinisch) → „zurück“, „wieder“
- Stamm: pro- (lateinisch) → „vorwärts“, „für“
- Zwischenbestandteil: -cip- aus lat. „capere“ → „nehmen“, „ergreifen“
- Suffix: -tas (lat. → -tät dt.) → Abstraktsuffix zur Bildung von Substantiven
- re- ← lateinisch re- (zurück, wieder) ← proto-indoeuropäisch wret- „drehen“, „umkehren“
- pro- ← lateinisch pro- (vorwärts, für) ← proto-indoeuropäisch per- „vorwärts“, „durch“
- capere ← lateinisch capere (nehmen, erfassen) ← proto-indoeuropäisch kap- „erfassen“, „ergreifen“
- -tas ← lateinisch -tas (Bildung von Abstrakta) ← proto-indoeuropäisch -tāt- (Eigenschaft)
Das Wort gelangte über das lateinische reciprocitas (Wechselseitigkeit) ins Deutsche.
- Englisch: reciprocity (gleiche Bildung, gleiche Bedeutung)
- Französisch: réciprocité (gleiche Bildung, gleiche Bedeutung)
- Italienisch: reciprocità
- Lateinisch: reciprocus (hin und her gehend, wechselwirkend)
→ Die Grundidee „gegenseitig etwas geben und nehmen“ ist sprachübergreifend konstant.
- Im Lateinischen reciprocus = „hin und her fließend“, „wechselseitig“, besonders in Bezug auf Bewegungen (z. B. Wellenbewegungen).
- Reziprozität bezeichnet heute allgemein das Prinzip der Gegenseitigkeit — insbesondere in sozialen, ethischen oder rechtlichen Zusammenhängen.
- In der Sozialpsychologie: Reziprozitätsnorm = Menschen fühlen sich verpflichtet, Gefälligkeiten zu erwidern.
- Lateinisch reciprocus → Bewegung hin und zurück
- Erweiterung zur abstrakten Bedeutung in reciprocitas (Wechselseitigkeit, Gegenseitigkeit)
- Übernahme ins Deutsche im 18./19. Jahrhundert in der Fachsprache Philosophie, Soziologie, Rechtswissenschaft.
„Reziprozität“ bedeutet ursprünglich die Eigenschaft einer Bewegung oder Handlung, die sich zwischen zwei Polen hin und her vollzieht — in einem ausgewogenen Geben und Nehmen.
- Die Endung -tät im Deutschen geht zurück auf das lateinische -tas.
- Funktion: Bildung von Abstrakta = „Eigenschaft des...“
- Keine Bedeutungsverfälschung in der Endung.
- Der ursprüngliche physische Bezug (hin und her bewegend) wurde in abstrakter Weise auf soziale und moralische Beziehungen übertragen.
- In der Technik (z. B. reziproke Maschinenbewegung) ist die ursprüngliche Bewegungsbedeutung erhalten geblieben.
- In der Informatik/Netzwerktechnik: Reziprozität kann Prinzipien von symmetrischer Datenübertragung oder Gegenseitigkeit von Zugriffen beschreiben.
| Element | Herkunft | Bedeutung |
|---|---|---|
| re- | lat./PIE wret- | zurück, wieder |
| pro- | lat./PIE per- | vorwärts, für |
| capere | lat./PIE kap- | nehmen, erfassen |
| -tät | lat. -tas | Eigenschaft |
Das Wort Reziprozität zeigt eine klare Entwicklung von einem physisch-geprägten Bewegungsbegriff hin zu einem abstrakten sozialen Prinzip. Besonders bemerkenswert ist die hohe Stabilität der Bedeutung über Sprachgrenzen hinweg — kaum Bedeutungsverfälschung, sondern Erweiterung. Im heutigen Sprachgebrauch wird es oft in normativen Kontexten verwendet, um Gleichgewicht, Fairness oder Moralität zu betonen.
Reziprozität (lateinisch 'reciprocus' ‚aufeinander bezüglich‘, ‚wechselseitig‘) bezeichnet oder bezieht sich auf:
Menschliches Verhalten:
- Reziprozität (Soziologie), die Gegenseitigkeit im sozialen Austausch
- Indirekte Reziprozität, altruistisches Handeln zur Stärkung der eigenen Reputation
- Starke Reziprozität, altruistisches Belohnen und Bestrafen
- Reziproke Zuneigung und Attraktivität, Theorie, nach der Attraktivität entscheidend für gegenseitige Zuneigung ist
In der Kommunikation:
- Reziprokes Lehren, eine Unterrichtsform mit dem Ziel, das Leseverständnis zu fördern
- Reziproke Assimilation, in der Sprachwissenschaft die wechselseitige Beeinflussung zweier Laute
In der Theologie:
- Reziproke Immanenz, gegenseitiges In-Sein von Gott und Mensch durch Jesus Christus
Im Völkerrecht:
- Gegenseitigkeit (Völkerrecht), ein allgemeiner Grundsatz, nach dem Staaten sich gegenseitig gleiche Behandlung zukommen lassen
In der Wirtschaft:
- Reziprokes Dumping, im Handel ein beiderseitiger Austausch desselben Produkts durch Dumping
In der Biologie:
- Reziproker Altruismus, altruistisches Verhalten, das erwidert wird
- Reziprozitätsregel (bekannter als Uniformitätsregel), die erste der Mendelschen Regeln
- Reziproke Hemmung, die Hemmung eines Spinalreflexes durch einen anderen Reflex, auch anwendbar auf komplexes und andauerndes Verhalten
In der Mathematik:
- das Reziproke, der Kehrwert einer Zahl
- Reziproke Proportionalität besteht, wenn das Produkt zweier Zahlenwerte konstant ist
- Quadratisches Reziprozitätsgesetz (und höhere Reziprozitätsgesetze) in der Zahlentheorie
- Kubisches Reziprozitätsgesetz in der Zahlentheorie
- Artinsches Reziprozitätsgesetz in der Klassenkörpertheorie
- Frobenius-Reziprozität in der Darstellungstheorie
- Reziprokes Polynom, ein Polynom, dessen Koeffizienten in einem geeigneten Sinne symmetrisch sind
In der Physik:
- Reziprokes Gitter, wird in der Festkörperphysik und der Festkörperchemie für den Satz aller Vektoren angewendet
- die Gleichheit der Antennencharakteristik beim Senden und Empfang, siehe Antenne
- Reziprozitätstheorem, in der Elektrotechnik ein umkehrbares Zweitor (elektrisches Bauelement/Netzwerk)
- Onsagerscher Reziprozitätssatz, in der Thermodynamik der Zusammenhang verschiedener Flüsse und Kräfte außerhalb des Gleichgewichts
Siehe auch:
- Reziprokpronomen (reziprokes Pronomen, Reziprokum) sowie reziproke Diathese in der Sprachwissenschaft
- Reziprokenregel