Die Perioden der deutschen Sprachgeschichte
Holger Münzer
[✐ | ✎]Quelle: Die Entstehung der Deutschen Sprache
Um das Nacheinander der Veränderungen richtig einordnen zu können, teilen wir die Geschichte der deutschen Sprache in 3 Perioden ein:
- Das Althochdeutsche (etwa 750 bis 1100)
- Das Mittelhochdeutsche (etwa 1100 bis 1500) mit dem Früh- neuhochdeutschen (seit etwa 1350 bis 1650)
- Das Neuhochdeutsche (etwa seit 1650)
In all diesen Epochen beachte man ...hoch...: Hochdeutsch kommt aus den hohen Landen (Südschwarzwald, Nordschweiz, der Bodensee ist 600 m über dem Meeresspiegel), Niederdeutsch aus den niederen Landen (Hamburg, Hannover usw. bis 100 m über dem Meeresspiegel).
In ihren Grundzügen geht diese Einteilung auf Jacob Grimm (1785-1863) zurück, den älteren der beiden Brüder, denen wir die Sammlung der Kindermärchen und Hausmärchen verdanken. Er war ein bedeutender Gelehrter und der Begründer der deutschen Sprachwissenschaft. Allerdings hielt er Martin Luther (1483-1546) für den eigentlichen Schöpfer des Neuhochdeutschen. Darum setzte er die Grenze zwischen Mittelhochdeutsch und Neuhochdeutsch um das Jahr 1500 an. Viel später erst wurde erkannt, daß Luther eine Entwicklung auf die Höhe führte, die schon viel früher begonnen hatte. Deshalb wird heute die Periode „Frühneuhochdeutsch“ oft als eine eigene, selbständige Sprachperiode in das anfangs nur dreiteilige Schema eingeschoben. Verbissen hält sich besonders bei „norddeutschen“ Vertretern der Irrglaube, Hochdeutsch käme aus Hannover (im „hohen Norden). Das ist falsch: erstens weil Hannover zu den niederen Landen gehört und die erste und zweite Lautumwandlung (zweite Lautverschiebung) nie stattgefunden hat, zweitens weil in Hannover anno 1500 nur Platt gesprochen wurde, drittens weil die Hannoveraner sich im 20. Jh. aus unerfindlichen Gründen plötzlich ihres wunderschönen Plattdeutschen geschämt haben und das spätere Neuhochdeutsch („Goethe-deutsch“) übernommen haben, viertens weil alle Deutschen außer den Hannoveranern deren Sprachmelodie / Melos (Singsang) hören (Näheres siehe „Das heutige Deutsch“). Neuhochdeutsch kommt aus dem Mittelhochdeutschen (Walter von der Vogelweide, Meister Eckhardt, Wolfram von Eschenbach und „Das Nibelungenlied“, alle in Donaueschingen bzw. Südschwarzwald) und der Weiterentwicklung zum „Meißner Amtsdeutsch“, der Sprache Luthers. Neuhochdeutsch konnte anno 1500 in Hannover nicht gesprochen werden, weil das Schriftdeutsch (und die Lutherbibel) Hannover noch gar nicht erreicht hatte. Luther hat damals nachweislich nicht das Hannoveraner Deutsch übernommen sondern das sächsische „Meißner Amtsdeutsch“. Das ist wissenschaftlich belegbar, alles andere ist dummes Gerede. Zu den Sprachepochen:
Vor etwa dem Jahr 750 n.Chr. wurden jahrhundertelang nur lateinische Texte abgefaßt oder abgeschrieben. Danach fingen Gelehrte an, Texte in der Sprache des eigenen Volkes zu schreiben. So gibt es seit etwa zwölf Jahrhunderten schriftliche und seit dem 15. Jahrhundert (Gutenberg) auch gedruckte Überlieferungen in deutscher Sprache. Das bedeutet etwa zwölf Jahrhunderte deutscher Sprachgeschichte.
Wurde aber wirklich um 750 schon „deutsch“ geschrieben, und hat Karl der Große, als er im Jahre 768 zum König der Franken gekrönt wurde, sein Heer schon „auf deutsch“ begrüßt?
Karl wurde auf einer der reichen Besitzungen seiner Familie im oberen Moseltal, in der Gegend um Metz, geboren, und er selbst nannte seine Muttersprache „fränkisch“. Er beherrschte ein gewaltiges Reich, fast ganz Frankreich, das schon seine Vorfahren den Römern abgewonnen hatten, Oberitalien und das germanische Land bis an die Elbe und die Saale. Der germanische Frankenstamm hatte die anderen Germanenstämme, die Alemannen und Bayern, und Karl selbst dazu noch die Sachsen unterworfen. Sie gehörten seither zum Frankenreich, aber ihr Streben nach Selbständigkeit war ungebrochen, und ihre Sprachen nannten sie „fränkisch“, „alemannisch“, „bayerisch“ und „sächsisch“, genauer aber: „thüringisch“ (dieses sind auch die Kernwurzeln der deutschen Sprache – siehe Grafik). Als zweiter Zweig kamen nun also die fränkischen Einflüsse hinzu (Istwäonen: Rhein-Weser-Gebiet, das Frankenreich umfaßte aber auch das heutige Nordfrankreich), die weiteren Seiteneinflüsse sind grafisch gut erkennbar, woraus dann das Althochdeutsch entstand:
Im Westen und Süden des Reiches (heutiges Frankreich) sprachen die Einheimischen wie schon vor der fränkischen Eroberung immer noch die „Lingua Romana“, die Sprache Roms (genauer gesagt aber in der Aussprache der Soldaten, also „Soldatenlatein“ / „Vulgärlatein“). Die Westgermanen konnten diese fremde Sprache nicht verstehen. Wohl aber verstanden sich die Germanen trotz ihrer verschiedenen Mundarten untereinander. Darum nannte Karl in seinen (lateinisch geschriebenen) Urkunden und Erlassen diese Sprachen die „Lingua theudisca“. Das war ein künstlich gebildetes Wort, abgeleitet von germanisch „the-uda“ (þeudā) = „der Stamm“ oder „das Volk“ („theu-disca“ (þiudiskaz), die einigen Stämme), bedeutet also „die Sprache des eigenen Volkes“ im Gegensatz zu der Sprache der Romanen. Daher erklärt sich auch der Unterschied, daß die italienische Bezeichnung für deutsch „tedesco“ ist, jedoch in den anderen romanischen Sprachen (span., portug. und franz.) „aleman“, weil die Alemannen eben die nächstliegenden Nachbarn in den deutschen Landen waren. Aus „the-u-disca“ wurde „diutiscun“, —> „the-utsch“ —> „theutsch“ —> „deutsch“, „diuts“ oder „duits“ (holl.), „tuisk“ (schwed.).
Anmerkg. „diutiscun“: Die Recension meiner Abhandlung (Rom. Forsch. 56, 144-78) durch L. L. Hammerich (hier III, 1, 62 f.) erweckt den Eindruck, als gäbe es bei diesem Worte nur lautliche Fragen und als hätte ich nur diese aufgeworfen (und sie falsch beantwortet). Aber die lautlichen Fragen lassen sich nur im Zusammenhang mit den semantischen lösen. Was bedeutet diutisk und das rund 200 Jahre früher belegte theodiscus? Herr Hammerich glossiert es durch »vulgaris« und gibt damit zu, dass das Wort sich anfangs ausschliesslich auf die Sprache bezieht. In dem ältesten Beleg für theodiscus (786) heisst es »tam latine quam theodisce«; in den ältesten datierbaren Belegen für diutisk (bei Notker um 1000) heisst es in diutiscun »in deutscher Sprache« (fünfmal). Notker gebraucht diutisc also mehrfach als Sprachbezeichnung, aber noch nicht in allgemeinerem Sinne: »wir Deutsche« drückt er durch »wir Teutonen« (uuir teutones) aus.
Jacob und Wilhelm Grimm waren überzeugt, daß man die Sprachperioden allein nach den äußerlichen Merkmalen der Lautentwicklung einteilen könne. Das reicht zwar, wie wir heute wissen, bei weitem nicht aus. Doch liegen darin Möglichkeiten, einen unbekannten Text zeitlich und oft auch räumlich wenigstens vorläufig einzuordnen.
Vor allem lassen sich die drei hochdeutschen Stammesmundarten auf Grund des Lautbestandes von den niederdeutschen (dem „Altsächsischen“) unterscheiden. Die Gebetszeilen lauten z.B. im altsächsischen „Heliand“, der um 840 entstand, wie folgt: Gewihid si thin namo. Cuma thin craftag riki. Werda thin willeo so sama an erdo, so thar uppe ist an them hohon himilrikea.
Im Vergleich mit dem althochdeutschen Text nimmt man mancherlei Unterschiede wahr, auch in der Wortwahl (giheilagot: gewihid = „geweiht“) und in den Endungen (queme, willo, erdu: cuma, willeo, erdo). Aber wichtiger sind die Lautunterschiede, die besser im Vergleich mit dem Text von 1200 zu erkennen sind. Statt „rich“ und „uf“ hat der Heliand „riki, uppe“. Und gegenüber dem „zuchome“ (heutiges alemannisch: „zuechome“) steht in einem altenglischen Text „tobecume“. Aus den germanischen Lauten „p, t, k“, die das Altenglische und das Altsächsische behalten haben, sind im Fränkischen, Alemannischen und Bayerischen nach bestimmten Regeln andere entstanden: „f“ (ship —>Schiff) bzw. „pf“ (pipe —>Pfeife), „s“ (out — >aus) bzw. „z“ (tongue —>:Zunge) entstanden, und auch Vokale haben sich geändert. Man nennt diesen Vorgang die „althochdeutsche Lautverschie-bung“ (oder die von den Alemannen ausgehende 2. Lautverschiebung gegenüber der nicht datierbaren ersten oder germanischen, die die germanischen Sprachen von allen anderen indogermanischen Sprachen unterscheidet) und nennt die drei Mundarten, in denen diese Veränderungen vorkommen, die „hochdeutschen“ Mundarten. Daß wir heute hochdeutsch „Wasser, schlafen, Küche“ sagen, wo es niederdeutsch „Water, slapen, Köke“ heißt, ist eine Folge der 2. Lautverschiebung (etwa 7. Jh.). Das Niederdeutsche hat die alten „p, t, k“ bis heute zäh festgehalten. Deshalb ist es, obwohl es an der deutschen Verkehrsgemeinschaft seinen Anteil hat, niemals „hochdeutsch“ geworden, und auch die hochdeutschen Sprachperioden lassen sich nicht auf das Niederdeutsche anwenden. Entgegen der weitverbreiteten falschen Annahme, Hochdeutsch käme auch dem hohen Norden kommt es vielmehr aus dem Hochland, also den eher südlichen Sprachen, das Niederdeutsch dagegen aus dem Norden, das heißt dem Tiefland (den niederen Landen), den tief gelegenen Ländern im Norden.
Erstmals um das Jahr 1000 tauchte die Bezeichnung „in diutiscun“, d.h. „auf deutsch“ auf. Der gelehrte Alemanne, der so schreibt, hat also begriffen, daß fränkisch, bayerisch, alemannisch und sächsisch nur besondere Formen einer gemeinsamen Sprache sind. Gleichzeitig wird erkennbar, daß das Alemannische bestimmend wurde - eigentlich besser: „alle-manisch“, denn die „Manen“ sind „Menschen“ (engl. „men“ = alle Menschen) des eigenen Volkes. Manen können auch Frauen sein (das holländische alman wird übersetzt mit jedermann). Im „Allemanischen“ gibt es heute noch ein Kinderlied, das ich als Kind in Meßkirch gelernt habe: „Alle Mane sind halt Pu-eschde...“ (Pueschde = Helden, Sieger).
Zurück zur Sprachentwicklung: Deutlich erkennt man im Wort „diutiscum“ die Wirkung der Verkehrsgemeinschaft in einem politischen Großraum. Denn nachdem das weite Frankenreich unter den Nachfolgern Karls des Großen mehrmals aufgeteilt wurde, entstand in seinem Ostteil (rechtsrheinisch) die große politische Einheit, aus der später das Reich der Deutschen hervorgehen sollte. Die politische Verbundenheit führt zu einem Gefühl der Einheit. Die einzelnen Stämme erkennen, daß sie zwar etwas Eigenes darstellen, daß sie aber alle einer Kultur, einem Reich angehören und deshalb auch nach außen hin gemeinsame Interessen zu wahren haben. Dabei ist die Entstehung der gemeinsamen Sprache innerhalb des politischen Großraums vor allem auf den kulturpolitischen Willen Karls des Großen zurückzuführen. Immer wieder schärfte er den hohen Geistlichen ein, sie sollten für die Ausbreitung und Vertiefung des Christentums sorgen, und sie sollten die christliche Lehre in den Landessprachen verkünden. Das war im Westreich nicht allzu schwierig, wo ja die Sprache Roms, wenn auch in gewandelter Form, noch weiterlebte.
Im germanischen Osten (rechtsrheinisch) war dazu aber eine gründliche Neugestaltung der Sprache nötig. Denn die vor kurzem noch heidnischen Stämme kannten die christlichen Glaubensvorstellungen und die Lehre noch kaum. Tausende von neuen Wörtern mußten gefunden werden, um die lateinischen Texte der Bibel und der Kirchenlehrer in die Volkssprache zu übertragen, und diese äußerst schwierige Aufgabe hatten die vier Stämme gemeinsam zu lösen. So entstand aus den vier noch heidnisch geprägten Stammessprachen die christliche deutsche Kultursprache und gleichzeitig auch das Bewußtsein der Gemeinsamkeit, das mit dem Wort „deutsch“ ausgedrückt wird.
Wollten wir sehr genau sein, so dürften wir für die ersten drei Jahrhunderte unserer Sprachgeschichte noch nicht von einer deutschen Sprache reden. Aber Karl der Große hat den politischen Raum geschaffen, der zum Sprachraum wurde, und er hat die große kulturelle Aufgabe gestellt, die die vier Stämme gemeinsam bewältigten. So rechnen wir auch für diese Zeit bereits mit einer deutschen Sprache, denn es ist die Zeit des „werdenden Deutsch“.
Zwölf Jahrhunderte sind eine lange Zeit, in der mancherlei Veränderungen in der Sprache vorgehen. Schon wenige Zeilen aus dem Vaterunser können das zeigen.
Um 825 schreibt ein Mönch im Kloster Fulda: si giheilagot thin namo, queme thin rihhi, si thin willo, so her in himile ist, so si her in erdu.
Im Kloster Milstatt in Kärnten lautet derselbe Text um 1200: geheiliget werde din name. zuchom uns din rich. din wille werde hie uf der erde als da ze himele. Wurde das Althochdeutsch noch vorwiegend vom Alemannischen, Fränkischen, Bayerischen und Thüringischen geprägt, so wurde das Mittelhochdeutsch prior allein vom Alemannischen geprägt.
Walter von der Vogelweide (1170 - 1230 ) schrieb:
Ich sass uf eime steine und dachte bein mit beine.
daruff satzt ich den ellenbogen
ich hetes in min hand gesmogen
das Kinn und ein min wange.
do dacht ich mir viel lange
wie man zur werlte sullte leben.
Deheinen rat kunnt ich gegeben
wie man drü ding erwurbe
des keines nicht verdurbe...
Als ich dieses Gedicht zum erstenmal in der Schule hörte wurde es fatalerweise in plattdeutscher Aussprache vorgetragen mit spitzem "Sstain". Völlig falsch!
Man muß diesen Text alemannisch vortragen (das heißt im Norden: „schwizerdüütsch“: das ist Südschwarzwald und Nordschweiz) um einen Annäherungswert zu erzeugen. Dort gibt es heute noch die Wörter in dieser Phonetik: „min“ (mit langem „i“) für „mein“, „eime“ (phon: „ë-ime“ mit „ë“ - nicht „aime“ mit „a“ ausgesprochen) für „einem“, „Schtë-in“ (und nicht „Stain“ mit „sspitzem Sst...“) für „Stein“, „dehë-inen“ für „keinen andern als“, „drüü“ für „drei“, „Hus“ für „Haus“ usw., die „K“ und „CH“ als hartes „CH“ (kch) wie im Wort „Chaibe“ (die Schwaben werden von uns oft als „Chaibe“ beschimpft, „Chaibe“ meint ungezogene, freche Burschen), das „a“ sehr dunkel und mehr als „offenes „o“ gesprochen. Und plötzlich wird hörbar, daß dies mit dem heutigen Alemannisch fast identisch ist, hier der Versuch einer phonetischen Schreibweise:
Ikch sass uff ëi-me Schtë-ine
und dochte - Bë-in mit Bë-ine.
(waischt scho: dos miint d’Fies überenondergschlogge)
doruff sotzt ikch den Ellenboggen (nicht -boogen)
- ikch hätt es (also nicht „heetes“ sondern „hatte es“ , nämlich das Kinn) in miin Hand geschmoggen
(d’Schwobe sägget „gschmiegt“)
das Kchin und ë-in miin Wange.
Do docht ikch mir viel longe
wie man zur Werlte sullte läbben (nicht „leeben“).
De-hëinen...
(des chascht id übrsatze uffs düütsche, sell miint: „kchëin Ondere als...“) Dehë-inen Rot kchunnt ikch gegebben
wie mon drüü Dingkch erwurbe (waischt scho: „eis, zwei drüü...“) des kchëines niccht verdurbe...
Und plötzlich wird der priore Einfluß des Alemannischen auf die mittelhoch-deutsche Sprache auch hörbar. Nebenbei wird sichtbar, daß alemannisch und schwäbisch zwei völlig verschiedene Sprachen sind.
In den alemannischen Ländern (Schwarzwald/Baden, Elsaß und Schweiz) nennt man die übrigen Deutschen abwertend auch gerne „Schwaben“, was darin begründet liegt, daß die Sueben rund um die Ostsee (das „Mare Suebicum“), also im Norden siedelten. Das „schwäbische Meer“ wäre also gar nicht der Bodensee sondern die Ostsee. Dazu witzeln die Alemannen gerne, daß die Schwaben nur 7 km der Küste besiedeln (rund um Lindau), während die Alemannen (in Baden, der Schweiz und Österreich) 260 km besiedeln: Und wenn d' ebs gstohle hasch dann schicks glei hoim... Übrigens gebrauchen auch die Polen das Schimpfwort „Schwobe“ für die Deutschen. Es bringt einen Alemannen immer zum Lachen, wenn sich die Schwaben heute gerne mit „alemannischer Kultur“ schmücken, nur weil Baden und Württemberg inzwischen ein Bundesland ist, sie verkörpern aber eigentlich das Andere, d.h. das eben nicht Alemannische. Die Verwechslung von Alemannen und Schwaben hat aber eine lange Geschichte. In der unterschiedlichen Entwicklung der Kulturen steckt eine historische Rivalität, die heutige Rivalität der beiden ist jedoch gar nicht bösartig sondern eher humorvoll zu nehmen, denn im Kern sind die beiden Geschwister (Ausführlicheres im Kapitel „Alemannen und Schwaben“).
In den norddeutschen Ländern kennt man die Bezeichnung „alemannisch“ kaum oder verwechselt sie gar mit schwäbisch (für einen echten Alemannen geradezu beleidigend), im Norden wird heutzutage “Alemannisch“ einfach als „Schweizerdeutsch“ erkannt, dieses aber wird nicht nur in der Schweiz sondern auch im Südschwarzwald (besonders südlich der Kinzig) und in den Vogesen (Elsaß) gesprochen, alemannisch geht etwa von Burgund Richtung Osten entlang der Alpen und Voralpen über: Schwarzwald, Baden und westliches Süd-Württemberg (mit Ausnahme des nördlichen fränkischen Teils), die deutschsprachige Schweiz, das österreichische Vorarlberg, das Fürstentum Liechtenstein, den westlichen Teil des Bundeslandes Bayern (Augsburg) bis etwa zum Lech und sogar bis Tirol, also nördlich der Alpen entlang (teilweise auch südlich), erkennbar am harten "CH" anstelle von "K" und am „ë“. Ich selbst bin im Schwarzwald aufgewachsen und liebe die alemannische Sprache, die Familie kommt aus dem Südschwarzwald / Breisgau. Mein Onkel Erwin und meine Base Ursula brachten mir die Pflege der alemannischen Sprache bei. Ich habe alemannisch inzwischen zwar fast verlernt, denn wer Bühnendeutsch spricht, muß sich den Dialekt (und besonders einen in Aussprache und Sprachmelodie so völlig abweichenden Dialekt) völlig abgewöhnen: denn man kann nicht nur wenige Stunden am Tag bühnendeutsch sprechen, den Rest des Tages aber Dialekt, nein: man muß selbst Bühnendeutsch träumen und die Selbstgespräche in Bühnendeutsch führen, sonst geht der Dialekt nicht völlig weg.
Es gibt in Freiburg/Brsg. eine Muëttersproch-Gsellschaft (gesprochen nicht Mütter... sondern Mu-ëtter..., und die Elsässer, Schweizer und Schwarzwälder finden sich darin regelmäßig zusammen zur Pflege des Alemannischen. Es gibt vielerlei wunderbare alemannische Dichtung: Johann Peter Hebel, der badische Maler Hans Thoma (er hat die Bibel ins Alemannische übersetzt), der Lyriker Karl Kurrus. Es gibt sehr bekannte Volkslieder (wie „Chume chume Geselle min“ u.a.), Kunstlieder und Gedichte in großer Zahl, nicht zuletzt Walter von der Vogelweide. Viele Wörter der alemannischen Sprache gibt es im Norddeutschen gar nicht. Einige Beispiele:
- „gambeln“ („Maidle gamble id esso, Hollaladio, Holladio, s’Gamble wird d’r scho vergoh...“ ein alemannischer Jodler) - Gamba (ital.) ist die „Kniegeige“ (wird mit den Knien gehalten, heutiger Nachfolger ist das Cello), „gambeln“ bedeutet, mit den Beinen zu baumeln, „esso“ für „so“ (Betonung auf der ersten Silbe wie im spanischen): „...esso isch’s Leaba“ ( = so ist das Leben)
- „abichaie“ heißt: „herunterfallen“ („abi“ = „abwärts“), „chaie“ (von lat. „cadere“, span „caer“ ) = „fallen“
- der „Anken“ (kommt aus dem Hunnischen / Mongolischen, die Hunnen siedelten in der Gegend von Lörrach bis Burgund) für die „Butter“ (auch daher sagt man im alemannischen zur Butter öfter „der Butter“)
- „seller“ („selle“, „selles“) heißt : „derjenige“, „diejenige“, „dasjenige“ - vgl. frz. „celui“, „cela“, „celles“ - „sell“ heißt „das“
- „jazze“ (“jazzen“ heißt: zwicken, herumtollen): „dr Schuh jazzt mi“ heißt: der Schuh drückt mich - oder: „muescht id so rumjazze“ heißt: du mußt nicht so wild herumtollen). Die Norddeutschen kennen „jazzen“ nur aus dem späteren amerikanischen „Jazz“ (wilde Musik).
Es gibt unzählige weitere Beispiele. Die aus dem Lateinischen kommenden Wörter stammen aber vermutlich nicht aus dem „Behördenlatein“ sondern eher aus dem Soldatenlatein, denn die Alemannen im Süden hatten mehr Kontakt zur römischen Kultur, wo vermutlich mehr „Soldatenlatein“ gesprochen wurde, die größere Nähe zum Italienischen, Spanischen und Französischen deutet darauf hin (die romanischen Sprachen beruhen eher auf dem Soldatenlatein).
Noch eine interessante linguistische Erforschung macht uns die Priorität des Alemannischen deutlich: in ganz Europa sagt man „Haus“ oder „house“ usw. Dabei wird ein „s“ gesprochen. Englisch ist ja ursprünglich „angelsächsisch“ und ein niederdeutscher Dialekt. Im Englischen hat aber die „althochdeutsche Lautverschiebung“ von „t“ nach „s“ bzw. „z“ und von „p“ nach „pf“ bzw. „f“ usw. gar nicht stattgefunden. Die Engländer müßten also eigentlich sagen „hout“, sie sagen ja auch „tongue“ (Zunge) und nicht „zongue“. Woher kommt das?
Es kommt aus dem Baustil der frühen Gotik (Hohenstaufen-Stil) und der späten Gotik in der deutschen Architektur und einer wachsenden Stadtgesellschaft. Die Häuser waren sehr stabil (z.B. als Fachwerk) gebaut und wurden Vorbild für ganz Europa. Das „Haus“ wurde alemannisch „Hus“ genannt. Dieses Wort wurde in ganz Europa (nicht in Frankreich) einfach als Fremdwort übernommen. Daraus entwickelten sich also „Haus“ (dt.), „house“ (engl.), „huise“ (holl.) usw. (hingegen ist z.B. die „Maus“ - „mouse“ ein lat. Fremd- oder Lehnwort: mus, muris). Es war also nicht nur die Sprache sondern die gesamte Kultur dieser Zeit, die eine bestimmende Ausstrahlung hatte. Im Französischen heißt das Haus übrigens „maison“, das heißt aber ebenso „Wohnung“. Ein „Haus“ ohne einen Bezug auf „Wohnung“ gibt es nicht. Dazu gibt es sicherlich noch viel mehr zu sagen, dieses überlasse ich an dieser Stelle aber den Linguisten.
In Luthers Bibeldruck von 1544 heißt es: Dein Name werde geheiliget. Dein Reich kome. Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himel, und so steht es auch heute noch, mit geänderter Rechtschreibung, in den Ausgaben der Luther-Bibel.
Man erkennt sofort, daß die Entwicklung der Sprache in Stufen vor sich geht. Die vollen Endvokale des Textes von 825 (namo, willo, erdu, rihhi, giheilagot) sind um 1200 zu „e“ geworden oder verschwunden (name, wille, erde, rich, geheiliget). Der Umlaut „e-i“ mit „e“ gesprochen wurde nun als „ai“ mit „a“ gesprochen (phon: „e-in wird „ain“, „Stein“ wird „Stain“ usw.) Aber das lange „i“ der betonten Silbe (din, rihhi) zeigt sich erst bei Luther als „ei“ (dein, Reich), wie wir es heute noch sprechen. Auch Wortlaut und Wortfolge der drei Texte sind verschieden; aber darauf wollen wir hier nicht eingehen. Dagegen kommen wir auf einen Begriff, den nur die deutsche Sprache kennt: Schriftdeutsch. Es gibt weder Schriftenglisch noch Schriftfranzösisch noch Schriftspanisch. Das liegt daran, daß diese Sprachen meist durch den Dialekt der Hauptstädte (in England durch Kulturzentren wie Oxford / Cambridge) bestimmt wurden (nicht zuletzt rührt daher der Sprachenstreit der spanischen Catalanen, denn Hochspanisch ist nichts anderes als kastilianisch, und das ist der Dialekt aus Madrid / Kastilien). Dieses kommt daher, daß die erste neudeutsche Veröffentlichung Luthers Bibel war, und diese war nicht nur das erste in neuhochdeutsch verfaßte Werk und der erste Bestseller, sondern es wurde nur schriftlich verbreitet, nicht mündlich. Jeder sprach dieses neue Deutsch also unterschiedlich aus. Darüber sind wir übrigen Deutschen heute sehr glücklich, denn wäre die Sprache mündlich verbreitet worden, wäre Hochdeutsch heute der sächsische Dialekt.
Luther griff auf die Meißner Amtsdeutsch zurück. Zum zweitenmal begegnet uns hier die Behördensprache, die für das Deutsche ausschlaggebend wurde. Wir Deutschen (und schon die Germanen) haben’s halt mit der Behörde...
Luther fand in der Sprache der Meißener Kanzlei bereits Schreibformen vor, die weithin bekannt waren. Seine und seiner Parteigänger Schriften wurden überall gelesen. Bald wurde das „Meißnische Deutsch“ im ganzen Sprachgebiet verstanden, allerdings nicht überall angenommen. Im katholischen Süden wurde ihm noch lange die „Reichssprache“ der Wiener Kanzlei entgegengesetzt, und Köln blieb bei seinem mittelfränkischen Dialekt. Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) bedeutete auch kulturell einen tiefen Einschnitt. Danach lebte – im Zeitalter des Absolutismus – die Fürstenherrlichkeit noch einmal auf. Aber die Sprache der Höfe ist französisch. Das Meißnische Deutsch wird vornehmlich von protestantischen Geistlichen, Gelehrten und Dichtern gepflegt. Als dann die „Grundlegung einer deutschen Sprachkunst“ des Leipziger Professors Gottsched auch in Österreich als Lehrbuch der deutschen Sprache anerkannt wird, ist der Weg zu einer einheitlichen deutschen Schriftsprache geebnet. Zu ihrer vollen Ausbildung tragen dann die Dichter und Denker von Lessing bis Goethe das meiste bei. Sie und ihre Zeitgenossen legten den Grund zu der allgemeinen Schriftsprache des 19. Jahrhunderts.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann in Deutschland die Industrialisierung. Mit den Arbeitermassen, die die Industrie aus den damals übervölkerten Landgebieten anzog, entstanden mit unvorstellbarer Geschwindigkeit die neuen Großstädte. Im Jahre 1870 gab es im Reichsgebiet nur acht Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern, bis 1910 war ihre Zahl auf 48 angewachsen. Die Neubürger, mittellos zugewandert, hatten in bitterer Not um ihren Lebensunterhalt zu ringen. Die sozialen Spannungen, die sich daraus ergaben, brauchen hier nur angedeutet zu werden. Schritt für Schritt erkämpften sie sich ihre Rechte in der Industriegesellschaft, erstritten sich ihren Anteil am öffentlichen Leben und an den allgemeinen Bildungsmöglichkeiten. Auch die rasch wachsende Teilnahme der Frauen am Berufsleben und ihr Einbruch in die „Arbeitswelt der Männer“ ist eine späte Folge der sozialen Umwälzungen.
Bis zum Ende des Kaiserreichs im Jahr 1918 herrschten im politischen und kulturellen Leben und auch im Gebrauch der Schriftsprache die bürgerlichen Traditionen vor. Seitdem ist nach dem Zusammenbruch der Monarchie und der Revolution von 1918 eine neu strukturierte Gesellschaft erstanden, in der die alten Standesunterschiede keine Rolle mehr spielten. Nach einigen Jahrzehnten des Überganges leben wir seit dem Neubeginn im Jahre 1945 in einer Gesamtgesellschaft, die man nicht mehr im traditionellen Sinne „bürgerlich“ nennen kann. Noch hat diese neue Gesellschaft ihre eigene, endgültige Form nicht gefunden. Die Suche danach zeigt sich jedoch in der oft krassen Abkehr der Jugend vom Hergebrachten, an dessen Stelle sie einstweilen das Experiment mit neuen Möglichkeiten setzt (heute z.B. „Denglisch“).
Auf diese Entwicklung antwortet, wie zu jeder anderen Zeit, auch unsere Sprache. Schiller und Goethe, Sprachmuster für die Schulerziehung der bürgerlichen Zeit, sind für unsere heutige Sprachgestaltung keine Vorbilder mehr. Die Sprache unserer Gegenwart ist direkter und derber geworden. Die Schriftsteller „nennen die Dinge beim Namen“, sie verhüllen nichts, und die Schriftsprache von heute nähert sich der Sprache des Alltags, von der sie im bürgerlichen 19. Jahrhundert weit entfernt war.
Den Fachmann erinnert das Sprachgeschehen unserer Tage an die Anfänge der frühneuhochdeutschen Zeit. Damals forderte im sozialen Umbruch die junge Gesellschaftsschicht der Stadtbürger ihr Recht. Auch sie fand nicht sogleich die ihr angemessenen Lebensformen, und in ihrer einfachen, anfangs oft groben und unflätigen Sprache meint man den Protest gegen das überfeinerte Deutsch der Adelsgesellschaft zu spüren. Derber Spott und bissige Satire, mit denen die hergebrachten Lebensformen gegeißelt werden, lassen erkennen, daß auch damals an der „heilen Welt“ der alten Gesellschaft heftig Kritik geübt wurde.
Viele der sprachlichen Neuerungen machen auch an der kulturellen Grenze zwischen den alten Bundesländern und den neuen Bundesländern nicht halt. Was hüben und drüben voneinander abweicht, sind jedoch geringfügige Unterschiede, wie sie auch gegenüber der deutschen Sprache in Österreich, in der Schweiz und in Luxemburg und sogar zwischen Nord- und Süddeutschland bestehen. Das tut der übernationalen Einheit der deutschen Sprache keinen Abbruch.
Jedoch: wir täten gut daran, die Sprache der heutigen Schriftsteller, Satiriker und Kabarettisten ernstzunehmen und aufzuwerten, denn sie geißeln zwar, aber sie wollen mit Sprache umgehen und sie gestalten, sie haben ja auch vorwiegend nur die Sprache als Ausdrucksmittel. Sie fühlen sich aber verantwortlich für die erheblichen Folgen des Sprachgebrauchs.
Sprache wächst und kann nicht von oben verordnet werden. Deswegen sind die zerstörerischen Folgen der sogenannten Rechtsschreibreform (besser: Falschschreibreform) verehrend, da es sich de facto um eine Sprachreform handelt, in der die Regularien (Regelmäßigkeiten und Grammatik) durch mehrheitlich falschen Gebrauch in den unteren Bildungsschichten außer Kraft gesetzt werden:
Statt „winken, winkte, gewinkt“ - jetzt „winken, winkte gewunken“. Wenn stark, dann müßte es sein: „winken, wank, gewunken“. Zur Unterscheidung von Sprache und Aussprache lesen Sie bitte den nun folgenden Abschnitt.
Die heutige hochdeutsche Aussprache ist immer noch im Wandel. Erst seit es die Massenmedien (Rundfunk und Fernsehen) gibt, haben wir einheitliche Hörbeispiele der Aussprache. Besonders gute Aussprache des Hochdeutschen finden wir im Synchron. Großartige Schauspieler wie Manfred Lehmann, Peer Schmid, Thomas Braut, Christian Brückner, Matthias Habicht, Peter Schiff, Arnold Marquis und andere, deren Namen das Publikum kaum registriert, sprechen vorbildliches Bühnendeutsch, besser: Mikrophondeutsch / Synchrondeutsch, von dem der Nachwuchs lernen sollte.
Wir alle lernen sprechen durch Hör-Vorbilder. In Ermangelung einer Deutschen Akademie benutzen wir seit Lessing, Herder, Schiller, Goethe die Aussprache auf den deutschsprachigen Bühnen, daher in der Sprechtecknik die Bezeichnung „Bühnendeutsch“. Erst durch Rundfunk und Fernsehen haben wir plötzlich Hör-Vorbilder, weniger bei den Moderatoren und Reportern als bei den Nachrichtensprechern (ARD und ZDF), die beste Aussprache als Klangvorbild finden wir jedoch heutzutage bei den Synchronsprechern.
Die besonders durch Hannoveraner und andere niederdeutsche Zeitgenossen verbissen vertretene Behauptung, die beste Aussprache käme aus Hannover ist grottenfalsch, wir sprechen „Bühnendeutsch“. Hannover zählt nicht zu den bekanntesten Bühnen, eher Bochum, Berlin, München, Stuttgart usw. Nachweislich gibt es keine Hannoveraner Nachrichtensprecher. Das hat seinen guten Grund: die Sprachmelodie. Alle Deutschen hören den eigentümlichen Hannoveraner Singsang außer die Hannoveraner selbst. Besonders die Sprachmelodie ist jedoch entscheidend für die Aussprache. So sind besonders diejenigen die besten Sprechen, die aus den „übelsten“ Dialekten stammen (Schweiz, Schwaben, Sachsen, Pfalz, Rheinland, Saarland usw.)
Es gibt keine deutsche Instanz, die diese Aussprache überwacht wie etwa die „Académie française“. Der Verein der deutschen Sprache setzt sich allerdings für eine Deutsche Akademie in diesem Sinne ein. Gutes Hochdeutsch hören wir bei den Nachrichtensprechern, bei den Privatsendern wird leider oft furchtbares Deutsch gesprochen, es wird genäselt und künstlich betont und gesungen („FilmFilm“ - in „Saddaaaaains“), ganz zu schweigen von Berlin-TV (Herr Gaffron). Leider hat auch die Werbung vorwiegend singenden und näselnden Charakter und bedient sich oft eines „Schimpansendeutschs“, die einem um die deutsche Sprache bemühten Zuhörer das Grauen lehrt. Leider hat diese Werbung auch eine Vorbildfunktion, deren sie nicht wert ist. Umsomehr wäre eine Deutsche Akademie (vergleichbar der „Académie française“) vonnöten, wie sie z.B. auch Rolf Hochhut einfordert.
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