Grundwortschatz
Der Grundwortschatz (auch: Basiswortschatz, Gebrauchswortschatz, Minimalwortschatz) kann als diejenige Menge von Wörtern einer Sprache definiert werden, die nötig sind, um ca. 85 % eines beliebigen Textes einer bestimmten Sprache in einem bestimmten Entwicklungsstadium zu verstehen.[1] Dem schließt sich der sogenannte Aufbauwortschatz an, der erforderlich ist, um höhere Anteile von Texten zu bewältigen, und je nach Bedarf unterschiedlich gestaltet werden kann.
Genau wie bei allen anderen natürlichen Sprachen ergeben bereits vergleichsweise wenige deutsche Wörter einen hohen Textdeckungsgrad. Alan Pfeffer ermittelte für das gegenwärtige Deutsch so 1.285 Wörter, mit deren Hilfe je nach Textsorte zwischen 85,9 % und 92,2 % der Texte verständlich sind.[2] Theodor Lewandowski gibt an, dass die 1.000 häufigsten Wörter genügen, um etwa 80 % von deutschen Texten zu verstehen; mit 2.000 Wörtern können um die 90 %, mit 4.000 Wörtern um die 95 % gelesen werden.[3] Der Gesamtwortschatz ist schwer quantifizierbar, umfasst jedoch ein Vielfaches dieser Werte.
Methodisch evaluiert werden Grundwortschätze unter anderem durch Frequenzlisten. Bei diesem Ansatz werden Korpora zusammengestellt, welche die Anteile unterschiedlicher Textsorten, Genres, Topics usw. der Sprachrealität möglichst adäquat abbilden sollen. Ein Hauptproblemfeld hierbei ist die notwendige Balance zwischen geschriebener und gesprochener Sprache.
Für das Deutsche wurde eine solche Frequenzstudie im größeren Umfang zuletzt von Randall L. Jones und Erwin Tschirner durchgeführt und 2006 publiziert. Ihr Kernvokabular umfasst 4.034 Lemmata, wobei der, die, das (zusammengefasst auf Rang 1) 115.983mal pro einer Million Wörter auftreten.[4] Eine Gruppe von knapp hundert Wörtern – darunter Abfall, Spruch und zweifellos – bilden das Ende der Liste und kommen auf eine Frequenz von 16 unter einer Million. Diese frappierende Diskrepanz zwischen Hoch- und Niedrigfrequenzbereich erklärt zugleich den beschriebenen hohen Textdeckungsgrad. Sie lässt sich mit dem Zipfschen Gesetz beschreiben.
Ein Erklärungsansatz für diese Beobachtung in der Grundwortschatzforschung setzt die relative Häufigkeit von Funktionswörtern im Hochfrequenzbereich in den Fokus. Ohne autosemantische Aufladung treten diese in jeder sprech- und schriftsprachlichen Äußerungs-/Textform auf und sorgen dafür, dass bereits die zehn häufigsten Lemmata in Jones/Tschirner einen Textdeckungsgrad von knapp 28 % ergeben.
| Wort | Treffer pro Million | Anteil in Prozent |
|---|---|---|
| der, die, das | 115.983 | 11,60 % |
| und | 28.445 | 2,84 % |
| sein | 24.513 | 2,45 % |
| in | 23.930 | 2,39 % |
| ein | 23.608 | 2,36 % |
| zu | 14.615 | 1,46 % |
| haben | 13.423 | 1,34 % |
| ich | 11.201 | 1,12 % |
| werden | 11.016 | 1,10 % |
| sie | 10.245 | 1,02 % |
„Textdeckung“ darf in diesem Zusammenhang nicht mit „Textverstehen“ gleichgesetzt werden. Die Grenzen zwischen Grund- und Gesamtwortschatz einer Einzelperson sowie dazwischen Aufbau-/Erweiterungswortschatz in der Fremdsprachendidaktik sind fließend. Nichtsdestotrotz verfügen auch Autosemantika wie Substantive gerade im Hochfrequenzbereich über eine gewisse Statik. Eine vergleichende Frequenzerhebung von 2013 – ausgewertet wurden Texte der Zeitscheiben 1905–1914, 1948–1957 sowie 1995–2004 – machte Verschiebungen innerhalb verschiedener Wortklassen transparent. Unter den zwanzig häufigsten Substantiven traten dreizehn in jeder Periode auf: Jahr, Herr, Zeit, Frau, Mensch, Tag, Leben, Mann, Kind, Auge, Welt, Frage und Teil.[5]
Die Erforschung des Grundwortschatzes ist sowohl für die Didaktik der Muttersprache als auch für die von Fremdsprachen bedeutsam, gibt sie doch Hinweise darauf, welche Teile des Wortschatzes besonders notwendig sind, um mit möglichst wenig Lernaufwand zu einem möglichst hohen Textverständnis zu kommen. Problematisch hierbei ist jedoch, dass die häufigsten Wörter gleichzeitig besonders viele verschiedene Bedeutungen haben.
Die Glottochronologie entwickelte für ihre sprachhistorischen Fragen Listen von Grundwörtern, die möglichst unabhängig von kulturellen Einflüssen sein und sich daher als historisch möglichst stabil erweisen sollten. Aufgrund der Verfallsraten dieser Wörter sollten die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Sprachen bestimmt werden. Der Ansatz darf im Wesentlichen als gescheitert angesehen werden.
- C. Anderer u. a.: Hinweise und Beispiele für den Rechtschreibunterricht an Hamburger Schulen. An der Sache orientiert, vom Lerner aus gedacht. Handreichung.Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung: Hamburg 2014.
- H. Bartnitzky: Sprachunterricht heute. 15. Auflage. Cornelsen Scriptor, Berlin 2011.
- H. Bartnitzky: Rechtschreiblernen ohne Lehrgangsdidaktik. In: Grundschule aktuell. H. 124, 2013, S. 3–8.
- E. Brinkmann: Rechtschreibgeschichten – Zur Entwicklung einzelner Wörter und orthographischer Muster über die Grundschulzeit hinweg. (= Projekts OASE. 33). 2. Auflage. FB 2 der Univ.-Gesamthochschule, Siegen 2002, 1997, S. 98 ff.
- E. Brinkmann: Wie kann man Kinder auf dem Weg zum Rechtschreiben unterstützen? Stärken und Schwächen verschiedener Konzeptionen des Rechtschreibunterrichts.In: Grundschule aktuell. H. 123, 2013, S. 9–13.
- E. Brinkmann: Schreiben lernen, Schreiblernmethoden und Rechtschreiben lernen in der Grundschule. Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg: Ludwigsfelde-Struveshof 2014. (online)
- Hans Brügelmann u. a.: Häufigkeit vs. Bedeutsamkeit. Oder: Was macht eine Wortauswahl zum Grundwortschatz? In: H. Brügelmann, S. Richter (Hrsg.): Wie wir recht schreiben lernen. Zehn Jahre Kinder auf dem Weg zur Schrift. 2. Auflage. Libelle Verlag, Lengwil 1996, ISBN 3-909081-64-9, S. 169–176.
- R.L. Jones & E. Tschirner: A Frequency Dictionary of German. Core Vocabulary for Learners. Routledge, Oxon 2006.
- W. Klein: Von Reichtum und Armut des deutschen Wortschatzes In: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung & Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (Hrsg.): Reichtum und Armut der deutschen Sprache. Erster Bericht zur Lage der deutschen Sprache. Berlin, New York, De Gruyter 2013.
- D. Krohn: Grundwortschätze und Auswahlkriterien. Acta Universitatis Gothoburgensis, Göteborg 1992.
- P. Kühn: Der Grundwortschatz. Bestimmung und Systematisierung. (= Germanistische Linguistik. Band 17). Niemeyer, Tübingen 1979.
- P. Kühn: Das Grundwortschatzwörterbuch. In: Franz Josef Hausmann, Oskar Reichmann, Herbert Ernst Wiegand, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Wörterbücher. Dictionaries. Dictionnaires. Ein internationales Handbuch zur Lexikographie. de Gruyter, Berlin / New York 1990, S. 1353–1364.
- Grundwortschatz. In: T. Lewandowski: Linguistisches Wörterbuch. 4., neu bearbeitete Auflage. Quelle & Meyer, Heidelberg 1985.
- J. A. Pfeffer: Grunddeutsch. Erarbeitung und Wertung dreier deutscher Korpora. Ein Bericht aus dem ‚Institute for Basic German‘ – Pittsburgh. Narr, Tübingen 1975.
- S. Richter: Interessenbezogenes Rechtschreiblernen. Methodischer Leitfaden für den Rechtschreibunterricht in der Grundschule. Westermann, Braunschweig 1998.
- H. Schumacher: Grundwortschatzsammlungen des Deutschen. Zu Hilfsmitteln der Didaktik des Deutschen als Fremdsprache. Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache, H. 4, 1978, S. 41–55.
- ↑ Helmut Glück (Hrsg.), unter Mitarbeit von Friederike Schmöe: Metzler Lexikon Sprache. 3., neubearbeitete Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 3-476-02056-8.
- ↑ S. Pfeffer (1975), S. 12–14.
- ↑ Theodor Lewandowski: Linguistisches Wörterbuch 1. 4., neu bearbeitete Auflage. Quelle & Meyer 1984, Seite 375 (Artikel: Grundwortschatz). ISBN 3-494-02020-5.
- ↑ Jones/Tschirner (2006), S. 9.
- ↑ Klein (2013), S. 41.
- ↑ Lothar Hoffmann: Kommunikationsmittel Fachsprache. Eine Einführung. 2., völlig neu bearbeitete Auflage. Narr, Tübingen 1985, ISBN 3-87808-771-3, S. 132.
- ↑ Brinkmann 1997; 2013.
- ↑ Brügelmann u. a. 1994.
- ↑ Brinkmann 2014.
- ↑ Richter 1998; 2013.
- ↑ Bartnitzky 2011; 2013.