Nikolaus von Kues/Rezeption

Eine philosophische oder theologische Schule des Cusanus hat sich nicht gebildet; seine Philosophie wurde nicht in ihrer Gesamtheit, sondern jeweils in Teilen rezipiert. Die starke handschriftliche Verbreitung seiner Werke besonders im süddeutschen und österreichischen Raum zeugt von dem Interesse, das seine Zeitgenossen seinen Ideen entgegenbrachten.[1]
Die Schrift über die „belehrte Unwissenheit“ löste unter den Zeitgenossen des Kusaners scharfe Kontroversen aus. Ein prominenter Gegner war der Heidelberger Theologieprofessor Johannes Wenck, der 1442/43 in einer Kampfschrift De ignota litteratura („Über die unbekannte Gelehrsamkeit“) Nikolaus der Ketzerei, des Pantheismus und der Zerstörung der Theologie beschuldigte. Darauf reagierte Nikolaus mit Heftigkeit in der Gegenschrift Apologia doctae ignorantiae („Verteidigung der belehrten Unwissenheit“, 1449), auf die Wenck wiederum mit einer (nicht erhaltenen) Entgegnung antwortete. Ein weiterer scharfer Gegner von Nikolaus’ theologischen Ansichten war der Kartäuser Vinzenz von Aggsbach, der 1454 einen Brief verfasste, der später als Impugnatorium laudatorii doctae ignorantiae („Angriff auf das Lob der ‚belehrten Unwissenheit’“) bekannt wurde. Darin wandte er sich gegen den Benediktiner Bernhard von Waging, einen Anhänger des Cusanus, der 1451/52 ein Laudatorium doctae ignorantiae („Lob der ‚belehrten Unwissenheit’“) geschrieben hatte. Bernhard antwortete 1459 mit einem Defensorium laudatorii doctae ignorantiae(„Verteidigung des Lobes der ‚belehrten Unwissenheit’“). Die Kontroversen wurden noch durch den Umstand verschärft, dass die Hauptgegner der „belehrten Unwissenheit“, Wenck und Aggsbach, außerdem Konziliaristen waren.[2]
Ein scharfer Kritiker von Cusanus’ mathematischer Argumentation war der Mathematiker und Astronom Regiomontanus († 1476), der einige Näherungsverfahren zur Kreisquadratur überprüfte und für unzulänglich befand. Er wandte sich gegen die auf Aristoteles und Averroeszurückgehende, im Spätmittelalter verbreitete Ansicht des Cusanus, Geradliniges und Krummliniges sei unvergleichbar und daher könne ein Kreisbogen nicht genau ausgemessen werden. Die Stellungnahme des Regiomontanus, die erst 1533 veröffentlicht wurde, galt in der Folgezeit in Fachkreisen als das maßgebliche Urteil über die mathematischen Bemühungen des Cusanus.[3]
Einzelne Elemente der verfassungsrechtlichen Vorschläge des Cusanus, die auch andere Reformtheoretiker in verschiedenen Versionen propagiert hatten, wurden ab Ende des 15. Jahrhunderts im Rahmen der Reichsreform verwirklicht: die geordnete Reichsgerichtsbarkeit, der Ewige Landfriede und ansatzweise die Reichssteuer.
Mit der ersten Ausgabe der Schrift Coniectura de ultimis diebus setzte 1471 in Nürnberg[4] die Druckgeschichte der Werke des Cusanus ein.[5] Eine zweibändige Sammlung (Opuscula) wurde 1488 in Straßburg gedruckt. 1514 brachte der Humanist und Cusanus-Verehrer Jacques Lefèvre d’Étaples in Paris eine Gesamtausgabe heraus, die für die folgenden Jahrhunderte zur Standardedition wurde. 1565 erschien ein (fehlerhafter) Nachdruck der Pariser Ausgabe in Basel.
In Italien fanden manche Ideen des Cusanus bei Humanisten vergleichbarer Ausrichtung wie Marsilio Ficino und Giovanni Pico della MirandolaAnklang.[6] Im 16. Jahrhundert berief sich der reformierte Theologe Johannes Kymaeusauf Cusanus, dessen Rechtfertigungslehre er als Vorläufer der lutherischen betrachtete. Giordano Bruno knüpfte an die kosmologischen Überlegungen des Cusanus an, warf ihm aber einen Mangel an Klarheit und Konsequenz vor, der das Ergebnis von Befangenheit wegen einer Bindung an konventionelle falsche Prinzipien sei.[7] Johannes Kepler nahm verschiedentlich auf kosmologische und mathematikphilosophische Annahmen des Cusanus Bezug, teils zustimmend, doch überwiegend kritisch (zumal hinsichtlich der naturphilosophischen Konsequenzen). Die Hypothese eines unbegrenzten Alls ohne Mittelpunkt, das eine Vielzahl von Welten umfasst, verwarf er entschieden. Er hielt sie für unvereinbar mit seiner Vorstellung von kosmischer Ordnung und harmonischer Proportion im Universum.[8]
Auf Nikolaus von Kues beriefen sich auch Sciencefiction-Autoren des 17. Jahrhunderts.[9]
Moderne
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Obwohl Cusanus in der Frühen Neuzeit nie – wie man früher irrtümlich glaubte – ganz vergessen war und mitunter sogar intensiv rezipiert wurde, kam es nicht zu einer umfassenden Würdigung seiner Philosophie in ihrer Gesamtheit. Dazu und zu einer entsprechend höheren Bewertung seiner Gesamtleistung ist erst die moderne Forschung gelangt. Sie betont seine Originalität und seine Unabhängigkeit von den Beschränkungen der traditionsgebundenen spätscholastischen Denkweise. Für diese Wertschätzung erwies sich besonders die philosophiehistorische Arbeit von Ernst Cassirer als bahnbrechend.[10]
1927 beschloss die Heidelberger Akademie der Wissenschaften, eine neue kritische Gesamtausgabe der Werke des Cusanus herauszubringen, welche die alten Ausgaben des 16. Jahrhunderts ersetzen sollte. Der erste Band erschien 1932; 2005 konnte das Akademieprojekt abgeschlossen werden.[11]
Seit 1976 erscheinen die Acta Cusana, eine großangelegte Sammlung von Quellen zur Lebensgeschichte des Cusanus. Die Cusanus-Gesellschaft gründete 1960 das Institut für Cusanus-Forschung, das seinen Sitz zunächst in Mainz hatte und sich seit 1980 in Trier befindet. Es veröffentlicht wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der Cusanus-Forschung, darunter seit 1961 die Zeitschrift Mitteilungen und Forschungsbeiträge der Cusanus-Gesellschaft.[12]
Die Mystikfrage
Die gängige Einstufung des Cusanus als Mystiker wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt. Sie geht von einer Interpretation der Koinzidenzlehre aus, die diese als Beschreibung von mystischer Erfahrung deutet. Rudolf Haubstordnet die Konzeption der zu belehrenden Unwissenheit der „mystischen Theologie“ zu, wobei diese als „eine Methode, die zur Einung mit Gott hinführe“ aufzufassen sei.[13] Eine Reihe von Forschern betrachten Cusanus im Sinne eines solchen oder ähnlichen Verständnisses als Mystiker. Dabei wird insbesondere hervorgehoben, die Überwindung der „Mauer“ zwischen dem Gottsuchenden und Gott setzte die Aufhebung des Widerspruchsprinzips voraus, was im Rahmen der Philosophie unmöglich sei; der „Sprung über die Mauer“ sei daher ein mystischer Vorgang, mit dem das dem Verstand Unzugängliche mystisch erfasst werde. Die Berechtigung der Bezeichnung des Cusanus als Mystiker wird aus seiner intensiven Auseinandersetzung mit dieser Thematik abgeleitet. Wer die mystische Vereinigungserfahrung als Zielvorstellung vertrete, könne kaum als Nicht-Mystiker erklärt werden.[14] Allerdings steht fest, dass Cusanus nach eigenem Bekunden ein solches Erlebnis nicht zuteilgeworden ist.[15] Wenn man also unter einem Mystiker jemand versteht, der sich auf seine persönliche mystische Erfahrung beruft, fällt Cusanus nicht in diese Kategorie.[16]
Hans Gerhard Senger konstatiert, die affektive Mystik des Erlebens sei dem Kardinal unbekannt und suspekt geblieben und er habe sie, da sie kein Gegenstand des Wissens sei, für nicht lehrbar gehalten. Ihm sei es um ein zwar mystisches, aber lehrbares Wissen über Gott gegangen; somit habe er eine „kognitiv-epistemische Mystik mit Theoriestatus“ vertreten.[17] Werner Beierwaltes untersucht mystische Elemente im Denken des Cusanus, wobei er unter Mystik „die höchste Möglichkeit (apex theoriae!) aller Kräfte des Menschen, also der bewußten Einheit seiner intellectualen und affektiven Fähigkeiten und Bedürfnisse“ versteht.[18]
Kurt Flasch, der für einen Verzicht auf die Bezeichnung „Mystiker“ plädiert, weist darauf hin, dass der Begriff Mystik vage und dehnbar und wegen seiner Unbestimmtheit problematisch sei. In der Moderne habe sich das Feld der Rationalität verengt; daher erscheine jede Philosophie, die außerhalb dieses engen Feldes liege, als mystisch im Sinne von irrational. Eine solche Terminologie werde aber dem Vernunftverständnis des Cusanus nicht gerecht. Sie sei vielmehr Ausdruck einer Sichtweise, die einem schon zu seiner Zeit erhobenen Einwand gegen seine Koinzidenzlehre zugrunde liege, mit dem er sich habe auseinandersetzen müssen.[19]
Rezeption außerhalb der CusanusforschungHauptportal des Cusanusstifts 1958 veröffentlichte der portugiesische Dichter Jorge de Sena ein Gedicht mit dem Titel De Docta Ignorantia, zu dem ihn der cusanische Schlüsselbegriff der „belehrten Unwissenheit“ inspiriert hatte.[20] In dem 1981 posthum veröffentlichten historischen Roman Nuori Johannes des finnischen Autors Mika Waltari, der 2013 deutsch unter dem Titel Johannes Peregrinus erschien, ist Nikolaus von Kues einer der Protagonisten. Thematisiert werden in dem Roman sein Mitwirken am Konzil von Basel, seine Gesandtschaft in Konstantinopel (1437/1438) und seine Teilnahme am Unionskonzil zu Ferrara und Florenz. 2005 veröffentlichte Wolfgang Jeschke den Roman Das Cusanus-Spiel, in dem Nikolaus als literarische Figur auftritt.
Das von Cusanus als Altersheim für Arme gestiftete St-Nikolaus-Hospital (Cusanusstift) in Bernkastel-Kues erfüllt noch heute die Funktion, die der Stifter ihm zugedacht hat.
Cusanus wurde Namensgeber einer Reihe von Institutionen, darunter des Cusanuswerks (bischöfliche Studienförderung) und der Cusanus-Akademie in Brixen. Eine Anzahl von Schulen tragen seinen Namen: das Bischöfliche Cusanus-Gymnasium in Koblenz, das Cusanus-Gymnasium in Erkelenz, das Cusanus-Gymnasium in St. Wendel, das Cusanus-Gymnasium in Wittlich, das Nicolaus-Cusanus-Gymnasium in Bergisch Gladbach, das Nicolaus-Cusanus-Gymnasium in Bonn, das Humanistische-Gymnasium-Nicolaus-Cusanus in Bruneck, die Cusanusschule, eine Grund- und Hauptschule in Münstermaifeld, sowie das Nikolaus-von-Kues-Gymnasium und die Cusanus-Grundschule in seinem Geburtsort Bernkastel-Kues. Die Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Bernkastel-Kues trug nach ihrer Gründung 2014 bis 2023 den Namen „Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung“. In Stuttgart gibt es das Nikolaus-Cusanus-Haus, ein anthroposophisches Seniorenheim.[21] In Bernkastel-Kues, Erfurt, Ingolstadt, Köln und Koblenz gibt es eine Cusanusstraße.
Der Mondkrater Cusanus ist nach ihm benannt.
- ↑ Zur österreichischen Cusanusrezeption im 15. Jahrhundert siehe Wilhelm Baum: Nikolaus Cusanus in Tirol. Das Wirken des Philosophen und Reformators als Fürstbischof von Brixen, Bozen 1983, S. 58–82.
- ↑ Siehe zu dem Konflikt James Hogg u. a. (Hrsg.): Autour de la docte ignorance: une controverse sur la théologie mystique au XVe siècle, Salzburg 1992 (enthält Nachdruck der gleichnamigen Untersuchung von Edmond Vansteenberghe, Münster 1915, mit Edition von Quellentexten zur Kontroverse); Stephan Meier-Oeser: Die Präsenz des Vergessenen. Zur Rezeption der Philosophie des Nicolaus Cusanus vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, Münster 1989, S. 26–31; Wilhelm Baum: Nikolaus Cusanus in Tirol. Das Wirken des Philosophen und Reformators als Fürstbischof von Brixen, Bozen 1983, S. 63–79, 129 f.; Kurt Flasch: Nikolaus von Kues. Geschichte einer Entwicklung, 3. Auflage, Frankfurt a. M. 2008, S. 181–194.
- ↑ Joseph E. Hofmann: Über Regiomontans und Buteons Stellungnahme zu Kreisnäherungen des Nikolaus von Kues. In: Mitteilungen und Forschungsbeiträge der Cusanus-Gesellschaft 6, 1967, S. 124–154.
- ↑ Hugo de Novo Castro: Tractatus de victoria Christi, Nürnberg 1471, Anhang: Bl. 39r–40v.
- ↑ Hans Gerhard Senger: Nikolaus von Kues. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage, Bd. 6, Berlin 1987, Sp. 1093–1113, hier: 1111.
- ↑ Zur Kontroverse um die Cusanus-Rezeption bei Ficino und Pico siehe Kurt Flasch: Nicolaus Cusanus, München 2001, S. 149–152.
- ↑ Kurt Flasch: Nicolaus Cusanus, München 2001, S. 154–158; Stephan Meier-Oeser: Die Präsenz des Vergessenen. Zur Rezeption der Philosophie des Nicolaus Cusanus vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, Münster 1989, S. 231–281.
- ↑ Zu Keplers Auseinandersetzung mit Cusanus siehe Stephan Meier-Oeser: Die Präsenz des Vergessenen. Zur Rezeption der Philosophie des Nicolaus Cusanus vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, Münster 1989, S. 285–292; Volker Bialas: Johannes Kepler, München 2004, S. 69 f.
- ↑ Marie-Luise Heuser: Transterrestrik in der Renaissance: Nikolaus von Kues, Giordano Bruno und Johannes Kepler. In: Michael Schetsche, Martin Engelbrecht (Hrsg.): Von Menschen und Außerirdischen. Transterrestrische Begegnungen im Spiegel der Kulturwissenschaft, Bielefeld 2008, S. 55–79.
- ↑ Vgl. Kirstin Zeyer: Cusanus in Marburg. Hermann Cohens und Ernst Cassirers produktive Form der Philosophiegeschichtsaneignung, Münster 2015.
- ↑ Siehe dazu den Editionsbericht von Werner Beierwaltes: Die Cusanus-Edition der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. In: Volker Sellin (Hrsg.): Die Forschungsvorhaben der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 1909–2009, Heidelberg 2009, S. 105–113 (online).
- ↑ Rita Warmbold: Übersicht zu den Mitteilungen und Forschungsbeiträgen ( vom 7. Februar 2013 im Internet Archive).
- ↑ Rudolf Haubst: Streifzüge in die cusanische Theologie, Münster 1991, S. 334–339.
- ↑ Alois Maria Haas: „… das Letzte unserer Sehnsüchte erlangen.“ Nikolaus von Kues als Mystiker, Trier 2008, S. 6 f. und Anm. 5, S. 64–67; William J. Hoye: Die mystische Theologie des Nicolaus Cusanus, Freiburg 2004, S. 180–183.
- ↑ Alois Maria Haas: „… das Letzte unserer Sehnsüchte erlangen.“ Nikolaus von Kues als Mystiker, Trier 2008, S. 6 f. und Anm. 5; Jan Bernd Elpert: Loqui est revelare – verbum ostensio mentis. Die sprachphilosophischen Jagdzüge des Nikolaus Cusanus, Frankfurt am Main 2002, S. 215.
- ↑ In diesem Sinne bemerkt Karl-Hermann Kandler: Nikolaus von Kues. Denker zwischen Mittelalter und Neuzeit, 2. Auflage, Göttingen 1997, S. 106: „Man kann Nikolaus kaum einen 'Mystiker' im strengen Sinne des Wortes nennen“. Vgl. Bernard McGinn: Die Mystik im Abendland, Bd. 4, Freiburg 2008, S. 712.
- ↑ Hans Gerhard Senger: Mystik als Theorie bei Nikolaus von Kues. In: Peter Koslowski (Hrsg.): Gnosis und Mystik in der Geschichte der Philosophie, Zürich 1988, S. 111–134, hier: 113.
- ↑ Werner Beierwaltes: Mystische Elemente im Denken des Cusanus. In: Walter Haug, Wolfram Schneider-Lastin (Hrsg.): Deutsche Mystik im abendländischen Zusammenhang, Tübingen 2000, S. 425–446, hier: 445.
- ↑ Kurt Flasch: Nikolaus von Kues. Geschichte einer Entwicklung, Frankfurt/Main 1998, S. 50–53.
- ↑ Text des Gedichts bei Hans Gerhard Senger: Ludus sapientiae. Studien zum Werk und zur Wirkungsgeschichte des Nikolaus von Kues, Leiden 2002, S. 386 f. (portugiesisch und deutsch); Interpretation dazu S. 384–395.
- ↑ Nikolaus-Cusanus-Haus.