Präsupposition
prä-Supposition lat.-deu. wrtl. 'Vorausunterstellung, Vorunterstellung'; "Vorannahmen"
Der Ausdruck Präsupposition (von lateinisch praesupponere ‚voraussetzen‘) bezeichnet in der Sprachphilosophie und in der Linguistik eine implizite Voraussetzung. Eine Präsupposition ist eine Bedingung, die erfüllt sein muss, damit ein Satz überhaupt als wahr oder falsch beurteilt werden kann. Das Phänomen der Präsuppositionen wird teils der Semantik, teils auch der Pragmatik zugeordnet. Zuweilen werden auch Plausibilitätsbedingungen als Präsuppositionen behandelt.
Ein Sonderfall ist die Frage, ob die Verwendung von Eigennamen eine Existenzpräsupposition bedeutet, d. h. ob damit vorausgesetzt wird, dass das bezeichnete Objekt existiert und ob leere Eigennamen (ohne reales Objekt) als Kennzeichnungen verstanden werden müssen, unsinnig sind, oder in ein anderes Bezugssystem (im Sinne von frame of reference) gesetzt werden müssen.
Von Gottlob Frege wurde der Begriff (nicht schon der Terminus) im Sinne der selbstverständlichen Voraussetzung, dass Eigennamen eine Bedeutung haben, entwickelt[1] und in der analytischen Sprachphilosophie (Russell, Strawson) vertieft. Seit den 1970er-Jahren wird er auch in der Linguistik gebraucht.
Von Frege stammt das Beispiel:
- „Kepler starb im Elend“.[2]
Dieser Satz setzt voraus, dass es einen Menschen namens Kepler gab.
Von Bertrand Russell stammt das Beispiel:
- „Der gegenwärtige König von Frankreich ist kahlköpfig“ („The present king of France is bald“)[3]
Dieser Satz setzt voraus, dass Frankreich gegenwärtig einen König hat.
- Die Präsupposition unterscheidet sich von der Proposition[4] und ist somit nicht Teil der eigentlichen Aussage.# Im Unterschied zur logischen Implikation ist die Präsupposition unter interner Negation konstant, das heißt, eine Aussage hat dieselben Präsuppositionen wie ihre interne Verneinung (ausführlich siehe unten).
- Der Unterschied zwischen Existenzpräsupposition und semantischer Implikation besteht darin, dass sich diese Präsupposition mit der Existenz vorkommender Objekte, die durch Eigennamen o. Ä. bezeichnet sind, befasst. Die semantische Implikation prüft nur die Aussagekongruenz zweier Aussagen zueinander.
- Die Präsupposition als „allgemeine Sinnvoraussetzung“[5] wird unterschieden von der Implikatur. Die meisten Präsuppositionen sollen allerdings „konventionelle Implikaturen“[6]sein.# „Die Präsuppositionen eines Fragesatzes sind mit denen ihrer möglichen Antworten identisch“[7] (das heißt zugleich, dass nicht nur Aussagesätze Präsuppositionen haben).
Die theoretische Erfassung der Präsupposition ist umstritten. Akademisch herkömmlich wird eine semantische und eine pragmatische Präsuppositionstheorie bzw. ein semantischer und ein pragmatischer Präsuppositionsbegriff unterschieden.[8] Neuere Theorien versuchen eine Synthese der Ansätze[9].
- Die semantische, modern Peter Strawson zugeordnete Präsuppositionstheorie sieht in Präsuppositionen die Bedingungen, die vorliegen müssen, damit ein Satz wahr oder falsch sein kann, einem Satz ein Wahrheitswert (im Sinne der klassischen Logik) zugeordnet werden kann. Eine Präsuppositionsverletzung (engl. presupposition failure) führt zu einer Wahrheitswertlücke.
- Die pragmatische Präsuppositionstheorie versucht die Präsupposition vom Sprachgebrauch her zu erfassen. Es geht nach ihr nicht um die Frage des Wahrheitsgehaltes einer Aussage, sondern darum, ob eine Äußerung dem den Gesprächspartnern bekannten Weltwissen angemessen ist[10].
Im Hinblick darauf wird auch zwischen zeichengebundenen Präsuppositionen (als Teil der Semantik) und gebrauchsgebundenen (pragmatischen) Präsuppositionen (als Teil der Pragmatik) unterschieden. Letztere sollen nicht textgebunden sein und den Adressaten zwingen, „Informationen aus dem eigenen Weltwissen zu ergänzen“[11].
Nach Nicholas Rescher[12] trägt ein Satz drei Präsuppositionen: dass er sinnvoll ist, dass er möglich ist und dass er wahr ist. So setzt der Satz „Schmidt hat dieses Verbrechen begangen“ z. B. voraus, dass Schmidt überhaupt ein handlungsfähiges Subjekt ist und dass die Handlung, mit der auf ‚dieses‘ verwiesen wird, tatsächlich ein Verbrechen ist (Sinn), dass Schmidt überhaupt in der Lage war, die Handlung zu begehen (Möglichkeit), und dass er es tatsächlich getan hat (Wahrheit).[13]
Präsuppositionsauslöser (auch: Präsuppositionstrigger, Trigger) sind Ausdrücke, die Präsuppositionen auslösen.
Im Deutschen gehören unter anderem dazu:[14]
- faktive Verben: Beispiel: Der Satz „A hat nicht vergessen, dass B geschieht“ präsupponiert, dass B geschieht.
- implikative Verben: Beispiel: Der Satz „Der Politiker hat die Wahl nicht gewonnen“ setzt voraus, dass der Politiker kandidiert hat.
- Verben der Zustandsveränderung: Beispiel: Der Satz „A hat aufgehört zu rauchen“ präsupponiert, dass A zuvor geraucht hat.
- Spaltsätze: Der Satz „Es war nicht A, der B ermordet hat“ setzt voraus, dass B ermordet wurde.