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Meister Eckhart Rezeption

aus AufEinWort, der freien Forschung

Spätmittelalter

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Am 30. April 1328 teilte Papst Johannes XXII. dem Erzbischof von Köln mit, dass Eckhart verstorben sei, der Prozess gegen ihn jedoch fortgesetzt und zügig beendet werde. Am 27. März 1329 ließ der Papst die Bulle In agro dominicoveröffentlichen. Darin stellt er fest, die häresieverdächtigen 28 Sätze seien von vielen Theologen, vom Kardinalskollegium und von ihm selbst überprüft worden. Dabei habe sich herausgestellt, dass siebzehn Sätze irrig oder häretisch seien; bei zweien von ihnen sei Eckharts Urheberschaft allerdings unklar. Mit der Formulierung, die Sätze enthielten Irrtum „oder“ Häresie, lässt der Papst die Möglichkeit offen, dass Eckhart in gutem Glauben irrte und somit kein Häretiker war. Die restlichen elf Sätze seien auf üble Weise und sehr verwegen formuliert und daher verdächtig, aber mit vielen Erläuterungen und Ergänzungen in rechtgläubigem Sinn interpretierbar. Im Übrigen habe Eckhart hinsichtlich aller seiner Schriften und Äußerungen pauschal jede Entscheidung des Papstes von vornherein akzeptiert. Daher sprach der Papst dem Angeklagten nicht die Rechtgläubigkeit ab, sondern verurteilte nur die Sätze. Allerdings stellte er in der Präambel (narratio) der Bulle ausdrücklich fest, Eckhart sei vom Teufel verführt worden.

Am 15. April 1329 befahl Johannes XXII. dem Kölner Erzbischof, die Bulle In agro dominico in seiner Kirchenprovinzzu veröffentlichen. Auch in anderen Kirchenprovinzen Nordwesteuropas wurde die päpstliche Verurteilung von Eckharts Lehren bekannt gemacht.[96] Die Bulle verurteilt nicht nur die Lehrsätze Eckharts, die im Inquisitionsverfahren als irrig oder häretisch bzw. als häresieverdächtig eingestuft worden waren, sondern auch jedes seiner Werke, das auch nur einen der Lehrsätze enthält. Sie verbietet jede Verteidigung oder Verbreitung der verurteilten Lehren und droht bei Zuwiderhandlung ein Häresieverfahren an. Der Papst hebt hervor, seine Sorge gelte besonders der Gefahr einer Irreführung der einfachen Gläubigen.

Das Ergebnis des Verfahrens erregte großes Aufsehen. Dennoch wurden im Spätmittelalter die deutschen Werke weiterhin im deutschen und niederländischen Sprachraum verbreitet, insbesondere unter Dominikanern, Franziskanern und Augustinern.[97] Die lateinischen Schriften zum Teil in die Volkssprache übersetzt, allerdings gewöhnlich ohne Nennung des Verfassernamens oder mit Zuschreibung an einen anderen Autor.

Ein Schüler Eckharts, Heinrich Seuse (1297–1366) verteidigte – wenn auch ohne Namensnennung und auf indirekte Weise – nach dem Tod seines Lehrers dessen Theologie im Büchlein der Wahrheit. Daher wurde Seuse vor Gericht gestellt, kam aber glimpflich davon. Stark von Eckharts Ideen beeinflusst war Johannes Tauler (1300–1361). Auch andere Autoren des 14. Jahrhunderts wie Nikolaus von Landau, Johannes von Dambach (1288–1372) und der Franziskaner Marquard von Lindau (1320/30–1392) zitierten ihn, gewöhnlich ohne ihn als Quelle zu nennen, und in zahlreichen anonym überlieferten Schriften des Spätmittelalters lässt sich sein Einfluss feststellen.[98] Der Inquisitor Jordan von Quedlinburg (1300–1370/80) bekämpfte die vom Papst verurteilten Lehren heftig, zitierte aber auch in seinen Schriften zustimmend und ohne Namensnennung Passagen aus Eckharts Kommentar zum Johannesevangelium.[99]

Neben der Rezeption in der Gelehrtenwelt lebte Eckharts Andenken auch im Volk weiter. Erzählungen und Anekdoten aus seinem Leben – teils in Gesprächsform – wurden im Laienpublikum verbreitet („Eckhartlegenden“). Für seine Bewunderer wurde er zum „weisen Meister“, zum Muster eines geistlichen Lehrers und leuchtenden Vorbild. Sein Wirken wurde nach Art der Heiligenlegenden dargestellt und verherrlicht.[100]

Einerseits wirkte der Häresievorwurf abschreckend, andererseits trug Eckharts Konflikt mit der kirchlichen Hierarchie dazu bei, dass sich kirchenkritisch gesinnte Laienkreise auf ihn beriefen. Die Bestrebungen dieser rebellischen Strömung werden in der modernen Forschung unter der Bezeichnung „antihierarchische Tendenzen“ zusammengefasst. Aus der Perspektive der antihierarchisch Gesinnten erscheint Eckhart als Freund und Förderer der einfachen Leute, der theologisch ungebildeten Laien, die sich gegen Bevormundung durch die Theologen zur Wehr setzen und dem Klerus Reichtum und Verweltlichung vorwerfen. Das bedeutendste und umfangreichste Schriftstück aus diesem Milieu ist der mittelniederländische Dialog „Eckhart und der Laie“ (De dialoog van Meester Eggaert en de onbekende leek). Er entstand wohl 1340/41 im Umkreis des Benediktinerinnenklosters Rijnsburg. In einem fiktiven Zwiegespräch antwortet Eckhart auf Fragen eines sehr selbstsicher auftretenden Laien, der für sich ein theologisches Mitspracherecht in Anspruch nimmt und seinerseits Fragen Eckharts beantwortet. Der Laie tadelt die Ketzerverfolgungen durch die Inquisition heftig. Er spielt die Laienfrömmigkeit gegen den Überlegenheitsanspruch des Klerus aus und fühlt sich dabei im Einverständnis mit Eckhart.[101]

Ganz anders fiel das Urteil der im Armutsstreit von Papst Johannes XXII. exkommunizierten Franziskanertheologen des 14. Jahrhunderts über Eckhart aus. Michael von Cesena und Wilhelm von Ockham betrachteten Eckhart als Verbreiter abscheulicher Irrtümer. Die franziskanischen Kritiker beklagten sich darüber, dass Eckarts Lehren so zahlreiche Anhänger gefunden hatten. Ockham hielt Eckharts Ansichten für eher phantastisch und verrückt als häretisch. Er warf Papst Johannes XXII., den er wegen seiner Haltung zur Streitfrage der Armut Jesu und der Apostel selbst der Häresie beschuldigte, vor, er habe Eckharts unsinnige Lehren begünstigt, und behauptete, die Irrtümer des Dominikaners seien nie verurteilt worden. Offenbar kannte er die Verurteilungsbulle nicht.

In den Niederlanden erhob sich im 14. Jahrhundert gegen die dort populären Lehren Eckharts ein heftiger Widerstand, der von maßgeblichen Persönlichkeiten der Frömmigkeitsbewegung getragen wurde. Jan van Ruysbroek griff ihn scharf, doch ohne Namensnennung, als „falschen Propheten“ an. In den fünfziger Jahren des 14. Jahrhunderts polemisierte Jan van Leeuwen in mehreren Traktaten leidenschaftlich gegen den „Antichrist“ und „teuflischen Menschen“ Eckhart, dem er ein pantheistisches Weltbild unterstellte. Geert Groote, der Inspirator der Devotio moderna, schloss jeden, der Eckharts verurteilte Ansichten vertrat oder einschlägige Schriften besaß, aus seiner Kongregation aus. Auch Gerard Zerbolt van Zutphen warnte vor Eckhart.[102]

<figure class="mw-default-size">[1]<figcaption>Nikolaus von Kues. Zeitgenössisches Stifterbild vom Hochaltar der Kapelle des St.-Nikolaus-Hospitals, Bernkastel-Kues</figcaption></figure>

Im 15. Jahrhundert fand Eckhart starkes Interesse und hohes Lob bei Nikolaus von Kues. Nikolaus ließ sich 1444 eine umfangreiche Abschrift des ihm zugänglichen Teils der lateinischen Werke des Dominikaners erstellen, die er mit kommentierenden Randnotizen versah. Er schrieb in seiner Apologia doctae ignorantiae (1449), man finde in Eckharts Schriften „viel Scharfsinniges und Nützliches“, doch seien solche Erkenntnisse nur klugen Lesern (intelligentes) hilfreich; für einfache Gemüter seien diese Lehren unverständlich, daher solle man sie dem Volk (vulgus) nicht zugänglich machen. Nikolaus antwortete damit seinem Widersacher Johannes Wenck, einem Heidelberger Theologieprofessor. Wenck hatte ihm in der Streitschrift Ignota litteratura Nähe zu Eckhart und pantheistisches Gedankengut vorgeworfen und sich dabei auf die päpstliche Verurteilungsbulle von 1329 berufen.[103]

Im Benediktinerkloster Melk wurden im 15. Jahrhundert deutsche Predigten und Sprüche Eckharts abgeschrieben, wobei der Name des Autors sogar angegeben wurde. In einer bearbeiteten, entschärften Fassung sollten sie zur Belehrung der Laienbrüder dienen. Auch in anderen österreichischen Klöstern waren im Spätmittelalter Texte Eckharts bekannt.[104]

Frühe Neuzeit

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Vier von Eckharts Predigten, die damals fälschlich Johannes Tauler zugeschrieben wurden, fanden Aufnahme in die ersten Taulerdrucke (Leipzig 1498 und Augsburg 1508). In Adam Petris 1521 erschienenem Basler Taulerdruck stehen auch Predigten, die der Herausgeber Autoren zuschreibt, die Tauler beeinflussten. Unter diesen „Lehrern“ hebt Petri Eckhart hervor, der ein „vortrefflich hochgelehrter Mann“ gewesen sei, aber von vielen seiner gelehrten Zeitgenossen nicht verstanden worden sei. Petris Druck enthält zahlreiche Predigten Eckharts. Auch im 1543 erschienenen, von Petrus Canisius bearbeiteten Kölner Taulerdruck und in dessen lateinischer Übersetzung durch Laurentius Surius (1548) finden sich Texte Eckharts. Surius wagte es, Eckhart als Verfasser zu nennen. Seine Ausgabe wurde im 16. und 17. Jahrhundert mehrmals neu aufgelegt und in eine Reihe von weiteren Sprachen übersetzt. Dadurch wurden einige Predigten Eckharts auch außerhalb des deutschen Sprachraums bekannt.

Den Taulerdruck von 1508 hat Martin Luther studiert. Seine Randbemerkungen sind erhalten; einige davon beziehen sich auf eine in dem Druck enthaltene, Tauler zugeschriebene Predigt Eckharts. Es gibt aber keinen Anhaltspunkt dafür, dass Luther oder sein Umkreis bewusst von Eckhart Notiz nahm.[105] Ein evangelischer Schriftsteller, der Gedankengut Eckharts nicht nur indirekt über Tauler, sondern auch direkt aus Eckharts Predigten im Basler Taulerdruck aufnahm, war Valentin Weigel († 1588). Er griff unter anderem das Konzept der geistlichen Armut auf und berief sich ausdrücklich auf Eckhart.[106] Der evangelische Liederdichter Daniel Sudermann verarbeitete Gedanken Eckharts, den er bewunderte, in einigen seiner Liedertexte. Er sammelte und kopierte eifrig Handschriften mittelalterlicher religiöser Werke, darunter auch Abschriften von Texten Eckharts. Der Pietist Gottfried Arnold († 1714) war ein profilierter Vertreter einer evangelischen Eckhart-Rezeption, die den Dominikaner zu einem Vorläufer der Reformation erklärte.[107]

Im Zeitalter der Aufklärung fand Eckhart in der gebildeten Öffentlichkeit wenig Beachtung. In weiten Kreisen der an mittelalterlicher Spiritualität Interessierten hielt man sich an die 1719–1721 in Paris veröffentlichte Standarddarstellung der Literaturgeschichte des Dominikanerordens von Jacques Quétif und Jacques Echard, Scriptores Ordinis Praedicatorum. Dort war eine von Quétif stammende relativ unvoreingenommene Präsentation und Interpretation des damals bekannten Materials zu finden, was viel zur Rehabilitierung Eckharts bei Katholiken, die für sein Gedankengut empfänglich waren, beitrug. Andererseits wurde im kirchlichen Milieu aber auch mit Berufung auf die Verurteilungsbulle das Bild vom Erzketzer und Gotteslästerer Eckhart gepflegt. Ein Wortführer dieser Richtung war im 17. Jahrhundert der italienische Kirchengeschichtsschreiber Odoricus Raynaldus (Odorico Rinaldi), auf den sich spätere Eckhart-Gegner stützten.[108]

Moderne

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Historisch-philologische Erforschung und Erschließung

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Franz Pfeiffer

Im frühen 19. Jahrhundert kam es zu einer Wiederentdeckung Eckharts, zu welcher der Philosoph Franz von Baadermaßgeblich beitrug. Vorarbeiten, die Baader begonnen bzw. angeregt hatte, verwertete der Germanist Franz Pfeiffer, der 1857 die erste moderne Ausgabe mittelhochdeutscher Predigten und Traktate Eckharts herausgab. Damit leitete Pfeiffer die wissenschaftliche Erforschung von Eckharts Schriften ein. Der Dominikanerpater Heinrich Denifleentdeckte zuvor unbekannte lateinische Werke, aus denen er 1886 Auszüge veröffentlichte. Damit brachte er erstmals Eckhart als „Scholastiker“ zur Geltung. Denifle kritisierte, dass die ältere Forschung sich weitgehend darauf beschränkt habe, auf der Basis der deutschen Werke Eckhart als „Mystiker“ zu behandeln, obwohl die Existenz der lateinischen Werke, in denen er sich als scholastischer Denker zeigt, beispielsweise über Nikolaus von Kues bekannt war.

Der Philosophiehistoriker Raymond Klibansky plante mit einer Gruppe von Kollegen eine kritische Ausgabe der lateinischen Werke. Er konnte aber nur drei Faszikel herausbringen, die im Zeitraum 1934–1936 erschienen. Erfolgreich war hingegen ein umfassenderes Projekt, das eine große endgültige Standardedition sämtlicher Werke zum Ziel hatte. Dieses Vorhaben nahm im Herbst 1934 die Deutsche Forschungsgemeinschaft in Angriff. Sie gründete eine Eckhart-Kommission. Mit der Herausgabe der deutschen Werke wurde Josef Quint beauftragt, die Edition der lateinischen Werke übernahm Josef Koch. Bezüglich einzelner Predigten waren schwierige Echtheitsfragen zu klären. Heute ist das Editionsprojekt fast abgeschlossen.

Philosophische und theologische Rezeption im 19. Jahrhundert

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Der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel schätzte den spätmittelalterlichen Denker und betrachtete ihn als Geistesverwandten.[109] Schopenhauer beschäftigte sich in seinen letzten Lebensjahren mit Eckhart. Er meinte, Eckhart habe „wundervoll tiefe und richtige Erkenntniß“ besessen, doch habe er sie nur schlecht mitteilen können, denn er sei genötigt gewesen, seine Gedanken „in die Sprache und Mythologie des Christenthums zu übersetzen“.[110]

Der Hegelschüler Karl Rosenkranz prägte das Schlagwort „deutsche Mystik“ als Bezeichnung für eine mittelalterliche philosophische Bewegung, in der er einen Vorläufer einer spezifisch deutschen Philosophie sah. Bei Romantikern und Anhängern des Deutschen Idealismus formte sich ein von Bewunderung bestimmtes Eckhartbild, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch nationale Züge zeigte. Man sah in dem Dominikaner einen typisch deutschen Denker, der sich seiner Muttersprache zu bedienen wagte und sich der lateinischsprachigen Welt der Scholastik und der katholischen Kirchenhierarchie widersetzte. Er wurde zum Begründer einer spezifisch deutschen Philosophie und Theologie gemacht und unter die deutschen Helden der Vergangenheit eingereiht. Verbreitet war außerdem die von dem Hegelianer Adolf Lasson propagierte Vorstellung, Eckhart sei Pantheist gewesen, und die damit verbundene Ansicht, er habe sich gänzlich von der kirchlichen Autorität gelöst.[111]

Heinrich Denifle

Gegen diese verbreiteten Vorstellungen wandte sich Heinrich Denifle, der Eckhart nicht nur unter die Scholastiker einreihte, sondern zugleich auch ein vernichtendes Urteil über seine Leistung im Rahmen der scholastischen Wissenschaft fällte. Er charakterisierte ihn als schlechten Scholastiker und verworren denkenden Theologen, der sich unpräzise ausdrücke, und bestritt seine Originalität. Denifle kritisierte Eckhart aus thomistischer Sicht, wobei er ihm „krankhaftes Denken“ vorwarf und zum Ergebnis kam, die kirchliche Verurteilung sei völlig zu Recht erfolgt.[112]

Weltanschauliche Kontroversen des 20. Jahrhunderts

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Ab der Jahrhundertwende kam es in der Wissenschaft – zunächst von germanistischer Seite – zu einer Korrektur des von Denifle geprägten negativen Bildes, das einseitig auf Eckharts Rolle als lateinisch schreibender Scholastiker basiert. Außerhalb der Gelehrtenwelt dominierte ohnehin nach wie vor die traditionelle positive Einschätzung Eckharts. Aus theologischer Sicht hatte Denifle ausdrücklich an die kirchliche Tradition der Verurteilung von Eckharts Lehre als Häresie angeknüpft. In kirchenfernen Kreisen spielte dieser Aspekt jedoch keine Rolle, oder Eckharts Konflikt mit dem Lehramt wurde sogar positiv gewertet. Kirchenkritiker und Antidogmatiker sahen gerade in der Emanzipation von dogmatisch-kirchlicher Befangenheit, die ihm gelungen sei, eine besonders lobenswerte Leistung.[113]

Zur Ausformung und Verfestigung des antikirchlichen bzw. antikatholischen Eckhartbilds trug maßgeblich die 1903–1909 bei Eugen Diederichs erschienene zweibändige Übertragung der mittelhochdeutschen Werke in modernes Deutsch von Herman Büttner bei. Sie erzielte eine außerordentliche Breitenwirkung; noch 1959 erschien eine Neuauflage. Büttner, der sehr frei übersetzte und dabei seine eigenen Interpretationen einfließen ließ, machte Eckharts Lehre erstmals einer breiten religiös interessierten Öffentlichkeit zugänglich und popularisierte sie in der Gestalt, die er ihr gab. Er zeichnete seinen Helden als Kämpfer gegen das Kirchentum und für eine unmittelbare Beziehung des Gläubigen zu Gott ohne Vermittlung durch Priester.

Gustav Landauer veröffentlichte 1903 eine Auswahlübersetzung von Schriften Eckharts, die 1920 von Martin Buberneu herausgegeben wurde, aber bei weitem nicht die Verbreitung von Büttners Übersetzung erreichte.

Wie bereits im 19. Jahrhundert spielten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei der Rezeption in der breiten Öffentlichkeit nationalistische Motive eine Rolle. Schon Büttner hielt Eckhard für einen Repräsentanten „germanischen Wesens“. National gesinnte Autoren betonten den Gegensatz zwischen dem deutschen Denker und der römischen Kirche. Dabei beriefen sie sich auf Eckharts deutsche Werke, in denen er das Wesentliche seiner Botschaft verkündet habe, und betrachteten die lateinischen als relativ unwesentlich.[114]

An diese Vorstellungen und Wertungen konnte der Nationalsozialismus anknüpfen. Seine Propagandisten vereinnahmten den mittelalterlichen Mönch als Vertreter einer spezifisch germanischen Weltanschauung. Zu den nationalsozialistischen Philosophen, die sich für Eckhart begeisterten, gehörten Hermann Schwarz und Ernst Bergmann. Die Hauptrolle spielte Alfred Rosenberg, der in Eckhart seinen wichtigsten Vorläufer und den Schöpfer einer neuen Religion sah und ihn zur Schlüsselgestalt der germanischen Kulturgeschichte erhob. Rosenberg nannte als Verdienste des mittelalterlichen Denkers, dass er die Gleichwertigkeit der Seele mit Gott verkündet und dem Willen den Vorrang vor der Vernunft gegeben habe.[115]

Unter katholischen Gelehrten kam es zu Kontroversen zwischen einer Richtung, die Eckhart hinsichtlich des Häresievorwurfs rehabilitieren wollte (Otto Karrer, Alois Dempf, Herma Piesch), und der vor allem von dem einflussreichen Scholastikforscher Martin Grabmann vertretenen Richtung, die an Denifles Einschätzung festhielt.

Marxistische Autoren pflegten Eckharts Tätigkeit als objektiv fortschrittlich einzustufen. Sie fanden in seiner Lehre einen pantheistischen Zug, den sie als Vorstufe des Atheismus und Materialismus betrachteten. Er habe das Subjekt mit der Gottheit gleichgesetzt und damit den Anspruch der Kirche, als unentbehrliche Mittlerin zwischen Gott und den Gläubigen benötigt zu werden, verworfen. Damit sei er gegen einen Kernbestandteil der damals herrschenden Ideologie des Feudalismus aufgetreten. Hermann Ley, der sich eingehend mit Eckhart befasste, hielt ihn für einen Theoretiker bäuerlich-plebejischer Gruppierungen, von dem ein antifeudaler, sozialrevolutionärer Impuls ausgegangen sei.[116]Ernst Bloch sah in Eckhart einen Fortsetzer der neuplatonischen Tradition, dessen historische Leistung im „Überspringen der Sakramentskirche und dann jeder Obrigkeit“ bestanden habe.[117]

Jüngere philosophiehistorische Forschung

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Skulptur von Meister Eckhart inBad Wörishofen

Seit dem Ende der 1960er Jahre hat sich das Interesse an Eckhart intensiviert. Einen Schwerpunkt bildet die Untersuchung seines Verhältnisses zum philosophischen und theologischen Schrifttum, von dem er Anregungen erhielt. Dabei werden u. a. die Unterschiede zwischen seiner Lehre und dem Thomismus deutlicher herausgearbeitet. Der Einfluss Dietrichs von Freiberg auf Eckharts Denken findet vermehrt Beachtung.

Die jüngere philosophiehistorische Forschung bemüht sich verstärkt um die Einbettung von Eckharts Denken in seinen historischen Kontext. Dabei wird kontrovers diskutiert, ob es sinnvoll ist, Eckhart als Mystiker anzusehen, obwohl er sich selbst nicht so bezeichnete, und seine Werke in eine Gattung „mystisches Schrifttum“ einzuordnen. Die Philosophiehistoriker Kurt Flasch[118] und Burkhard Mojsisch[119] („Bochumer Schule“) bestreiten dies. Ihre Hinweise auf die terminologische Problematik haben breite Zustimmung gefunden; so begrüßt Reinhard Margreiter den Einspruch der Bochumer gegen einen „gewissermaßen verschlampten, d. h. zu wenig hinterfragten und oft unbesehen repetierten Mystikbegriff“.[120] Dennoch wollen viele Forscher – auch Margreiter – nicht auf die Bezeichnung „Mystik“ für bestimmte Aspekte von Eckharts Lehre verzichten. Sie verwenden sie weiterhin, aber vorsichtig und nur in einem jeweils durch bestimmte Kriterien definierten, eingeschränkten Sinn. Margreiter fordert eine Präzisierung des Begriffs, der „einer nahezu babylonischen Sprachverwirrung ausgesetzt“ sei; aus der Verschiedenheit der Ansätze resultiere eine breite Palette von miteinander oft unverträglichen Bedeutungen.[121] Alois M. Haas plädiert für das Festhalten am Begriff Mystik, der unentbehrlich sei. Allerdings sei zuzugeben, dass dieses Etikett gerade in der Eckhartforschung „in zum Teil groteskem Sinn“ falsch eingesetzt worden sei. Eckhart sei „einer der konsequentesten Gegner üppiger Visionsmystik“ gewesen.[122] Den Hintergrund der terminologischen Debatte bildet die Frage nach dem Verhältnis zwischen philosophischer Argumentation und der Berufung auf eine nur aus individueller Erfahrung ableitbare und damit exklusive Erkenntnis. Dabei geht es nicht darum, ob Eckhart eine „mystische“ Erfahrung und Erkenntnis für sich in Anspruch nahm, sondern darum, ob bzw. inwieweit ein solcher Anspruch in seinen Werken eine erkennbare Rolle spielt.[123]

Der wissenschaftlichen Erforschung und Darstellung von Leben und Werk Eckharts widmet sich die 2004 gegründete interdisziplinäre „Meister-Eckhart-Gesellschaft“. Sie veranstaltet Tagungen und gibt das „Meister-Eckhart-Jahrbuch“ heraus.

Perspektiven der Psychologie und Religionswissenschaft

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Hugo Enomiya-Lassalle (1898–1990)

Neben die philosophische und theologische Auseinandersetzung mit Eckharts Denken treten ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert religionswissenschaftliche, im 20. Jahrhundert auch psychologische Ansätze. Hinzu kommt eine Vielfalt von außerwissenschaftlichen Bestrebungen, seine Lehre für eine gelebte Spiritualität fruchtbar zu machen. Dabei werden oft Vergleiche mit fernöstlichen Traditionen angestellt und insbesondere Übereinstimmungen mit dem Zen-Buddhismus herausgearbeitet. Eine Übereinstimmung mit dem Urbuddhismus hatte schon Schopenhauer angenommen. Zu den Autoren, die sich mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben, zählen Rudolf Otto, Heinrich Dumoulin, Karlfried Graf Dürckheim, Hugo M. Enomiya-Lassalle, Daisetz Teitaro Suzuki, Hildegard Elisabeth Keller,[124] Alois M. Haas und Shizuteru Ueda.[125]

Der Begründer der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung sah in Eckhart den größten Denker seiner Epoche und meinte, er habe eine „relativistische Gottesauffassung“ verkündet, die Gott vom menschlichen Subjekt abhängig mache. Er habe Gott als „psychologischen Wert“ verstanden und erkannt, dass dieser „Hauptwert“ nicht in die Objekte der Außenwelt zu projizieren sei, von wo man sich ihn dann holen müsse, wobei man aber von den Objekten gestört werde. Vielmehr sei die Projektion zu erkennen und rückgängig zu machen und Gott in der Seele, also im Subjekt, zu verorten, was ein erhöhtes Lebensgefühl zur Folge habe. In diesem Sinne sei die Gottesgeburt in der Seele als psychischer Vorgang zu verstehen und Eckharts Gott – im Unterschied zu seiner Gottheit – eine Funktion der Seele.[126]

Der Psychoanalytiker Erich Fromm ging in seiner 1976 veröffentlichten Studie Haben oder Sein ausführlich auf Eckharts deutsche Predigt über die Armut im Geiste[127] ein. Er deutete Eckharts ontologische Aussagen psychologisch um. Das in der Predigt behandelte Ideal der Armut an Willen, Wissen und Haben interpretierte er im Sinne seines Plädoyers für eine Existenzweise des Seins statt des Habens.[128]

Belletristik

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bot das Leben Eckharts auch Stoff für belletristische Darstellungen, die zum Teil gemäß dem damals vorherrschenden Eckhartbild nationalistisch gefärbt waren. 1925 erhielt Paul Gurk für seinen Roman Meister Eckehart den Romanpreis der Stadt Köln. 1927 erschien Meister Ekkehart. Ein Roman der deutschen Seele von Hans Much. 1931 widmete Ludwig Fahrenkrog dem mittelalterlichen Denker den sechsten Band des Zyklus Gott im Wandel der Zeiten mit dem Titel Richter Irrwahn. Erwin Kolbenheyer schrieb den Roman Das gottgelobte Herz (1938), in dem Eckhart als Repräsentant einer irrationalen Weltsicht erscheint. Der niederländische Schriftsteller Simon Vestdijk veröffentlichte 1970 seinen Roman Het proces van Meester Eckhart.

Gedenktag

Die Evangelische Kirche in Deutschland erinnert mit einem Gedenktag am 27. März im Evangelischen Namenkalenderan Meister Eckhart.[129]