Bedeutung (Sprachphilosophie)/Überblick und Abgrenzung
„Bedeutung“ ist insbesondere ein Fachbegriff der Sprachphilosophie, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eigenständige philosophische Disziplin entstanden ist. Sprache ist seit den Ursprüngen der Philosophie einer ihrer Gegenstände. Bei Platon findet sich die Überlegung, ob die Bedeutung von Wörtern einen natürlichen Ursprung hat, oder ob sie nur auf Konventionen beruht. Dieses Problem wird im Diskurs des 20. Jahrhunderts und 21. Jahrhunderts noch in ähnlicher Weise erörtert. In der Stoa wurde differenziert zwischen Bezeichnung, Bedeutung und Bezug. John Locke, der Begründer der neueren Geschichte der philosophischen Semantik,[1] untersuchte den Zusammenhang von Zeichen und Bedeutung und setzte Vorstellung, Zeichen und Gegenstand miteinander in Bezug. John Stuart Mill unterschied zwischen Denotation und Konnotation und prägte den Begriff der singulären Termini.
Vor allem Gottlob Frege eröffnete eine neue Sichtweise auf die Sprache. Da der Gedanke ein sprachlicher Ausdruck ist, hielt er es für notwendig, zunächst einmal die Sicht auf die Sprache zu klären, um dann eine bereinigte Wissenschaftssprache entwickeln zu können. Grundlegend ist seine Unterscheidung von der Bedeutung eines Ausdrucks (bei Frege: Sinn) und den Gegenständen, auf die sich ein Ausdruck bezieht (bei Frege: Bedeutung). Weit verbreitet unter Sprachphilosophen ist die Auffassung, dass Bedeutung erst im Kontext von Sätzen entsteht. Umstritten ist, ob Begriffe eine eigenständige Bedeutung haben. Bertrand Russell führte das Thema der Kennzeichnung ein und fragte nach der Bedeutung von Eigennamen. Ludwig Wittgenstein entwickelte eine Abbildtheorie zwischen Sprache und Wirklichkeit, die er als Grundlage einer idealen Wissenschaftssprache auffasste. Hierauf aufbauend präzisierte Rudolf Carnap die theoretischen Begriffe und arbeitete an einem Konzept der Idealsprache. In seiner Spätphilosophie machte Ludwig Wittgenstein den Einwand, dass die Bedeutung von Äußerungen sich aus ihrem Gebrauch ergibt, der nach Regeln erfolgt und von Sprachspielen abhängig ist. Er begründete damit die Philosophie der normalen Sprache. Peter Strawson wies darauf hin, dass Aussagen implizite Annahmen (Präsuppositionen) enthalten. Mit der Gebrauchstheorie der Sprache wird bisweilen die Sprechakttheorie in Zusammenhang gebracht, die von John L. Austin konzipiert und von John Searle weiterentwickelt wurde. Hierzu wurde von Jürgen Habermas eine eigene Variante entwickelt, die er seiner Theorie des kommunikativen Handelns zugrunde legte.
Ein grundsätzlich abweichender Ansatz findet sich bei Charles S. Peirce, der die Frage der Bedeutung in seiner pragmatischen Maxime erklärte und in eine Semiotik einband. Sein Verständnis von Bedeutung kann man als Vorläufer der Auffassung ansehen, dass die Bedeutung eines Begriffs in seinem Gebrauch liegt. Ausgehend von Peirce entwickelte Charles W. Morris ein behavioristisches Konzept, nach dem die Erklärung von Bedeutung auf rein Beobachtbares beschränkt bleiben muss. Den Behaviorismus verknüpfte Willard Van Orman Quine mit einem grundsätzlichen Skeptizismus. Er bezweifelte, dass Bedeutung überhaupt zu erklären ist. Sprache kann demnach als holistisches System nur ganzheitlich betrachtet werden.
Eine besondere Berücksichtigung der Situation von Sprachäußerungen (der Pragmatik) findet sich bei Paul Grice, der den Zusammenhang von Bedeutung und Meinen in Hinblick auf die Sprecherbedeutung untersuchte, sowie bei David Lewis, der das Thema der Konventionen innerhalb von Sprechergemeinschaften weiterentwickelte. Unter Berücksichtigung der weitergeführten Diskussion knüpften Donald Davidson und Michael Dummett wieder an die Konzepte zur Entwicklung von Bedeutungstheorien an, wobei Davidson eine realistische Position mit dem Kriterium der Wahrheit als Bestimmungsmerkmal von Bedeutung einnahm, während Dummett sich für eine anti-realistische Position mit dem Kriterium der Verifizierbarkeit einsetzte. John McDowell vertrat in Anlehnung an Wittgenstein dagegen erneut die Position, dass Bedeutung durch den Gebrauch innerhalb einer Sprechergemeinschaft bestimmt wird und der Begriff der Bedeutung nicht auf eine Bedeutungstheorie reduzierbar ist.
Eine alternative Sicht entwickelte Saul A. Kripke mit der These, dass Namen starre Designatoren (d. h. unveränderliche Bezeichnungen singulärer Termini) sind. Er hielt eine erneute Unterscheidung der Begriffe a priori (als die epistemische Ebene betreffend) und notwendig (als die ontologische bzw. metaphysische Ebene betreffend) für sinnvoll. David Kaplan ergänzte die Diskussion um die Betrachtung indexikalischer Ausdrücke. Hilary Putnam machte schließlich mit dem Konzept der sprachlichen Arbeitsteilung darauf aufmerksam, dass der Einzelne normalerweise nicht über den vollen Umfang der Bedeutung von Begriffen verfügt, sondern dass Bedeutung von der gesamten Sprachgemeinschaft und von äußeren Umständen abhängig ist. Als Reaktion auf diesen Externalismus wurden zum Beispiel von Robert Stalnaker semantische Konzepte entwickelt, die sowohl externe als auch interne Aspekte der Bedeutung berücksichtigen. Eine völlig andere Sichtweise vertritt Robert Brandom in seiner inferentiellen Semantik, indem er Sprache als einen Prozess von Schlussfolgerungen auffasst und die Idee der Referenz als sekundär betrachtet.
Als kritische Position zur überwiegend analytisch orientierten Sprachphilosophie entwickelte sich in Frankreich eine stärker auf die Literatur ausgerichtete Sichtweise. Als Vertreter der Postmoderne orientierte sich Jean-François Lyotard an den Sprachspielen Ludwig Wittgensteins. Auf verborgene Implikationen und kontextabhängige Bedeutungsverschiebungen verweist das Konzept der Dekonstruktion von Jacques Derrida.
Dieser Artikel ist begrenzt auf den Bereich der Sprachphilosophie. Bedeutung spielt daneben auch in anderen philosophischen Fragestellungen eine grundlegende Rolle, so in der Phänomenologie Edmund Husserls, bei Ernst Cassirer in der Philosophie der symbolischen Formen, in Noam Chomskys generativer Grammatik oder in den Interpretationstheorien der Ästhetik. In der Hermeneutik ist Bedeutung als Gegenbegriff zum Verstehen wesentlich. Jacques Lacan sah auch das Unbewusste als sprachlich strukturiert an, wobei er in Anlehnung an Ferdinand de Saussure Bedeutung nicht als Referenz, sondern als Differenz zwischen Sprachzeichen auffasste. Michel Foucault schließlich erfasste Bedeutung ebenfalls in der Tradition des Poststrukturalismus aus der Perspektive historischer Veränderungsprozesse am Beispiel von Macht und Sexualität.
Eine ganz andere – ebenfalls nicht weiter behandelte – Linie entwickelte sich in der Philosophie des Geistes, in der Bedeutung gleichgesetzt wird mit mentalen Zuständen, die in den sprachlichen Zeichen ihren Ausdruck finden. Zu nennen sind hier die Arbeiten von Jerry Fodor, der wie sein Lehrer Chomsky von angeborenen Sprachfähigkeiten ausgeht und sich mit Fragen richtiger Repräsentation befasst, Fred Dretskes informationstheoretischer Ansatz zur Erklärung von Vorgängen des Lernens oder die beispielsweise von David Chalmers oder Robert Stalnaker entwickelten „Zweidimensionalen Semantiken“.
- ↑ George A. Miller: Wörter. Streifzüge durch die Psycholinguistik. Herausgegeben und aus dem Amerikanischen übersetzt von Joachim Grabowski und Christiane Fellbaum. Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg 1993; Lizenzausgabe: Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1995; 2. Auflage ebenda 1996, ISBN 3-86150-115-5, S. 174.