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Der Laie über den Geist - Idiota de mente (Honecker, Rogner 1949)

aus AufEinWort, der freien Forschung
(Weitergeleitet von IDM-HR)

SCHRIFTEN DES

NIKOLAUS VON CUES

Im Auftrag der

Heidelberger Akademie der Wissenschaften in deutscher Übersetzung

HERAUSGEGEBEN VON ERNST HOFFMANN HEFT 10

DER LAIE ÜBER DEN GEIST

Idiota de mente

VON

MARTIN HONECKER †

UND

HILDEGUND MENZEL-ROGNER †

RICHARD MEINER VERLAG/HAMBURG

Erschienen im Jahre 1949

DER PHILOSOPHISCHEN BIBLIOTHEK, BAND 228

Verlagsarchiv-Nr. 7733

Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechtes, Vorbehalten. Druck: Druckerei Winter, Heidelberg — Printed in Germany

INHALT
Vorbemerkung V
Einführung VII—LXII
Kapitelübersicht 1
Der Laie über den Geist 5
Anmerkungen zur Einführung 91
Anmerkungen zum Text 103
Literaturnachweisung 114
Verzeichnis wichtiger Begriffe und der Namen 117

VORBEMERKUNG

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Die Übersetzung des Cusanischen Gesprächs 'Über den Geist’ hatte Martin Honecker für die deutsche Ausgabe der Werke des Nikolaus von Cues über­ nommen. Als ihn am 20. Oktober 1941 ein jähes Ge­ schick der Cusanus-Forschung entriß, fand sich in sei­ nem Nachlaß die vollständige Übertragung des Wer­ kes. Wenige Tage vor seinem Tode hatte er begon­ nen, sie nochmals zu überprüfen und ihr die endgültige Fassung zu geben. Sie wurde im Auftrag des Heraus­ gebers von mir durchgearbeitet und — unter Wahrung der Honeckerschen Eigenart — sprachlich ge­glättet. Für die Kommentierung lagen nur einige wenige Notizen vor, so daß ich die Anmerkungen ganz nach meiner Auffassung gestaltet habe. Die Einfüh­rung, die das Verständnis des Textes erschließen soll, habe ich dem Bändchen beigegeben.

So soll die Fertigstellung dieser letzten Arbeit Iloneckers zur Erforschung des cusanischen Werkes zugleich ein Dank der Cusanus-Forschung an den Verstorbenen sein, dem sie reiche Anregung und wis­ senschaftliche Erkenntnis verdankt.

Hildegund Menzel-Rogner

Hildegund Menzel Rogner und ihr Gatte, Ottokar Menzel, fanden am 6. Februar 1945 in Berlin den Tod. Das Manuskript des vorliegenden Bandes war von ihnen kurz vorher nach Heidelberg gesandt. Dr. Elisabeth Bohnenstädt hat die Drucklegung über­ wacht und das Begriffsregister angefertigt. Das Ma­ nuskript der in Anmerkung 51 zur Einleitung erwähnten Schrift Hildegund Menzel-Rogners über die Deutung von Cusanus’ Schrift De coniecturis ist bei einem der letzten Luftangriffe auf Berlin mit allen Materialien zu ihren und ihres Gatten Cusanusarbeilen verbrannt.

Heidelberg, April 1949

Ernst Hoffmann

EINFÜHRUNG

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Das geistige Lebenswerk, das uns Nikolaus von Cues hinterlassen hat, weist deutlich Höhenpunkte auf, in denen seine philosophische Arbeit in zusam­ mengefaßter Form gipfelt. Der erste großartige Niederschlag seines Ringens mit philosophischen Pro­blemen und die Frucht einer rund zwei Jahrzehnte währenden geistigen Entwicklung und Bildung sind die drei Bücher 'Über die belehrte Unwissenheit’ (De docta ignorantia) und das gleichsam als vierter Teil anschließende Werk 'Von den Mutmaßungen’ (De coniecturis), die er im Jahre 1440 vollendete. Die philosophische Entscheidung ist als Grundgedanke, den er coincidentia oppositorum nannte, in jener ersten philosophischen Schrift von ihm dargelegt wor­den und von da an in seinen Schriften durchgehend festgehalten[1]. Dieser Grundgedanke betrifft das We­sen des Unendlichen als das absolute Sein, das Wesen der menschlichen Vernunft als unser Erkenntnis­ vermögen und das Wesen des Gegensatzes als Kate­gorie des Denkens.

Nach zehnjähriger kontinuierlicher Arbeit, die sich auf die verschiedenartigsten Bereiche erstreckte, ge­wannen Einsichten Gestalt, die er dann im Jahre 1450 in wenigen Wochen ausarbeitete und als Gespräch des 'Laien’ überschrieb[2]. In der Form neu für jene Zeit erreicht der in diesem Bande vorgelegte dritte der vier Dialoge des Idiota, der 'Vom Geiste’ spricht, die philosophische Tiefgründigkeit der 'Gelehrten Un­wissenheit’. Der Inhalt des Buches betrifft ein Zentral­ problem menschlicher Bemühungen, das Wesen der menschlichen Vernunft selber.

Im folgenden Jahrzehnt bis zu seinem Tode im Jahre 1464 entstehen weitere Schriften, die einzelne Sonderprobleme herauslösen und behandeln und in denen er diejenigen Begriffsbildungen schuf, mit denen er über seine früheren Positionen noch hinausgelangte, vor allem den Begriff des 'Possest’, des Können-Seins, und den des 'Non-aliud’, des Nicht-anderen. Seine Philosophie bleibt zwar bis an sein Ende docta ignorantia, wissende Unwissenheit, aber gerade das letzte Jahrzehnt zeigt, wieviel Positives in logisch sehr hoher Sphäre durch seine kritizistische Problemeinstellung erreichbar geworden ist. Die neuen Begriffsbildungen in den beiden Werken De possest und De non aliud besonders bringen nicht nur eine Spezialisierung auf einzelne Probleme, sondern im ganzen gesehen einen stetigen Fortgang auf den 'Gipfel der Betrachtung’, wie er eine seiner Altersschriften nannte. Und in sei­ner Schrift De venatione sapientiae (Von der Jagd nach der Weisheit) konnte Cusanus an seinem Lebens­abend wirklich seine gesamte philosophische Ernte bergen. Er nahm nicht nur Gedanken der Mystik auf, verarbeitete nicht nur Nominalismus und Probleme der Antike, sondern ließ seine eigenen ursprünglichen methodischen Setzungen immer fruchtbarer werden.

Somit kennzeichnen die Werke Docta ignorantia, Idiota und De venatione sapientiae drei Phasen seiner philosophischen Genesis. Die 'Wissende Unwissen­heit’ entstand unmittelbar nach der Rückkehr des Cusanus aus Byzanz, wo ihm Hellas im Urbild sicht­bar geworden war. Die Bücher vom 'Laien’ schrieb er im Jubiläumsjahre der Kirche, das ihm in jeder Beziehung zum Höhepunkt seines Lebens wurde; es war die Zeit, da er zum Bischof von Brixen ernannt war; die Zeit, da er, in Rom weilend, vom Papst die Vollmacht zur testamentarischen Verfügung über sein Vermögen erhielt, wohl schon in Hinsicht auf die spätere Stiftung des Cueser Hospitals[3]; es war das Jahr, das ihm den Auftrag brachte, als päpstlicher Legat nach Deutschland zu ziehen, dort den Jubiläumsablaß zu verkünden, Frieden zu stiften und mit gewaltigen Vollmachten die kirchlichen Zu­stände zu reformieren; das Jahr, in dem er, durch die herrschende Pest im Hochsommer aus Rom ver­trieben, in ländlicher und klösterlicher Stille die vier Bücher des 'Laien* niederschrieb: so sehr waren seine Gedanken ausgereift, daß das Ganze in wenigen Wochen vollendet war: vom 15. Juli bis zum 13. Sep­tember. Und doch sollte erst die letzte Phase ganz herausstellen, wie reich die 'Jagd nach der Weisheit’ im Gesamt dieses Lebens gewesen war und was im Grunde von Anfang an gemeint war. Erst nunmehr war er wirklich fertig, was er auch fühlte: lebensmüde zwar nach dem Scheitern seiner Kirchenpolitik, ver­ trieben aus seinem Bistum, innerlich aber beglückt, daß es ihm vergönnt gewesen war, die volle 'Beute seiner Erkenntnis’ zu bergen, über deren philosophi­sche Bedeutung für die Zukunft er sich ganz klar war.

Die Gespräche des Laien führen uns in ihrer Ge­samtheit auf die drei metaphysischen Probleme, dia den Menschen bewegen: Gott, Mensch und Welt.

Das Gottesproblem, den unendlichen Geist oder die göttliche Weisheit behandelt der Laie in den ersten zwei Teilen der Gespräche: 'Über die Weisheit’ I und II. Den Menschen, d. h. das, was ihn allein zum Menschen macht seiner Würde und Aufgabe ge­mäß, den Geist des Menschen diskutiert der Teil 'Über den Geist’, während das Weltproblem in seiner damaligen Gestalt, die Welt als der Bereich äußerer Erfahrung, im letzten Teil der Gespräche 'Über Versuche mit der Waage’ das Thema bietet.

  1. ↑ 1 Vgl. über das Gusanische Werk De docta ignorantia und auch zum Folgenden den Vortrag von Ernst Hoffmann: Nikolaus von Cues und die deutsche Philosophie, gehalten vor der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, fünfhundert Jahre nach der Niederschrift des Werkes, Neue Heidelberger Jahrbücher 1940, S. 35—76; zweite Ausg. 1947, Verlag Kerle, Heidelberg. — Die „Vorgeschichte der Cusanischen Coinci- dentia oppositorum“ behandelt Ernst Hoffmann in den Schriften des Nikolaus von Cues in deutscher Übersetzung, Philos. Bibi. Bd. 217, Leipzig 1938, S. 1—35.
  2. ↑ 2 Lateinische Ausgabe des Idiota als Band V der Opera omnia, Heidelberger Akademie-Ausgabe, Leipzig 1937. Vgl. ferner die Einführungen und Kommentare zu den Übersetzungen von Idiota de sapientia (Der Laie über die Weisheit), Philos. Bibi. Bd. 216a, von E. Bohnenstaedt; und von Idiota de staticis experimentis (Der Laie über Versuche mit der Waage), Philos. Bibi. Bd. 220, von H. Menzel-Rogner. — Außerdem sind die reichhaltigen Hinweise auf Früheres und Späteres im Gesamtwerk des Cusaners heranzuziehen, die Ludwig Baur in den Anmerkungen zur Ausgabe des lateini- schen Textes des vorliegenden Werkes gegeben hat.
  3. ↑ 2a S. J. Marx: Nik. v. G. und seine Stiftungen, Trier 1906, S. 158.