Pseudo-Boethius
Als Pseudo-Boethius bezeichnet man die anonymen Verfasser mehrerer einflussreicher mittelalterlicher Lehrschriften. Diese Texte wurden im Frühmittelalter fälschlicherweise dem berühmten spätantiken Philosophen Anicius Manlius Severinus Boethius (ca. 480–525) zugeschrieben.
- De geometricae, Die "Geometria": Das bekannteste Werk des Pseudo-Boethius ist eine Kompilation zur praktischen und theoretischen Geometrie, die im 10. oder 11. Jahrhundert entstand.
- Inhalt: Diese Schriften bestanden nicht aus Originaltexten des Boethius, sondern enthielten Auszüge römischer Feldmesser (Agrimensoren) sowie Übersetzungen der euklidischen Elemente (unter anderem durch Gelehrte wie Gerbert von Aurillac).
- Bedeutung: Die Texte dienten im Mittelalter als grundlegende Lehrbücher (als Teil des Quadriviums) und prägten maßgeblich das mathematische und geometrische Wissen in den Klosterschulen.
Q: https://www.degnet.de/vereine/metten_gym/mgm/Pseudo_Boethius.html#Person%20und%20Leben
Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts wurde als Autor der nun folgenden Texte der spätantike Autor Boethius gesehen. Humanisten entlarvten – hauptsächlich aufgrund seines Stiles – den Text als unecht. Für den pseudepigraphischen Charakter des Werkes sprechen einige weitere Argumente: Vor dem 13. Jahrhundert (ca. 1240) wurde das Werk nirgendwo erwähnt und existierte auch keine Handschrift. Das Vorwort, in dem Boethius sich als Autor vorstellt, zeigt nur magere Kenntnisse der Chronologie der Werke des spätantiken Boethius. Die Art und Weise, wie der Autor über universitäre Einrichtungen in Paris spricht, weist deutlich darauf hin, dass das Werk nicht in der Spätantike entstanden sein kann.
Über den Ort der Entstehung des Werkes existieren zwei Hypothesen: Vorgeschlagen wird einerseits Oxford, wofür der rasche Erfolg des Buches in England spreche, der eine Entstehung in einem weiter entfernten Land unwahrscheinlich mache. Außerdem weise das Lob der Dialektik auf Oxford hin, da sie dort einen höheren Rang einnahm als in Paris. Für einen Franzosen als Verfasser - mit dem Hintergrund der Universität Paris - werden wiederum sprachliche Argumente vorgebracht. Doch dies kann ebenfalls nicht als sicher gelten, da auch ein Nichtfranzose, der an der Universität Paris studierte, in einem Latein geschrieben haben könnte, das vom Französischen beeinflusst war.
Der Autor spricht in seinem Werk einige wenige Male von sich selbst. Es ist aber nicht zu entscheiden, ob er dabei seine Rolle als (spätantiker) Boethius beibehält oder sie einen Augenblick lang vergisst. So kann z. B. eine Passage, in der er davon erzählt, dass er nach Frankreich ging und an der Universität von Paris viele ausländische Studenten antraf, den antiken Boethius bei einem Frankreichaufenthalt vorgeben oder wirklich autobiographisch gemeint sein. Da er interessanterweise als ausländische Studenten an der Universität Engländer, Deutsche, Spanier und nicht weiter charakterisierte „nostri“ nennt, könnte er (falls es sich um eine autobiographische Notiz handelt) auch weder Franzose noch Engländer, Deutscher oder Spanier sein – möglicherweise war er Flame, Däne oder Osteuropäer. Zu bedenken ist, dass „Boecius“ in Dänemark ein häufiger Name war. Letzlich aber bleibt die Frage nach der Identität offen.
Die Universität Paris als Entstehungsort wird von der Forschung präferiert. Die Herausgeberin der Werkausgabe - Olga Weijers - bezeichnet dies als nicht unvernünftig, obwohl man in einer Zeit, in der das westliche Europa eine kulturelle und geistige Einheit darstellte, keine deutlichen Unterschiede zwischen England und Frankreich machen könne. Auf alle Fälle sei festzustellen, dass die Universität Paris zu der Zeit, in der das Werk geschrieben sein muß (also bis ca. 1240), eher den geschilderten Zuständen entsprochen habe als die Universität Oxford.
Pseudo - Boece, De Disciplina Scolarium, edition critique par Olga Weijers (=Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters, hg. von Albert Zimmermann, Bd. XII), Leiden - Köln 1976
Für die Hilfe bei der Erarbeitung dieses Textabschnittes bedanken wir uns bei Frau OStRin Hemma Neumann.