Raymundus Lullus (Cusanus)
I. Ramon Llull bzw. Lull (lat. Raimundus Lullus) wurde ca. 1232 auf der Baleareninsel Mallorca geboren. Sein Vater hatte an der Eroberung der Insel aus muslimischer Herrschaft teilgenommen. Zu Llulls Lebzeiten waren noch viele Muslime und Juden auf der Insel, auch bestanden über die mediterranen Handelsverbindungen enge Kontakte zu nordafrikanischen Hafenstädten. Zunächst führte Llull das Leben eines Höflings, er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Um 1263 erfolgte seine Bekehrung nach einer mehrmaligen Vision des gekreuzigten Christus. Llull versprach nach Auskunft der autobiographischen ´Vita coaetanea´, sein ganzes weiteres Leben Christus zu widmen und zwar in folgender Weise: erstens durch die Bekehrung der Nichtchristen unter Inkaufnahme des Martyriums, zweitens durch Abfassung eines Buches gegen die Irrtümer der Ungläubigen, welches das beste der Welt sein sollte und drittens durch die Gründung von Missionsklöstern, in denen geeignete Männer die Sprachen der Nichtchristen erlernen sollten (vgl. CCCM 34, 274-276). Zunächst studierte Llull weitgehend autodidaktisch Theologie sowie Philosophie und lernte mit Hilfe eines Muslims Arabisch. Ab ca. 1270 begann er im Sinne seines Lebensprogramms damit, Bücher zu schreiben und weite Reisen zu unternehmen. Auf diesen Reisen warb er als Einzelgänger unermüdlich bei den Mächtigen und Meinungsführern seiner Zeit (Päpsten, Kardinälen, Fürsten und Universitätsgelehrten) für sein Lebensprogramm. Außerdem unternahm er drei Missionsreisen nach Nordafrika (1292, 1307 und 1314-1316), um die Muslime zu bekehren. 1301-1302 reiste er nach Kleinasien, um den mongolischen Herrscher Ghazan von der Wahrheit des Christentums zu überzeugen. Zwischen 1309 und 1311 lebte Llull in Paris (vgl. Hillgarth). Hier könnte er 1311 Meister Eckhart begegnet sein. Auf seiner letzten Reise nach Nordafrika soll Llull gesteinigt worden sein. Der Überlieferung nach starb er auf der Heimreise nach Mallorca im Jahr 1316.
Das Verzeichnis der Werke Llulls umfasst 280 teilweise sehr umfangreiche Schriften in lateinischer und altkatalanischer Sprache (Fidora – Rubio, 125-242; dort auch Angaben zu den vorhandenen Editionen und Übersetzungen in moderne Sprachen). Die arabischen Schriften, die Llull nach eigenen Angaben verfasst hat, sind nicht erhalten. Nach Llulls Überzeugung soll die Auseinandersetzung mit den Nichtchristen auf der Basis der allen Menschen zugänglichen Vernunft, nicht durch Polemik und Aggression, erfolgen. Modelle dafür bieten die zumeist fiktiven Religionsdialoge Llulls, z.B. der ´Llibre del gentil e dels tres savis´ (´Liber de gentili et tribus sapientibus)´, in denen Vertreter der verschiedenen monotheistischen Religionen auf der Basis einer formalisierten Methode, der ´ars generalis´, ohne Rekurs auf die jeweiligen heiligen Schriften, miteinander diskutieren. Llull war – ähnlich wie vor ihm Anselm von Canterbury – davon überzeugt, dass die Wahrheit des christlichen Glaubens allen Menschen mit notwendigen Vernunftgründen (´rationes necessariae´) bewiesen werden kann. Seine Argumentationsweise unterscheidet sich allerdings signifikant von derjenigen Anselms.
II. Nikolaus von Kues hat sich – möglicherweise beeinflusst durch Heymericus de Campo – schon früh intensiv mit Llulls Schriften befasst. Nachweislich begann er am 22. März 1428 damit, Llulls ´Liber contemplationis´ in Paris zu exzerpieren (diese Exzerpte sind überliefert in Cod. Cus. 83, fol. 51r-60v; vgl. Pindl-Büchel). Umstritten ist, ob er mit dem Werk des Mallorquiners zu diesem Zeitpunkt bereits vertraut war (vgl. Haubst, Lohr). Der Handschriftenbestand der Bibliothek des St. Nikolaus Hospitals in Kues bezeugt, dass Nikolaus mindestens 68 verschiedene Werke Llulls kannte: 39 Schriften Llulls sind vollständig in dieser Bibliothek vertreten, 6 unvollständig und 23 in Auszügen (Honecker). Das cusanische Denken wurde durch die Schriften Llulls in vielfältiger Weise beeinflusst (vgl. u.a. Colomer, Euler, Bidese).
Literatur:
E. Bidese (Hg.), Ramon Llull und Nikolaus von Kues: eine Begegnung im Zeichen der Toleranz, Turnhout 2005.
E. Colomer, Nikolaus von Kues und Raimund Llull. Aus Handschriften der Kueser Bibliothek, Berlin 1961.
W. A. Euler, Unitas et Pax. Religionsvergleich bei Raimundus Lullus und Nikolaus von Kues, Würzburg/Altenberge 21995.
A. Fidora – J. E. Rubio (Hg.), Raimundus Lullus. An Introduction to his Life, Works and Thought, Turnhout 2008 (dort weitere Literaturhinweise zu Ramon Llull).
R. Haubst, Der junge Cusanus war im Jahre 1428 zu Handschriften-Studien in Paris, in: MFCG 14 (1980) 198-205.
J. N. Hillgarth, Ramon Lull and Lullism in Fourteenth-Century France, Oxford 1971.
M. Honecker, Lullus-Handschriften aus dem Besitz des Kardinals Nikolaus von Kues, in: Spanische Forschungen der Görres-Gesellschaft, I. Reihe, Nr. 6 (1937) 252-309.
Ch. H. Lohr, Die Exzerptensammlung des Nikolaus von Kues aus den Werken Ramón Lulls, in: Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie 30 (1983) 373-384.
Th. Pindl-Büchel, Die Exzerpte des Nikolaus von Kues aus dem Liber contemplationis Ramon Lulls, Frankfurt/M. 1992.
Walter Anreas Euler
Juni 2010
zuletzt bearebeitet: 23.06.2010