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Funktionale Translatologie, Skopostheorie und translatorisches Handeln

aus AufEinWort, der freien Forschung
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▶In den 1980er- und 1990er-Jahren fand in der Translatologie (besonders im deutschsprachigen Raum) eine umfassende Neuorientierung statt, die aber auch heute noch kontrovers diskutiert wird. Eines der Schlüsselwerke für diese Neuorientierung ist die Grundlegung einer allgemeinen Translationstheorie von Hans Josef Vermeer und Katharina Reiß.

Skopostheorie

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Translation ist eine Form des Handelns. Jedes Handeln ist bestimmt von einer Situation, der Analyse dieser Situation durch den Handelnden und die Intention eines Handelnden, der bestimmte Ziele erreichen will. Wie jedes Handeln ist also auch die Translation als Kommunikationshandlung zweckbestimmt. Der Zweck einer Kommunikationshandlung, ihr Skopos (gr.) ist erfüllt, wenn das erzielte Ergebnis der Intention des Handelnden (des Senders) entspricht und auch der Empfänger der Kommunikation die erhaltene Nachricht in seiner eigenen Situation schlüssig interpretieren kann.

Die Skopostheorie geht nun davon aus, dass der Zweck eines Translats, eine bestimmte Funktion zu erfüllen, der bestimmende Faktor ist, auf den der Translationsprozess ausgerichtet sein muss. Dabei kann ein Translat grundsätzlich jede beliebige durch einen Text erfüllbare Funktion haben, die Bewertung einer bestimmten Funktion als „gut“, „sinnvoll“ oder „ethisch“ bleibt zunächst außen vor. Daraus ergibt sich die Auffassung von Übersetzungen und Verdolmetschungen als zielsprachliche und -kulturelle Informationsangebote über andere Informationsangebote in Ausgangssprache und -kultur. Die Qualität eines Translats kann grundsätzlich nur bezüglich seiner Funktion bewertet werden.

Folgende Punkte bilden wichtige Prinzipien der Skopostheorie:

 1. Der Zieltext ist skoposbedingt;

 2. Der Zieltext ist ein Informationsangebot in einer Zielkultur und -sprache über ein Informationsangebot in einer Ausgangskultur und -sprache;

 3. Der Zieltext bildet ein Informationsangebot nicht-umkehrbar eindeutig ab;

 4. Der Zieltext muss in sich kohärent sein;

 5. Der Zieltext muss mit dem Ausgangstext kohärent sein;

 6. Die angeführten Regeln sind untereinander in der angegebenen Reihenfolge hierarchisch geordnet („verkettet“).

Kontrovers ist an der Skopostheorie besonders die Frage der Bewertung verschiedener Übersetzungsfunktionen als „korrekt“, „zulässig“ oder „angemessen“ sowie die Abgrenzung des Begriffs „Translat“: Wo hört die Übersetzung auf?

Konstruiertes Beispiel

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Ein wissenschaftlicher Artikel (ein bestimmtes Informationsangebot in einer bestimmten sprachlichen und äußeren Form) erscheint in einer englischsprachigen Fachzeitschrift. Der Inhalt des Artikels ist auch für Wissenschaftler interessant, die es bevorzugen, Artikel in deutscher Sprache zu lesen. Also soll eine Übersetzung angefertigt werden.

Diese Übersetzung könnte das Ziel haben, in der Zielsprache und -kultur möglichst ähnliche Funktionen zu erfüllen wie der Ausgangsartikel (Funktionskonstanz), dann würde sie nach Fertigstellung in einer deutschsprachigen Fachzeitschrift zum gleichen Fachgebiet erscheinen.

Sie kann aber auch verschiedene andere Funktionen erfüllen (Funktionsvarianz). So könnte sich ein einzelner, der englischen Sprache nicht mächtiger Experte über den Inhalt des Artikels informieren wollen und eine Informationsübersetzung anfordern. In diesem Fall würde weniger Wert auf die ausgereifte sprachliche und äußere Form der Übersetzung gelegt. Ein anderer Wissenschaftler hat vielleicht Englischkenntnisse, findet es aber mühsam, komplexe Artikel in der Fremdsprache zu lesen. Er möchte erst wissen, ob sich die Mühe lohnt, und lässt eine Abstract-Übersetzung anfertigen, eine knappe Zusammenfassung in der Zielsprache. Ein dritter hat gerade viel Zeit und will seine Englischkenntnisse verbessern. Er bittet einen Übersetzer, eine philologische Übersetzung für ihn anzufertigen, die die grammatischen Strukturen und die Textnormen der Ausgangssprache in der Zielsprache abbildet, um sie zu verdeutlichen. Es sind also für jeden Ausgangstext je nach Zweck der Übersetzung viele verschiedene Herangehensweisen denkbar.

Translatorisches Handeln

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Das translatorische Handeln (Justa Holz-Mänttäri 1984 u. a.) stellt eine Erweiterung der Skopostheorie dar und ist ein Erklärungsansatz, der auch die berufsethisch korrekte Haltung des professionellen Translators einbezieht. Auch hier wird davon ausgegangen, dass von einem Ausgangstext viele verschiedene Translate mit verschiedenen Zielsetzungen angefertigt werden können. Zusätzlich wird vom Translator gefordert, dass der Auftraggeber eines Translats darüber beraten wird, ob eine Verdolmetschung oder Übersetzung überhaupt nötig ist, und wenn ja in welcher Form und mit welcher genauen Absicht. Das nennt man Produktspezifizierung und sollte möglichst detailliert sein. Nach einer solchen Klärung kann der Translator entsprechend das notwendige Zusatzmaterial anfordern, einen Zeitplan und Kostenvoranschlag erstellen etc. Der Translator als Textdesigner hilft also, das gewünschte Produkt zunächst zu spezifizieren, es dann herzustellen, und die Qualität zu sichern.

Funktionale Ansätze

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Als funktionale Ansätze werden zusammenfassend alle Zweige der Translatologie bezeichnet, die davon ausgehen, dass die Erfüllung des Zwecks des Translats der bestimmende Faktor im Translationsprozess ist. Hier ist darauf hinzuweisen, dass die funktionale Translatologie durchaus auch funktionskonstante Translation (im Beispiel oben die Übersetzung eines wissenschaftlichen Zeitschriftenartikels in einen wissenschaftlichen Zeitschriftenartikel ähnlichen Niveaus) vorsieht und nicht, wie von ihren Gegnern gelegentlich wahrgenommen, grundsätzlich für „abweichende“, „freie“ oder „untreue“ Translate steht.

Durch ihre Berücksichtigung der sprachlich-kulturell-historischen Situation (Explizieren der Anforderungen an ein Translat) haben funktionale translatologische Ansätze einen hohen Erklärungswert bei der Untersuchung von historischen Übersetzungen (mit teilweise von heutigen Vorstellungen abweichenden Anforderungen) und von Übersetzungen oder Verdolmetschungen außerhalb des Mainstream (mit teilweise von „allgemeingültigen“ Vorstellungen abweichenden Anforderungen, etwa feministische Bibelübersetzungen).

Auch für die Qualitätssicherung und Qualitätsbewertung sind funktionale Ansätze eine Möglichkeit, da teils unklare oder implizite Anforderungen an Translate durch eine genaue Bestimmung ihres Zwecks und ihrer Funktion expliziert werden können.

Diese Prinzipien zeigen sich heute im Translationsmanagement (Risku 2004) und in den ISO- und DIN-Normen zu Übersetzungsdienstleistungen, z. B. DIN EN 15038.