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Werk:Theaitetos (Platon)

aus AufEinWort, der freien Forschung
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Über diese Seite Werk

Theaitetos

THEAITETOS. (De Scientia)

2. Teil: Theaitetos 2 (Platon)

3. Teil: Theaitetos 3 (Platon)

3. Teil: Theaitetos 4 (Platon)

Nach der Übersetzung von Friedrich E. D. Schleiermacher

in: Platons Werke. Zweiten Teiles erster Band. Dritte Auflage, Berlin 1856, bearbeitet.

Durch Anklicken der indizierenden Seitenzahlen im deutschen Text wird die entsprechende Seite mit dem griechischen und lateinischen Text der Didot-Edition angezeigt.

[142 St.1 A] EUKLEIDES: Kommst du soeben erst, o Terpsion, oder bist du schon lange vom Landgut zurück?

TERPSION: Ziemlich lange schon. Auch habe ich dich gesucht auf dem Markte und mich gewundert, dass ich dich nicht finden konnte.

EUKLEIDES: Ich war gar nicht in der Stadt. TERPSION: Wo denn?

EUKLEIDES: Indem ich an den Hafen hinunterging, begegnete ich dem Theaitetos, der aus dem Lager vor Korinthos nach Athen gebracht wurde.

TERPSION: Lebend oder tot?

EUKLEIDES: Lebend, aber kaum noch. Denn schon an einigen Wunden befindet er sich übel, noch mehr aber [B] setzt ihm die Krankheit zu, welche unter dem Heere herrscht.

TERPSION: Doch nicht die Ruhr?

EUKLEIDES: Eben sie.

TERPSION: Welch ein Mann ist da in Gefahr!

EUKLEIDES: Jawohl, ein edler und trefflicher, o Terpsion! Auch jetzt nur hörte ich noch einige ihn bestens rühmen in Bezug auf die Schlacht.

TERPSION: Das ist nichts Unglaubliches, sondern weit wunderbarer wäre es, wenn er sich nicht so bewiesen hätte. Jedoch, wieso hat er nicht hier in Megara Rast gemacht?

EUKLEIDES: Er wollte heim. Denn gebeten habe ich ihn genug und ihm geraten, allein er wollte nicht. Wie ich ihn nun begleitete, habe ich im Zurückgehen wieder des Sokrates gedacht und ihn bewundert, wie weissagend er unter vielen andern [C] auch von diesem gesprochen hat. Ich glaube, es war kurz vor seinem Tode, als er mit dem Theaitetos, der noch ein heranwachsender Jüngling war, bekannt ward, und nachdem er mit ihm zusammen gewesen und Gespräche geführt hatte, große Freude gewann an seiner Natur. Damals als ich nun nach Athen kam, erzählte er mir von den Unterredungen, welche sie gehabt, welche auch sehr verdienen gehört zu werden, und sagte, [D] es könne nicht ausbleiben, dieser müsse ein ausgezeichneter Mann werden, wenn er nur sein volles Alter erreichte.

TERPSION: Und ganz wahr hat er geredet, wie es scheint. Jedoch könntest du wohl erzählen, was für Unterredungen dies gewesen?

EUKLEIDES: Beim Zeus, zum mindesten gewiss nicht so mündlich. Aber ich schrieb [143 St.1 A] mir gleich damals, als ich nach Hause kam, etwas darüber auf, hernach habe ich bei größerer Muße nachgesonnen und aus dem Gedächtnis ausgeführt, und sooft ich nach Athen kam,

 

erfragte ich vom Sokrates, wessen ich mich nicht recht erinnerte, und brachte es in Ordnung, wenn ich wieder hierher kam, [B] so dass fast die ganze Unterredung aufgeschrieben ist.

TERPSION: Ja, auch früher habe ich dies schon von dir gehört und wollte dich immer bitten, sie mir mitzuteilen, es ist aber bis jetzt dabei geblieben. Allein was hindert uns, sie jetzt durchzugehen? Auf alle Weise tut mir ohnedies not, mich auszuruhen, da ich von den Landgütern komme.

EUKLEIDES: Auch ich habe doch den Theaitetos bis nach Erinus begleitet, so dass ich ebenfalls gar nicht ungern ruhen möchte. So lass uns dann gehen, und indes wir der Ruhe pflegen, mag uns der Knabe vorlesen!

TERPSION: Wohlgesprochen!

EUKLEIDES: Dieses hier also, Terpsion, ist das Buch. Ich habe aber das Gespräch solchergestalt abgefasst, nicht dass Sokrates es mir erzählt, wie er es mir doch erzählt hat, sondern so, dass er wirklich mit denen redet, welche er als Unterredner nannte. Er nannte aber den Mathematiker Theodoros und den Theaitetos. Damit nämlich in dem geschriebenen Aufsatz [C] die Nachweisungen zwischen dem Gespräch nicht beschwerlich fielen, wie wenn er selbst, Sokrates, geredet das „Da sprach ich“ oder „Darauf sagte ich“, und von dem Antwortenden „Das gab er zu“ und „Darin wollte er nicht beistimmen“, deshalb habe ich geschrieben, als ob er unmittelbar mit jenen redete, mit Weglassung aller dieser Dinge.

TERPSION: Gar nicht übel, Eukleides.

EUKLEIDES: So nimm denn das Buch, Knabe, und lies! Aus der Schrift des Eukleides:

SOKRATES: Wenn mich die Kyrenaier meinem Herzen näher stünden, o Theodoros, so würde ich dich über sie, und wie es dort steht, befragen, [D] ob es einige gibt unter den jungen Leuten dort, welche in der Mathematik oder in einer andern Wissenschaft Fleiß anwenden. Nun aber, denn ich liebe jene weniger als die hiesigen und trage ein besonderes Verlangen, zu wissen, welche von unsern Jünglingen wahrscheinlich einmal Ehre einlegen werden, also suche ich selbst dieses nach Möglichkeit zu erforschen und befrage darum auch andere, zu denen ich die Jünglinge gern sich gesellen sehe. Und dich umgeben nicht wenige, [E] wie du es auch sonst verdienst, besonders aber wegen der Mathematik. Wenn dir also einer aufgestoßen ist, der Erwähnung verdient, so wünschte ich es wohl zu wissen.

THEODOROS: Allerdings, Sokrates, darf ich dir wohl gern sagen und du wirst auch gern hören wollen, was für einen Jüngling ich unter euren Bürgersöhnen angetroffen. Denn wäre er etwa schön, so möchte ich wohl Scheu genug haben, es zu sagen, damit nicht jemand meinte, ich hege eine Leidenschaft für ihn. Nun aber, werde mir nur ja nicht böse, ist er eben nicht schön, sondern er gleicht dir mit der aufgeworfenen Nase und den heraustretenden Augen, nur hat er diese Züge nicht so stark [144 St.1 A] wie du. Unbekümmert rede ich also, und so wisse denn, dass unter allen, mit denen ich jemals bekannt geworden, und ich habe schon sehr viele um mich gehabt, ich noch nie einen mit so bewunderungswürdigen Anlagen angetroffen. Denn dass einer, welcher schnell auffasst, wie schwerlich ein anderer, zugleich so ausgezeichnet gleichmütig ist und überdies beharrlich mehr als jeder andere, solche habe ich nicht geglaubt, dass es gebe, auch sehe ich nicht, dass es deren sonst gibt. Sondern die Scharfsinnigen wie dieser und Menschen von schnellem Verstand und gutem Gedächtnis pflegen auch zum Zorn sehr reizbar zu sein und werden hin und her gerissen [B] wie Schiffe ohne Ballast, sind auch von Natur mehr heftig als beharrlich. Die Gesetzteren aber zeigen sich wiederum gewissermaßen träge zum Lernen und gar sehr vergesslich. Dieser aber schreitet so leicht und sicher und mit Erfolg zu allen Kenntnissen und Untersuchungen, und mit solcher Ruhe, wie sich das Öl ganz geräuschlos ausgießt, dass zu bewundern ist, wie er in diesem Alter dergleichen Dinge auf solche Art behandeln kann.

SOKRATES: [C] Du gibst glückliche Botschaft! Aber wem gehört er an unter unsern Bürgern?

THEODOROS: Gehört habe ich zwar den Namen, ich entsinne mich seiner aber nicht. Doch er ist unter denen, die gerade hierher kommen, der mittlere davon. Denn eben war er mit diesen seinen


Freunden sich draußen im Stadion, nun aber scheinen sie, nachdem sie sich gesalbt, hierher zu kommen. Also sieh zu, ob du ihn kennst!

SOKRATES: Ich kenne ihn, es ist der Sohn des Euphronios von Sunion, eines Mannes, Freund, gerade so, wie du diesen beschreibst, auch übrigens sehr wohl angesehen, und der ein großes Vermögen hinterlassen hat. [D] Den Namen des Knaben aber weiß ich nicht.

THEODOROS: Dessen Name ist Theaitetos. Das Vermögen indes haben seine Vormünder, glaube ich, ziemlich heruntergebracht. Dennoch aber ist auch in dem, was Geld betrifft, seine edle Gesinnung zu bewundern.

SOKRATES: Du preisest ihn ja herrlich! So heiße ihn dann sich hierher zu uns niedersetzen! THEODOROS: Das soll geschehen. Theaitetos, hierher zum Sokrates!

SOKRATES: Ja, auf alle Weise, Theaitetos, damit ich mich auch einmal beschaue, was für ein Gesicht ich wohl habe. Denn Theodoros sagt, es sei dem deinigen ähnlich. Jedoch [E] wenn wir nun beide jeder eine Leier hätten und er sagte, sie wären gleichgestimmt, würden wir ihm das sogleich glauben, oder würden wir erst untersuchen, ob er denn auch ein Tonkundiger wäre und so etwas behaupten könne?

THEAITETOS: Das würden wir untersuchen.

SOKRATES: Also wenn wir ihn als einen solchen erfänden, würden wir ihm glauben, wenn er aber von dieser Kunst verlassen wäre, würden wir ungläubig bleiben?

THEAITETOS: Richtig.

SOKRATES: Nun aber, meine ich wenigstens, wenn wir über die Ähnlichkeit unserer Gesichtszüge gewiss sein wollen, [145 St.1 A] werden wir wohl zusehen müssen, ob er auch ein Maler ist und also hierüber etwas behaupten kann oder nicht.

THEAITETOS: So scheint es mir.

SOKRATES: Ist nun wohl Theodoros ein Maler?

THEAITETOS: Nicht, dass ich wüsste.

SOKRATES: Auch kein Geometer?

THEAITETOS: Das freilich auf alle Weise, o Sokrates.

SOKRATES: Etwa auch ein Astronom, ein Mathematiker, ein Musikkundiger, und was sonst zu diesen Wissenschaften gehört?

THEAITETOS: Ich denke wohl.

SOKRATES: Wenn er also sagt, dass wir uns irgend körperlich ähnlich sind, er sage es nun lobend oder tadelnd, so ist wohl nicht viel darauf zu geben?

THEAITETOS: [B] Vielleicht nicht.

SOKRATES: Wie aber, wenn er die Seele eines von uns der Tugend und Weisheit wegen lobte, sollte dann nicht einerseits, wer es hört, sich billig Mühe geben, den Gelobten betrachten zu können, dieser aber wiederum sich bereitwillig darstellen?

THEAITETOS: Allerdings, o Sokrates.

SOKRATES: So ist demnach, lieber Theaitetos, an dir die Reihe, dich darzustellen, an mir aber, dich zu beschauen. Denn wisse nur, dass Theodoros schon viele zwar gegen mich gelobt hat, Fremde sowohl als Bürger, noch keinen aber hat er jemals so gelobt, als dich jetzt eben.

[C] THEAITETOS: Das wäre ja herrlich, Sokrates! Aber sieh zu, dass er es nicht etwa im Scherz gesagt hat!

SOKRATES: Das ist nicht die Art des Theodoros. Also nimm nur nicht das Eingestandene zurück unter dem Verwand, er rede im Scherz, damit er nicht genötigt werde, ordentlich Zeugnis abzulegen, denn es wird ihn ja dann gewiss niemand falschen Zeugnisses anklagen. Sondern bleibe lieber getrost bei deinem Eingeständnis!

THEAITETOS: Wohl werde ich es so halten müssen, wenn du meinst.


SOKRATES: So sage mir denn: Lernst du wohl [D] bei dem Theodoros etwas von der Geometrie? THEAITETOS: O ja.

SOKRATES: Auch von der Astronomie und der Tonkunst und der Mathematik?

THEAITETOS: Ich befleißige mich wenigstens.

SOKRATES: Auch ich, o Jüngling, bei diesem und anderen, denen ich zutraue, dass sie sich auf etwas hiervon verstehen. Dennoch aber, wiewohl ich im Übrigen ziemlich Bescheid weiß, habe ich Zweifel über eine Kleinigkeit, die ich wohl mit dir und diesen untersuchen möchte. Sage mir also: Heißt nicht Lernen dessen kundiger werden, was man lernt?

THEAITETOS: Wie anders?

SOKRATES: Und die Kundigen, glaube ich, sind doch durch einer Wissenschaft kundig?

THEAITETOS: Ja.

SOKRATES: Und das [E] ist doch nichts anderes als Erkenntnis?

THEAITETOS: Was denn?

SOKRATES: Die Wissenschaft. Oder ist man nicht, wovon man Erkenntnis hat, dessen auch kundig?

THEAITETOS: Wie sonst?

SOKRATES: Also ist dies einerlei, Wissenschaft und Erkenntnis? THEAITETOS: Ja.

SOKRATES: Dies ist nun eben, worüber ich zweifelhaft bin und was ich durch mich selbst nicht hinreichend ergründen kann: die Erkenntnis, was die wohl eigentlich sein mag. Sollten wir [146 St.1 A] es wohl bestimmen können? Was sagt ihr? Wer von uns will es zuerst erklären? Wenn er aber fehlt, und so jedes mal wer fehlt, soll, wie es die Knaben beim Ballspiel nennen, "Esel sitzen". Wer aber, ohne zu fehlen, den Sieg davonträgt, der soll unser König sein und uns zu beantworten aufgeben, was er will. Warum schweigt ihr? Ich werde doch nicht aus Redelust lästig, Theodoros, indem ich es darauf anlege, dass ein Gespräch zwischen uns entstehe und wir einander freund und näher bekannt werden?

THEODOROS: Keineswegs, Sokrates, kann das lästig sein. Sondern heiße [B] einen von den anderen Jünglingen dir antworten, denn ich bin dieser Art zu reden ungewohnt, und mich etwa noch daran zu gewöhnen, habe ich nicht mehr die Jahre. Diesen aber steht es sehr wohl an, und sie würden nur umso mehr zunehmen. Denn in der Jugend, das ist wahr, kann man in allem zunehmen. Lasse also, wie du angefangen hast, nicht ab vom Theaitetos, sondern befrage ihn!

SOKRATES: Du hörst doch, Theaitetos, was Theodoros sagt, welchem du ja, glaube ich, nicht wirst ungehorsam sein wollen, [C] auch würde es wohl dem Jüngeren nicht ziemen, einem weisen Manne, wenn er etwas aufgibt, in solchen Dingen nicht zu gehorchen. So sage denn gerade und frei heraus: Was denkst du, dass Erkenntnis ist?

THEAITETOS: Ich muss wohl, Sokrates, wenn ihr es doch gebietet. Denn auf jeden Fall, wenn ich auch fehle, werdet ihr es berichtigen.

SOKRATES: Allerdings, sofern wir es vermögen.

THEAITETOS: Ich glaube also, dass sowohl dasjenige, was jemand vom Theodoros lernen kann, Erkenntnisse sind, die Geometrie nämlich und die andern, welche du jetzt eben genannt hast, als auch auf der andern Seite die Schuhmacherkunst und die Künste der übrigen Handwerker [D] scheinen mir alle und jede nichts anders zu sein als Erkenntnis.

SOKRATES: Gar offen und freigebig, Lieber, gibst du mir, um eins gefragt, vielerlei, und Mannigfaltiges statt des Einfachen.

THEAITETOS: Wie? Was meinst du damit, Sokrates?

SOKRATES: Vielleicht nichts. Was ich aber meine, will ich dir erklären. Wenn du sagst „das Schuhmachern“, meinst du damit etwas anderes als die Erkenntnis von Verfertigung der Schuhe?

 

THEAITETOS: Nichts anderes.

SOKRATES: Und wenn du sagst „die Tischlerei“, meinst du dann etwas anderes als die Erkenntnis von Verfertigung hölzerner Gerätschaften?

THEAITETOS: [E] Auch dann nicht.

SOKRATES: In beiden Fällen also bestimmst du, wovon ein jedes die Erkenntnis ist? THEAITETOS: Ja.

SOKRATES: Das Gefragte aber war nicht dieses, wovon es Erkenntnis gäbe, noch auch, wievielerlei sie wäre. Denn wir fragten nicht in der Absicht, sie aufzuzählen, sondern um die Erkenntnis selbst zu begreifen, was sie wohl sein mag. Oder habe ich unrecht?

THEAITETOS: Allerdings ist es ganz richtig.

[147 St.1 A] SOKRATES: Erwäge auch dieses: Wenn uns jemand etwas ganz Alltägliches, das erste beste, fragte, etwa nach dem Lehm, was der wohl wäre, und wir antworteten ihm, es gäbe Lehm für die Töpfer, und Lehm für die Puppenmacher, und Lehm für die Ziegelstreicher, ob wir uns nicht lächerlich machten?

THEAITETOS: Vielleicht wohl.

SOKRATES: Zuerst nämlich schon, weil wir glaubten, der Fragende könne nun aus unserer Antwort die Sache verstehen, wenn wir doch wieder sagten, der Lehm, mögen wir nun hernach hinzusetzen, der Puppenmacher oder welches anderen Handwerkers. Oder glaubst du, dass jemand den Namen vom Verfertigen einer Sache versteht, [B] von der er nicht weiß, was es ist?

THEAITETOS: Auf keine Weise.

SOKRATES: So versteht also auch Erkenntnis vom Verfertigen von Schuhen nicht, wer überhaupt nicht weiß, was Erkenntnis ist.

THEAITETOS: Freilich nicht.

SOKRATES: Also auch was Schuhmachen ist oder irgendeine andere Kunst, versteht der nicht, der nicht weiß, was Erkenntnis ist.

THEAITETOS: Freilich nicht.

SOKRATES: Es ist also eine lächerliche Antwort von dem, welcher gefragt wird, was Erkenntnis ist, wenn er darauf durch den Namen irgendeiner Kunst antwortet. Denn er antwortet durch eine Erkenntnis von etwas, ohne hiernach gefragt worden zu sein.

THEAITETOS: So scheint es.

SOKRATES: Dann auch, [C] da er konnte schlicht und kurz antworten, beschreibt er einen unendlichen Weg. So z.B. auch bei der Frage nach dem Lehm konnte er ganz schlicht und einfach sagen, Erde mit Feuchtigkeit gemischt wäre Lehm, für wen aber der Lehm wäre, das konnte er übergehen.

THEAITETOS: Leicht, o Sokrates, erscheint es nun. Du magst aber wohl nach etwas Ähnlichem fragen, wie uns neulich in unseren Beschäftigungen vorgekommen ist, mir und hier deinem Namensgenossen, dem Sokrates.

SOKRATES: Was doch war das?

THEAITETOS: [D] Von den Diagonalen der Quadrate zeichnete uns Theodoros etwas vor, indem er uns von dem mit drei Quadratfuß Inhalt und dem mit fünf Quadratfuß zeigte, dass sie der Länge nach nicht kommensurabel wären mit dem mit einem Quadratfuß. Und so ging er jede einzeln durch bis zu dem mit siebzehn Quadratfuß, bei dieser hielt er inne. Uns nun fiel ein, da der Streckenlängen unendlich viele zu sein schienen, wollten wir versuchen, einen zusammenfassenden Begriff zu finden, wodurch wir diese alle bezeichnen könnten.

SOKRATES: [E] Habt ihr auch so einen gefunden? THEAITETOS: Ich denke wenigstens, betrachte du es nur auch! SOKRATES: So sprich!


THEAITETOS: Wir teilten die Gesamtheit aller Zahlen in zwei. Diejenigen, welche entstehen können durch Gleiches gleichviel mal genommen, nannten wir, mit der Gestalt des Quadrates sie vergleichend, Quadratzahlen.

SOKRATES: Sehr gut.

THEAITETOS: Die aber zwischen diesen, wozu auch drei und fünf gehören, [148 St.1 A] und jede, welche nicht kann aus gleichem gleichviel mal genommen entstehen, sondern nur aus einer größeren Zahl weniger mal oder einer kleineren mehr mal genommen, welche also immer von einer größeren und einer kleineren Seite eingefasst werden, diese nannten wir, mit der länglichen Gestalt des Rechtecks sie vergleichend, Rechteckzahlen.

SOKRATES: Vortrefflich. Aber nun weiter!

THEAITETOS: Alle Strecken nun, welche ein Viereck bilden mit einer Quadratzahl in der Fläche, nannten wir einfache Längen, [B] welche aber eines mit einer Rechteckzahl bilden, diese nannten wir dazu inkommensurable Längen, weil nämlich sie selbst als Längen nicht durch gleiches Maß mit jenen können gemessen werden, wohl aber die Flächen, welche aus ihnen hervorzubringen möglich ist. Ein Ähnliches findet nun statt bei den Rauminhalten der Körper.

SOKRATES: So vortrefflich als möglich, ihr Knaben! Nun wird Theodoros gewiss nicht in die Strafe des falschen Zeugnisses verfallen.

THEAITETOS: Doch aber, o Sokrates, kann ich, was du von der Erkenntnis fragst, nicht so beantworten wie das von den einfachen Längen und den dazu inkommensurablen, obwohl du, wie es mir wenigstens scheint, etwas Ähnliches suchst, so dass Theodoros doch wieder Unrecht zu haben scheint.

[C] SOKRATES: Wieso? Wenn er dich nun deines Laufens wegen gelobt und gesagt hätte, er habe noch nie unter den jungen Leuten einen so Schnellfüßigen angetroffen, und wenn du hernach beim Wettlauf von einem völlig ausgebildeten und sehr schnellen überwunden würdest, würdest du deshalb glauben, dass er dich minder mit recht gelobt habe?

THEAITETOS: Nein, das nicht.

SOKRATES: Und glaubst du, dass die Erkenntnis, so wie ich es jetzt meinte, zu finden eine Kleinigkeit ist und nicht vielmehr unter die gar schwierigen Aufgaben gehört?

THEAITETOS: Beim Zeus, unter die allerschwierigsten, glaube ich.

SOKRATES: Sei nur gutes Mutes deinetwegen und glaube, dass Theodoros wohl recht gehabt hat! [D] Bestrebe dich aber, wie von andern Dingen, so besonders von der Erkenntnis die Erklärung zu finden, was sie eigentlich ist!

THEAITETOS: Sofern es nur am Bestreben liegt, soll sie wohl ans Licht kommen.

SOKRATES: So komm, denn du hast schon sehr gut vorgezeichnet, und versuche nur, deine Antwort wegen jener Seiten der Vierecke entsprechend, so wie du diese, so viele es auch sind, unter einen Begriff zusammengefasst hast, so auch die vielerlei Erkenntnisse durch einen Begriff zu bezeichnen!

THEAITETOS: Wisse nur, Sokrates, ich habe oft versucht, [E] dieses herauszufinden, da ich die von dir herumgehenden Fragen hörte, aber ich kann weder mich selbst überreden, dass ich etwas Genügendes ausgedacht hätte, noch höre ich irgend einen andern die Sache so, wie du es forderst, erklären. Ebenso wenig aber kann ich jemals ablassen, darauf zu sinnen.

SOKRATES: Du hast eben Geburtsschmerzen, lieber Theaitetos, weil du nicht leer bist, sondern schwanger gehst.

THEAITETOS: Das glaube ich nicht. Wie es mir aber ergeht, das habe ich dir gesagt.

SOKRATES: O Spaßmacher, [149 St.1 A] hast du wohl niemals gehört, dass ich der Sohn einer Hebamme bin, einer sehr berühmten und ehrwürdigen, der Phainarete?

THEAITETOS: Das habe ich wohl schon gehört.

SOKRATES: Etwa auch, dass ich dieselbe Kunst ausübe, hast du gehört?

 

THEAITETOS: Das keineswegs.

SOKRATES: Wisse dann, dem ist so. Verrate mich aber nicht damit gegen die andern, denn es weiß niemand von mir, Freund, dass ich diese Kunst besitze. Da es nun die Leute nicht wissen, so sagen sie mir auch dieses zwar nicht nach, wohl aber, dass ich der wunderlichste aller Menschen wäre und alle zum Zweifeln brächte. Gewiss hast du das auch gehört?

THEAITETOS: Vielfältig.

SOKRATES: Soll ich dir davon die Ursache sagen? THEAITETOS: Allerdings.

SOKRATES: [B] Überlege dir nur recht alles von den Hebammen, wie es um sie steht, so wirst du leichter merken, was ich will. Denn du weißt doch wohl, dass keine, solange sie noch selbst empfängt und gebärt, andere entbindet, sondern nur die, welche selbst nicht mehr fähig sind zu gebären, tun es.

THEAITETOS: So ist es allerdings.

SOKRATES: Das soll, wie sie sagen, von der Artemis herrühren, weil dieser, einer Nichtgebärenden, dennoch die Geburtshilfe zuteil geworden. Nun hat sie zwar den ganz Unfruchtbaren nicht verleihen können, Geburtshelferinnen zu sein, weil die menschliche Natur zu schwach ist, um eine Kunst zu erlangen in Dingen, deren sie ganz unerfahren ist, [C] wohl aber hat sie diese Gabe denen, die des Alters wegen nicht mehr gebären, beigelegt, um doch der Ähnlichkeit mit ihr selbst einen Vorzug einzuräumen.

THEAITETOS: Das scheint annehmlich.

SOKRATES: Ist also wohl auch das annehmlich und notwendig, dass, ob eine schwanger ist oder nicht, besser von den Geburtshelferinnen erkannt wird als von andern?

THEAITETOS: Gar sehr.

SOKRATES: Ja es können auch die Hebammen durch Arzneimittel und Beschwörungen die Wehen erregen und, wenn sie wollen, [D] sie auch wieder lindern und den Schwergebärenden zur Geburt helfen, oder auch, wenn diese beschlossen haben, sich des Kindes zu entledigen, können sie es abtreiben, solange es noch ganz klein ist.

THEAITETOS: So ist es.

SOKRATES: Hast du auch das schon von ihnen vernommen, dass sie ebenfalls die geschicktesten Freiwerberinnen sind, indem sie gründlich zu unterscheiden verstehen, was für eine Frau sich mit was für einem Manne verbinden muss, um die besten Kinder zu bekommen?

THEAITETOS: Das habe ich noch nicht so gewusst.

SOKRATES: So wisse denn, dass sie somit noch mehr wissen, als das mit dem Nabelschnitt. Überlege auch nur: Glaubst du, [E] dass die Pflege nebst Einsammlung der Früchte des Erdbodens und dann wiederum die Einsicht, welchem Boden man jegliches Gesäme und Gewächs anvertrauen muss, zu einer und derselben Kunst gehören oder zu verschiedenen?

THEAITETOS: Nein, sondern zu derselben.

SOKRATES: Bei den Frauen aber glaubst du, dass dieses die eine, und das Einsammeln wieder eine andere Kunst ist?

THEAITETOS: Das ist wenigstens nicht wahrscheinlich.

[150 St.1 A] SOKRATES: Wohl nicht, sondern nur wegen des unrechten und unkünstlerischen Zusammenführens der Männer und Frauen, welches man das Kuppeln nennt, enthalten sich die Hebammen als ehrbare Frauen auch des Freiwerbens, aus Furcht, sie möchten um dieser Kunst willen in jenen Verdacht geraten. Denn eigentlich steht es den wahren Geburtshelferinnen auch allein zu, auf die rechte Art Ehen zu stiften.

THEAITETOS: Offenbar.

SOKRATES: So viel also hat es mit den Hebammen auf sich, weniger aber doch als mit einem Spiel. Denn bei den Frauen kommt es nicht vor, dass sie größtenteils zwar echte Kinder gebären,


bisweilen aber auch Mondkälber, aber dass beides schwierig wäre zu unterscheiden. Denn wäre [B] dies der Fall, so würde es gewiss die schönste und größte Kunst der Hebammen sein, zu unterscheiden, was etwas Rechtes ist, und was nicht. Oder glaubst du nicht?

THEAITETOS: Das glaube ich wohl.

SOKRATES: Von meiner Hebammenkunst nun gilt übrigens alles, wie von der ihrigen. Sie unterscheidet sich aber dadurch, dass sie Männern die Geburtshilfe leistet und nicht Frauen, und dass sie für ihre gebärenden Seelen Sorge trägt und nicht für Leiber. Das Größte aber an unserer Kunst ist dieses, dass sie imstande ist zu prüfen, ob die Seele des Jünglings Missgestaltetes oder [C] Falsches zu gebären im Begriff ist, oder Gebildetes und Echtes. Ja auch hierin geht es mir eben wie den Hebammen: ich verhelfe zur Geburt nicht aus Weisheit, und was mir bereits viele vorgeworfen, dass ich andere zwar fragte, selbst aber nichts über irgendetwas antwortete, weil ich nämlich nichts Kluges wüsste zu antworten, darin haben sie recht. Die Ursache davon aber ist diese: Geburtshilfe leisten nötigt mich der Gott, erzeugen aber hat er mir gewehrt. Daher bin ich selbst keineswegs etwa weise, habe auch nichts dergleichen aufzuzeigen als von meinem Verstand erzeugt [D] und geboren. Die aber mit mir umgehen, zeigen sich zuerst zwar zum Teil gar sehr ungelehrig, hernach aber, bei fortgesetztem Umgang, machen alle, denen es der Gott vergönnt, wunderbar schnelle Fortschritte, wie es ihnen selbst und andern scheint, und dieses offenbar ohne jemals irgendetwas etwa von mir gelernt zu haben, sondern nur selbst aus sich selbst, entdecken sie viel Schönes und halten es fest, die Geburtshilfe indes leisten dabei der Gott und ich. Dies erhellt hieraus: Viele schon haben, dies verkennend und sich selbst alles zuschreibend, mich aber verachtend, oder auch [E] von andern überredet, sich früher als recht war von mir getrennt und nach dieser Trennung dann teils infolge schlechter Gesellschaft nur Fehlgeburten getan, teils auch das, wovon sie durch mich entbunden worden, durch Verwahrlosung wieder verloren, weil sie die missgestalteten und unechten Geburten höher achteten als die rechten, zuletzt aber sind sie sich selbst und anderen sogar unverständig vorgekommen, von welchen einer

[151 St.1 A] Aristeides, der Sohn des Lysimachos, war, und viele andere mehr. Wenn solche dann wiederkommen, meines Umgangs begehrend, und wunder was darum tun, hindert mich doch der Dämon, was mir zu widerfahren pflegt, mit einigen wieder umzugehen, andern dagegen wird es vergönnt, und diese machen wieder Fortschritte. Auch darin ergeht es denen, die mit mir umgehen, wie den Gebärenden. Sie haben nämlich Wehen und sind geplagt von Zweifelsschmerzen bei Tag und Nacht, weit ärger als jene. Und diese Wehen kann meine Kunst erregen sowohl als stillen. So ist es demnach mit ihr beschaffen.

Bisweilen aber, o Theaitetos, wenn einige [B] mir gar nicht recht scheinen schwanger zu sein, solchen, weil ich weiß, dass sie meiner gar nicht bedürfen, bin ich ein bereitwilliger Freiwerber, und, mit Gott sei es gesprochen, ich treffe es zur Genüge, wessen Umgang ihnen vorteilhaft sein wird, wie ich denn ihrer schon viele dem Prodikos abwendig gemacht habe, viele auch andern weisen und gottbegabten Männern. Dieses habe ich dir, Bester, deshalb so ausführlich vorgetragen, weil ich Vermutung habe, dass du, wie du es auch selbst meinst, etwas in dir trägst und Geburtsschmerzen hast. So übergib dich also mir und das was du [C] austrägst, als dem Sohn einer Geburtshelferin und auch selbst der Geburtshilfe Kundigen, und was ich dich frage, das bemühe dich, so gut du nur kannst, zu beantworten. Und wenn ich bei der Untersuchung etwas, was du sagst, für ein Mondkalb und nichts Echtes erfunden habe, also es ablöse und wegwerfe, so erzürne dich darüber nicht, wie die Frauen es bei der ersten Geburt zu tun pflegen. Denn schon viele, mein Guter, sind so gegen mich aufgebracht gewesen, wenn ich ihnen eine Posse abgelöst habe, dass sie auf mich hätten losbeißen mögen, [D] und wollen nicht glauben, dass ich das aus Wohlmeinen tue, weil sie weit entfernt sind einzusehen, dass kein Gott jemals den Menschen missgünstig ist, und dass auch ich nichts dergleichen aus Übelwollen tue, sondern mir nur eben keineswegs gestattet ist Falsches gelten zu lassen und Wahres zu unterschlagen.

Versuche also noch einmal von Anfang an, o Theaitetos, zu sagen, was Erkenntnis ist! Dass du aber nicht kannst, sage nur niemals! Denn so Gott will und du tapfer bist, wirst du es wohl können.


THEAITETOS: Wenn du freilich, Sokrates, solchergestalt zuredest, wäre es schändlich, nicht auf alle Weise mutig zu sagen, [E] was einer eben zu sagen hat. Mir also scheint, wer etwas erkennt, dasjenige wahrzunehmen, was er erkennt, und wie es mir jetzt erscheint, ist Erkenntnis nichts anderes als Wahrnehmung.

SOKRATES: Gut und mutig, Jüngling! So muss sich deutlich machen, wer etwas erklärt. Wohlan, lasse uns nun dieses gemeinsam betrachten, ob es eine rechte Geburt ist oder ein Windei! Wahrnehmung, sagst du, sei Erkenntnis?

THEAITETOS: Ja.

SOKRATES: Und gar keine schlechte Erklärung scheinst du gegeben zu haben von der Erkenntnis, sondern die [152 St.1 A] welche auch Protagoras gibt, nur dass er dieses nämliche auf eine etwas andere Weise ausgedrückt hat: Er sagt nämlich, der Mensch sei das Maß aller Dinge, der Seienden, wie sie sind, der Nichtseienden, wie sie nicht sind. Du hast dies doch gelesen!

THEAITETOS: Oftmals habe ich es gelesen.

SOKRATES: Nicht wahr, er meint dies so: Wie ein jedes Ding mir erscheint, ein solches ist es auch mir, und wie es dir erscheint, ein solches ist es wiederum dir. Ein Mensch aber bist du sowohl als ich.

THEAITETOS: So meint er es unstreitig.

SOKRATES: Wahrscheinlich doch wird ein so weiser Mann nicht Torheiten reden. Lasse uns ihm [B] also nachgehen! Wird nicht bisweilen, indem derselbe Wind weht, den einen von uns frieren, den andern nicht. Oder den einen wenig, den andern sehr stark?

THEAITETOS: Jawohl.

SOKRATES: Sollen wir nun in diesem Falle sagen, dass der Wind an und für sich kalt ist oder nicht kalt. Oder sollen wir dem Protagoras glauben, dass er dem Frierenden ein kalter ist, dem Nichtfrierenden nicht?

THEAITETOS: So wird es wohl sein müssen.

SOKRATES: Und so erscheint er doch jedem von beiden?

THEAITETOS: Freilich.

SOKRATES: Dieses „erscheint“ ist aber eben das Wahrnehmen?

THEAITETOS: So ist es.

SOKRATES: Erscheinung also [C] und Wahrnehmung ist dasselbe in Absicht auf das Warme und alles, was dem ähnlich ist? Denn wie ein jeder es wahrnimmt, so scheint es für ihn auch zu sein.

THEAITETOS: Das leuchtet ein.

SOKRATES: Wahrnehmung geht also wohl immer auf das Seiende und ist untrüglich, wenn sie ja Erkenntnis ist.

THEAITETOS: So scheint es.

SOKRATES: Nun, so war etwa, bei den Chariten, Protagoras gar überweise und hat die Sache zwar uns nur durch vielen Nebel dunkel angedeutet, seinen Schülern aber im geheimen das Rechte gesagt?

THEAITETOS: Wie doch, o Sokrates, meinst du dies?

SOKRATES: Ich will es dir sagen, es ist gar keine schlechte Rede, [D] dass nämlich gar nichts ein an und für sich Bestimmtes ist, und dass du keinem Dinge mit Recht welche Eigenschaft auch immer beilegen kannst, vielmehr, wenn du etwas groß nennst, wird es sich auch klein zeigen, und wenn du etwas schwer nennst, wird es sich auch leicht zeigen, und so gleicherweise in allem, dass eben nichts weder ein Gewesenes ist, noch auch irgendwie beschaffen, sondern durch Bewegung und Veränderung und Vermischung wird alles untereinander nur, wovon wir sagen, dass es ist, indem wir es damit nicht richtig bezeichnen, denn niemals ist eigentlich irgendetwas, sondern immer nur wird es. Und hierüber mögen denn der Reihe nach alle Weisen, den Parmenides ausgenommen, einig sein, Protagoras sowohl als Herakleitos und Empedokles, [E] und so auch


von den Dichtem die Meister von beiden Dichtungsarten, Epicharmos der komischen und Homer der tragischen, denn wenn dieser sagt:

Dass ich den Vater Okeanos schau' und Tethys die Mutter,

will er andeuten, dass alles entsprungen ist aus dem Fluss und der Bewegung. Oder scheint er dir nicht dieses zu meinen?

THEAITETOS: Allerdings auch mir.

SOKRATES: Wer dürfte nun wohl gegen ein solches [153 St.1 A] Heer und seinen Anführer Homer etwas bestreiten, ohne sich lächerlich zu machen?

THEAITETOS: Leicht ist es nicht, o Sokrates.

SOKRATES: Gewiss nicht, Theaitetos. Zumal auch dies noch hinlängliche Beweise sind für diese Behauptung, dass nämlich allemal das, was zu sein scheint, und das Werden die Bewegung verursacht, das Nichtsein aber den Untergang die Ruhe. Denn Wärme und Feuer, welche dann wieder die andern Dinge erzeugen und in Ordnung halten, werden selbst erzeugt durch Umschwung und Reibung, diese aber sind Bewegung. Oder sind dies nicht [B] die Entstehungsarten des Feuers?

THEAITETOS: Dies sind sie freilich.

SOKRATES: Ferner entsprosst ja auch das Geschlecht der Lebenden aus eben diesen Ursachen.

THEAITETOS: Wie anders?

SOKRATES: Und wie? Der ganze Zustand des Leibes, wird er nicht durch Ruhe und Trägheit zerrüttet, durch Leibesübungen aber und Bewegungen im Ganzen wohl erhalten?

THEAITETOS: Ja.

SOKRATES: Und der Zustand der Seele ebenso, pflegt sie nicht durch Lernen und Fleiß, welches Bewegungen sind, Kenntnisse zu erwerben und festzuhalten und so besser zu werden, durch die Ruhe aber, welche sich in Gedankenlosigkeit und Trägheit zeigt, nichts zu lernen nicht nur, sondern auch das Gelernte [C] zu vergessen?

THEAITETOS: Ganz gewiss.

SOKRATES: Das Gute also ist Bewegung für Seele und Leib, und umgekehrt das Gegenteil davon? THEAITETOS: So scheint es.

SOKRATES: Soll ich dir nun auch noch die Windstillen anführen und was dem ähnlich ist, wie überall die Ruhe Fäulnis und Zerstörung bewirkt, das Gegenteil aber Erhaltung? Und über dies alles soll ich dir, nun noch den letzten Stein hinzutragend, zeigen, dass unter der goldenen Kette Homer nichts anderes versteht als die Sonne und also andeutet, solange der gesamte Weltkreis in Bewegung ist und die Sonne, [D] so lange sei auch alles und bleibe wohlbehalten bei Göttern und Menschen, wenn aber dies einmal wie gefesselt stillstände, so würden alle Dinge untergehen und, wie man sagt, das Unterste zuoberst gekehrt werden?

THEAITETOS: Mir, o Sokrates, scheint er das anzudeuten, was du sagst.

SOKRATES: Denke dir also, Bester, die Sache so: zuerst in Beziehung auf die Augen: was du weiße Farbe nennst, dass dies nicht selbst etwas Besonderes ist außerhalb deiner Augen noch auch in deinen Augen, und dass du ihm ja keinen Ort bestimmst, denn sonst wäre es schon, wenn es bestimmt irgendwo wäre, und beharrte, und würde nicht bloß im Entstehen.

[E] THEAITETOS: Aber wie denn?

SOKRATES: Folgen wir nur dem eben vorgetragenen Satz, dass nichts an und für sich ein Bestimmtes ist, und es wird uns deutlich werden, dass Schwarz und Weiß und jede andere Farbe aus dem Zusammentreffen der Augen mit der zu ihr gehörigen Bewegung entstanden ist, und was wir jedesmal Farbe nennen, wird weder das Anstoßende sein noch das Angestoßene, sondern ein dazwischen [154 St.1 A] jedem besonders Entstandenes. Oder möchtest du behaupten, dass jede Farbe, eben wie sie dir erscheint, auch einem Hunde oder irgendeinem andern Tiere erscheinen werde?

 

THEAITETOS: Beim Zeus, das möchte ich nicht.

SOKRATES: Aber wie? Erscheint einem andern Menschen irgendetwas gerade ebenso wie dir? Bist du dessen recht gewiss, oder vielmehr dessen, dass etwas nicht einmal dir selbst immer als dasselbe erscheine, da du niemals ganz auf dieselbe Weise dich verhältst?

THEAITETOS: Mich dünkt dieses eher als jenes.

SOKRATES: Also wenn das Gemessene oder Berührte groß oder rot oder warm wäre, so könnte es nicht dadurch, dass es auf einen andern träfe, ein anderes werden, [B] indem es sich selbst gar nicht veränderte. Wenn aber wiederum das Messende oder Berührende jedes von diesen wäre, so könnte es nicht, wenn ein anderer Gegenstand herankommt oder dem vorigen etwas begegnet, indem jedoch ihm selbst nichts widerfährt, dennoch ein anderes werden. Denn jetzt, Freund, werden wir genötigt, wunderbare und lächerliche Dinge getrost zu behaupten, wie Protagoras und jeder, der dasselbe wie er behaupten will, uns vorwerfen würde.

THEAITETOS: Wie doch, und was für Dinge meinst du?

SOKRATES: Nimm nur ein kleines Beispiel, und du wirst wissen, was ich meine: Sechs Bohnen, wenn du vier dagegen hältst, werden mehr sein als die vier, [C] nämlich noch ein halbes mal so viel, wenn aber zwölf, dann weniger, nämlich die Hälfte, und man darf nicht einmal leiden, dass etwas anderes behauptet werde. Oder möchtest du es leiden?

THEAITETOS: Ich keineswegs.

SOKRATES: Wie nun, wenn dich Protagoras oder ein anderer fragte: „Ist es wohl möglich, Theaitetos, dass etwas größer oder mehr werde auf eine andere Weise, als dass es zugenommen hat?“ Was wirst du antworten?

THEAITETOS: Wenn ich, o Sokrates, antworten soll, was mir in Beziehung auf diese Frage allein richtig scheint, so werde ich sagen, es ist nicht möglich, wenn ich aber in Beziehung auf die vorige Frage antworten soll, so werde ich, [D] um mich zu hüten, dass ich nichts Widersprechendes sage, wohl antworten, es wäre gar wohl möglich.

SOKRATES: Sehr gut, Freund, bei der Hera, und göttlich! Jedoch wie mir scheint, wenn du antwortest, es sei möglich, wird dir jenes aus dem Euripides begegnen, es wird uns die Zunge freilich unwiderlegt sein, die Seele aber nicht unwiderlegt.

THEAITETOS: Ganz wahr.

SOKRATES: Wenn wir, du und ich, also von den gewaltigen Weisen wären, die schon alles durchgeprüft haben in ihren Gedanken, so würden wir von nun an immer weiter nur zum Zeitvertreib einander versuchen und, auf sophistische Art einen [E] ebensolchen Wettstreit beginnend, jeder den Reden des andern mit den seinigen ausweichen. Nun wir aber nur schlichte Menschen sind, werden wir doch zuerst die Sache an sich selbst betrachten wollen, wie das wohl beschaffen ist, was wir behaupten, ob es untereinander stimmt, oder vielleicht nichts weniger als das.

THEAITETOS: Auf jede Weise würde ich meinesteils dieses letztere wollen.

SOKRATES: Auch ich gewiss. Da es sich nun so verhält, können wir ganz gelassen in voller Muße die Sache wieder von vorn untersuchen, ohne verdrießlich zu werden, [155 St.1 A] sondern recht aufrichtig uns prüfend, was doch diese Erscheinungen uns eigentlich sind, von denen wir nun die erste untersuchen, und, wie ich wenigstens glaube, sagen werden, dass niemals irgendetwas weder mehr noch weniger werde, weder der Masse noch der Zahl nach, so lange, als es sich selbst gleich ist. Nicht so?

THEAITETOS: Ja.

SOKRATES: Zweitens auch wohl, dass etwas, dem nichts zugesetzt noch auch abgenommen wird, niemals weder wachse noch schwinde, sondern immer gleich bleibe.

THEAITETOS: [B] Ganz offenbar.

SOKRATES: Nicht auch das dritte, nämlich was vorher nicht war, dass dieses doch auch nachher unmöglich sein könne, ohne geworden zu sein und zu werden?


THEAITETOS: So scheint es freilich.

SOKRATES: Diese drei Behauptungen nun streiten, glaube ich, in unserer Seele mit einander, wenn wir jenes von den Bohnen aussagen, oder wenn wir behaupten, dass ich, der ich diese bestimmte Größe habe, ohne weder zu wachsen noch das Gegenteil zu erleiden binnen Jahresfrist, jetzt zwar größer bin als du, der Jüngere, hernach aber kleiner, da doch ich von meinem Maß nichts verloren habe, [C] sondern nur du an der deinigen gewonnen hast. Denn ich bin ja hernach, was ich vorher nicht war, ohne es geworden zu sein. Denn ohne Werden ist unmöglich Gewordensein, und da ich nichts von meinem Maße eingebüßt habe, wurde ich ja nicht kleiner. Und mit tausend und abertausend Sachen verhält es sich ebenso, wenn wir dieses wollen gelten lassen. Du kommst doch wohl mit, Theaitetos? Wenigstens scheinst du mir nicht unerfahren in diesen Dingen zu sein.

THEAITETOS: Wahrlich, bei den Göttern, Sokrates, ich wundere mich ungemein, wie doch dieses wohl sein mag, ja bisweilen, wenn ich recht hineinsehe, schwindelt mir ordentlich.

[D] SOKRATES: Theodoros, du Lieber, urteilt eben ganz richtig von deiner Natur. Denn gar sehr ist dies der Zustand eines Freundes der Weisheit, die Verwunderung, ja es gibt keinen andern Anfang der Philosophie als diesen, und wer gesagt hat, Iris sei die Tochter des Thaumas, scheint die Abstammung nicht übel getroffen zu haben. Aber hast du schon inne, wie diese Dinge, zufolge dessen, was, wie wir sagen, Protagoras behauptet, sich dennoch wirklich so verhalten können, oder noch nicht?

THEAITETOS: Noch nicht recht, glaube ich.

SOKRATES: So wirst du es mir wohl Dank wissen, wenn ich dir von der Meinung dieses Mannes oder vielmehr vieler [E] berühmter Männer den rechten verborgenen Sinn aufspüren helfe.

THEAITETOS: Wie sollte ich dir das nicht Dank wissen, und zwar sehr vielen?

SOKRATES: Sieh dich aber wohl um und habe acht, dass uns nicht einer von den Uneingeweihten zuhöre! Dies sind aber die, welche von nichts anderem glauben, dass es sei, als von dem, was sie recht herzhaft mit beiden Händen greifen können, das Handeln und das Werden und alles Unsichtbare gar nicht unter dem, was ist, wollen gelten lassen.

THEAITETOS: Das sind ja verstockte und [156 St.1 A] widerspenstige Menschen, Sokrates, von denen du redest.

SOKRATES: Jene freilich, mein Junge, sind sehr roh. Viel preiswürdiger aber sind diese, deren Geheimnisse ich dir jetzt mitteilen will. Der Anfang aber, an welchem auch, was wir vorhin sagten, alles hängt, ist bei ihnen der, dass alles Bewegung ist, und anderes außerdem nichts, von der Bewegung aber zwei Arten, beide der Anzahl nach unendlich, deren eine ihr Wesen hat im Wirken, die andere im Leiden, und aus dem Begegnen und der Reibung dieser beiden gegen einander entstehen Erzeugnisse, [B] der Anzahl nach auch unendliche, je zwei aber immer Zwillinge zugleich, das Wahrnehmbare und die Wahrnehmung, die immer zugleich hervortritt und erzeugt wird mit dem Wahrnehmbaren. Die Wahrnehmungen nun führen uns Namen wie diese: Gesicht, Gehör, Geruch, Erwärmung und Erkältung, auch Lust und Unlust werden sie genannt, Begierde und Abscheu, und andere gibt es noch, unbenannte unzählbare, sehr viele auch noch benannte. Die Arten des Wahrnehmbaren aber sind je eine einer von jenen an- und miterzeugt, dem mancherlei Sehen die [C] mancherlei Farben, dem Hören gleichermaßen die Töne, und so den übrigen Wahrnehmungen das übrige ihnen verwandte Wahrnehmbare. Was besagt uns nun diese Erzählung, Theaitetos, in Beziehung auf das Vorige? Merkst du es wohl?

THEAITETOS: Noch nicht ganz, o Sokrates.

SOKRATES: So sieh zu, ob wir es irgendwie vollenden! Sie will nämlich sagen, dass alles dieses, wie wir auch sagten, sich bewegt. In dieser Bewegung aber findet sich Schnelligkeit und Langsamkeit. Soviel nun langsam ist, das hat seine Bewegung an demselben Ort und in Beziehung mit dem Nahen, und erzeugt auf diese Weise. Das auf diese Weise Erzeugte aber ist langsamer. Was aber [D] schnell ist, das hat seine Bewegung in Beziehung mit Entfernterem und erzeugt so, und das so Erzeugte ist schneller; denn es geht im Raume fort, und in diesem Fortgehen besteht die


Natur seiner Bewegung. Wenn nun ein Auge und ein solches anderes ihm Angemessenes zusammentreffen und die Röte erzeugen nebst der ihr mitgeborenen Wahrnehmung, [E] was beides nicht wäre erzeugt worden, wenn eines von jenen beiden auf ein anderes getroffen hätte, dann wird, indem beide sich bewegen, nämlich das Sehen auf Seiten der Augen, die Röte aber

auf Seiten des die Farbe miterzeugenden Gegenstandes, auf der einen Seite das Auge erfüllt mit der Gesichtswahrnehmung und sieht alsdann und ist geworden nicht eine Gesichtswahrnehmung, sondern ein sehendes Auge, auf der anderen Seite wird das die Farbe Miterzeugende erfüllt mit der Röte und ist geworden auch wiederum nicht die Röte, sondern ein Rotes, sei es nun Holz oder Stein oder welchem Dinge sonst begegnet, mit dieser Farbe gefärbt zu sein. Ebenso ist nun alles übrige, das Harte und Warme und alles andere, auf dieselbe Art zu verstehen, dass es nämlich an und für sich nichts ist, [157 St.1 A] wie wir auch vorher sagten, sondern dass in dem einander begegnen alles allerlei wird vermöge der Bewegung. Denn auch, dass das Wirkende etwas ist und das Leidende wiederum etwas, lässt sich an einem nicht fest und sicher bemerken: denn weder ist etwas ein Wirkendes, ehe es mit einem Leidenden zusammentrifft, noch ein Leidendes, ehe es mit dem Wirkenden zusammentrifft, ja auch, was mit dem einen zusammentreffend ein Wirkendes wird, zeigt sich, wenn es auf ein anderes fällt, als ein Leidendes. So dass diesem allen zufolge, wie wir von Anfang an sagten, [B] nichts an und für sich ein Bestimmtes ist, sondern immer nur wird für irgendein anderes, das Sein aber überall ausgestoßen werden muss. Wiewohl wir es auch jetzt eben aus Gewohnheit und Ungeschicktheit gar oft und viel zu gebrauchen genötigt waren, und man darf doch nach der Rede der Weisen weder das Etwas zugeben, noch das Wesen, noch Meins, noch Dieses, noch Jenes, noch irgend eine andere Bezeichnung, die feststeht, sondern der Natur gemäß muss man nur reden von Werdendem und Gewirktem, Vergehendem und Verändertem, so dass, wenn jemand etwas [C] beharrlich festsetzt durch seine Rede, ein solcher sehr leicht zuschanden zu machen ist. So muss man sowohl von dem einzelnen reden als auch von dem aus vielem zusammengefassten, durch welches Zusammenfassen man Mensch sagt und Stein und jegliches einzelne Tier und seine Gattung. Ist dir dies nun angenehm, Theaitetos, und gefällt es dir, dass du davon kosten möchtest?

THEAITETOS: Ich weiß nicht recht, Sokrates. Denn auch von dir kann ich nicht innewerden, ob du es sagst als deine Meinung, oder ob du mich nur versuchst.

SOKRATES: Erinnerst du dich nicht mehr, Lieber, dass ich meinesteils dergleichen [D] gar nicht weiß, auch nichts als das meinige vorbringe, sondern ganz und gar unfruchtbar bin in dergleichen? Dir aber will ich Geburtshilfe leisten, und deshalb bespreche ich dich und lege dir zu kosten vor von allerlei Weisheit, bis ich endlich auch deine Meinung mit ans Licht bringe. Ist sie aber ans Licht gebracht, dann will ich auch gleich sehen, ob sie sich als ein Windei oder als eine gesunde Geburt zeigen wird. Also halte nur aus und sei gutes Mutes und antworte mutig und tapfer, was dich dünkt über das, wonach ich eben frage!

THEAITETOS: So frage denn!

SOKRATES: Erkläre dich also noch einmal, ob es dir recht ist, dass gar nicht sein, sondern immer nur werden soll, Gutes und Schönes [E] und alles, was wir eben durchgegangen sind?

THEAITETOS: Freilich scheint mir, wenn ich dich die Sache so erörtern höre, alles ganz erstaunlich begründet zu sein, und dass es so müsse gedacht werden, wie du es auseinandersetzest.

SOKRATES: So wollen wir denn auch das nicht zurücklassen, was noch übrig ist davon. Es ist aber noch übrig das von den Träumen und Krankheiten, besonders auch dem Wahnsinn, und was man nennt sich verhören oder sich versehen oder sonst eine Sinnentäuschung. Denn du weißt wohl, dass es das Ansehen hat, als könne durch alle diese Fälle einstimmig der Satz widerlegt werden, den wir jetzt eben durchgegangen sind, und als wären auf alle Weise unsere Wahrnehmungen falsch in diesen Fällen, [158 St.1 A] und als fehlte viel daran, dass, was einem jeden erscheint, dasselbe auch sei, sondern ganz im Gegenteil, als sei nichts von dem, was erscheint.

THEAITETOS: Vollkommen recht, o Sokrates.

 

SOKRATES: Was für eine Ausrede, Jüngling, bleibt also dem noch übrig, welcher sagt, Wahrnehmung sei Erkenntnis, und was jedem erscheine, das sei auch so dem, welchem es erscheint?

THEAITETOS: Es fehlt mir der Mut, Sokrates, zu gestehen, dass ich nicht weiß, was ich sagen soll, weil du mich vorhin gescholten, als ich dies sagte. Und doch könnte ich in der Tat nicht bestreiten, dass die Wahnsinnigen oder die Träumenden nicht falsche Vorstellungen haben, wenn jene Götter zu sein glauben, die Flügel haben [B] und sich im Traume als fliegend vorkommen.

SOKRATES: Merkst du auch nicht diesen Einwurf dagegen, besonders was Wachen und Schlafen betrifft?

THEAITETOS: Welchen doch?

SOKRATES: Den du, meine ich, oft gehört haben wirst, wenn man nämlich die Frage aufwirft, was für ein Kennzeichen jemand wohl angeben könnte, wenn einer fragte, jetzt und hier, ob wir nicht schlafen und alles, was wir vorstellen, nur träumen, oder ob wir wachen und wachend uns unterreden?

THEAITETOS: Und wahrlich, Sokrates, es ist sehr schwierig, durch was für ein Kennzeichen man es [C] aufzeigen soll. Denn es folgt ganz genau auf beiden Seiten dasselbe. Denn was wir jetzt gesprochen haben, das können wir ebenso gut im Traume zu sprechen glauben, und wenn wir im Traume über etwas zu sprechen meinen, so ist ganz wunderbar, wie ähnlich dies jenem ist.

SOKRATES: Du siehst also, dass das Bestreiten nicht schwer ist, wenn sogar darüber gestritten werden kann, was Schlaf ist und was Wachen. Und da die Zeit des Schlafens der des Wachens ziemlich gleich ist und die Seele in jedem von diesen Zuständen behauptet, dass die ihr jedesmal gegenwärtigen Vorstellungen auf alle Weise wahr sind, [D] so behaupten wir eine gleiche Zeit hindurch einmal, dass das eine, dann wieder ebenso, dass das andere wirklich ist, und beharren beide mal gleich fest auf unserer Meinung.

THEAITETOS: Allerdings.

SOKRATES: Verhält es sich nun nicht mit Krankheiten und mit dem Wahnsinn ebenso, bis auf die Zeit, dass die nicht gleich ist?

THEAITETOS: Ganz richtig.

SOKRATES: Und wie? Soll das Wahre aus der Länge und Kürze der Zeit bestimmt werden?

THEAITETOS: Lächerlich wäre das ja auf vielerlei Weise!

SOKRATES: Hast du aber etwas anderes Sicheres, woran du zeigen kannst, welche von diesen Vorstellungen die wahren sind?

THEAITETOS: [E] Mich dünkt, nicht.

SOKRATES: So höre denn von mir, was diejenigen darüber sagen würden, welche behaupten, was jeder vorstellt, sei dem, der es sich vorstellt, auch wahr. Sie werden aber, wie ich glaube, uns so befragen: Was ganz und gar von einem andern verschieden ist, o Theaitetos, kann das wohl irgendeinerlei Vermögen mit jenem haben? Und dass wir also ja nicht annehmen, dass das, wovon die Frage ist, in einer Hinsicht doch einerlei ist mit jenem und nur in einer andern verschieden, sondern nur, dass es ganz verschieden ist!

THEAITETOS: Es ist ja unmöglich, dass eines mit einem andern einerlei, sei es nun Vermögen [159 St.1 A] oder sonst etwas habe, wenn es ganz und gar davon verschieden ist.

SOKRATES: muss man nicht auch zugeben, dass ein solches notwendig unähnlich ist? THEAITETOS: Mir scheint es wenigstens.

SOKRATES: Wenn sich also ereignet, dass etwas einem ähnlich wird oder unähnlich, es sei nun sich selbst oder einem andern, werden wir nicht, wenn es ähnlich wird, sagen, dass es einerlei, wenn aber unähnlich, dass es verschieden wird?

THEAITETOS: Notwendig.

 

SOKRATES: Haben wir nun nicht vorher gesagt, dass es vielerlei und unzähliges Wirkendes gebe, und Leidendes auch?

THEAITETOS: Das haben wir.

SOKRATES: Und auch, dass eines mit einem andern und dann wieder mit einem andern sich vermischend [B] nicht beide mal einerlei, sondern Verschiedenes erzeugen wird?

THEAITETOS: Allerdings.

SOKRATES: So lasse uns denn von dir und mir und allem auf dieselbe Weise sagen: Der kranke Sokrates und der gesunde Sokrates, sollen wir dies jenem ähnlich nennen oder unähnlich?

THEAITETOS: Meinst du dieses Ganze, den kranken Sokrates, jenem Ganzen, dem gesunden Sokrates?

SOKRATES: Ganz recht hast du verstanden: so meine ich es. THEAITETOS: Unähnlich dann.

SOKRATES: Auch verschieden etwa auf eben die Art wie unähnlich? THEAITETOS: Notwendig.

SOKRATES: Auch von dem Schlafenden also, und was wir sonst jetzt angeführt haben, wirst du [C] das nämliche behaupten?

THEAITETOS: Ich gewiss.

SOKRATES: Wird also nicht jedes seiner Natur nach etwas Wirkende, wenn es den gesunden Sokrates trifft, mit einem verschiedenen zu tun haben, und wenn es den kranken trifft, wieder mit einem verschiedenen?

THEAITETOS: Wie sollte es nicht?

SOKRATES: Und Verschiedenes werden wir also in beiden Fällen zusammen erzeugen, ich, der Leidende, und jenes, das Wirkende?

THEAITETOS: Wie sonst?

SOKRATES: Wenn nun ich, der Gesunde, Wein trinke, so erscheint er mir lieblich und süß? THEAITETOS: O ja.

SOKRATES: Es haben nämlich [D] alsdann nach dem zuvor Eingeräumten das Wirkende und das Leidende erzeugt die Süßigkeit und die Wahrnehmung, beide zugleich in Bewegung waren. Und zwar hat die Wahrnehmung, welche auf der Seite des Leidenden ist, seine Zunge wahrnehmend gemacht, die Süßigkeit aber, auf der Seite des Weines, um ihn sich ausbreitend, hat den Wein für die gesunde Zunge süß zu sein und zu scheinen gemacht.

THEAITETOS: So waren wir allerdings vorher übereingekommen.

SOKRATES: Wenn er aber den Kranken trifft, hat er dann, zuerst der Wahrheit nach, denselben nicht getroffen, da er zu einem dem Vorigen Unähnlichen gekommen ist?

THEAITETOS: Ja.

SOKRATES: Verschiedenes also [E] erzeugen wiederum ein solcher Sokrates und das Trinken des Weines, an der Zunge nämlich die Wahrnehmung der Bitterkeit, an dem Wein aber die werdende und sich ausbreitende Bitterkeit, und machen diesen nicht zur Bitterkeit, sondern zu einem bitteren, mich aber nicht zur Wahrnehmung, sondern zu einem Wahrnehmenden.

THEAITETOS: Ganz offenbar.

SOKRATES: Also werde sowohl ich nichts anderes jemals werden, solange ich so wahrnehme, denn nur eine andere Wahrnehmung [160 St.1 A] von etwas anderem macht den Wahrnehmenden zu einem veränderten und anderen, als auch jenes, das auf mich Wirkende, wird niemals, sobald es mit einem anderen zusammentrifft, eben dasselbe erzeugend, ein ebensolches werden. Denn mit anderem muss es, anderes erzeugend, ein Verändertes werden.

THEAITETOS: So ist es.


SOKRATES: Ebenso wenig aber werde ich für mich selbst ein solcher, noch jenes für sich selbst ein solches werden.

THEAITETOS: Natürlich nicht.

SOKRATES: Notwendig also muss sowohl ich, wenn ich ein Wahrnehmender werde, es von etwas werden, denn ein Wahrnehmender zwar, aber ein nichts Wahrnehmender zu werden, das ist unmöglich, als auch jenes muss, wenn es süß oder bitter oder etwas dergleichen wird, es notwendig für einen werden, denn süß, aber [B] für niemanden süß zu sein, ist unmöglich.

THEAITETOS: Allerdings muss es so sein.

SOKRATES: Es bleibt also, glaube ich, übrig, dass wir für einander etwas sind oder werden, je nachdem man nun „sein“ oder „werden“ sagen will, da unser Sein zwar die Notwendigkeit verknüpft, aber weder mit irgend einem andern noch mit uns selbst. Also bleibt übrig, dass es für uns untereinander verknüpft ist. So dass, mag es nun jemand Sein nennen, er sagen muss, es sei für etwas oder von etwas, oder in Beziehung auf etwas, oder nenne er es Werden, dann ebenso. Dass aber etwas an und für sich etwas entweder sei oder werde, [C] das darf er weder selbst behaupten, noch, wenn ein anderer dies behauptet, es annehmen, wie die Rede, welche wir durchgegangen sind, zeigt.

THEAITETOS: So ist es allerdings, Sokrates.

SOKRATES: Nicht wahr also, wenn das mich zu etwas Machende für mich ist und nicht für einen anderen, so nehme auch nur ich es wahr, ein anderer aber nicht?

THEAITETOS: Wie anders?

SOKRATES: Wahr also ist mir meine Wahrnehmung, denn sie ist die meines jedesmaligen Seins. Ich also bin der Richter, nach dem Protagoras, dessen sowohl, was mir ist, wie es ist, als dessen, was mir nicht ist, wie es nicht ist.

THEAITETOS: So scheint es.

SOKRATES: Wie also sollte ich, da ich [D] untrüglich bin und nie fehle, in meiner Vorstellung von dem, was ist oder wird, dasjenige nicht auch erkennen, was ich wahrnehme?

THEAITETOS: Es lässt sich auf keine Weise anders denken.

SOKRATES: Vortrefflich also hast du gesprochen, dass die Erkenntnis nichts anderes ist als Wahrnehmung, und es fällt in eines zusammen, dass nach dem Homer, Herakleitos und ihrem ganzen Stamm alles sich wie Ströme bewegt, dass nach dem Protagoras, dem sehr weisen, der Mensch das Maß aller Dinge ist, und dass nach dem Theaitetos, wenn dieses sich so verhält, die Wahrnehmung Erkenntnis wird. Nicht wahr, o Theaitetos, wir sagen doch, [E] dass dies Kindlein dein Neugeborenes ist, und von mir geholt? Oder wie meinst du?