Werk:VGHMVG/Erinnerungen wegen der andern Auflage.
Man hat erstlich für nützlich gefunden mehrere Exempel aus allen Arten der Wissenschaften zur Erläuterung denen Regeln beyzufügen, damit auch diejenigen, welche die Erklärung bei mir nicht anhören, sich desto leichter darin finden können: indem jedermann bekant ist, daß die Exempel nicht allein dienen, die Regeln besser zu verstehen, sondern auch zeigen, wie man sie am gehörigen Orte anbringen soll.
Dieses ist absonderlich in dem ersten Capitel von den Begriffen geschehen, weil diese eine Haupt-Materie ist, daran sehr viel gelegen, und die man in andern Büchern nicht so ausgeführet antrift.
Und habe ich die Hofnung, es werde hieraus ein jeder sehen, daß meine Regeln allgemein sind, und nicht allein in der Mathematick, sondern überall gelten, wo man nach einer gründlichen Erkäntniß strebet.
Weil ich in dem Capitel von Schlüssen zeige, daß manim Erfinden sich der förmlichen Schlüsse bedienen muß, wenn man ordentlich dencken und fortschreiten will; so habe nicht undienlich zu seyn erachtet, daß es gleich hinter das Capitel von den Sätzen käme, vor die beyden Capitel, darinnen gezeiget wird, wie die Sätze theils aus der Erfahrung, theils aus den Erklärungen und andern vorhin erkandten Sätzen gezogen werden.
Auf solche Weise gehet vorher, as in den nachfolgenden Capiteln gebrauchet wird.
Das erste Capitel von den Begriffen und das vierdte von den Schlüssen sind die beyden wichtigsten.
Denn wo man gründliche Erkäntniß liebet, kommet es hauptsächlich auf deutliche Begriffe und ordentliche Beweise an.
Ich weiß wohl. daß es Leute giebet, die beydes verwerffen.
Sie verachten, was sie nicht nachthun können.
Und sie thun wohl daran: massen sie nicht weiters als Ansehen bey Unverständigen suchen, das ihnen einträglicher ist, als ein wohlgegründeter Ruhm bey Verständigen: allein da bey mir die Wahrheit über alles gehet; so kan ich sie wohl bey ihren fünf sinnen lassen, werde aber nimermehr aus intereßirten Absichten von gründlicher Erkäntniß ablassen.
Wer die Regeln von deutlichen Begriffen und ordentlichen Beweisen ohne Anstoß brauchen will, der muß, wie ich schon öfters erinnert, die Mathematick dabey studiren; so werden sie ihm klar und leichte werden, und wird ihn nicht mehr ein jeder Wind der Lehre bald hierher, bald dorthin treiben dörffen, wie wir sehen, daß denjenigen wiederfähret, die ihre fünf Sinnen an statt des Verstandes brauchen wollen,
Halle den 5. Mart. 1719