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Werk:VGHMVG/Vorrede

aus AufEinWort, der freien Forschung
(Weitergeleitet von VGHMVG/Vorrede)

Der Mensch hat nichts vortrefflicheres von GOtt empfangen, als seinen Verstand: denn so balb er nur in demselben verrücket wird, so bald wird er entweder ein Kind, oder ärger als ein wildes Thier, und ist also ungeschickt GOtt zu ehren und den Menschen zu dienen.

Solchergestalt kan einer um so vielmehr ein Mensch genennet werden, je mehr er die Kräfte seines Verstandes zu gebrauchen weiß.

Und dannenhero solte ein jeder, absonderlich aber der ein Gelehrter seyn oder werden wolte, mit rechtem Eifer darnach streben, wie es so zu hurtigem Gebrauche der Kräfteseines Verstandes gelangen möchte, als nur immer möglich ist.

Allein daran gedencken die wenigsten, und die meisten machen aus der Gelehrsamket ein blosses Gedächtniß-Werck, fliehen vor dem Nachsinnen ärger als vor einer Schlangen.

Daher ist ihnen alles verhasstet, was Nachdencken erfordert, und sie zu fertigen Gebrauche ihres Verstandes bringet: hingegen angenehm, was sie als ein Mährlein halb schlaffend fassen können und sie bey der Art zu dencken lässet, welche sie von Kindheit auf mit umgekehrten Leuten gemein gehabt.

Man kan aber die Kräfte des menschlichen Verstandes nicht anders, als durch die Erfahrung erkennen, indem wir sie gebrauchen.

Solchergestalt können diejenigen, welche nur anderer Gedancken zusammen schreiben, niemahls im Erfinden sich geübet, auch die Zeit ihres Lebens keine demonstrirte, das ist, recht gründlich ausgeführte Wahrheit begreiffen, wenig oder gar nichts von den Kräften des Verstandes und ihrem Gebrauche wissen, es sey denn, daß sie etwas in tauglichen Büchern davon gelesen.

Allein die Bücher sind in dieser Materie eben nicht in allen Buch-Läden zu finden, und ich fürchte, wenn auch einer, der noch nicht in gründlichen Wissenschaften erfahren, eines antrifft, er werde das wenigste davon verstehen.

Also ist kein anderes Mittel zu dieser Erkäntniß zu gelangen, als wenn man gründlich demonstrirte Wahrheiten recht begreiffen lernet, dadurch untersuchet, wie sie hätten können erfunden werden, und wenn man dadurch seine Fähigkeit nachzusinnen erlanget, Sachen zu suchen sich bemühet, die uns noch unbekandt sind, ja auch wohl noch sonst vin niemanden erfunden worden: endlich genau zu erforschen sich angelegen seyn lässet, was die Ursache sey, daß wir von demonstrirten Wahrheit andere noch verborgene herleiten könne.

Nun wäre derjenige entweder höchst unverschämt, oder überaus einfältig, welcher vorgeben wollte man könte ausser der Mathematick eben so gründlich erwiesene oder demonstrierte Wahrheiten und so richtige Erfindungen antreffem als in derselben.

Denn außer der Mathematick schreibet man entweder nach einer gantz anderen Methode, als in derselben gewöhnlich ist, oder man befleißiget sich die mathematische Methode anzubringen.

In dem ersten Falle sehen Verständige eine sehr großße Verwirrung: denn bald beklagen sie sich, daß die Wörter gar nicht, oder doch selten tauglich erkläret, viele Sachen ohne Beweiß angenommen, und andere nicht genug, öfters gar unrichtig, erweisen werden.

In dem andern Falle aber ist es zur Zeit wohl noch keinem gelungen, der mathematische Demonstrationen in anderen Disciplinen, als der Mathematick, vorbringen wollen.

Des Cartes, ob er gleich ein grosser Mathematicus war, hat die Schwäche seines Beweises, daß ein GOTT se, niemahls mehr sehen lassen, als da er sich von Mersenno, einem überaus gelehrten Mönche in Frankreich bereden ließ, auf geometrische Art denselben vorzutragen.

Spinosa in seiner Ethica und Raphson in seiner Demonstratione de DEO haben sich im Demonstriren sehr schlecht aufgeführet, ob es gleich beyden an Verstande nicht gefehlet, auch beyde in der Matghematick nicht unerfahren gewesen.

Sie erklären viele Wörter durch andere gleichgültige, nehmen unbewiesen an, was öfters am meisten hätte sollen erwiesen werden, ja verbinden auch unterweilen gar die Schlüsse nicht mit einander, wie es billig geschehen solte.

Derowegen bleiben bloß die mathematischen Wissenschaften übrig, daraus man den richtigen Gebrauch der Kräfte des Verstandes ersehen kan.

Und in dieser Absicht habe ich in meinen Anfangs-Gründen der mathematischen Wissenschaften mich bemühet, alles auf eine solche Art, so viel möglich vorzutragen, wie es hätte können erfunden werden, und befleißige mich auch in meinem Collegiis dergleichen Anmerckungen einfliessen zu lassen, damit ich, so viel an mir ist, meine Zuhörer zum Nachsinnen anführe, dawider ihnen ohnedem viele Hindernisse in Weg geleget werden.

Es darf aber niemals das gemeine Sprichwort: Ein jeder Schäfer lobet seine Keule, auf mich appliciren: denn wer mich kennet und nicht wider sein Gewissen reden will, wird sich nicht entbrechen, mir das Zeugniß zu geben, daß die Liebe zur Wahrheit bey mir über alles gehet, und soll sich keiner getrauen mir unter die Augen zu sagen, daß ich aus intereßirtem Gemüthe etwas rede, vielweniger schreibe.

Vielmehr enthalte ich mich öfters die Wahrheit zu sagen, misse lieber den Profit, den ich rechtmäßiger Weise haben könte, so ofte ich sehe, es könte Anlaß geben, mich für intereßiret zu halten.

Derowegen will ich auch lieber hier anderer Zeugniß anführen, als mich auf meine eigene Erfahrung berufen.

Man hält hier an unseren Orten Lockens Werck vom Verstande des Menschen insgeheim für überaus sinnreich, so, daß auch diejenigen, welche alle seine Landes-Leute schimpflich verachten, ihn dennoch erheben.

Allein, lieber! wem schreibet Locke die Fähigkeit seines Verstandes zu, und was recommendiret er für ein Mittel scharfsinnig zu werden?

Man schlage auf unter den Wercken, die zu London 1706, nach seinem Tode heraus kommen, den Tractat von der Leitung des menschlichen Verstandes p. 32. & seqq. so wird man finden, daß er seine Scharfsinnigkeit der Mathematick zuschreibet, und vielmehr Rühmens von der Mathematick, absonderlich der Algebra, machet, als eine, Mittel zu rechtem Gebrauche des Verstandes zu gelangen, als ich wegen tief eingewurtzelter Vorurtheile und Affecten ihrer viele nicht thun wolte.

Andere Zeugnisse will ich hier nicht wiederholen, weil sie in der Vorrede über den Unterricht von der Mathematischen Methode in meinen Anfangs-Gründen der mathematischen Wissenschaften angeführet worden.

Und dieses ist eben eine von meinen Haupt-Absichten gewesen, warum ich mich mit Ernst auf die Mathematick geleget, nicht, daß ich sie als ein Handwerck Brodt zu verdienen gelernet: denn es ist wohl niemahls mein rechter Ernst gewesen, einem Professorem Mathesos abzugeben, als wie ich die erste Vocation dazu erhalten, welche ich als einen göttlichen Winck angesehen.

Was ich nun bey Durchlesung mathematischer Schriften und bey vielfältigem eigenen Nachsinnen von dem Gebrauche der Kräfte des menschlichen Verstandes angemercket, dovon habe das leichteste und was am ersten zu wissen nöthig ist, in kurtze Regeln verfassen wollen.

Denn wenn ich alles schreiben solte, was ich durch mein Nachdencken erkennen gelernet, würde ich wenigen von meinen Deutschen dienen, massen den meisten bald als Grillen vorkommen, wo sie ein wenig zu lange die Gedancken bey einander halten sollen, und es würde sich auch nicht für Anfänger schicken, denen zu Libe ich gegenwärtige Gedancken dem Drucke anvertrauet.

Und dieses ist eben mit eine Ursache, warum ich es deutlich geschrieben, indem unter den Ausländern viele sind, die auf gründliche Erkäntniß viel halten, denen zu Gefallen bey anderer Gelegenheit etwas vollständigeres von dieser Materie in lateinischer Sprache mitgetheilet werden soll, gleichwie ich in die lateinische Auflage meiner Elementorum Matheseos mehr theoretica einfliessen lassen, als in die deutsche hat kommen dörfen.

Ich kan aus meiner Erfahrung versichern, daß die gegebene Regeln mir dute Dienste thun, wenn ich entweder etwas erfundenes beurtheilen, oder durch eigenes Nachsinnen etwas heraus bringen soll.

Ich zweiffele auch nicht, daß andere ein gleiches befinden werden.

Jedoch kan ich nicht verheelen, daß zu hurtigem Gebrauche dieser Regeln viel beytragen werde, wenn sie mit Fleiß auch nur meine Anfangs-Gründe der mathematischen Wissenschafften durchgehen und dabey Achtung geben werden, wie man daselbst die Regeln angebracht.

Denn die Fertigkeit kommet durch die Übung: die Übung bestehet darinnen, daß man richtig erwiesene Sachen viel überleget.

Man lasse sich den besten Fecht-Meister die herrlichsten Maximen von dem Fechten sagen; so wird man deswegen doch nicht wohl fechten lernen, wenn einer, der vom Fechten Regeln geben will, selber niemahls gefochten.

Es wird zwar die Jugend heute zu Tage bey uns Deutschen wenig zu gründlichen Wissenschaften angehalten, sonderlich an solchen Orten, wo die Lehrer der Unwissenheit überhand nehmen, und da man es für eine sonderbahre Klugheit ausgiebet, wenn man das Studiren zu einem blossen Handwercke machet: allein da hierdurch nicht tüchtige Handwercker, sondern nur eingebildete Stümper gezogen werden; so werden doch endlich einmahl auch denen die Augen aufgehen, die jetzt in ihrer Blindheit nichts sehen können.

Man lasse einen etwas gründliches in der Mathematik und Welt-Weißheit studieren, wenn er auf Universitäten kommet, und als denn erst, wie inseres Allergnädigsten Königes und Herrens aus Landes-väterlicher Vorsorge ertheilte Rescripte (a) es mit Nachdruck anbefohlen, zu den höheren Facultäten (daß ich nach unserer deutschen Mund-Art rede) schreiten; so wird man finden, wie geschwinder und besser sie ihr Handwerck lernen werden.

(a) Der Inhalt eines der königliche Rescripte ist dieser: Es sollen die Professores allen und jedweden, welche auf unserer Universität Halle, sich aufhalten und von ihren eigenen Mitteln studiren, sie mögen seyn, wer sie wollen, diensame Vorstellung thun, daß sie das erste Jahr vornehmlich auf die Studia philosophica, elegantiorem litteraturam sich befleißigen, hernach aber, wenn sie gute fundamenta geleget, alsdenn ad superiores facultates schreiten möchten. Diejenigen aber, welche unserer eigenen, oder in unseren Landen fundirter Stipendien und vor einiger Zeit neu angerichtete Frey-Tische geniessen, nicht minder alle Conventualen unseres nach Halle transferirten Klosters Hillersleben, habt mit Ernst und Nachdruck dahin anzudeuten, daß sie zuförderst die Studia philosophica und politiorem litteraturam zum wenigsten ein Jahr lang allein tranctiren, und hernach nebst dem studio theologico damit fortfahren: // // // wann sie aber darinnen nachläßig erfunden, solche collegia prævia exhortatione versäumen würden; sie sofort des beneficii verlustig seyn, und andere an ihre Stelle angenommen werden sollen.

Ich könte es mit meiner eigenen Erfahrung bestätigen, wenn ich nicht bey Widriggesinneten einen, ob zwar unverdienten Verdacht auf mich laden dörfte.

Es ist aber auch nicht nöthig: denn es haben schon andere rechtschaffende Leute sich auf ihr Exempel in diesem Stücke öffentlich vor mir beruffen, und werden es auch ins künftige thun.

Und wer meinen Worten glaubet, der wird es in der That erfahren, daß sie Wahrheit sind.

Zum Beschluß muß ich noch eines erinnern.

Wenn jemand eines und das andere von meinen Gedancken für bedencklich halten möchte; so wird mir nicht zuwider seyn, wenn er entweder in einem besonderen Schreiben an mich,oder auch, wenn er es für so wichtig hält, in einer gedruckten Schrift, seine Gedancken eröfnen wird.

Jedoch bitte ich mir Bescheidenheit aus: denn sonst werde ich einen, der Lust zu schelten hat, so lange schelten lassen, wie er will, gleichwie ich es bereits anderen von solchem Gebäcke gemacht, massen kluge und verständige Leute zur Gnüge sehen, daß es theils aus Boßheit, theils aus Einfalt herrühre.

Finde ich aber Einwürffe, die untersuchet zu werden verdienen, und die verlangte Bescheidenheit haben; so werde ich mich auch nicht entbrechen, ihnen mit solcher Bescheidenheit zu antworten, wie ich andern Gelehrten in Engelland und Frankreich auf ihre Einwürffe geantwortet.

Ich hoffe auch sie werden mit mir eben so wie diese zufrieden seyn (b).

(b) Memoires pnr l`Histoire des Sciences & des beaux Arts. Aout 1711, art 120. p. 1407. On scait bon gré a M. Wolfius d`avoir ramené une matire de soi agréable & curieuse, & encore plus de s' être exprimé tant d' honètaté. (Wolffi Logick.) b

Endlich muß ich auch bekennen, daß wie ich im Anfange meines Nachsinnens über die Kräfte des Verstandes mich in vieles nicht recht finden konte, auch in einigen Stücken ohne Roth auf Umwege gerathen war, mir des Herrn von Leibnitz sinnreiche Gedancken von der Erkäntniß der Wahrheit und den Begriffen in den Leipziger Aćtis An 1684. p. 573. unverhoft ein großes Licht gegeben, so , daß mich wundert warum andere, die von dergleichen Materie nach Art der Zeit zu schreiben sich unterwunden, nicht darauf acht gegeben.

Ich wünsche, daß Lehrbegierige Gemüther aus meiner vorigen Arbeit den Nutzen ziehen mögen, den ich ihnen von Herzen gönne.

Wenn mein Wunsch erfüllet wird; so werde ich mit desto grösserer Lust und desto mehrerem Eifer darnach streben, wie ich ihnen in den anderen Theilen der Welt-Weisheit eben so en helles Licht anzünde.

Halle, den 18 Oct. 1712.