Voraussetzungen und Grundzüge fatalistischer Modelle
Q: Fatalismus
Innerhalb des Fatalismus wird zwischen zwei Ansätzen unterschieden: Der eine setzt ein metaphysisches oder religiöses Weltbild voraus, in dem einer Gottheit oder einer unpersönlich aufgefassten kosmischen Ordnungsmacht die Rolle der lenkenden Instanz zukommt. Hierzu gehören unter anderem die Theorien, die zur Begründung der Astrologie dienen. Eine stark verbreitete Variante des metaphysisch-religiösen Ansatzes ist die theologische Annahme, dass der Geschichtsverlauf und die Schicksale der einzelnen Menschen durch Gottes Vorsehung und Vorauswissen – die Prädestination – mehr oder weniger genau festgelegt seien. Das wird „theologischer Fatalismus“ genannt. Der andere Ansatz geht von der Überlegung aus, dass den zutreffenden Aussagen über Zukünftiges ein überzeitlicher Wahrheitsgehalt zukomme. Sie seien schon immer wahr, und somit sei die Vorherbestimmtheit der Zukunft ein Erfordernis der Logik. Daher spricht man von logischem Fatalismus. Daneben kommt auch die Bezeichnung logischer Determinismus vor. Hier liegt ein Grenzfall zwischen Fatalismus und Determinismus vor: Die logische Argumentation stimmt mit der kausaldeterministischen darin überein, dass sie keine metaphysische oder religiöse Vorstellung impliziert, und mit der fatalistischen darin, dass sie ohne mechanische Kausalitätskette auskommt. Letzteres ist der Grund für die Zuordnung zum Fatalismus.[1]
Bei diesem Typus des Fatalismus erscheint die ordnende und lenkende Instanz als übermenschliche Macht. In den theistischen Varianten, die einen persönlichen Gott voraussetzen, wird sie mit Gott gleichgesetzt. Manche religiöse oder philosophische Weltbilder begünstigen die fatalistische Denkweise oder erfordern sie sogar. Dies ist dann der Fall, wenn angenommen wird, dass der Kosmos nach universellen Prinzipien geordnet ist, die nicht nur die regelmäßig wiederkehrenden Naturvorgänge regeln, sondern auch einzelne Ereignisse bestimmen. Dann ist der Weg frei für die fatalistische Idee, dass das, was dem Menschen zustößt, nicht zufällig geschieht, sondern einer vorgegebenen Notwendigkeit unterliegt. In monotheistischen Systemen ergibt sich diese Notwendigkeit aus dem stets gleichbleibenden Willen des herrschenden Gottes, dessen Vorsehung den Ausgang aller menschlichen Unternehmungen von Anfang an festgelegt hat. Das wird Prädestination genannt. In polytheistischen Systemen kann sich Fatalismus entwickeln, wenn geglaubt wird, dass es eine bestimmte Gottheit oder universelle Macht gibt, die unabhängig von den Bestrebungen anderer übermenschlicher Instanzen den Verlauf des Lebens lenkt oder zumindest maßgeblich beeinflusst. Für Polytheisten liegt diese Annahme nahe, da die einzelnen Götter unterschiedliche Absichten verfolgen und daher kaum als kollektive Weltregierung fungieren können; folglich wird eine zusätzliche Instanz benötigt, die für die durchgängige Lenkung des Kosmos zuständig ist.[2] Dabei wird der bestimmenden Instanz nicht immer ein zielgerichtetes Handeln zugeschrieben; sie kann auch als „blind“, planlos und launisch aufgefasst werden. Während manche Lehren einen Zusammenhang der Geschicke mit der moralischen Qualität der Betroffenen postulieren, bestreiten andere einen solchen Gerechtigkeitskonnex. Religionsphänomenologisch lässt sich erkennen, dass in zahlreichen Kulturen alternative Muster der Schicksalsdeutung nebeneinander bestehen (‚Tool-Box-Konstellationen‘); es werden unterschiedliche Formen der Aneignung von Schicksalserfahrungen angeboten und genutzt, ohne dass die Gegensätzlichkeit der verschiedenartigen Ansätze reflektiert wird.[3]
In monotheistischen Religionen, die einen allwissenden Gott postulieren, stellt sich ein besonderes Problem, da sich die Allwissenheit auch als Vorauswissen auf die gesamte Zukunft beziehen muss, sodass diese als determiniert erscheint. Dadurch entsteht ein Konflikt mit der in diesen religiösen Lehren angenommenen Freiheit des Menschen, zwischen Alternativen zu wählen, und mit dem Prinzip der persönlichen Verantwortung. Das Problem besteht darin, dass alles, was gewusst wird, gleichgültig aus welcher Perspektive und auf welcher Basis, wahrheitsfixiert und determiniert sein muss.[4]
Wenn religiöse oder philosophische Vorstellungen herrschen, die mit den Grundannahmen des Fatalismus nicht oder nur begrenzt kompatibel sind, wird seine Entstehung und Ausbreitung gehemmt. Das ist vor allem dann der Fall, wenn eine dominierende Lehre die Willensfreiheit des Menschen betont und seinen Status nach dem Tod von seinen freien Entscheidungen während seines Lebens abhängig macht. Solche Lehren stehen in einem scharfen, prinzipiellen Gegensatz zu allen fatalistischen und deterministischen Ansätzen, die ein vom menschlichen Handeln unbeeinflussbares Verhängnis postulieren. Den Trägern religiöser Dogmen erscheint die Annahme einer schicksalhaften Notwendigkeit als Bedrohung der Grundlagen der Religion, weil sie die menschliche Verantwortlichkeit relativiert oder aufhebt. Bedrohlich wirkt aus theologischer Sicht auch die Gefahr, dass die Schicksalsmacht als eigenständige Instanz neben oder sogar über Gott erscheinen kann und damit dessen Allmacht in Frage stellt. Ein markantes Beispiel für einen derartigen Konflikt ist der seit der Antike andauernde Kampf christlicher Theologen gegen die Astrologie.[5]
Eine Entschärfung des Gegensatzes zwischen Willensfreiheit und Vorherbestimmtheit ist möglich, wenn die Zukunft als nur teilweise oder bedingt determiniert gilt. Im Unterschied zum Determinismus können fatalistische Systeme die Möglichkeit einer freien Wahl zwischen verschiedenen Handlungsoptionen zulassen, wenn angenommen wird, dass nicht alle Vorgänge, sondern nur bestimmte Ereignisse oder Resultate vorherbestimmt sind. Nach manchen Konzepten – etwa bei Orakeln und Weissagungen – kann der Mensch zwar frei entscheiden, aber die höhere Macht lenkt die Abläufe so, dass seine Entscheidung schließlich zu dem Ergebnis führt, das sie von vornherein für ihn vorgesehen hat.[6]
Eine verbreitete Erscheinungsform des Fatalismus sind astrologische Weltbilder. Wenn die Welt als umfassend und einheitlich geordnet gilt, ist es vorstellbar, dass den Regeln der Gestirnbewegungen analoge Regeln irdischer Vorgänge entsprechen.[7] Allerdings wird in der Astrologie die Bindung der menschlichen Schicksale an die Mechanik der himmlischen Bewegungen gewöhnlich nicht als absolut aufgefasst. Vielmehr gilt es als möglich, die eigene Zukunft durch Willensentscheidungen zumindest begrenzt zu beeinflussen, etwa nach Kenntnisnahme eines Horoskops wirksame Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Daher handelt es sich meistens nicht um Determinismus und oft auch nicht um konsequenten Fatalismus. Strittig war schon in der Antike, ob die Gestirne nur etwas anzeigen oder selbst einen bestimmenden Einfluss ausüben.[8]
Der logische Fatalismus behauptet, dass aufgrund logischer Notwendigkeit nichts anders geschehen kann, als es tatsächlich geschieht. Damit wird prinzipiell die Möglichkeit verneint, dass es kontingente Ereignisse – solche, die nicht notwendigerweise eintreten müssen – geben kann. Die Debatten über diese These drehen sich um die Frage, ob widerspruchsfrei behauptet werden kann, dass Zukünftiges kontingent sei. Dabei werden kontingente künftige Ereignisse mit dem lateinischen Fachausdruck contingentia futura bezeichnet. Der logische Fatalismus, der Kontingenz ausschließt, stimmt im Ergebnis völlig mit dem kausalen Determinismus überein, gelangt aber auf anderem Weg dorthin.[9]
Als klassisches Beispiel wird die von Aristoteles angeführte „morgige Seeschlacht“ erörtert. Das fatalistische Argument lautet: Nach dem Prinzip der Zweiwertigkeit (Bivalenz) muss jeder Aussagesatz entweder den Wahrheitswert „wahr“ oder den Wahrheitswert „falsch“ aufweisen. Nach dem Satz vom Widerspruch können zwei einander widersprechende Aussagen nicht in derselben Hinsicht und zur gleichen Zeit zutreffen. Wenn der morgige Tag zu Ende geht, wird sich entweder der Satz „An diesem Tag hat eine Seeschlacht stattgefunden“ oder die gegenteilige Feststellung „An diesem Tag hat keine Seeschlacht stattgefunden“ als wahr erwiesen haben. Da eine zutreffende Aussage über ein Ereignis eines bestimmten Tages absolut wahr ist, hängt ihre Wahrheit nicht von ihrem Zeitpunkt ab. Folglich stimmt die korrekte Zuordnung einer Schlacht zu ihrem tatsächlichen Tag nicht nur während und nach dem Kampf, sondern gleichermaßen auch schon jetzt und in der Vergangenheit. Das bedeutet: Der Aussage „Morgen wird eine Seeschlacht stattfinden“ kommt heute derselbe Wahrheitswert zu wie übermorgen dem dann ausgesprochenen Satz „Gestern fand eine Seeschlacht statt“. Also steht schon heute fest und stand schon immer fest, ob an dem betreffenden Tag gekämpft wird oder nicht. Das bedeutet: Es gibt nicht zwei Möglichkeiten, sondern von vornherein nur diejenige, die tatsächlich eintritt.[10]
- ↑ Siehe zur Typologie Gregor Ahn: Schicksal. I. Religionsgeschichtlich. In: Theologische Realenzyklopädie, Band 30, Berlin 1999, S. 102–107, hier: 104–106; Mark H. Bernstein: Fatalism, Lincoln/London 1992, S. 5–10; Mark Jago: Fatalism. In: The Continuum Encyclopedia of British Philosophy, Band 2, London/New York 2006, S. 1059 f., hier: 1059.
- ↑ Jacob Burckhardt: Griechische Kulturgeschichte, Band 2, Basel/Stuttgart 1978, S. 115 f.
- ↑ Bernard Clive Dietrich: Death, Fate and the Gods, 2., korrigierte Auflage, London 1967, S. 2–7; Gregor Ahn: Schicksal. I. Religionsgeschichtlich. In: Theologische Realenzyklopädie, Band 30, Berlin 1999, S. 102–107, hier: 104–106; Helmer Ringgren: The Problem of Fatalism. In: Helmer Ringgren (Hrsg.): Fatalistic Beliefs in Religion, Folklore, and Literature, Stockholm 1967, S. 7–18, hier: 13–18.
- ↑ Gottfried Seebaß: Wille/Willensfreiheit. I. Philosophisch. In: Theologische Realenzyklopädie, Band 36, Berlin 2004, S. 55–73, hier: 66.
- ↑ Kees W. Bolle: Fate. In: Lindsay Jones (Hrsg.): Encyclopedia of Religion, 2. Auflage, Band 5, Detroit 2005, S. 2998–3006, hier: 3002 f.; Heinrich Otto Schröder: Fatum (Heimarmene). In: Reallexikon für Antike und Christentum, Band 7, Stuttgart 1969, Sp. 524–636, hier: 579–586; Utto Riedinger: Die Heilige Schrift im Kampf der griechischen Kirche gegen die Astrologie, Innsbruck 1956, S. 15 f.; David Amand: Fatalisme et liberté dans l’antiquité grecque, Louvain 1945, S. 587 f.
- ↑ Edward Craig: Fatalism. In: Routledge Encyclopedia of Philosophy, Band 3, London/New York 1998, S. 563 f.; Monika Oertner: Fatalismus, Konstanz 2005, S. 37–45.
- ↑ Friedrich Heiler: Erscheinungsformen und Wesen der Religion, 2., verbesserte Auflage, Stuttgart 1979, S. 58 f.
- ↑ Jim Tester: A history of Western Astrology, Woodbridge 1987, S. 2 f.; Christian Thiel: Astrologie. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, 2., neubearbeitete Auflage, Band 1, Stuttgart 2005, S. 267–269, hier: 267; David Pingree u. a.: Astrologie. II. Geschichtlich. In: Theologische Realenzyklopädie, Band 4, Berlin 1979, S. 281–299, hier: 281 f., 290.
- ↑ Eine Übersichtsdarstellung bietet Chantal Hasnoui: Fatalisme. In: Encyclopédie philosophique universelle, Band 2/1, Paris 1990, S. 957–963, hier: 958 f.
- ↑ Eine Einführung in die Problematik bietet Christopher Shields: Aristotle, 2. Auflage, London 2014, S. 212–223.