Werk:Damit der Mensch ganz Mensch werde
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRÄGE
ÖFFENTLICHE VORTRÄGE
RUDOLF STEINER
Damit der Mensch ganz Mensch werde
Die Bedeutung der Anthroposophie im Geistesleben der Gegenwart Sechs Vorträge, gehalten beim anthroposophischen Hochschulkurs in Den Haag vom 7. bis 12. April 1922, mit einem schriftlichen Bericht Rudolf Steiners über den Hochschulkurs
1994
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung
Die Herausgabe besorgte G. A. Baiaster
1. Auflage, Dornach 1957
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994
Bibliographie-Nr. 82
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung,Dornach/Schweiz
© 1994 by Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by WB-Druck, Rieden
Zu den Veröffentlichungen aus dem Vortragswerk Rudolf Steiners
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861 bis 1925) gliedert sich in die drei großen Abteilungen: Schriften - Vorträge - Künstlerisches Werk (siehe die Übersicht
am Schluß des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl öffentlich wie für die Mitglieder der Theosophischen, später Anthroposophischen Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vorträgen und Kursen hatte Rudolf Steiner ursprünglich nicht gewollt, daß sie schriftlich fetsgehalten würden, da sie von ihm als «mündliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollständige und fehlerhafte Hörernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlaßt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die für die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fällen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muß gegenüber allen Vortragsveröffentlichungen sein Vorbehalt berücksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden müssen, daß in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867 - 1948) wurde gemäß ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nähere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
| Inhalt | ||||
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| ERSTER VORTRAG | Den Haag | 7. April 1922 | Die Anthroposophie und das Geistesleben der Gegenwart | 15 |
| Anthroposophie entstand aus dem Wissenschaftsbedürfnis. Der Kurs prüft, ob sie auch den Lebensbedürfnissen der Gegenwart dient. Der heutige Mensch hat seine Jugend verloren. Konflikt von jung und alt. Die Menschen verstehen sich selber nicht. Konflikt des modernen Wissenschaftsgeistes mit den Lebensbereichen von Kunst und Religion. Forderung nach Harmonie in den Tiefen der Seele. Kunst und Religion sind heute nicht schöpferisch, entstammen aber dem Schöpferischen. Der Pol des Selbstbewußtseins. Hegel, Eduard von Hartmann. Der Gedanke hat das Selbstbewußtsein erzeugt, verliert darob die Wirklichkeit. Ohnmacht des Ich. Naturwissenschaftliche Me-
thode führt nur zum Mechanismus. Steigerung des Denkens führt aus der Einsamkeit des Selbstbewußtseins in die Welt, aus der es stammt. Steigerung des Willens ergreift den Menschen so, wie er die Maschine ergreift. Sehnsucht nach dem imaginativen Denken, um sich selber zu verstehen. Erst die inspirierte Erkenntnis versteht das Kind, die intuitive das Leben vor dem Zahnwechsel. Ohne solche Erkenntnisse geht uns unsere Jugend verloren. |
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| ZWEITER VORTRAG | 8. April 1922 | Die Stellung der Anthroposophie in den Wissenschaften | 48 | |
| Anthroposophie hat einen anderen Ausgangspunkt als Mystik und Okkultismus. Die Haltung des Mathematisierens als Ausgangspunkt. Der dreidimensionale Raum entstammt dem Menschenwesen und ist dennoch objektiv. Das Bilden der drei Dimensionen im Kindheitsalter. Übertragung des Vorgangs auf die Sinnesempfindung. Aufstieg zu imaginativer Erkenntnis. Gesamtanschauung
des Qualitativen der Welt steht schon im Übersinnlichen. Die Raumstrukturen sind seine erste Stufe. Die vierte Dimension ist mehr als abstrakte Fortsetzung der drei anderen. Vierte, fünfte und sechste Dimension heben die dritte, zweite und erste auf. Der Raum wird geistbeladen. Der Gegensatz zwischen analytischer und synthetischer Geometrie klärt den Gegensatz zwischen dem Schauen der sinnlichen und der geistigen Welt. Durchschauen des Mathematisierens wird Axiom des Hellsehens. Das wissenschaftliche Denken hat sich an der Mathematik ausgebildet. Zwei ältere Wege der Erkenntnis: Atemübungen des Joga und Gedankenerleben der Griechen. Ergebnis des ersten Weges war eine anschauliche Begriffswelt. Der Grieche hatte den Gedanken ungetrennt von der Sinneswelt. Erst durch Übung wurde er abgesondert. Die sieben freien Künste des Mittelalters. Der Übungsweg der Anthroposophie ist Fortsetzung des Weges, der von den Jogaübungen zur Praxis der freien Künste geführt hat. Anthroposophie ein notwendiger Schritt der Menschheitsgeschichte. |
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| DRITTER VORTRAG | 9. April 1922 | Die bildende Kunst | 77 | |
| Die Absicht eines Baues für die Anthroposophie. Ein Bau im traditionellen Stil hätte die tieferen Ziele der Anthroposophie verleugnet. Anthroposophie will auch aus künstlerischem Geiste sprechen. Der Bau: Vergleich mit Nußkern und Schale. Gefahren von Symbolik und Allegorie. Gegensatz: jede Form soll durch sich selber etwas sein. Die bildende Kunst geht von der menschlichen Gestalt aus und führt zu ihr zurück. Plastische Kunst liegt aller bildenden zugrunde. Der plastische Raum anders als der mathematische. Hineinempfinden in den Organismus findet die drei Dimensionen des gewöhnlichen Raumes. Durch imaginative Erkenntnis findet man die Konfiguration des Umkreises. Gegenbild des dreidimensionalen Raumes: aus Sternanhäufungen werden Bilder. Der Raum, der in Flächen plastisch wirkt. Der Bildekräfteleib. «Des Wesens Schönheit». Seine Bildung von der Peripherie her. Steigerung durch bildende Kunst. Hauptesbildung, Brust- und Gliedmaßenbildung im bildhauerischen Blick. Das Gestalten des aus dem Kosmos aufgedrückten Gepräges. Das Formen der Beine ist unkünstlerisch. Umkleidung ist künstlerisch nötig. Darstellen von Auge, Stirn, Nase, Mund. Die Hautform ist Resultierende aus den peripherischen Kräften von außen und den zentrifugalen von innen. Der bildhauerische Raum schafft Gestalten aus sich heraus. Die Kräfte, die den Menschenkeim gestalten, sind so wenig im Leibe der Mutter wie diejenigen, welche die Magnetnadel richten, in der Nadel sind. Der Bildekräfteleib erfordert das Künstlerische. Bilden einer Pflanze ist Stümperei. Das Tier kann plastisch gestaltet werden. Plastik und Malerei. Hervorgehen der Eurythmie aus der Anthroposophie. Die Offenbarung der menschlichen Wesenheit in Laut und Gesang kann verbreitert werden. Goethes Metamorphosenlehre. Plastische Kunst schafft von außen nach innen; Eurythmie von innen nach außen. Die Hirten und die Imagination der Sterne. Daraus entstand Plastik. Anthroposophie erlebt Tragik und Jauchzen der Seele mit: Eurythmie. Wissenschaft, Religion und Kunst. | ||||
| VIERTER VORTRAG | 10. April 1922 | Die anthroposophische Forschungsmethode | 112 | |
| Intellektuelle Bescheidenheit und Ausbildung der Erkenntniskräfte. Was von der ersten Kindheit an sich abgespielt hat, muß fortgesetzt werden. Was zum Forschen nötig ist, ist nicht zum Verstehen nötig. Erstes Axiom der Forschungsmethode in der «Philosophie der Freiheit». Das Moralische so aufsuchen wie das Mathematische. Novalis' Respekt vor der Mathematik. Die moralischen Impulse sind elementare Intuitionen, zugleich Inspirationen und Imaginationen. Umwandlung des Vorstellungslebens. Sinneswahrnehmung und Gedächtnis. Willkürlich ins Bewußtsein versetzte Vorstellungen so lebendig haben wie Sinneseindrücke. Imagination. Das Leben der Seele, das schon im kleinen Kinde schaffend war, taucht auf. Das gewaltige Tableau des übersinnlichen Menschen. Das leere, aber wache Bewußtsein. Erwartung und Hereindringen der geistigen Welt. Im Gegensatz zu Visionen und Halluzinationen bleibt daneben der gesunde Menschenverstand bestehen. Astralleib. Die eine Seite der Ewigkeit: Ungeborenheit. Die leiblichen Organe als Spiegelungen der geistigen Welt. Willensübungen. Wie der Wille im Menschen lebt. Motorische Nerven gibt es nicht. Das Bild des Todes im intuitiven Erkennen. Unsterblichkeit. Welt geistiger Wesen. Das Moralische ein Übersinnliches, dem gewöhnlichen Bewußtsein zugänglich. Anthroposophie will nicht in Opposition sein zur Naturwissenschaft. Sie will über die Physiognomie hinaus die Seele der Natur erfassen. | ||||
| FüNFTER VORTRAG | 11. April 1922 | Wichtige anthroposophische Resultate | 146 | |
| Der Ätherleib als Zeitorganismus. Objektiv und Subjektiv verlieren in der Ätherwelt ihre Bedeutung. Rätsel von Schlafen und Wachen. Ermüdung. Der Ätherleib im Schlaf. Übersättigung am Leibe und an der Außenwelt hat den Schlaf herbeigeführt. Das Aufwachen: Begierde nach dem Leib. Verwandtschaft mit der letzten Zeit vor einer Verkörperung. Aufwachen: das Denken ergreift Sinne und Nervensystem, das Fühlen das rhythmische System. Der Wille ist im Wachen und im Schlafen im Stoffwechselsystem. Träumen: das Seelische ergreift den Ätherleib, aber den physischen nur teilweise. Wachend verschwindet der denkende Teil der Seele ins Physische, der fühlende nur partiell; der wollende bleibt vollständig bestehen. Denken lernen ohne den physischen Apparat. Motorische Nerven erscheinen im Schauen wie sensitive. Im Aufwachen setzen sich zwischen andere Stoffe auch aus dem Geiste gebildete Stoffe ab. Materieschöpfung - Materiezerstörung. Der Mensch als dreigliedriges Wesen. Das Gehirn ist ein Bild des seelischen Lebens, die Furchen sind ein immerwährender Prozeß. Weniger Bild ist die rhythmische Organisation, am wenigsten der Stoffwechselorganismus. Das Tier ist nicht dreigliedrig, sondern zweigliedrig. Die Gedanken als vom Geist erzeugte Bilder. In der höheren Erkenntnis steht der Mensch außerhalb seiner selbst. Es schwindet der Unterschied von Subjekt und Objekt. Grundlage der Kosmologie. Das den ganzen Kosmos durchdringende Sonnenhafte. Absteigendes Leben im Mondenhaften. Beziehung zu den Organmetamorphosen. Das Verfolgen ihres Zusammenwirkens ergibt eine rationelle Heilmittellehre. Die anthroposophische Medizin baut an der vorhandenen Medizin weiter. Verlust des Geistes aus der Sprache. Fritz Mauthners «Kritik der Sprache». Ein Geschichtsergebnis der Anthroposophie: Verlust eines seelischen Miterlebens der physischen Entwicklung im höheren Alter. Stütze des geistigen Lebens in früheren Zeiten. Das Jüngerwerden der Menschheit. Anhaltspunkte dafür aus Lebensbeobachtung und Geschichte. Gegensatz zum biogenetischen Grundgesetz. Forderung einer Pädagogik, die Begriffe so vermittelt, daß sie mit dem Leben weiterwachsen. | ||||
| SECHSTER VORTRAG | 12. April 1922 | Anthroposophie und Agnostizismus | 188 | |
| Ziel des Strebens: der Mensch möchte ganz Mensch werden. Ich-Wahrnehmung zunächst so wie ein schwarzer Fleck auf weißem Grund. Die eigentliche denkerische Kraft nimmt vom Physischen nur das Luftartige in Anspruch. Erinnerungsfähigkeit kommt erst zustande durch das volle Untertauchen in den Organismus. Der Willensimpuls vernichtet im flüssigen Organismus Materie, was die Gleichgewichtslage verändert. Bewegung des Leibes als Wirkung. Beispiel: das Aussprechen des Wortes «hier». Wie der Gedanke den Atem ergreift, ist Erkenntnis der Imagination. Inspiration schaut das Seelische im Organismus, Intuition das, was einen im Leben zu dem macht, was man geworden ist. Das Planvolle im Leben. Karl Ludwig Knebel. Das Selbstwesen in uns. Wiederholte Erdenleben. Seit wann und wie lange es sie geben wird. Beweise sind dort nötig, wo Anschauung fehlt. Der Vorwurf der Gnosis: Anthroposophie kann nicht Gnosis sein, weil sie mit der Naturwissenschaft rechnet. Beide sind das Gegenteil des Agnostizismus, aber auf verschiedene Art. Der Agnostizismus eines Herbert Spencer. Agnostizismus als Verderber echten Menschentums und Agnostizismus als notwendige Erscheinung in der Menschheitsentwicklung. Notwendigkeit des reinen Phänomenalismus in der Naturwissenschaft. Verzicht auf Konstruktionen hinter den Phänomenen. Urphänomene. Atome als Trägheitserscheinung des Denkens. Berechtigung des phänomenalen Atomismus. Das Lesen in der Sinneswelt. Goethe. William James. Die Philosophie des Als Ob. Griechen haben Ideen in der Welt aktiv gesehen. Erkenntnis im alten Sinn ist Phänomenalismus nicht. Der Einwand des jungen Rudolf Steiner gegen den Teleologen Cossmann: die Uhr und der Uhrmacher. Der Geist ist auf anderen Wegen aufzusuchen als die Gesetze der Uhr. Anthroposophie ist bemüht, den Phänomenalismus voll zu begründen. Die kraftlosen Vorstellungen des Agnostizismus lassen aber die Gefühle schwach. Sentimentalität und Unwahrhaftigkeit in der Kunst. Unentschlossenheit. Anthroposophie fügt dem Phänomenalismus Imagination, Inspiration, Intuition bei. Sieht im geschichtlichen Dasein das Einwohnen des Christus in den Leib des Jesus. Sonst hat Phänomenalismus den Agnostizismus im Gefolge. Der Phänomenalismus der «Philosophie der Freiheit» und das intuitive Erleben des moralischen Impulses. Moderne Ideologie und indische Maja sind entgegengesetzte Pole. Hat das Denken nur Bildcharakter, ist es nicht mehr Ursache der Handlung. Erziehung zur Freiheit. Um den Schicksalsbegriff hinzustellen war zuerst der Freiheitsbegriff nötig. Das wirklich Geistige wird erst gesucht, wenn das Instinktiv-Geistige aus der Umgebung verschwunden ist. In die Anthroposophie haben sich zunächst schlichte Menschengemüter eingefunden. Schwierigkeiten für Wissenschafter. Erfahrung mit einem gelehrten theosophischen Botaniker. Neuere anthroposophische Wissenschafter. Überblick über die Anwendungen der Anthroposophie. Urteilsfähige Kritiker sind willkommen. | ||||
| FRAGENBEANTWORTUNG, | 12. April 1922 | 1. Zum mehrdimensionalen Raum / 2. Zum Zeitleib | 228 | |
| ANHANG | ||||
| Prospekt des Kurses mit Programm | 239 | |||
| Meine holländische und englische Reise (I | 243 | |||
| Bericht Rudolf Steiners über den Hochschulkurs in
Den Haag, in «Das Goetheanum» vom 7. Mai 1922 |
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| Hinweise | ||||
| Zu dieser Ausgabe | 251 | |||
| Hinweise zum Text | 252 | |||
| Namenregister | 261 | |||
| Übersicht über die Rudolf Steiner Gesamtausgabe | 263 |