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Werk:Timaios (Platon)/Timaios 2

aus AufEinWort, der freien Forschung

3, Teil: Timaios 3 (Platon)

Und damit hatte er denn auch die Mischung, von welcher er alle diese Teile wegnahm, ganz und gar verbraucht. Dies ganze so zusammengefügte Gebilde aber spaltete er der Länge nach in zwei Teile, verband dieselben kreuzweise in ihrer Mitte, so dass sie die Gestalt des Buchstabens X bildeten, und bog dann jeden von beiden in einen Kreis zusammen, so dass er also jeden mit sich selbst und beide mit einander in dem Punkte, welcher ihrer Durchschneidung gegenüberlag, verknüpfte, umschloss beide mit der auf dieselbe Weise und in demselben Raum herumgeführten Bewegung, und machte den einen dieser Kreise zum äußeren und den andern zum inneren. Den Umlauf sodann, der im äußeren und den, [C] der im inneren Kreise vor sich ging, benannte er nach den beiden Wesenheiten, von welchen sie herrührten, jenen, den des Gleichbleibenden und diesen, den des Wandelbaren, und führte den ersteren in der Richtung der Seite nach Rechts herum, den letzteren aber schräg nach Links. Das Übergewicht aber verlieh er dem des Gleichbleibenden, denn er beließ ihn in ungeteilter Einheit, den inneren aber spaltete er sechsfach und teilte ihn so in sieben ungleiche Kreise und setzte fest, dass zwar einander entgegengesetzt die Kreise sich bewegen sollten, drei aber an Geschwindigkeit gleich, vier hingegen unter sich und von den dreien verschieden, jedoch so, dass sie sich nach einem bestimmten Verhältnisse bewegten.

[D] Nachdem nun nach dem Sinne des Meisters diese Zusammenfügung des Wesens erfolgt war, bildete er hierauf alles, was körperlich ist, innerhalb desselben und fügte von der Mitte aus eins ins andere. Sie selbst aber, die sie nicht bloß das ganze Weltgebäude überall von der Mitte bis zum Umkreise durchflocht, sondern es auch von außen her rings herum einschloss und die sie rein in sich selber ihren Kreislauf vollbrachte, nahm den göttlichen Anfang eines unvergänglichen und vernunftbegabten Lebens für alle Zeiten. Und der Körper der Welt wurde, wie gesagt, sichtbar, sie selbst aber zwar unsichtbar, aber, was sie eben erst zum Wesen macht, der Vernunft und der Harmonie und des ewig Seienden teilhaftig [37 St.3 A] und so durch das Beste auch das Beste von allem Gewordenen. Da sie nämlich aus der Natur des Unwandelbaren und des Wandelbaren und der gemischten Substanz, also aus ihrer drei Teilen, zusammengemischt und nach Verhältnissen geteilt und verbunden ist, und in ihrem Kreislauf in sich selber zu sich selber zurückkehrt, so wird sie, wenn sie mit irgendetwas in Berührung tritt, mag nun dasselbe ein wandelbares Wesen haben oder ein unwandelbares, durch ihr ganzes Selbst hindurch bewegt und gibt eben hierdurch kund, womit nur immer irgendetwas gleichartig oder wovon es verschieden ist, [B] und in was für Beziehung und auf welche Art und Weise und wann, was immer und im Verhältnis zu wem immer, sowohl von dem Werdenden als auch von dem immer sich Gleichbleibenden zu sein und zu erleiden. Wird nun aber diese Kundgebung, welche das durch sich selber Bewegte ohne Laut und Schall in sich trägt, auf gleiche Weise wahr, mag sie nun auf das Wandelbare oder auf das Unwandelbare sich beziehen, so entstehen, wenn sie auf das sinnlich Wahrnehmbare gerichtet ist und der Kreislauf des Wandelbaren im richtigen Gange die Kunde der Sache durch die ganze Seele verbreitet hat, sichere und richtige Vorstellungen [C] und Meinungen, wenn sie aber auf das Vernünftige sich erstreckt und das Kreisen des Unwandelbaren, indem es richtig vonstattengegangen ist, ihr solche Kunde gebracht hat, dann kommt notwendig vernünftige Einsicht und Wissenschaft zu Stande. Wenn aber einer von allem, was da ist, dasjenige, in welchem diese so wie jene entstehen, anders als Seele nennen wollte, so würde er alles eher als die Wahrheit sagen.

Als nun aber der Erzeuger des All es ansah, wie es bewegt und belebt und ein Abbild der ewigen Götter geworden war, da empfand er [D] Gefallen daran, und in dieser seiner Freude beschloss er denn es noch mehr seinem Muster ähnlich zu machen. Gleichwie nun dieses selber ein unvergängliches Lebendiges ist, unternahm er es daher, auch dieses All nach Möglichkeit zu einem eben solchen zu machen. Nun war aber die Natur des höchsten Lebendigen eine ewige, und diese auf das Entstandene vollständig zu übertragen war eben nicht möglich, aber ein bewegtes [E] Bild der Ewigkeit beschloss er zu machen, und bildete, um zugleich dadurch dem Weltgebäude seine innere Einrichtung zu geben, von der in Einheit beharrenden Ewigkeit ein nach der Vielheit der Zahl sich fortbewegendes dauerndes Abbild, nämlich eben das, was wir Zeit genannt haben. Die Tage, Nächte, Monate und Jahre, welche es vor der Entstehung des Weltalls nicht gab, ließ er jetzt bei der Zusammenfügung desselben zugleich mit ins Entstehen treten. Dies alles aber sind Teile der Zeit und das War und Wirdsein sind Formen der entstandenen Zeit, obwohl wir mit Unrecht, ohne dies zu bedenken, dieselben dem ewigen Sein beilegen. Denn wir sagen ja von ihm: es war, ist und wird sein, [38 St.3 A] während ihm doch nach der wahren Redeweise allein das 'Es ist' zukommt, wogegen man die Ausdrücke 'es war' und 'es wird sein' lediglich von dem in der Zeit fortschreitenden Werden gebrauchen darf. Denn beides bezeichnet

 

Bewegungen, demjenigen aber, welches sich unbeweglich stets auf die gleiche Weise verhält, kommt es nicht zu, weder älter noch jünger zu werden im Verlaufe der Zeit, noch es ehemals oder jetzt geworden zu sein oder es in Zukunft werden zu sollen, kurz, es kommt ihm überhaupt nichts von alle dem zu, was das Werden mit den im Gebiet der Sinnenwelt sich bewegenden Dingen verknüpft hat, sondern es sind dies die Formen der die Ewigkeit nachahmenden und nach den Zahlenverhältnissen in den Umläufen [B] sich zeigenden Zeit geworden. Und eben so steht es mit Ausdrücken folgender Art: das Vergangene ist in der Vergangenheit, das Gegenwärtige ist in der Gegenwart, das Künftige ist in der Zukunft, und das, was nicht ist, ist ein Nichtseiendes, welches alles keine genauen Bezeichnungen sind. Doch dürfte gegenwärtig vielleicht nicht der schickliche Zeitpunkt dazu sein, hierüber Bestimmungen zu treffen, wie es, genau genommen, heißen müsste.

So entstand denn also die Zeit zugleich mit der Welt, damit beide, zugleich ins Leben gerufen, auch zugleich wieder aufgelöst würden, wenn ja einmal ihre Auflösung eintreten sollte, und als Nachbildung der schlechthin ewigen Natur, damit [C] die Welt ihr so ähnlich als möglich werde. Denn die Welt, ist wie alles, nach dem ewig Seienden gebildet und ist daher immerfort durch alle Zeit geworden, seiend und sein werdend. Zufolge solcher Absicht und Überlegung des Gottes in Bezug auf die Zeit, entstanden, damit dieselbe hervorgebracht werde, Sonne, Mond und die fünf anderen Sterne, welche den Namen der Planeten tragen, zur Unterscheidung und Bewahrung der Zeitmaße. Und nachdem der Gott den Körper eines jeden von ihnen gebildet hatte, setzte er sie ihrer sieben [D] in die sieben Kreise hinein, welche die Umläufe des Wandelbaren beschreiben, den Mond in den, welcher zunächst um die Erde kreiste, die Sonne in den zweiten über der Erde, den Morgenstern aber und den, welcher dem Merkur geheiligt ist und nach ihm genannt wird, in die dem der Sonne an Geschwindigkeit gleichen Kreise, versah sie jedoch mit einer der Sonne entgegenstrebenden Kraft der Bewegung, weshalb denn die Sonne und der Merkur und Morgenstern auf gleiche Weise einander einholen und voneinander eingeholt werden. Was aber die übrigen anlangt, so würde, wenn man von allen angeben sollte, wohin und aus welchen Gründen er sie dahin versetzte, diese Auseinandersetzung, [E] die doch nur eine beiläufige wäre, umständlicher sein als die Erörterung selber, welche uns hierauf geführt hat. Vielleicht wird denn auch dieser Gegenstand späterhin bei größerer Muße eine Darlegung finden, wie er sie verdient.

Nachdem nun also alle die Gestirne, welche zur Erzeugung der Zeit mitwirken sollten, in den einem jeden zukommenden Umschwung gebracht und durch beseelte Bänder, die ihre Körper zusammenhielten, zu lebendigen Wesen erhoben und des ihnen Aufgetragenen inne geworden waren, so gingen sie [39 St.3 A] im Umkreis des Wandelbaren, welcher schräg ist, indem er den Umkreis des Unwandelbaren durchschneidet und von ihm beherrscht wird, herum, indem sie teils eine größere, teils eine kleinere Kreisbahn umschrieben, und zwar die, welche eine kleinere beschrieben, schneller und die, welche eine größere, langsamer. Und durch den Umschwung des Unwandelbaren schienen nun dabei die, welche am schnellsten herumgingen, von den langsamer sich bewegenden eingeholt zu werden, während doch vielmehr diese die ersteren einholten, denn da die Umkreisung des Unwandelbaren alle Kreisbahnen dieser Gestirne sich [B] ellipsenförmig zu drehen zwang, insofern diese Bahnen zwiefach in entgegengesetzter Richtung verliefen, so bewirkte sie den Schein, als ob die sich am langsamsten von ihr, die sie das Schnellste ist, entfernenden ihrer Geschwindigkeit am nächsten kämen. Damit aber ein deutliches Maß für das gegenseitige Verhältnis von Langsamkeit und Geschwindigkeit vorhanden wäre, mit welcher die acht Umläufe sich bewegten, so zündete Gott in den zweiten derselben, von der Erde ab, ein Licht an, eben das, was wir jetzt Sonne nennen, auf dass es möglichst durch das ganze Weltall scheine und die belebten Wesen, so vielen immer dies zukam, des Zahlmaßes teilhaftig würden, dessen sie durch die Umkreisung des Wandelbaren und Unwandelbaren inne geworden. Tag und Nacht entstanden auf diese Weise [C] als der Umlauf der gleichförmigsten und vernünftigsten Kreisbewegung, der Monat aber, wenn der Mond seinen Kreislauf vollendet und die Sonne eingeholt hat, endlich das Jahr, so oft die Sonne ihre Bahn umschrieben hat. Die Umläufe der übrigen aber haben die Menschen bis auf wenige unter den vielen nicht beachtet und geben ihnen daher weder Namen, noch messen sie dieselben gegeneinander zufolge angestellter


Beobachtungen nach Zahlen ab, so dass sie geradezu nicht einmal wissen, dass ihre Bahnen, deren Mannigfaltigkeit in ihrem Wandel wunderbar ist, eine Zeit bezeichnen. Es ist jedoch [D] nichts desto weniger möglich zu beobachten, dass die vollständige Zeitenzahl auch das große Jahr aus 19 Sonnenjahren zum Abschluss bringt, wenn alle acht Umläufe zugleich beendigt an ihrem Ausgangspunkte zusammentreffen, sofern man sie nach dem Kreise des Unwandelbaren und sich gleichartig Bewegenden misst. Auf diese Weise also und zu diesem Zwecke wurden alle die Sterne hervorgebracht, welche einer wiederkehrenden Bahn durch den Weltenraum folgen, auf dass diese lebendige Welt dem vollkommenen und nur dem Gedanken erfassbaren Lebendigen so ähnlich als möglich werde in Nachahmung seiner schlechthin ewigen Natur.

Und in allen [E] übrigen Stücken bis zu der Entstehung der Zeit hin war sie nun bereits dem, welchem sie entsprechend gebildet wurde, vollendet, aber darin, dass sie noch nicht alle lebenden Wesen in sich fasste, verhielt sie sich noch unähnlich gegen dasselbe. Und so vollendete der Bildner denn auch dies, was ihr noch mangelte, indem er es nach der mustergültigen Festlegung ausprägte. Wie viel nämlich und welcherlei Gestalten die Vernunft nur immer in dem wahrhaft seienden Lebendigen [40 St.3 A] als ihm innewohnende erblickt, so viel und solcherlei, glaubte er, müsse auch dieses empfangen. Es gibt aber deren vier: die eine das himmlische Geschlecht der Götter, die andere die geflügelte und die Lüfte durchschwebende, die dritte die im Wasser lebende Gattung, und die vierte, die welche sich auf ihren Füßen bewegt und auf dem Erdboden wohnt. Die Gestalt des Göttlichen nun bildete er größtenteils aus Feuer, damit es so glänzend und schön als möglich anzuschauen wäre, machte es in Nachbildung des Weltganzen wohlgerundet und setzte es zum Begleiter des alles beherrschenden Unwandelbaren, indem er es rings im Umkreise [B] gleich verteilte, was wir jetzt Kosmos nennen, auf dass es demselben ein wahrhafter Schmuck und eine stete Zierde sei. Bewegungen aber heftete er ihrer zwei einem jeglichen aus diesem Kreise an, die eine in demselben Raume und in gleichmäßiger Weise als einem solchen, welches stets mit sich übereinstimmt, die andere vorwärts als einem solchen, welches von dem Umschwung des Unwandelbaren und Gleichartigen beherrscht wird, hinsichtlich der fünf anderen Bewegungen aber ließ er es unbewegt und stillstehend, damit ein jedes dieser Wesen so vollkommen als möglich würde. Aus dieser Ursache also [C] sind alle die Sterne geworden, welche wandellos als lebendige Wesen göttlich und unsterblich und gleichmäßig in demselben Raume sich drehend ewig verharren, diejenigen aber, welche ihre Stellung verändern und somit dem Wandel unterworfen sind, entstanden aus den Gründen, welche schon im Vorigen auseinandergesetzt sind.

Die Erde aber, unsere Ernährerin, welche von der durch das All gezogene Achse gehalten wird, bildete er zur Wächterin und Gestalterin von Tag und Nacht als die erste und älteste von den göttlichen Wesen, so viel ihrer innerhalb des Weltgebäudes erzeugt sind. Die Reigenbewegungen aber von diesen selber und ihre gegenseitigen Begegnungen, und was sich auf die Rückkehr ihrer Bahnen zu ihrem Ausgangspunkt und ihr Vorauseilen bezieht, ferner welche von den Göttern bei den Vereinigungen einander nahe und [D] wie viele einander gegenübertreten, und hinter welchen die einzelnen, indem sie einander das Licht verdecken, und zu welchen Zeiten sie sich für uns verbergen und, wenn sie dann wieder zum Vorschein kommen, Furcht vor dem, was bevorsteht, und Vorzeichen desselben für die, welche nicht zu rechnen verstehen, mit sich bringen, dies darzustellen ohne Anschauung von Figuren, die davon zu machen wären, würde eine vergebliche Mühe sein, und so möge uns vielmehr das Gesagte in der obigen Weise hinreichen und die Erörterung über die Natur der sichtbaren und gewordenen göttlichen Wesen [E] hiermit ihr Ende haben.

Über die sonstigen götterartigen Wesen, den Dämonen, aber zu sprechen und ihre Entstehung zu erkennen, übersteigt unsere Kräfte, und wir werden denjenigen glauben müssen, welche ehedem darüber gesprochen haben, da sie ja, wie sie sagten, Abkömmlinge der Götter waren und doch wohl genau ihre Vorfahren gekannt haben werden. Unmöglich also ist es, den Sprösslingen der Götter den Glauben zu versagen, wenn sie auch ohne wahr erscheinende oder gar zwingende Beweise sprechen, sondern als solchen, welche Familienverhältnisse mitzuteilen behaupten, müssen wir ihnen, dem Herkommen folgend, Vertrauen schenken. Folgendermaßen möge daher


nach ihrem Bericht hinsichtlich dieser Götter ihre Entstehung für uns sich verhalten und von uns angegeben werden. Der Ge und dem Uranos wurden Okeanos und Tethys geboren, diesen aber wiederum Phorkys, Kronos und Rhea und so viele sonst noch mit ihnen entstanden, vom Kronos und der Rhea aber entsprossen [41 St.3 A] Zeus und Hera und alle, so viel wir ihrer wissen, welche als ihre Geschwister und deren Abkömmlinge bezeichnet werden.

Als nun aber die göttlichen Wesen alle, sowohl die, welche sichtbar herumkreisen, als auch die, welche nur erscheinen, je nachdem sie es selber wollen, ihre Entstehung hatten, da sprach zu ihnen der Erzeuger des Alls folgendermaßen: Göttliche Göttersöhne, deren Bildner ich bin und Vater von Werken, welche, durch mich entstanden, unauflösbar sind, weil ich es so will. Denn alles, was zusammengebunden ist, lässt sich zwar auch wieder auflösen, aber das, was schön zusammengefügt ist und sich wohl verhält, würde nur ein Frevler wieder auflösen wollen. [B] Deshalb seid ihr denn auch, weil ihr entstanden seid, zwar nicht schlechterdings unsterblich und unauflösbar, aber nichts desto weniger sollt ihr nimmer aufgelöst noch des Todesgeschickes teilhaftig werden, weil ihr an meinem Willen ein noch stärkeres und mächtigeres Band als jene Bänder erlangt habt, mit denen ihr zusammengebunden wurdet, als ihr entstandet. So merkt denn nun, was euch meine Rede verkündet. Es sind noch sterbliche Geschlechter, und zwar ihrer drei übrig, die noch unerzeugt sind, träten nun sie nicht ins Leben, so würde das Weltgebäude unvollständig sein, denn es würde dann nicht alle Geschlechter lebendiger Wesen in sich tragen, und das muss es, wenn es vollständig sein soll. [C] Wenn sie aber durch mich entstehen und mit Leben begabt würden, so würden sie den Göttern gleich werden. Damit sie also zu Sterblichen werden und dieses All ein wirkliches All sei, so kommt es euch naturgemäß zu, euch an die Hervorbringung der lebendigen Geschöpfe zu machen, indem ihr meine Tätigkeit, wie sie bei eurer Entstehung stattfand, nachahmt. Und so viel an ihnen dem Unsterblichen gleichnamig zu sein verdient, nämlich das göttlich zu Nennende und Leitende in ihnen, soweit sie stets der Gerechtigkeit und euch zu folgen geneigt sind, von dem will ich die Samen und Keime bilden und euch dann übergeben, in ihren [D] übrigen Teilen aber sollt ihr, indem ihr mit Unsterblichen Sterbliches verwebt, die lebendigen Geschöpfe vollenden und erzeugen und, indem ihr ihnen Nahrung gebt, sie wachsen lassen und, wenn sie dahingeschwunden sind, wieder aufnehmen.

So sprach er und goss wiederum in dasselbe Mischgefäß, in welchem er zuvor die Seele des All zusammengemischt hatte, die Überreste derselben Bestandteile hinein und vermischte sie zwar ungefähr auf die gleiche Weise, nahm sie aber nicht von derselben Reinheit, sondern vom zweiten und dritten Grad. Und nachdem er ein Ganzes gebildet hatte, verteilte er dasselbe in Seelen von der gleicher Zahl der Sterne [E] und teilte je eine einem jeden zu, und nachdem er sie so wie auf ein Fahrzeug gesetzt hatte, zeigte er ihnen die Natur des All und verkündete ihnen die vom Schicksal verhängten Gesetze, dass nämlich die erste Geburt auf die gleiche Weise für sie alle bestimmt sein werde, auf dass keine von ihnen in Nachteil durch ihn gesetzt würde, und dass sie auf die einzelnen, einer jeden entsprechenden Anzeiger der Zeit, verstreut, zu demjenigen aller lebendigen Geschöpfe werden sollten, welches am meisten die Götter verehre, und da die menschliche Natur eine zweigeteilte sei, [42 St.3 A] so solle das vorzüglichere von beiden Geschlechtern den Namen Mann erhalten. Sobald sie nun aber der Notwendigkeit gemäß in Leiber eingepflanzt wären, und von ihrem Leibe ein Teil hinzu käme und ein anderer Teil abginge, so müsse notwendig zuerst die Wahrnehmung und Empfindung auf gleiche Weise in ihnen allen entstehen, als notwendig mit starken Erregungen und Eindrücken verbunden, sodann als das Zweite die Liebe, welche aus Lust und Schmerz gemischt ist, hierauf Furcht, sowie Zorn und Eifer und alles, was hiermit zusammenhängt, und wiederum alles, was aus den Gegenwirkungen hervorgeht. Wenn sie nun über diese Erregungen herrschten, so würden sie gerecht leben, wenn [B] sie aber sich von ihnen beherrschen ließen, ungerecht. Und wer die ihm zugemessene Zeit hindurch wohl gelebt habe, der solle in die Behausung des ihm verwandten Gestirnes zurückkehren und ein selbiges und seiner Gewohnheit entsprechendes Leben führen, wer aber hierin gefehlt, der werde in eines Weibes Natur bei seiner zweiten Geburt verwandelt werden, wenn er aber auch in diesem Zustande noch nicht seiner Schlechtigkeit Einhalt täte, so solle er, der Art derselben entsprechend, jedesmal in eine Tiergattung von ähnlicher Art, wie er

 

sie sich angebildet, [C] übergehen und in steter Verwandlung nicht eher ans Ende seiner Leiden gelangen als bis er, der Bewegung des dem Unwandelbaren Ähnlichen in sich folgend, jener stürmenden und vernunftlosen Masse, welche aus Feuer, Wasser, Luft und Erde in ihn eindrang, durch die Vernunft Herr geworden und so in die Gestalt seiner früheren und edelsten [D] Beschaffenheit zurückgekehrt wäre.

Nachdem er ihnen nun alle diese Gesetze verkündet hatte, um an der späteren Schlechtigkeit eines jeden unschuldig zu sein, verpflanzte er sie teils auf die Erde, teils auf den Mond, teils auf die übrigen Anzeiger der Zeit. Was aber nach dieser Verpflanzung noch zu tun war, das überließ er den jungen Göttern, nämlich ihnen sterbliche Leiber abzubilden und das übrige, was zur menschlichen Seele noch hinzukommen musste, dies und alles damit Zusammenhängende [E] zu vollenden und dann die Herrschaft zu führen und nach Möglichkeit aufs Schönste und Beste das sterbliche lebendige Wesen zu lenken, soweit es nicht selber sich Übel zuziehen würde.

Und nachdem er nun dies alles angeordnet hatte, verharrte er seinerseits in dem seiner Art angemessenen Zustande, seine Kinder aber inzwischen, nachdem sie die Anordnung des Vaters vernommen, leisteten ihr Folge, und nachdem sie den unsterblichen Keim zu dem sterblichen Lebendigen in Empfang genommen hatten, so entlehnten sie in Nachahmung ihres Erzeugers Teile von Feuer, Erde, Wasser und Luft von der Welt zu späterer [43 St.3 A] Zurückerstattung, verkitteten darauf diese entnommenen Teile in Eines, indem sie sie nicht mit den unauflöslichen Bändern, durch welche sie selber zusammengehalten wurden, sondern mit einer Menge von Stiften, welche ihrer Kleinheit wegen unsichtbar sind, zusammenhefteten, bildeten so aus der Gesamtmasse jeden einzelnen Körper, und banden endlich die Bewegungen der unsterblichen Seele in diesen im Zustande ständigen Ab- und Zuflusses befindlichen Leib hinein. Diese nun, in einen gewaltigen Strom eingeschlossen, beherrschten denselben weder, noch wurden sie vom ihm beherrscht, sondern gewaltsam wurden sie fortgezogen [B] und zogen sie fort, so dass das ganze lebendige Gebilde bewegt ward, und demnach ohne Ordnung fortrückte, wohin der Zufall es führte, und ohne Vernunft, weil es alle sechs Bewegungen hatte, denn nach Vorn und Hinten und ebenso nach Rechts und Links, und nach Oben und Unten, kurz überall nach den sechs Richtungen bewegte es sich unstet fort. Denn so heftig auch schon die zuströmende und abfließende Woge war, welche ihm seine Nahrung brachte, so ward doch eine noch heftigere Erschütterung durch die Eindrücke von dem bewirkt, was einem jeden widerfuhr, wenn sein Körper mit einem [C] fremden Feuer von außen zusammenstieß oder mit festen Erdteilen oder der dahingleitenden Feuchtigkeit des Wassers, oder wenn er von einem Wirbel der durch die Luft erregten Winde ergriffen wurde, und dann durch dies alles Bewegungen erregt und durch den Körper hindurch fortgeführt wurden, bis sie die Seele fanden, und sie wurden denn auch nachher eben hiernach genannt und heißen auch noch jetzt insgesamt Wahrnehmungen. Sie waren es also, welche schon damals für den Augenblick die meiste und stärkste Bewegung hervorbrachten, und indem sie vermöge des unaufhörlich strömenden Flusses die Kreisläufe der Seele [D] heftig erschütterten, so hemmten sie sowohl den des Unwandelbaren gänzlich durch ihr Entgegenströmen und hielten seine Herrschaft und seinen Fortgang auf, als sie auch andererseits den des Wandelbaren so erschütterten, dass sie die Zwischenräume des Zweifachen und Dreifachen, welche ihrer je drei von beider Art waren, und die Mittel- und Bindeglieder des Anderthalb-, Vierdrittel- und Neunachtel-fachen, da sie ganz aufzulösen nur dem möglich war, welcher sie zusammengeknüpft hatte, auf alle Weise verkehrten und alle möglichen Durchbrechungen und Störungen in die Kreisläufe hineinbrachten, [E] so viel es ihrer nur geben konnte, so dass sie kaum noch mit einander zusammenhingen und sich zwar noch fortbewegten, aber vernunft- und regelwidrig, bald in entgegengesetzter Richtung, bald zur Seite und bald kopfüber, so wie wenn ein Mensch umgekehrt mit dem Haupt auf die Erde sich stützt, die Füße aber nach oben gewandt hat und an irgendetwas festhält. In diesem Zustande dessen, welcher sich in einer solchen Lage befindet und derer, die ihn ansehen, beiden Teilen gegenseitig das, was dem einen rechts, dem andern links und was dem einen links, dem andern rechts erscheint. Wenn daher die Umläufe von eben demselben [44 St.3 A] und von anderen ähnlichen Vorgängen in heftigem Maße betroffen werden, so bezeichnen sie, wenn sie mit etwas von dem außerhalb

 

Befindlichen, sei es von der Art des Unwandelbaren oder von der des Wandelbaren, in Berührung kommen, sodann das, was das Unwandelbare mit irgendetwas und das, was ein Wandelbares ist, als irgendetwas, auf eine der Wahrheit entgegengesetzte Weise und sind somit trügerisch und unverständig geworden, und keiner von ihnen ist dann der herrschende und leitende, sondern diejenigen, welchen dann von außen her irgendwelche Wahrnehmungen und Empfindungen zustoßen und zuteilwerden, dergestalt, dass dieselben auch die Seele in ihrem ganzen Umkreis mit sich fortreißen. Diese scheinen dann zu herrschen, [B] obwohl sie beherrscht werden. In Folge aller dieser Erschütterungen wird denn auch die Seele jetzt anfänglich bewusstlos, sobald sie in einen sterblichen Körper hineinverflochten ist. Sobald aber der Strom des Wachstums und der Nahrung in geringerem Maße herzufließt, dann bekommen die Kreisläufe wieder Ruhe, schlagen wieder ihren eigenen Weg ein und befestigen sich auf demselben immer mehr im Verlaufe der Zeit. Und dann erst machen die Umschwünge, indem sie sich nach dem naturgemäßen Gange der einzelnen Kreisläufe richten und so das Wandelbare und das Unwandelbare [C] mit dem rechten Namen benennen, ihren Besitzer vernunftbeseelt. Kommt nun dann auch noch die rechte Nahrung durch geistige Ausbildung zu Hilfe, dann wird er ganz und gar untadelhaft und gesund und ist der größten Krankheit entflohen. Hat er dies aber vernachlässigt, so gelangt er, nachdem er hinkend die Lebensbahn zurückgelegt hat, unvollkommen und unverständig wieder in den Hades. Dies sei aber einer späteren Ausführung vorbehalten.

Das jetzt Vorliegende aber muss genauer durchgegangen werden. Das also, was jenem vorangeht, nämlich die Entstehung des Körpers und der Seele nach ihren einzelnen Teilen [D] und aus welchen Ursachen und aus welcher Absicht der Götter sie entstanden sind, haben wir dergestalt zu erörtern, dass wir, wie wir uns überhaupt an das am meisten wahr Scheinende halten, so auch hierin vorgehen.

Die göttlichen Umläufe nämlich, zwei an der Zahl, schlossen die Götter, indem sie die Gestalt des All, welche ja rund ist, nachahmten, in einen kugelförmigen Körper, nämlich denjenigen ein, welchen wir jetzt Kopf nennen, welcher das göttlichste und alles an uns beherrschende ist. Daher übergaben sie ihm auch den ganzen Leib als eine für ihn zusammengestellte Dienerschaft, weil sie bedachten, [E] dass er aller Bewegungen, so viel deren entstehen konnten, teilhaftig sein würde, damit er also nicht auf der Erde, die da Höhen und Tiefen von aller Art hat, herumrollend in Verlegenheit geriete, wie er jene übersteigen und aus diesen sich herausarbeiten sollte, so gaben sie ihm denselben zum Fortbewegungsmittel zu leichtem Fortkommen. Demgemäß erhielt denn der Körper Länge und trieb, indem die Gottheit ihn zum Gehen einrichtete, vier ausstreckbare und biegsame Glieder, mit denen er sich teils anzuhalten, teils aufzustützen, und so aller Orten sich fortzubewegen im Stande wurde, indem er den Wohnsitz des Göttlichsten und [45 St.3 A] Erhabensten in uns in sich trägt. Beine und Hände also wuchsen auf diese Weise und zu diesem Zwecke allen an, und da die Götter die vordere Seite für edler und der Herrschaft würdiger hielten, so verliehen sie unserem Gange vorzugsweise die Richtung nach vorne, und eben deshalb musste auch die vordere Seite des menschlichen Körpers in unterscheidender Weise und unähnlich von der hinteren gebildet werden. Daher fügten die Götter zunächst auf dieser Seite der Wölbung des Hauptes das Antlitz an, versetzten in dieses die Sinneswerkzeuge für die gesamte Überlegungstätigkeit [B] der Seele, und verordneten, dass dasselbe das natürliche Vorne bilden und die oberste Führung haben sollte. Von diesen Sinneswerkzeugen aber verfertigten sie zuerst die Empfänger des Lichtes, die Augen, und befestigten sie aus folgender Ursache im Gesichte. So viel nämlich vom Feuer nicht die Eigenschaft hat zu brennen, sondern das milde Licht zu verbreiten, welches jedem Tage eigentümlich ist, hefteten sie an einen Körper. Das in uns befindliche, hiermit verwandte, reine Feuer ließen sie [C] glatt und dicht aus den Augen ausströmen, indem sie das ganze Gewebe derselben, und zwar vorzugsweise den mittleren Teil von ihm, so verdichtet hatten, dass es alles andere Feuer von dichterer Beschaffenheit zurückhält und nur das von jener Art rein hindurch lässt. Sobald daher das Tageslicht diese Ausströmung des Sehstrahles in sich aufnimmt, so strömt eben damit Gleichartiges zu Gleichartigem aus, und beides verschmilzt durch diese seine Verwandtschaft in gerader Richtung vom Auge zu einem


einzigen Körper, [D] wo nur immer das von innen ausströmende Feuer an demjenigen, welches von den äußeren Gegenständen her mit ihm zusammentrifft, im Gegenstoße einen Halt findet. Und da nun dieser Lichtkörper eben wegen seiner durchweg gleichartigen Beschaffenheit auch in allen seinen Teilen die gleichen Eindrücke empfängt, so teilt er von allen Gegenständen, mit welchem derselben er nur immer in Berührung tritt, und welcher andere mit ihm, ihre Bewegungen dergestalt dem ganzen Leibe mit, dass sie durch diesen bis zur Seele hindurchdringen, und erzeugt so die Empfindung, auf welche eben wir den Ausdruck „wir sehen” anwenden. Sobald dagegen das verwandte Feuer in Nacht dahingegangen, so wird und bleibt der Sehstrahl abgeschnitten, denn da er nunmehr zu Unähnlichem heraustritt, so verändert er auch sich selber und erlischt, indem [E] er nicht mehr mit der umgebenden Luft eine Verbindung eingeht, weil dieselbe kein Feuer hat. Er hört daher auf, eine Gesichtswahrnehmung hervorzubringen und führt überdies auch den Schlaf herbei. Indem nämlich das, was die Götter zum Schutze des Gesichtes ins Leben gerufen haben, das Gebilde der Augenlider, indem diese sich schließen, so halten sie die Gewalt des Feuers inwendig zurück, und dieses zerstreut und beschwichtigt sodann die Bewegungen im Inneren, so dass in Folge dessen Ruhe eintritt. Ist nun diese Ruhe in einem hohen Grade vorhanden, so entsteht ein nur wenig von Träumen getrübter Schlaf, sind aber einige stärkere Bewegungen zurückgeblieben, so bewirken diese, dass Traumerscheinungen, welche der eigenen Natur dieser Bewegungen, sowie, der [46 St.3 A] der Orte, an denen sie zurückgeblieben sind, an Art und Zahl entsprechen, sich im Inneren bilden und sodann nach dem Erwachen der Erinnerung auch äußerlich entgegentreten. Ebenso ist auch die Erzeugung der Bilder in den Spiegeln und der Widerschein in allen Körpern von glatter und glänzender Oberfläche nicht mehr schwer zu erklären. Denn indem sodann gemäß der Verbindung, welche beiderlei Feuer nach innen und nach außen zu miteinander eingehen, beide auf der glatten Oberfläche jedesmal in einen Punkt zusammentreffen und dadurch eine vielfältige Veränderung erleiden, so entstehen daraus notwendig [B] alle hierbei vorkommenden Erscheinungen, zum Beispiel, wenn das aus dem Antlitz ausströmende Feuer mit dem des Sehstrahls auf einer glatten und glänzenden Oberfläche verschmilzt. Als Rechtes erscheint dabei das Linke, weil die entgegengesetzten Teile des Sehstrahls dabei mit den entgegengesetzten Teilen in Berührung treten wider die sonst gewohnte Art ihres Zusammentreffens. Oder es erscheint auch im Gegenteil das Rechte als Rechtes und das Linke als Linkes, sobald nämlich das Licht von innen her bei der Verschmelzung mit dem mit welchem es verschmilzt, nach der entgegengesetzten Seite hin fällt. Dies findet aber dann statt, wenn die glatte Oberfläche eines Spiegels an beiden Seiten erhöht ist und so das Rechte nach der linken [C] Seite des Sehstrahls und das Linke nach der rechten desselben hindrängt. Nach der Länge des Antlitzes aber gekehrt lässt ein solcher Spiegel alles kopfüber liegend erscheinen, indem er wieder das unten Befindliche nach der oberen und das oben Befindliche nach der unteren Seite des Sehstrahles hintreibt.

Dies alles gehört unter die Hilfsursachen, welche der Gott als dienende Kräfte verwendete, um allen Dingen die Gestalt der möglichsten Vollkommenheit aufzuprägen, nach der Vorstellung der Meisten sind sie freilich nicht bloße Hilfsursachen, sondern die wirklichen Ursachen von allem, sie, die da Kälte und Wärme hervorbringen, fest [D] und flüssig machen, und überhaupt alles, was dem ähnliche Zustände bewirkt, jedoch mit Überlegung und Vernunft auf irgendetwas hinzuarbeiten sind sie unvermögend. Denn von allen Dingen ist, als das Einzige, welchem es zukommt, Vernunft zu besitzen, allein die Seele zu bezeichnen, diese aber ist etwas Unsichtbares, während Feuer, Wasser, Erde und Luft insgesamt ihrer Entstehung gemäß sichtbare Körper sind. Wer also ein Freund der Vernunft und Erkenntnis ist, der muss notwendig in einem denkenden Wesen die letzte Ursache suchen, alle Ursachen aber, welche in Dingen liegen, die von anderen in Bewegung gesetzt werden und andere mit Notwendigkeit in Bewegung setzen, erst in zweiter Linie [E] als Ursachen verfolgen. Demgemäß haben denn auch wir zu verfahren, und wir müssen daher zwar beide Gattungen von Ursachen erörtern, jedoch gesondert voneinander alle die, welche mit Vernunft des Schönen und Guten Werkmeisterinnen sind, und andererseits alle die, welche, von Einsicht entblößt, ohne Regel und Ordnung hervorrufen, was der Zufall jedesmal mit sich bringt. Und so mag denn hinsichtlich der Hilfsursachen, welche bei den Augen


mitwirken, um ihnen das Vermögen, welches sie jetzt besitzen, zu verschaffen, das Bisherige genügen, der Hauptzweck dagegen, zu welchem sie uns nützen und zu welchem eben sie uns von dem Gott geschenkt sind, [47 St.3 A] steht nunmehr zu erörtern.

Die Sehkraft ist nach meiner Ansicht die Urheberin des größten Nutzens für uns geworden, weil von unsern gegenwärtigen Erörterungen über das All wohl keine einzige wäre gegeben worden, wenn wir weder Sterne noch Sonne noch Weltgebäude sähen. Nun aber nehmen wir Tag und Nacht und auch die Monate und die Jahresumläufe wahr, und haben so durch dies alles die Zahlenverhältnisse sowie den Begriff der Zeit empfangen und sind zur Untersuchung über die Natur des All [B] angeregt worden, und dadurch sind wir zur Philosophie vorgedrungen, welche das größte Gut ist, was dem sterblichen Geschlechte als eine Gabe der Götter zuteilwurde und jemals zuteilwerden wird. So führe ich denn nur dies, als das größte unter den Gütern an, welche von den Augen herstammen, denn wozu brauchten wir noch alle übrigen, die von geringerer Art sind, anzuführen, die ja jedermann kennt und deren Verlust durch Erblindung doch nur der Nichtphilosoph mit eitler Klage beweint! Vielmehr müssen wir jenen obersten Zweck nach dem Obigen dergestalt als die wahre Ursache hinstellen, dass der Gott die Sehkraft für uns erfunden und uns verliehen hat, damit wir die Bewegungen im Weltgebäude [C] betrachten und sie auf die Kreisläufe unseres eigenen Nachdenkens anwenden könnten, welche jenen verwandt sind, soweit es das Durchschütterte mit dem Unerschütterlichen sein kann, und damit wir nach ihrer genauen Durchforschung und nachdem uns die Berechnung ihres richtigen Ganges, wie er ihrem Wesen entspricht, gelungen, in Nachahmung der von allem Irrsal freien Umläufe den in uns selber stattfindenden einen festen Halt geben. Und so gilt auch ferner in Betreff der Stimme und des Gehöres wiederum das nämliche Verhältnis, [D] und sie sind uns aus dem nämlichen Grunde zu dem nämlichen Zwecke von den Göttern geschenkt worden. Denn sowohl die Sprache ist zu diesem gleichen Zwecke bestimmt und trägt den größten Teil dazu bei, wie auch die musikalische Anwendung der Stimme uns verliehen ist, um neben dem Gehör die Harmonie uns zugänglich zu machen. Die Harmonie aber, deren Anregungen mit denen der Seele in uns verwandt ist, erscheint dem, welcher vernunftgemäß des Umgangs mit den Musen pflegt, nicht als zu einem bloßen vernunftlosen Vergnügen, wie man sie jetzt ansieht, sondern sie ist uns [E] von den Musen als Helferin verliehen, um die in Zwiespalt geratene Bewegung der Seele in uns zur Ordnung und Übereinstimmung mit sich selber zurückzuführen, ebenso wie auch der Rhythmus wegen der Unregelmäßigkeit in uns und des der inneren Anmut entbehrenden Wesens der Meisten uns als Unterstützung zu eben demselben Zwecke von eben denselben gegeben ist.

In dem bisher Durchgegangenen sind denn nun, weniges nur noch ausgenommen, die Wirkungen der Vernunft dargelegt worden, wir müssen nun aber auch das erörtern, was durch die Notwendigkeit entsteht. Denn die Entstehung dieser Welt war ja eben [48 St.3 A] eine gemischte, indem sie aus einem Zusammentreten der Vernunft und der Notwendigkeit hervorging, jedoch herrschte dabei die Vernunft über die Notwendigkeit, dadurch dass sie dieselbe überredete, das Meiste von dem, was da entstand, zum Besten zu führen, und so kam demgemäß und auf diesem Wege durch die von vernünftiger Überredung besiegte Notwendigkeit im Anfange dieses All so, wie es ist, zustande.

Wenn also jemand die Entstehung desselben darstellen will, wie sie wirklich vor sich gegangen ist, so muss er auch seiner Darstellung beifügen, wie weit auch [B] die ziel- und zwecklos umherschweifende Ursache ihrer Natur nach wirklich mit dazu beigetragen hat. Hierher müssen wir also wiederum zurückgehen und, nachdem wir für eben diese Dinge einen anderen, passenderen Anfang aufgesucht haben, über die bis jetzt angesprochenen Dinge ebenso, wie vorhin über die vorausgehenden, noch einmal von vorne anfangen. Wir müssen nämlich betrachten, welches vor der Entstehung der Welt die Natur des Feuers, des Wassers, der Luft und der Erde war und in welchem Zustande sie sich damals befanden. Denn bis jetzt hat noch niemand ihre Entstehungsweise erörtert, sondern gerade, als ob wir wüssten, [C] was denn eigentlich das Feuer und überhaupt ein jedes von ihnen ist, pflegen wir sie als Urstoffe hinzustellen und die Elemente des Weltalls zu nennen, während es ihnen doch nicht einmal zukommt, wenn man auch nur ein wenig darüber nachdenkt, auch nur in der Weise, wie die

 

Silben der Wörter, sei es selbst mit bloßem wahr Scheinen, Urbestandteilen gleichgesetzt zu werden. Was wir nun aber unsererseits dabei zu leisten haben, ist folgendermaßen festzustellen. Der Urgrund aller Dinge oder aber die Urgründe, oder wie es sich damit verhalten mag, werden nicht der Gegenstand unserer gegenwärtigen Darstellung sein, [D] und zwar aus keiner anderen Ursache, als weil es zu schwer ist, nach dem ihr zu Grunde gelegten Verfahren meine Ansicht hierüber kund zu tun. Und so mögt weder ihr begehren, dass ich hierüber sprechen soll, noch würde ich selbst mich zu überreden vermögen, dass ich richtig daran täte, ein so schwieriges Unternehmen anzugreifen. Indem ich vielmehr das festhalte, was ich gleich im Anfang hervorgehoben habe, das möglichste wahr Scheinen meiner Erörterungen, werde ich versuchen, auf eine hieran [E] hinter nichts zurückstehende, sondern vielmehr alles übertreffende Weise von Anfang an über das Einzelne und das Gesamte zu reden. Den Gott also wollen wir auch jetzt zum Beginn unserer Überlegung anrufen, dass er uns glücklich durch diese fremdartige und ungewöhnliche Darstellungsweise hindurchführen und uns zu einer wahr scheinenden Ansicht verhelfen wolle, und dann von neuem beginnen.

Dieser neue Anfang unserer Erörterung über das All erfordert nun eine weitere Unterscheidung als der frühere. Damals nämlich unterschieden wir zwei Gattungen, jetzt aber haben wir noch eine neue dritte aufzuweisen. Jene zwei nämlich reichten für unsere damalige Betrachtungsweise hin, die eine gleichsam als das urbildliche Gattung zu Grunde gelegt, nur dem Denken erfassbar und stets auf gleiche Weise seiend, die andere [49* St.3 A] die Nachbildung des Musters, dem Entstehen unterworfen und sichtbar, eine dritte aber unterschieden wir damals noch nicht, sondern meinten, dass jene beiden hinreichen würden. Nun aber scheint der Verlauf unserer Erörterung uns zu nötigen, dass wir eine schwierige und dunkle Gattung durch unsere Darstellung klar zu machen suchen.

Welche Bedeutung also hat man als die ihr wesentliche ihr beizulegen? Die vor allen, dass sie die Empfängerin und gleichsam Nährerin alles Werdens ist. Es ist dies zwar richtig, jedoch bedarf es doch noch einer genaueren Erklärung von ihr, aber eine solche ist schwierig, [B] zumal weil zu diesem Zwecke notwendigerweise zuvor die Zweifel hinsichtlich des Feuers und der sich ihm anreihenden Stoffe erörtert werden müssen. Nämlich von einem jeden derselben zu bestimmen, welchen von ihnen man in der Tat vielmehr Wasser und nicht Feuer zu nennen hat, oder überhaupt, welchem beliebigen anderen man gerade einen bestimmten von jenen Namen und nicht vielmehr den aller anderen oder eines einzelnen von ihnen zu geben hat, und zwar so, dass man sich dabei einer zuverlässigen und sichern Bezeichnung bediene, ist schwierig. Doch wie meinen wir denn wohl eben dies und inwiefern können wir darüber und worüber denn eigentlich dabei im Zweifel sein? Nun zuerst, was wir eben noch Wasser genannt haben, das sehen wir, wie wir glauben, wenn es sich verdichtet, [C] zu Steinen und Erde werden, wenn es dagegen sich verflüchtigt und auflöst, wiederum zu Hauch und Luft, die Luft aber, wenn sie sich entzündet, zu Feuer, und das Feuer umgekehrt, wenn es konzentriert wird und erlischt, sehen wir wieder in die Gestalt von Luft übergehen, und die Luft wiederum, wenn sie sich zusammenzieht und verdichtet, in Wolke und Nebel, und daraus sehen wir denn, wenn sie noch mehr zusammengepresst werden, flüssiges Wasser und aus dem Wasser aufs neue Erde und Steine hervorgehen, so dass alle diese Stoffe, wie es scheint, einen Kreislauf des Werdens auseinander unterliegen. Wenn sie nun aber niemals bestimmt als dieselbigen erscheinen, [D] von welchem unter ihnen könnte man da mit Sicherheit behaupten, dass er eben nur dieser und nicht gerade so gut auch ein anderer ist, ohne sich vor sich selber zu schämen? Dem ist nicht so, sondern bei Weitem am Sichersten werden wir folgendes über sie festhalten. Von allem, was wir bald so und bald anders sehen werden, wie zum Beispiel das Feuer, werden wir niemals sagen: ‚dies ist Feuer’, sondern stets nur: ‚in dieser Beschaffenheit ist dies Feuer’, und nicht ‚dies ist Wasser’, sondern ‚in dieser Beschaffenheit ist dies Wasser’, und überhaupt keines von diesen Dingen so bezeichnen, als ob es irgend eine bleibende Beschaffenheit hätte, welche wir ja eben dadurch anzeigen wollen, wenn wir auf etwas hinweisen und uns dabei des Ausdruckes ‚dies’ und ‚das’ bedienen. Denn es flieht die Ausdrücke ‚dies’ und ‚das’ und ‚diesem’ und überhaupt alle, [E] mit denen wir es als etwas Bleibendes bezeichnen, und hält ihnen nicht Stand, und daher darf man von keinem


einzigen von diesen Gegenständen sagen: ‚dies ist das und das’, wohl aber darf man auf jedes einzelne und auf alle insgesamt die Bezeichnung anwenden: ‚in dieser Beschaffenheit sind sie das und das’, weil sie nämlich einen stetigen Kreislauf von Beschaffenheiten durchmachen, und darf demnach mit einer dieser Beschaffenheiten durchweg zum Beispiel den Namen des Feuers verbinden und muss es überhaupt bei allen Dingen so machen, welche dem Werden unterworfen sind. Worin aber alles Werdende, indem es ihm eingeprägt ist, zur Erscheinung kommt und worin es, aus derselben entschwindend, wiederum zurückgeht, [50 St.3 A] davon allein darf man in seiner Aussage die Wendungen ‚dies ist’ und ‚das ist’ gebrauchen, wogegen wiederum alles, was irgend eine Beschaffenheit hat, Wärme oder Weiße oder auch das Gegenteil, und alle andern hiermit zusammenhängenden Eigenschaften, keine dieser Bezeichnungen zulässt. Doch ich will mich bestreben dies noch deutlicher zu machen. Gesetzt, es hätte jemand sämtliche mathematische Figuren aus Gold gebildet und führe dann unaufhörlich fort jede derselben in alle anderen umzubilden, und es zeigte dann jemand auf eine derselben hin und fragte: „Was ist das?”, so würde bei weitem die sicherste und richtigste Antwort sein „es ist Gold,” dagegen dürfte man nicht sagen: „Dies ist ein Dreieck“ oder irgend eine andere von den Figuren, welche in das Gold hineingebildet und in ihm entstanden sind, weil sie ja, eben erst gesetzt, auch schon sogleich wieder verändert werden, sondern müsste schon zufrieden sein, wenn der fragliche Gegenstand auch nur einen von einer dieser Figuren hergenommenen [B] Ausdruck der Beschaffenheit mit einiger Sicherheit aufnimmt. Das Gleiche gilt nun auch von derjenigen Wesenheit, welche alle denkbaren Gestalten an sich zulässt. Sie muss immer als Einunddasselbe bezeichnet werden, denn sie tritt durchaus niemals aus ihrer Beschaffenheit heraus. Sie nimmt nämlich alles auf und nimmt doch nie und in keiner Weise irgend eine Gestalt an, die irgend einer von demjenigen ähnlich wäre, was in sie eingeht, sondern wie eine bildsame Masse liegt sie für ein jedes zum Abdrucke bereit und lässt sich durch alles, was in sie eintritt, verändern und in Gestalten kleiden, und [C] dadurch erscheint sie denn bald in dieser und bald in jener Form. Was aber in sie eintritt und aus ihr heraustritt, sind stets Abdrücke des Seienden, welche auf eine schwer zu beschreibende und wunderbare Weise zustande gekommen sind, welche wir späterhin weiter verfolgen wollen.

Für jetzt also haben wir drei Gattungen in Betracht zu ziehen, das Werdende, das, worin es wird, und das, dessen nachgebildetes Exemplar es ist, und dürfen denn auch die aufnehmende Gattung passend mit der Mutter, in der es wird, und die erzeugende mit dem Vater, die zwischen beiden stehende nachgebildete aber, mit dem Kind vergleichen, [D] müssen endlich auch bedenken, dass, wenn ein Gepräge alle nur überhaupt möglichen Mannigfaltigkeiten zeigen soll, die Masse selbst, in welcher es abgedrückt werden soll, nicht wohl auf andere Weise hierzu vorbereitet sein kann, als wenn sie selber keine von allen jenen Gestalten an sich trägt, welche sie irgendwoher aufnehmen soll. Denn wenn sie irgendeinem von den Gegenständen ähnlich wäre, welche in sie hineintreten, so dürfte sie beim Herantreten und der Aufnahme von Gegenständen, welche von entgegengesetzter oder [E] verschiedenartiger Natur sind, dieselben unvollkommen in sich abbilden, indem sie ihre eigene Gestalt daneben zeigte. Daher muss denn das, was alle Gestaltungen in sich aufnehmen soll, selber ohne alle Gestalt sein, gleichwie man, um wohlriechende Salben zu gewinnen, vor allen Dingen stets eben die Grundlage mit den Mitteln der Kunst bereitet, indem man die Feuchtigkeiten, welche die Wohlgerüche aufnehmen sollen, selber möglichst geruchlos macht. Auch gleichwie alle, welche in irgendeinem weichen Stoffe Formen abdrücken wollen, durchaus keine bestimmte Form in demselben bestehen lassen, sondern ihm zuvor durch Ebnen die möglichste Glätte geben. [51 St.3 A] In gleicher Weise also kommt es auch dem zu, welches die Abbilder von allem, was da von Ewigkeit ist, in allen seinen Teilen wiedergibt und in möglichst vollendeter Gestalt in sich aufnehmen soll, selber seiner Natur nach aller Gestalten zu entbehren. Deshalb dürfen wir aber als die Mutter und Pflegerin dessen, was sichtbar und überhaupt wahrnehmbar geworden ist, weder die Erde, noch die Luft, noch das Feuer, noch das Wasser bezeichnen, noch auch das, was aus ihnen, noch endlich das, woraus sie selber entstanden sind, vielmehr, wenn wir sie als eine [B] unsichtbare und gestaltlose, allaufnehmende Gattung betrachten, welche ganz seltsamerweise mit zu denjenigen

 

Gegenständen gehört, die nur dem Denken zugänglich sind, und schwer zu begreifen ist, so werden wir nicht irren, soweit es aber nach dem früher Erörterten möglich ist, in ihre Natur einzudringen, so wird man wohl am richtigsten diese Bestimmung treffen, dass als Feuer jedesmal der entzündete Teil derselben erscheine und als Wasser der feucht gewordene, und ebenso, dass sie als Erde und Luft insoweit erscheint, als sie Abbilder von ihnen aufnimmt.

In genauerer Fassung aber haben wir dabei folgendes hinsichtlich dieser vier Stoffe [C] zu fragen, ob es ein Feuer an sich gibt und überhaupt alles andere, von denen wir ein jedes so als an sich seiend zu bezeichnen pflegen, oder aber ob nur das, was wir sehen und was wir alles sonst mit den Sinnen des Körpers wahrnehmen, bereits die Wahrheit, die wir in ihnen suchen, und einzig und allein Wahrheit hat und es außerdem schlechthin nichts anderes gibt, so dass es nur ein eitler Wahn von uns wäre, wenn wir jedesmal von einem jeden Dinge ein nur dem Denken erfassbares Gedankenbild als das Seiende annehmen, und dasselbe nichts als ein Name wäre. Diese gegenwärtige Frage nun ist es nicht geziemend, unentschieden und unerforscht zu lassen, indem man sich mit der Versicherung begnügt, [D] es verhalte sich so, andererseits aber dürfen wir eben so wenig unsere langwierige Erörterung durch eine langwierige Zwischenuntersuchung noch weiter ausdehnen, wenn sich daher eine wirkliche und inhaltschwere Begriffsbestimmung, in wenig Worten ausgedrückt, uns zeigen wollte, so dürfte uns dies wohl das Allergelegenste sein. Folgendermaßen gebe ich demnach meine Stimme ab: wenn Vernunft und richtige Vorstellung zwei verschiedene Arten sind, dann muss es schlechterdings jene für sich bestehenden Wesenheiten [E] geben, die von uns nicht wahrgenommen, sondern nur erkannt werden, wenn dagegen, wie es manchen scheint, die richtige Vorstellung sich gar nicht von der Vernunft unterscheidet, dann muss vielmehr alles, was wir durch die Sinne des Körpers wahrnehmen, für das Sicherste gelten. Als zwei verschiedene aber müssen sie bezeichnet werden, denn sie sind gesondert voneinander entstanden und verhalten sich unähnlich zu einander. Denn die eine von ihnen entsteht durch Belehrung, die andere aber durch Überredung in uns, und die eine ist immer mit richtiger Überlegung verbunden, die andere aber ohne Überlegung, und die eine ist nicht veränderlich durch Überredung, die andere aber lässt sich durch sie verändern, und der einen, darf man behaupten, ist jedermann teilhaftig, der Vernunft aber nur die Götter und von den Menschen ein geringer Teil. Verhält es sich aber hiermit so, so muss zugestanden werden, [52 St.3 A] das Eine sei die stets auf dieselbe Weise sich verhaltende Art, unerzeugt und unvergänglich, weder in sich ein Anderes von anderswo her aufnehmend, noch selber in irgend ein Anderes eingehend, unsichtbar und auch sonst mittelst der Sinne nicht wahrnehmbar, die, deren Betrachtung dem vernünftigen Denken zuteil geworden ist, die zweite aber, jener gleichnamig und ähnlich, sinnlich wahrnehmbar, erzeugt in steter Bewegung, entstehend an einem Orte und wieder von da verschwindend, der Vorstellung mit Hilfe der Sinneswahrnehmung erfassbar, ein drittes aber wiederum immer die Gattung des Raumes, dem Untergange nicht unterworfen, [B] welche allem, was ein Werden hat, eine Stätte gewährt, selbst aber, den Sinnen unzugänglich, auch vom Geiste nur, so zu sagen, durch eine Mutmaßung erfasst und kaum zuverlässig bestimmt wird, die, welche wir auch im Auge haben, wenn wir träumen, es müsse doch notwendig das, was ist, an einem Orte sein und einen Raum einnehmen, was aber weder auf der Erde noch sonst im Weltall sich befinde, sei überhaupt gar nicht vorhanden. Alle diese Träumereien von solcher und von dem verwandter Art ziehen denn eben auch die wahrhaft seiende Natur in ihren Kreis hinein, welche doch nimmer schläft, und so vermögen wir denn in Folge dessen, auch wenn wir erwachen, nicht die nötigen Unterschiede zu machen [C] und die Wahrheit zu ergreifen, dass nämlich dem Bilde zwar, da es auch nicht einmal seinen Zweck, um dessen willen es entstanden ist, in sich selber hat, sondern immer nur als Erscheinung eines anderen auftritt, aus eben diesem Grunde zukommt, in einem anderen zu werden, damit es doch irgendwie mit dem Sein verknüpft ist, oder aber gar nicht vorhanden zu sein, dagegen dem wahrhaft Seienden die sicherlich richtige Überlegung zu Hilfe kommt, dass, so lange zwei Gegenstände voneinander verschieden sind, unmöglich der eine von beiden in dem anderen [D] entstehen und so dasselbe zugleich Eines und Zweierlei werden kann.


So gebe ich denn in der vorliegenden Weise meine Stimme zu der wohlbegründeten Erklärung ab, welche im Wesentlichen darauf hinausläuft, dass das Sein, der Raum und das Werden drei gesonderte Gattungen bilden, die schon bestanden, ehe denn noch die Welt war, und ferner, dass die Nährerin des Werdens insofern sie sowohl feucht als auch entzündet werden kann, und ebenso auch die Gestalt von Luft und von Erde annimmt und nicht minder allen sonstigen hiermit zusammenhängenden Beschaffenheiten [E] sich fügt, dem Anblicke alle möglichen Erscheinungen darbietet und, weil die sie erfüllenden Kräfte weder ähnlich, noch im Gleichgewichte sind, auch selber in keinem ihrer Teile sich im Gleichgewicht befindet, sondern, unregelmäßig nach allen Seiten hin schwankend, bald von jenen in Erschütterung versetzt werde, bald ihrerseits wiederum durch ihre Bewegung jene in Erschütterung versetze. Jene werden dann für ihr Teil durch die Bewegung, in welche sie dadurch geraten, voneinander gesondert, indem ein jedes von ihnen immer anderswohin getrieben wird als das andere, gleich wie, wenn man Getreide in Sieben durchschüttelt oder worfelt, alles was fest und schwer, und wiederum alles was locker und leicht ist, [53 St.3 A] an verschiedenen Stellen zu liegen kommt. Ebenso wurden damals die vier Gattungen von der Aufnehmerin durchgeschüttelt, indem diese wie ein Werkzeug, welches Erschütterung hervorbringt, in Bewegung gesetzt wurde, und sonderten dadurch das Unähnlichste am meisten voneinander ab, und drängten dagegen das Ähnlichste am meisten auf dieselbe Stelle zusammen, weswegen sie denn auch bereits je einen verschiedenen Raum einnahmen, bevor noch das All aus ihnen zusammengefügt und dadurch in die Entstehung getreten war. Doch ermangelten sie damals noch aller Ordnung [B] und alles Maßes, sobald dagegen Hand an die Bildung des Weltalls gelegt wurde, so verlieh der Gott zuerst dem Feuer, dem Wasser, der Luft und der Erde, die bisher zwar wohl schon gewisse Spuren von ihrer eigentlichen Beschaffenheit an sich trugen, aber sich doch in einem Zustande befanden, wie er eben bei keinem Gegenstande anders sein kann, so lange der Gott von ihm fern ist, ihre bestimmten Formen nach Zahl und Gestalt. dass er sie nun dabei aufs Schönste und Beste zusammenfügte, nachdem sie sich vorher nicht so verhalten hatten, das wollen wir hier, wie immer, vor allen Dingen als [C] die Grundlage hinstellen, sodann aber muss ich ihre nähere Anordnung in einer ungewöhnlichen Weise euch zu beschreiben unternehmen, da indessen auch ihr, auf denselben Pfaden der Bildung wandelt, auf welchen sich diese Erörterung zu bewegen hat, so werdet ihr derselben schon folgen.

dass nun zunächst Feuer, Wasser, Luft und Erde Körper sind, ist wohl jedermann klar. Zu einem jeden Körper gehört nun [D] auch Höhe. Zur Höhe aber gehört notwendig Oberfläche. Ferner ist jede Fläche mit geraden Seiten aus Dreiecken zusammenzusetzen. Alle Dreiecke aber gehen auf zwei zurück, von denen jedes einen rechten und zwei spitze Winkel hat: das eine, in welchem zwei Seiten gleich sind und die beiden spitzen Winkel Hälften eines rechten Winkels sind, das andere, in welchem diese beiden Winkel Teile eines durch ungleiche Seiten ungleich geteilten rechten Winkels sind. In diesen beiden Dreiecken haben wir daher den Ursprung des Feuers und aller andern Körper zu suchen, wobei wir uns an jenes wahr Scheinende und die Notwendigkeit halten wollen. Die noch ursprünglicheren Urbestandteile [E] aber kennt nur der Gott und von den Menschen etwa der, den ihm lieb ist. Und nun ziemt es sich zu zeigen, welche Eigenschaften es sind, die vier Körper zu den schönsten erheben und zwar so, dass dieselben zwar unter einander unähnlich, jedoch mit der Fähigkeit ausgerüstet sind, aus einander zu entstehen, für den Fall, dass einige von ihnen sich aufgelöst hätten. Denn haben wir dies erreicht, so sind wir auch im Besitze der Wahrheit über die Entstehung der Erde und des Feuers und der anderen beiden Körper, welche zwischen jenen liegend in Proportion stehen, und dann brauchen wir es niemandem zuzugeben, dass es schönere Körper als diese gäbe, jeder in seiner Art. Das also ist jetzt unsere Aufgabe, die wohlgeordnete Zusammenfügung dieser vier an Schönheit alle anderen überragenden Arten von Körpern zu verfolgen und so zu zeigen, dass wir die Natur [54 St.3 A] derselben hinlänglich begriffen haben. Unter diesen beiden Dreiecken nun lässt das gleichschenklige nur eine Art, das ungleichseitige aber deren unzählige zu. Von diesen unzähligen müssen wir nun aber wieder die Schönste auslesen, wenn wir den richtigen Weg einschlagen wollen. Weiß daher jemand eine schönere auszuwählen und anzugeben, um sie zu der

 

Zusammensetzung dieser Körper zu verwenden, so trägt derselbe über uns nicht als Feind, sondern als Freund den Sieg davon, wir aber [B] nehmen von diesen vielen Dreiecken eins als das schönste an, mit Übergehung der anderen, nämlich dasjenige, aus deren zwei ein gleichseitiges Dreieck als drittes entsteht. Warum wir aber so urteilen, das auseinanderzulegen würde uns zu weit führen, aber wir setzen alle Gaben unserer Freundschaft zum Preise darauf, wenn uns jemand zu widerlegen und ausfindig zu machen im Stande ist, dass es sich nicht also verhalte. Zwei Dreiecke also seien ausgewählt, aus denen die Körper des Feuers und der andern, sogenannten Elemente, gebildet sind, eines das gleichschenklige, und das andere dasjenige, in welchem das Quadrat der größeren Kathete das Dreifache von dem der kleineren beträgt.

Was aber vorher ungenau angegeben worden, [C] ist jetzt näher zu bezeichnen. Alle jene vier Gattungen von Körpern nämlich, so schien es uns vorhin, entstünden aus einander und durch den Übergang ineinander, aber mit Unrecht. Denn es entstehen aus den beiden von uns ausgesonderten Dreiecken jene vier Gattungen so, dass aus dem einen, nämlich dem ungleichseitigen, deren drei hervorgehen, und dagegen die vierte Gattung die einzige ist, welche aus lauter gleichschenkligen Dreiecken zusammengesetzt ist, und daher können nicht alle vier in einander aufgelöst und durch die Vereinigung vieler kleiner Massen in wenige große oder auf dem umgekehrten Wege aus einander gebildet werden, sondern nur jene drei, [D] denn da diese alle aus denselben Bestandteilen hervorgehen, so lassen sich nach Auflösung der größeren Massen viele kleinere aus eben deren Bestandteilen so zusammensetzen, dass sie eine andere von den Gestalten, deren sie fähig sind, annehmen, und ebenso lässt sich, wenn viele kleine in Dreiecke zerlegt sind, durch die Wiedervereinigung von der Gesamtzahl der letzteren in eine einzige Masse ein einziger großer Körper von anderer Art erzeugen. So viel nun über ihr gegenseitiges Entstehen aus einander.

Die Eigenschaften aber, welche jede Art vermöge ihrer Entstehungsweise an sich trägt, und die Zahlenverhältnisse [E] anzugeben möchte unsere nächste Aufgabe sein. Und da machen wir denn den Anfang mit derjenigen Gattung, deren Zusammensetzung die einfachste und deren einzelne Bestandteile daher auch die kleinsten sind. Grundbestandteil derselben ist das rechtwinklige Dreieck, dessen Hypotenuse die doppelte Länge der kleineren Kathete hat. Wenn nun zwei solche Dreiecke zu einem Viereck zusammengesetzt werden, so dass ihre Hypotenuse zu dessen Diagonale wird, und sich dieses noch zweimal dergestalt wiederholt und zusammengesetzt wird, dass alle Diagonalen und kleineren Katheten in einen einzigen Punkt zusammenstoßen, so entsteht aus diesen sechs Dreiecken ein einziges gleichseitiges, dessen Mitte eben jener Punkt bildet. Werden aber vier gleichseitige Dreiecke an ihren Seiten verbunden, so bilden sie einen Tetraeder, mit Raumwinkeln, deren Größe sich aus je drei [55 St.3 A] ebenen Winkeln in seinen Ecken ergibt [dazu: Euklides: Stoicheia XI, Erklärung 11 und XI.21], und waren deren vier zustande gebracht, so war damit die erste Art eines Körpers gebildet, die aus gleichen und ähnlichen Bestandteilen besteht.

Die zweite aber entsteht zwar aus den gleichen elementaren Dreiecken, aber so, dass sie zu acht gleichseitigen zusammengestellt sind und je vier ebene Winkel einen Raumwinkel bilden, und nachdem deren sechs zu Stande gekommen waren, hatte auch dieser zweite Körper, das Oktaeder, in dieser Weise seine Vollendung erreicht.

Der dritte aber ging aus der Zusammenfügung von zweimal sechzig solcher elementaren Dreiecke und zwölf Raumwinkeln hervor, deren jeder von [B] fünf ebenen Winkeln der gleichseitigen Dreiecke eingeschlossen wird, so dass das Ganze, das Ikosaeder, zwanzig gleichseitige dreieckige Flächen erhält.

Und der eine von den beiden Urbestandteilen hatte mit diesen aus ihm hervorgegangenen Bildungen seine Aufgabe erfüllt, das gleichschenklige Dreieck gab dem vierten Körper sein Dasein, indem es zu vieren zusammentretend und die Spitzen der rechten Winkel dabei in einem Mittelpunkte vereinigend, zunächst ein gleichseitiges Rechteck hervorbrachte, sechs solche Rechtecke aber, zusammengesetzt, erzeugten sodann acht Raumwinkel, indem deren jeder aus drei rechten Winkeln zusammengefügt ward. [C] Die Gestalt dieses so zusammengesetzten Körpers aber ist die des Kubus, und es enthält derselbe sechs viereckige gleichseitige Flächen.

Da es aber noch eine fünfte Art der Zusammensetzung gibt, so bediente sich der Gott derselben für das Weltganze, als er diesem seinen Umriss gab.

Wenn man nun dies alles sorgsam bei sich erwägt, um danach die Frage zu entscheiden, ob man eine unbeschränkte oder eine beschränkte Zahl von Welten anzunehmen habe, so wird man zwar denjenigen, welcher dieselbe für unbeschränkt ansieht, für eigentlich beschränkten Geistes in solchen Dingen erklären, deren Kunde doch durchaus für den Menschen [D] erforderlich ist, ob man aber wirklich ihrer nur eine oder aber fünf als entstanden zu setzen habe, darüber dürfte man von diesem Standpunkte aus mit Fug und Recht eher im Zweifel sein. Unsere Auffassungsweise nun geht dem wahr Scheinenden gemäß dahin, dass ihrer nur eine geworden sei, andere aber mögen nach irgendwelchen anderen Gesichtspunkten anders darüber urteilen. Lassen wir sie also und verteilen vielmehr die Gestaltungen, deren Entstehung unsere Darstellung beschrieben hat, unter die vier sogenannten Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft. Der Erde nun haben wir die Gestalt des Kubus zuzuteilen, denn unter allen vier ist sie [E] am unbeweglichsten und der bildsamste aller Körper, am meisten aber kommt eine solche Eigenschaft notwendig demjenigen zu, welches die festesten und sichersten Grundlagen hat, und als Grundlage ist ebenso wohl von den beiden vorhin angenommenen Dreiecken naturgemäß dasjenige, welches zwei gleiche Seiten hat, fester als das ungleichseitige, wie auch die zusammengesetzte gleichseitige viereckige Fläche, ebenso den Teilen wie dem Ganzen nach notwendig fester dasteht als die gleichseitig dreieckige. Indem wir daher diese Gestalt [56 St.3 A] der Erde zuteilen, halten wir das wahr Scheinende fest. Dem Wasser geben wir von den noch übrigen die am schwersten, dem Feuer dagegen die am leichtesten bewegliche, und der Luft die mittlere, und den kleinsten jener elementaren Körper dem Feuer, den größten hingegen dem Wasser, und den mittleren der Luft, und endlich den spitzigsten dem Feuer, den, welcher in Bezug hierauf die zweite Stelle einnimmt, der Luft und den, welcher die dritte, dem Wasser. Von ihnen allen aber muss der, welcher die wenigsten Grundflächen hat, auch der eindringlichste und spitzigste in jedem Betracht und überdies, weil er aus den wenigsten Teilen [B] derselben Art besteht, der leichteste und aus beiden Gründen der beweglichste sein, der aber, welcher ihm in der ersteren Eigenschaft am nächsten steht, auch die letzteren in geringerem und der dritte in noch geringerem Grade besitzen. Und so setzen wir denn allem wahr Scheinenden nach mit Recht unter den Körpern, die sich uns gebildet haben, denjenigen, welcher die Gestalt des Tetraeders hat, als Urbestandteil und Samen des Feuers, und den, welcher sich uns als der zweite ergab, haben wir als den der Luft, und den dritten als den des Wassers anzusehen.

Alle diese Körper muss man sich aber in dieser ihrer Eigenschaft so klein denken, dass jeder einzelne von jeder Gattung wegen seiner Kleinheit von uns nicht wahrgenommen werden kann und dass vielmehr nur, wenn viele von ihnen zusammengehäuft sind, sie [C] von uns erblickt werden, und ferner auch haben wir anzunehmen, was die Verhältnisse ihrer Mengen, Bewegungen und sonstigen Kraftäußerungen anlangt, dass der Gott, indem die Notwendigkeit, freiwillig und durch seine Überredung bewogen, ihm darin nachgab, dieses alles mit der größten Genauigkeit zu ihrer ganzen Vollständigkeit ausbildete und so diese ihre Verhältnisse in Proportion zueinander setzte.

Nach allem nun, was wir vorher über diese Gattungen bemerkt haben, dürfte es sich, dem wahr scheinenden Ansehen gemäß, damit ungefähr folgendermaßen verhalten. Erde, beim Zusammentreffen mit [D] Feuer von der Spitzigkeit desselben aufgelöst, mag nun diese Auflösung im Feuer selbst oder in einer Luft- oder Wassermasse stattgefunden haben, wird so lange umgetrieben, bis ihre Teile irgendwie wiederum zusammentreffen und sich miteinander verbinden und so wieder zu Erde werden, denn sie kann niemals in eine andere Gattung übergehen. Wasser aber, von Feuer oder auch von Luft zerteilt, gestattet, dass beim Wiederzusammentreffen der Teile ein Körper von Feuer und zwei von Luft entstehen, die Bruchteile endlich von einem aufgelösten Stück Luft können sich wieder zu zwei Körpern von


Feuer zusammensetzen. Und umgekehrt, wenn Feuer von Luft [E] und Wasser oder auch einem Stück Erde eingeschlossen ist, und zwar eine geringe Masse von einer großen und, von der Gewalt ihrer Bewegung fortgerissen, im Kampfe erliegt und vernichtet wird, dann treten zwei Feuerkörperchen in einen Luftkörper zusammen, und wenn die Luft erdrückt und in ihre Teile aufgelöst ist, dann wird sich aus zwei ganzen und einem halben ein einziger ganzer Teil Wasser zusammenfügen. Wir haben dabei nämlich wieder dies in Betracht zu ziehen, dass, wenn irgend eine von den [57 St.3 A] anderen Gattungen vom Feuer ergriffen und durch die Schärfe seiner Ecken und Kanten zerschnitten wird, diese Zerteilung aufhört, sobald die Urbestandteile so wieder zusammentreten, dass sie die Natur des Feuers annehmen, denn nichts Gleiches und Ähnliches kann eine Veränderung in dem Gleichen und Ähnlichen hervorbringen noch von ihm erleiden, so lange es aber an irgend ein anderes gerät, und zwar so dass dieses das stärkere ist, und mit ihm in Auseinandersetzung tritt, hört es nicht auf zersetzt zu werden. Wenn dagegen umgekehrt die kleineren von einer überwiegenden Masse der größeren eingeschlossen und in Folge dessen zersetzt und zerstört werden, so nimmt dieser Vorgang damit sein Ende, dass sie dem nicht widerstreben können, in die Gestalt des siegenden Körpers wieder zusammenzutreten, und [B] so wird aus Feuer Luft, und aus Luft Wasser. Sind endlich beiderlei Körpermaßen einander so ziemlich gewachsen und geraten so mit einander in Auseinandersetzung, so findet der Auflösungsprozess nicht eher sein Ziel als bis entweder die eine, von der anderen gänzlich ausgestoßen und in ihre einzelnen Bestandteile zersetzt, zu der Gattung, welcher sie angehört, sich zurückflüchtet, oder aber doch endlich ganz überwältigt und in ihre letzten Grundbestandteile aufgelöst, aus denselben sich wieder zu einer einzigen gemeinsamen Masse mit ihrer Siegerin zusammensetzt und so mit ihr verbunden bleibt. Und in Folge dieser Vorgänge verändern denn auch alle diese Gattungen ihren Ort, denn die Massen einer jeden empfangen ihren eigenen Raum, abgesondert von [C] denen aller anderen, durch die Bewegung der Aufnehmerin, und so wird denn auch jedesmal die von ihnen, welche ihre eigene frühere Beschaffenheit aufgibt und die einer andern Gattung annimmt, durch die Erschütterung an den Ort dieser letzteren hingetrieben.

Solches sind denn die Ursprünge, aus denen die einfachsten Körper hervorgegangen sind. dass sich aber in diesen Gattungen besondere Arten gebildet haben, davon hat man die Art der Zusammensetzung von beiderlei Urbestandteilen als Ursache anzusehen, indem nämlich aus derselben in beiden Fällen von vorneherein nicht bloß Dreiecke von derselben Größe, sondern teils kleinere und teils größere, und zwar von so viel verschiedenen Größen hervorgingen, als es in jeder Gattung [D] Arten gibt. Und so haben denn auch diese letzteren noch ferner durch ihre Mischung mit einander und mit denen der anderen Gattungen eine unzählige Mannigfaltigkeit von Körpern hervorgebracht, welche selbstverständlich von denen in Betracht gezogen werden muss, die von der Natur eine wahr scheinende Darstellung geben wollen.

Zuvor jedoch müssen wir uns darüber verständigen, auf welche Weise und wodurch Bewegung und Ruhe erfolgen, wenn nicht unserer [E] ferneren Betrachtung gar vieles störend in den Weg treten soll. Einiges ist darüber freilich schon bemerkt worden, aber es bleibt noch hinzuzufügen, dass Einfachheit und Einerleiheit keine Bewegung zulässt. Denn ein zu Bewegendes kann es schwerlich oder vielmehr unmöglich ohne ein zu bewegen Fähiges, und das Letztere nicht ohne das Erstere, und ohne beide wieder gar keine Bewegung geben, und dass diese beiden einander jemals gleich wären, ist undenkbar. Demgemäß führen wir denn stets Ruhe auf die Gleichförmigkeit, Bewegung aber auf die Mannigfaltigkeit zurück. [58 St.3 A] Ursache der Mannigfaltigkeit ist aber die Ungleichheit. Den Ursprung der Ungleichheit nun sind wir bereits durchgegangen, dagegen wie es geschieht, dass die einzelnen Körper trotz ihrer Absonderung je nach den vier Gattungen dennoch von der Bewegung und dem Hindurchdringen durcheinander nicht ablassen, das haben wir noch nicht gesagt. Und so geben wir nunmehr hierüber folgende Erklärung. Da der Umlauf des Alls diese Gattungen in sich fasst, so drängt er, eben weil er kreisförmig ist und seiner Natur nach mit sich selber zusammenzugehen strebt, sie alle dergestalt in sich zusammen, dass er keinen leeren Raum übrig lässt. Deshalb ist denn auch das Feuer am meisten in alles hineingedrungen, [B] zum Zweiten aber die Luft, weil sie an Dünnheit den

 

zweiten Rang einnimmt, und so folgen die beiden übrigen nach demselben Verhältnis. Denn die aus den größten Teilen entstandenen Gattungen haben auch die größte Leere bei dem Zusammentreten derselben übrig gelassen, die kleinsten dagegen die geringste, und in Folge jenes Zusammendrängens werden nun die kleineren Körper in diese leeren Zwischenräume zwischen den größeren hineingetrieben. Indem aber so beide nebeneinander treten, so dass die kleineren die größeren auseinanderhalten und die größeren dagegen die kleineren zusammenhalten, werden alle auf und ab getrieben an die ihnen zukommenden Orte, denn mit Veränderung der Größe [C] wechselt ein jedes auch seine räumliche Lage. So demnach und aus diesen Gründen bewirkt die stets fortdauernde Erzeugung der Ungleichheit unaufhörlich die immerwährende Bewegung, in welcher sich diese befinden und stets befinden werden.

Nunmehr aber muss gesagt werden, dass vom Feuer mancherlei Arten sich gebildet haben, so die Flamme und das von ihr Ausgehende, was nicht brennt, wohl aber Licht den Augen darbietet, und das, was nach dem Erlöschen der Flamme in den durchglühten Körpern zurückbleibt. Ebenso gibt es viele Arten der Luft, die reinste, welche mit dem Namen Äther, und die trübste, welche Nebel und Gewölk benannt wird, und noch andere, welche keinen besonderen [D] Namen führen, alle entstanden durch die ungleiche Größe der Dreiecke.

Von Wasser aber gibt es zunächst eine zweifache Art, die leichtflüssige und die schwerflüssige. Die erstere nun ist, weil sie alle diejenigen Arten von Feuchtigkeit unter sich fasst, deren Teile von geringerer und dabei ungleicher Größe sind, leicht beweglich, sowohl selbst als auch durch andere Körper, eben wegen dieser Mannigfaltigkeit und der Eigentümlichkeit der Gestalt. Die letztere dagegen, aus großen und gleichen Teilen bestehend, ist unbeweglicher als jene, schwer und starr in Folge dieser Gleichförmigkeit, wird aber, [E] wenn sie durch eindringendes Feuer aufgelöst und in Folge dessen derselben beraubt wird, mehr der Bewegung fähig, und wenn dies in hohem Grade der Fall geworden ist, so lässt sie sich von der umgebenden Luft forttreiben und breitet sich so über die Erde aus, und man sagt dann ‚sie schmilzt’ oder ‚wird geschmolzen’, um dadurch die Auflösung ihrer Massen, und ‚sie ist flüssig’, um dadurch ihre Ausbreitung über die Erde zu bezeichnen und so durch diese beiden Ausdrücke die doppelte mit ihr vorgegangene Veränderung kund zu geben. Verlässt das Feuer aber einen solchen Körper wieder, so drückt es, weil es eben nicht in einen [59 St.3 A] leeren Raum fortgeht, auf die umgebende Luft, so dass diese in Folge dessen wieder auf die noch sehr bewegliche feuchte Masse drückt und so dieselbe in sich selber zusammendrängt, so dass von ihr selbst die Zwischenräume ausgefüllt werden, in denen das Feuer seinen Sitz hatte, und die zusammengedrängte Masse erlangt dadurch ihre Gleichmäßigkeit wieder, da der Urheber der Ungleichmäßigkeit, das Feuer, sich entfernt hat, und kehrt so ganz in seinen früheren Zustand zurück. Und diese Entfernung des Feuers nennt man Abkühlung, die Verdichtung aber, welche ihre Folge ist, ein Starrwerden der Masse. Von allen diesen Körpern nun, welche wir schwerflüssig genannt haben, ist der aus den feinsten und gleichmäßigsten Teilen [B] entstehende, dichteste, in seiner Art einzige, von glänzend gelber Farbe, das köstlichste Besitztum, das Gold, erstarrt, indem es durch Felsgestein hindurch sickerte. Eine abgewandelte Art des Goldes aber, wegen seiner Festigkeit sehr hart und geschwärzt, wurde Adamas, Eisen genannt. Als eine zweite Art glänzender starr gewordener Flüssigkeit, welche aus beinahe ebenso kleinen Teilen besteht, aber deren mehr als eine Art enthält, an Festigkeit das Gold übertrifft und einen Beisatz von einem geringen Teilchen Erde hat, so dass es demzufolge härter, aber wegen der großen Zwischenräume, die es in sich hat, leichter ist, bildete sich ferner das Kupfer. [C] Was ihm aber von Erde beigemischt ist, dass scheidet sich von ihm, wenn beide alt geworden sind, und tritt für sich heraus und heißt dann Grünspan.

Was sonst noch zu dieser Art gehört, das, der wahr scheinenden Darstellung folgend, aufzuzählen, ist weiter nicht schwer, und wenn man einmal zum Zwecke der Erholung die Untersuchungen über das ewig Seiende zur Seite legt und auf die über das Werden, welche nur ein wahr Scheinen gewähren, sein Augenmerk richtet und sich so einen Genuss, dem [D] keine Reue folgt, bereitet, so hat man damit für sein Leben eine unterhaltende Beschäftigung gewonnen, wie sie angemessen und verständig ist. Ihr wollen wir daher auch jetzt uns hingeben und über den vorliegenden Gegenstand auch noch das Weitere der Reihe nach, nach Maßgabe des wahr Scheinenden, in folgender Weise durchgehen. Alles mit Feuer vermischte Wasser, welches dünn und leichtflüssig ist, wird wegen dieser seiner Bewegung und seines Laufes, in welchem es über die Erde dahinrollt, als leichtflüssig bezeichnet, ferner ist es auch weich, weil seine Grundflächen minder fest als die der Erde und daher nachgiebig sind. Sobald nun dies, von Feuer und Luft geschieden, für sich allein besteht, dann wird es gleichmäßiger und wird von jenen von ihm ausgeschiedenen Substanzen in sich selber zusammengedrängt, und so erstarrt, [E] wird das, was über der Erde am meisten diese Veränderung erleidet, Hagel, das auf ihr aber Eis, von dem weniger und erst halb Erstarrten dagegen das über der Erde Schnee, das auf ihr starr Gewordene, aus Tau Entstandene aber Reif genannt. Die meisten Arten von Feuchtigkeit aber untereinander gemischt und so zu einer Gesamtart verbunden, sind die durch die aus der Erde hervorwachsenden Pflanzen hindurch sickernden Säfte, und da ein jeder [60 St.3 A] derselben durch die Mischungen eine andere Beschaffenheit erhielt, so bildeten sie eine große Zahl von besonderen Arten, größtenteils ohne besondere Namen, diejenigen vier derselben aber, welche Feuer enthalten und daher ganz besonders glänzend sind haben deren folgende erhalten. Die eine, welche die Seele zu gleich mit dem Körper durchwärmt, ist der Wein, die andere, welche glatt ist und den Sehstrahl ausdehnt, und demgemäß auch glänzend, blank und schimmernd anzuschauen ist, die ölige Art, das Harz, das Rizinus- und das Olivenöl selber und was sonst noch die gleiche Beschaffenheit hat. Von derjenigen sodann, welche ihre auslösende Kraft auf die für den Gaumen zubereiteten Mischungen erstreckt, [B] und dadurch demselben einen süßen und angenehmen Geschmack bereitet, empfing die Hauptart den Namen Honig. Endlich diejenige Art, welche das Fleisch auflöst und, wenn es in Brand gerät, schaumartig ist, wird zum Unterschiede von allen anderen Säften Opos, Emulsion, genannt.