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ÜdSAC/Buch II • Kapitel 1

aus AufEinWort, der freien Forschung

Seite 67–73

1. Das, was von den früheren (Philosophen) über die Seele auf uns gekommen ist, soll damit besprochen sein. Wir wollen aber gleichsam wieder wie von vorn beginnen, indem wir versuchen, durch Einteilung zu bestimmen, was die Seele ist, d. h. was wohl ihr gemeinsamster Begriff sein dürfte. Also: Eine bestimmte Gattung des Seienden nennen wir Substanz, und davon ist das eine, was für sich genommen kein bestimmtes Dies ist, (Substanz) im Sinne von Materie, ein anderes aber, dem gemäß bereits ein bestimmtes Dies ausgesagt wird, Gestalt und Form, und ein Drittes ist das aus diesen Zusammengesetzte. Materie aber ist Vermögen, Form dagegen Vollendung, und dies auf zweifache Weise: einerseits wie das Wissen, andererseits wie das Betrachten. Substanzen scheinen aber in erster Linie die Körper zu sein und darunter vor allem die natürlichen. Denn diese sind Prinzipien der anderen. Von den natürlichen Körpern haben die einen Leben und andere nicht. Leben aber nennen wir: Ernährung durch sich selbst sowie Wachstum und Schwinden. Daher dürfte jeder natürliche Körper, der am Leben teilhat, Substanz sein, und zwar Substanz im Sinne der zusammengesetzten (Substanz). Da er aber auch ein solcher Körper ist – nämlich einer, der Leben hat –, dürfte der Körper wohl nicht Seele sein. Denn der Körper gehört nicht zu dem, was von einem Zugrundeliegenden ausgesagt wird, sondern ist vielmehr wie Zugrundeliegendes und Materie. Es ist also notwendig, dass die Seele Substanz im Sinne der Form eines natürlichen Körpers ist, der dem Vermögen nach Leben hat. Die Substanz ist aber Vollendung. Also (ist die Seele) Vollendung eines solchen Körpers. Diese wird aber auf zwei Weisen ausgesagt, einerseits wie Wissen, andererseits wie das Betrachten. Nun ist klar, dass sie wie Wissen (ausgesagt wird). Denn im Vorhandensein der Seele sind sowohl Schlaf als auch Wachen inbegriffen, und das Wachen ist dem Betrachten analog und der Schlaf dem Zustand, in dem man (Wissen) hat und (es) nicht aktiv ist. Der Entstehung nach ist bei demselben (Menschen) das Wissen aber früher (als das Betrachten). Deswegen ist die Seele die erste Vollendung eines natürlichen Körpers, der dem Vermögen nach Leben hat. Ein solcher (Körper) dürfte der werkzeughafte sein. Werkzeuge[Anm. Hrsg. 1] sind auch die Teile der Gewächse, aber ganz einfache, z. B. ist das Blatt die Bedeckung der Fruchthülse und die Fruchthülse (Bedeckung) der Frucht, und die Wurzeln entsprechen dem Mund; denn beide ziehen die Nahrung ein. Wenn daher etwas Gemeinsames für jede Seele gesagt werden soll, so dürfte sie die erste Vollendung eines natürlichen werkzeughaften Körpers sein. Deswegen muss man auch nicht untersuchen, ob die Seele und der Körper eins sind, so wie auch nicht beim Wachs und seiner Form, noch insgesamt bei der Materie eines jeden Dinges und dem, dessen Materie sie ist. Denn das Eins und das Sein, obgleich vielfach (ausgesagt), ist im eigentlichen Sinne die Vollendung. Im Allgemeinen ist nun gesagt, was die Seele ist, nämlich Substanz im Sinne des Begriffs. Dies ist das Was­-es-hieß­-dies-­zu­-sein für einen solchen bestimmten Körper, ganz so wie wenn ein Werkzeug, z. B. ein Beil, ein natürlicher Körper wäre. Denn dann wäre das Beil­-Sein seine Substanz, und dies (wäre) auch seine Seele, und getrennt von ihr wäre er kein Beil mehr, außer dem Namen nach. So aber ist es ein Beil. Freilich ist die Seele nicht das Was­-es-hieß­-dies­-zu­-sein und der Begriff eines solchen Körpers, sondern eines ganz bestimmten natürlichen Körpers, der das Prinzip von Bewegung und Stillstand in sich selber hat. Man soll das Gesagte auch mit Blick auf die Teile betrachten. Wenn nämlich das Auge das Lebewesen wäre, so wäre seine Seele die Sehkraft; denn diese ist die Substanz des Auges im Sinne des Begriffs. Und das Auge ist die Materie der Sehkraft, die, wenn diese (Sehkraft) ausbleibt, kein Auge mehr ist, außer dem Namen nach, so wie das steinerne und das gemalte. Man soll daher das, was für den Teil gilt, auf den ganzen lebenden Körper anwenden. Denn so wie der Teil sich zum Teil verhält, so verhält sich analog die gesamte Wahrnehmung zu dem gesamten wahrnehmungs­fähigen Körper, insofern er ein solcher ist. Es ist aber nicht der (Körper), der seine Seele verloren hat, der dem Vermögen nach lebendig ist, sondern der, der sie besitzt. Der Same aber und die Frucht ist dem Vermögen nach der auf diese Weise bestimmte Körper. So wie nämlich das Zerteilen und das Sehen, so ist auch das Wachen Vollendung, und so wie die Sehkraft und das Vermögen des Werkzeugs, (so) ist die Seele (Voll­endung), und der Körper ist das dem Vermögen nach Seiende. Aber so wie das Auge der Augapfel und die Sehkraft ist, so ist auch dort die Seele und der Körper das Lebewesen. Dass nun die Seele nicht vom Körper zu trennen ist oder, wenn sie von Natur teilbar ist, gewisse Teile von ihr, ist klar. Die Vollendung einiger ihrer Teile ist nämlich die von den (Körper­)Teilen selbst. Allerdings spricht bei einigen (Seelenteilen) nichts dagegen, (dass sie vom Körper abtrennbar sind,) weil sie nicht Vollendungen eines Körpers sind. Noch aber ist unklar, ob die Seele auf solche Weise Vollendung des Körpers ist, wie ein Seemann (die Vollendung) eines Schiffes ist. Im Umriss soll die Seele damit skizzenhaft eingeteilt sein.


  1. ↑ 412b1 »Werkzeuge« übersetzt organa. Aristoteles führt die Werkzeug­-Metapher in die Philosophie des Lebendigen ein. Eine Übersetzung mit »Organe« scheint nur insoweit angemessen, als spezifische Theorien des Organischen außen vor gelassen werden. Aristoteles hat keinen Begriff des Organischen, der sich von dem eines Werkzeugs unterscheidet.