Zum Inhalt springen

ÜdSAC/Buch II • Kapitel 4

aus AufEinWort, der freien Forschung

Seite 87–99

4. Es ist notwendig, dass derjenige, der über diese (Seelenvermögen) Untersuchungen anstellen will, von jedem einzelnen von ihnen herausfindet, was es ist, und dann auf diese Weise bei den anschließenden und den übrigen weiterforscht. Wenn es aber nötig ist anzugeben, was jedes einzelne von ihnen ist, etwa was das Denkvermögen ist oder das Wahrnehmungsvermögen oder das Ernährungsvermögen, so ist vorher noch anzugeben, was das Denken und was das Wahrnehmen ist. Denn die Wirklichkeiten und Tätigkeiten sind dem Begriff nach früher als die Vermögen. Wenn sich dies aber so verhält und man noch vor diesen deren Gegenstände betrachtet haben muss, so soll man diese aus demselben Grund vorher eingeteilt haben, wie Nahrung, Wahrnehmungsgegenstand und Denkgegenstand. Folglich ist zuerst über Nahrung und Zeugung zu sprechen. Die ernährende Seele kommt nämlich auch den anderen zu und ist das erste und gemeinsamste Vermögen der Seele, kraft dessen allen (lebendigen Wesen) das Lebendig­-Sein zukommt. Die Leistungen dieses Vermögens sind zu zeugen und Nahrung zu gebrauchen. Denn für alle lebendigen Wesen, die vollendet und nicht verstümmelt sind oder spontan entstehen, ist es die natürlichste ihrer Leistungen, ein anderes hervorzubringen, das so ist wie es selbst – ein Lebewesen ein Lebewesen, ein Gewächs ein Gewächs –, damit sie am Ewigen und am Göttlichen teilhaben, soweit es ihnen möglich ist. Denn alle (lebendigen Wesen) streben nach jenem (Göttlichen), und um seinetwillen tun sie alles, was sie von Natur aus tun. Das Worum­-willen bedeutet aber zweierlei: zum einen das Um­-wessen­-willen, zum anderen das Wofür. Da nun (die lebendigen Wesen) nicht in der Lage sind, mit dem Ewigen und Göttlichen in kontinuierlicher Gemeinschaft zu sein, weil nichts Vergängliches es vermag, als der Zahl nach eines und dasselbe fortzubestehen, geht ein jedes soweit mit ihm eine Gemeinschaft ein, wie es dazu in der Lage ist, an ihm teilzuhaben, das eine mehr, das andere weniger. Und nicht es selbst besteht fort, sondern eines so wie es selbst, zwar nicht der Zahl nach eines, aber der Art nach eines. Die Seele ist Ursache und Prinzip des lebendigen Körpers. Diese weden jedoch auf vielfache Weise ausgesagt. Und ebenso ist die Seele gemäß dreier der unterschiedenen Weisen Ursache: Sie ist das Woher der Bewegung, das Worum­-willen, und auch als die Substanz der beseelten Körper ist die Seele Ursache. Dass sie es also als Substanz ist, ist klar. Denn für alle Dinge ist die Ursache ihres Seins ihre Substanz. Und für die lebendigen Dinge ist das Sein das Lebendig­-Sein, Ursache und Prinzip hiervon ist aber die Seele. Ferner ist die Vollendung der Begriff des dem Vermögen nach Seienden. Und es ist klar, dass die Seele auch als Worum­-willen Ursache ist. Denn so wie die Vernunft um eines bestimmten (Zweckes) willen hervorbringt, auf dieselbe Weise (tut dies) auch die Natur, und dies ist bei ihr Zweck. Ein solcher (Zweck) aber ist bei den Lebewesen die Seele, und zwar von Natur aus. Denn alle natürlichen Körper sind Werkzeuge ihrer Seele. Und so wie die (Körper) der Lebewesen, so auch die der Gewächse, da sie ja um der Seele willen existieren. Das Worum­-willen bedeutet aber zweierlei, einmal das Um­-wessen­-willen, einmal das Wofür. Indessen ist auch das, woher die Ortsbewegung zuerst stammt, Seele, doch kommt dieses Vermögen nicht allem Lebendigen zu. Es gibt aber auch qualitative Veränderung und Wachstum gemäß der Seele. Denn die Wahrnehmung scheint eine Art qualitative Veränderung zu sein, und nichts, das nicht an der Seele teilhat, nimmt wahr. Εbenso verhält es sich auch bei Wachstum und Schwinden; denn weder schwindet noch wächst irgendetwas auf natürliche Weise, wenn es sich nicht ernährt, und es nährt sich nichts, was nicht Gemeinschaft mit dem Leben hat. Empedokles hat es aber nicht richtig getroffen, als er hinzufügte, dass bei den Gewächsen das Wachstum durch Wurzelbildung nach unten erfolgt, weil die Erde sich von Natur in diese Richtung bewegt, und nach oben, weil es beim Feuer in die entsprechende Richtung geht. Denn auch das »nach oben« und »nach unten« fasst er nicht richtig auf, weil »nach oben« und »nach unten« nicht für alle (lebendigen Wesen) dasselbe bedeutet wie für das All, sondern so wie der Kopf der Lebewesen, so sind die Wurzeln der Gewächse, wenn die Werkzeuge anhand ihrer Leistungen als verschieden und identisch bezeichnet werden sollen. Außerdem: Was ist es, was das Feuer und die Erde, die sich in die entgegengesetzten Richtungen bewegen, zusammenhält? Sie (die Gewächse) würden ja auseinander gerissen werden, wenn es nicht etwas gäbe, das dies verhindert; wenn es das aber gibt, dann ist dies die Seele und die Ursache des Wachsens und Ernährens. Manche sind der Meinung, die Natur des Feuers sei ohne weitere Qualifikation Ursache der Ernährung und des Wachstums; und in der Tat erweist es sich als der einzige unter den Körpern bzw. den Elementen, der sich ernährt und wächst. Daher könnte man auch bei den Gewächsen und bei den Lebewesen annehmen, dass dieses (Feuer) es sei, das dies bewerkstelligt. Doch es ist (bloß) irgendwie Mitursache. und ganz bestimmt nicht Ursache ohne weitere Qualifikation, sondern (dies ist) vielmehr die Seele. Das Wachstum des Feuers geht nämlich ins Unendliche, solange das Brennbare vorhanden ist; die von Natur zusammengesetzten Dinge haben dagegen alle eine Grenze und eine Proportion von Größe und Wachstum. Dies gehört zur Seele und nicht zum Feuer und eher zum Begriff als zur Materie. Da dasselbe Vermögen der Seele zur Ernährung und zur Zeugung fähig ist, ist es notwendig, auch zuerst über Nahrung unsere Bestimmungen zu treffen; es wird nämlich durch diese Leistung von den anderen Vermögen abgegrenzt. Es scheint aber das Entgegengesetzte für das Entgegengesetzte die Nahrung zu sein, doch nicht jedes für jedes, sondern alles Entgegengesetzte, welches nicht nur gegenseitiges Entstehen auseinander hat, sondern auch Wachstum. Es entstehen nämlich viele Dinge wechselseitig auseinander, aber nicht alle sind Quantitäten, wie z. B. Gesundes aus Krankem. Doch scheinen auch diese nicht auf dieselbe Weise wechselseitig füreinander Nahrung zu sein, sondern das Wasser ist zwar Nahrung für das Feuer, das Feuer nährt jedoch das Wasser nicht. Allerdings scheinen bei den einfachen Körpern diese noch am ehesten teils Nahrung und teils Ernährtes zu sein. Dies bereitet aber eine Schwierigkeit: Denn die einen sagen, Gleiches ernähre sich durch Gleiches, so wie es auch (durch Gleiches) wachse, den anderen aber scheint, so wie wir gesagt haben, umgekehrt das Entgegengesetzte sich durch das Entgegengesetzte zu ernähren, da Gleiches von Gleichem nicht affizierbar sei, die Nahrung aber einen Umschlag bewirke und verdaut werde und der Umschlag für alle Dinge in den entgegengesetzten Zustand bzw. in den dazwischenliegenden verlaufe. Ferner erleidet die Nahrung etwas von dem, was sich ernährt, dieses aber nicht von der Nahrung, so wie auch der Zimmermann nichts von dem Holz erleidet, sondern dieses von ihm. Der Zimmermann geht lediglich von Untätigkeit in Tätigkeit über.

Es macht aber einen Unterschied, ob die Nahrung das erste oder das letzte ist, das (dem Körper) zugeführt wird. Wenn sie aber beides ist, jedoch einmal als unverdaute und einmal als verdaute, dann dürfte es wohl auf beiderlei Weisen möglich sein, (von Nahrung) zu sprechen. Insofern sie nämlich unverdaut ist, nährt sich das Entgegengesetzte durch das Entgegengesetzte, insofern sie aber verdaut ist, das Gleiche durch das Gleiche, so dass klar ist, dass beide auf gewisse Weise recht haben und nicht recht haben. Da sich aber nichts ernährt, was nicht am Leben teilhat, dürfte der beseelte Körper das Sich­-Ernährende sein, insofern er beseelt ist, so dass auch die Nahrung im Verhältnis auf ein Beseeltes ist, und zwar nicht auf akzidentelle Weise. Nahrung zu sein und Wachstum bewirken zu können aber sind verschieden. Denn insofern das Beseelte eine bestimmte Quantität ist, ist es (das Zugeführte) fähig, Wachstum zu bewirken, insofern es (das Beseelte) aber ein bestimmtes Dieses und Substanz ist, ist es (das Zugeführte) Nahrung. Es (das Beseelte) bewahrt nämlich seine Substanz und besteht so lange, wie es sich ernährt; und es ist auch fähig, Zeugung zu bewirken, nicht vom Sich­Ernährenden, sondern von einem, das so ist wie das Sich­-Ernährende; seine eigene Substanz existiert ja bereits, und nichts erzeugt sich selbst, sondern erhält sich (nur). Folglich ist das derartige Prinzip der Seele ein Vermögen, das seinen Besitzer erhält, insofern er ein solcher ist. Die Nahrung aber stellt das für das Wirklich­Sein Erforderliche bereit. Deswegen kann man ohne Nahrung nicht existieren. Da es aber dreierlei gibt, das Sich­-Ernährende, das, wodurch es sich ernährt, und das Nährende, so ist das Nährende die erste Seele, das Sich­-Ernährende der sie besitzende Körper und das, wodurch er sich ernährt, die Nahrung. Und da es gerechtfertigt ist, alle Dinge von ihrem Zweck her zu benennen, es aber Zweck ist, etwas zu zeugen, das so ist wie man selbst, dürfte die erste Seele wohl befähigen, etwas zu zeugen, das so ist wie man selbst. »Wodurch es sich ernährt« meint aber zweierlei – so wie »wodurch er steuert« sowohl die Hand als auch das Ruder meint –, nämlich einmal das bewegte Bewegende und einmal nur das Bewegende. Es ist aber notwendig, dass alle Nahrung verdaut werden kann, und die Verdauung wird durch Wärme bewerkstelligt. Deswegen hat alles Beseelte Wärme. Im Umriss ist also gesagt, was Nahrung ist, später aber soll in den dazu gehörigen Abhandlungen[Anm. Hrsg. 1] ausführlich darüber gesprochen werden.


  1. ↑ 416b30 »in den dazu gehörigen Abhandlungen« Aristoteles erwähnt seine als verloren geltende Schrift Über die Nahrung (peri trophês) auch in De somno et vigilia 3, 456b5 f.