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ÜdSAC/Buch I • Kapitel 1

aus AufEinWort, der freien Forschung

Seite 2–13

  1. Da wir das Wissen für eines der schönen und edlen Dinge halten – und zwar ein (Wissen) mehr als das andere, sei es der Genauigkeit nach oder sei es, weil es bessere und staunenswertere Dinge betrifft –, so dürften wir aus diesen beiden Gründen die Lehre von der Seele wohl mit Recht unter die ersten (Wissensgebiete) setzen.
    1. Auch scheint die Kenntnis von ihr zur Wahrheit insgesamt Großes beizutragen, am meisten jedoch in Bezug auf die Natur; denn sie ist wie ein Prinzip für die Lebewesen.
    2. Wir stellen uns die Aufgabe, ihre Natur und Substanz zu betrachten und zu erkennen, ferner alle ihre hinzukommenden Eigenschaften.
      1. Davon scheinen die einen der Seele eigentümliche Widerfahrnisse zu sein, die anderen aber durch sie auch den Lebewesen zuzukommen.
      2. Es gehört in jeder Beziehung jedenfalls zu den schwierigsten Aufgaben, etwas Verlässliches über sie in Erfahrung zu bringen.
    3. Denn da sich die Frage auch für vieles andere stellt – ich meine die nach der Substanz und dem Was­-es-ist –, könnte man vielleicht der Meinung sein, dass es eine einzige Methode für alles gibt, von dem wir die Substanz erkennen wollen, ebenso wie es auch für die eigentümlichen hinzukommenden Eigenschaften den Beweis gibt, so dass man diese Methode zu suchen hätte.
      1. Wenn es aber nicht eine einzige und gemeinsame Methode für das Was­-es-ist gibt, so wird es noch schwerer, sich damit zu beschäftigen: Man wird dann nämlich für je des Einzelgebiet herauszufinden haben, welches die (richtige) Weise ist.
      2. Wenn es aber klar ist, ob es ein Beweis oder eine Einteilung oder auch irgendeine andere Methode ist, bleiben immer noch viele Schwierigkeiten und Zweifel, von wo die Forschung ihren Ausgang nehmen muss.
      3. Denn unterschiedliche Dinge haben unterschiedliche Prinzipien, ganz so wie bei Zahlen und Flächen.
    4. Zunächst ist es wohl notwendig zu unterscheiden, in welche der Gattungen sie gehört und was sie ist – damit meine ich, ob sie ein Dies und eine Substanz ist oder eine Qualität oder eine Quantität oder auch eine andere der unterschiedenen Kategorien;
      1. ferner, ob sie zu dem gehört, was dem Vermögen nach existiert, oder eher eine Art von Vollendung ist; dies macht nämlich keinen geringen Unterschied.
      2. Zu prüfen ist auch, ob sie teilbar oder ungeteilt ist und ob jede Seele homogen ist oder nicht; wenn sie aber nicht homogen ist, (ist zu prüfen,) ob sie sich der Art oder der Gattung nach unterscheidet.
    5. Denn diejenigen, die sich jetzt zur Seele äußern und forschen, scheinen ausschließlich die menschliche Seele zu untersuchen;
      1. man muss sich aber vorsehen, damit einem nicht entgeht, ob der Begriff der Seele einheitlich ist, so wie der des Lebewesens, oder ob er jeweils ein anderer ist – z. B. von Pferd, Hund, Mensch oder Gott – und das allgemeine Lebewesen entweder gar nichts oder nachgeordnet ist, und ebenso, wie wenn etwas anderes Gemeinsames ausgesagt würde.
    6. Ferner, wenn es nicht viele Seelen gibt, sondern Teile: Soll zuerst die ganze Seele untersucht werden oder die Teile?
      1. Aber auch bei diesen ist schwer zu unterscheiden, welche von Natur voneinander verschieden sind und ob zuerst die Teile untersucht werden müssen oder deren Leistungen, z. B. das Denken oder die Vernunft und das Wahrnehmen oder das Wahrnehmungsvermögen; und ebenso auch bei den anderen (Teilen).
    7. Wenn aber die Leistungen zuerst kommen, dürfte man wiederum in die Schwierigkeit geraten, ob zuerst deren Gegenstände zu untersuchen sind, etwa der Wahrnehmungsgegenstand vor dem Wahrnehmungsvermögen und der Denkgegenstand vor der Vernunft.
    8. Es scheint aber nicht nur nützlich zu sein, das Was­-es-ist erkannt zu haben, um die Ursachen der den Substanzen hinzukommenden Eigenschaften zu erkennen –
      1. wie in der Mathematik, was das Gerade und das Krumme ist oder was Linie und Oberfläche sind, um zu erkennen, wie vielen rechten Winkeln die Winkel des Dreiecks gleich sind –,
      2. sondern auch die Eigenschaften tragen umgekehrt einen großen Teil dazu bei, Wissen über das Was­-es-ist zu erlangen:
        1. Denn wenn wir die Eigenschaften, so wie sie erscheinen, erklären können, entweder alle oder die meisten, dann werden wir auch am besten über die Substanz sprechen können;
        2. denn das Prinzip allen Beweises ist das Was­-es-ist, so dass alle Definitionen, aus denen sich kein Erkennen der Eigenschaften ergibt und die es nicht wenigstens erleichtern, Vermutungen über sie anzustellen, offenbar alle in dialek­tischer Weise dahingesagt und leer sind.
  2. Eine Schwierigkeit bereiten auch die Widerfahrnisse der Seele,
    1. nämlich ob sie alle mit ihrem Träger gemeinsam sind oder ob es auch ein (Widerfahrnis) gibt, das der Seele als solcher eigentümlich ist.
      1. Denn dies herauszufinden ist zwar notwendig, aber nicht leicht.
      2. Von den meisten (Widerfahrnissen) scheint sie keines ohne den Körper zu erleiden oder hervorzubringen, z. B. zürnen, mutig sein, begehren und überhaupt wahrnehmen.
    2. Am ehesten scheint noch das Denken (der Seele) eigentümlich zu sein; wenn aber auch dies eine Art Vorstellung oder nicht ohne Vorstellung ist, so könnte auch dies nicht ohne Körper sein.
    3. Wenn also irgendeine der Leistungen oder Widerfahrnisse der Seele (ihr) eigentümlich ist, dann könnte sie wohl (vom Körper) abgetrennt werden.
      1. Wenn es aber nichts für sie Eigentümliches gibt, dürfte sie wohl auch nicht abtrennbar sein, sondern es wird sich so wie bei dem Geraden verhalten:
        1. Diesem kommen, insofern es gerade ist, viele Eigenschaften zu, z. B. die eherne Kugel an einem Punkt zu berühren, jedoch wird es sie bestimmt nicht so als abgetrenntes Gerades berühren;
        2. es ist nämlich nicht abtrennbar, da es immer mit einem Körper verbunden ist.
    4. Es scheinen aber auch die Widerfahrnisse der Seele alle mit dem Körper verbunden zu sein, Zorn, Sanftmut, Furcht, Mitleid, Zuversicht, ferner Freude und das Lieben und Hassen.
      1. Denn gleichzeitig mit diesen erleidet der Körper etwas.
      2. Dies zeigt sich daran, dass sich zuweilen schlimme Erlebnisse deutlich sichtbar zutragen und man sich nicht erzürnt oder in Furcht gerät, während man andererseits manchmal von kleinen und unbedeutenden (Erlebnissen) bewegt wird, wenn der Körper in Aufregung und in der Verfassung ist, wie wenn man zürnt.
      3. Und noch deutlicher ist dies: Wenn nämlich gar nichts Furchterregendes da ist, geraten sie manchmal in die Widerfahrnisse desjenigen, der sich fürchtet.
      4. Wenn sich dies so verhält, ist klar, dass die Widerfahrnisse (der Seele) in Materie befindliche Begriffe sind.
      5. Daher sind ihre Definitionen von solcher Art wie »Das Zürnen ist eine Art von Bewegung des so­und­so beschaffenen Körpers – oder Körperteils oder Vermögens – aufgrund dieser bestimmten Ursache um dieses bestimmten Zweckes willen«.
    5. Und deswegen ist es bereits Aufgabe eines Naturphilosophen, die Seele zu betrachten, (und zwar) entweder jede Seele oder die so beschaffene.
      1. Der Naturphilosoph und der Dialektiker würden diese (Widerfahrnisse) aber auf jeweils unterschiedliche Weise definieren, z. B. was der Zorn ist: der eine nämlich als Streben nach Vergeltung oder etwas von dieser Art, der andere dagegen als Sieden des Blutes und des Warmen in der Herzgegend.
      2. Von diesen nennt der eine die Materie und der andere die Form, d. h. den Begriff.
        1. Denn dieser Begriff ist von der Sache, und es ist notwendig, dass er sich in einer Materie von ganz bestimmter Beschaffenheit befindet, wenn er existieren soll.
        2. In der gleichen Weise ist der eine Begriff eines Hauses von folgender Art:
          1. »Bedeckung, die geeignet ist, Schaden durch Wind, Regen und Hitze zu verhindern«;
          2. der andere dagegen wird sagen, es seien Steine, Ziegel und Holz;
          3. und wieder ein anderer (wird sagen), dass es die Form in diesen (Materialien) um dieser bestimmten Zwecke willen ist.
      3. Welcher von diesen ist also der Naturphilosoph?
        1. Ist es der, der sich mit der Materie befasst, aber den Begriff nicht kennt,
        2. oder der, der sich nur mit dem Begriff befasst?
        3. Oder ist es eher der, der sich mit dem aus beiden Zusammengesetzten befasst?
        4. Wer aber sind dann jene beiden?
        5. Oder gibt es niemand (anderen), der sich mit den nicht abtrennbaren Eigenschaften der Materie, und nicht insofern sie abtrennbar sind, befasst,
        6. sondern der Naturphilosoph befasst sich mit allem, was Leistungen und Widerfahrnisse des sound­so bestimmten Körpers und der so­und­so bestimmten Materie sind?
      4. Mit allen (Eigenschaften) dagegen, sofern sie nicht auf diese Weise beschaffen sind, (beschäftigt sich) ein anderer, mit einigen der Sachverständige, wenn es sich ergeben sollte, etwa ein Architekt oder Arzt;
        1. und mit den (Eigenschaften), die zwar nicht abtrennbar sind, doch nicht, insofern sie Eigenschaften eines so­und­so bestimmten Körpers sind und aus Abstraktion (gewonnen werden), befasst sich der Mathematiker;
        2. und insofern sie abgetrennt sind, der Erste Philosoph.
    6. Doch wir müssen zum Ausgangspunkt unseres Argumentes zurückkommen.
      1. Wir hatten gesagt, dass die Widerfahrnisse der Seele von der natürlichen Materie der Lebewesen nicht abtrennbar sind, insofern sie als solche vorkommen: als Zorn und Furcht und nicht so wie Linie und Oberfläche.[Anm. Hrsg. 1]
  1. ↑ 403b18 f. »insofern sie als solche vorkommen ... und nicht so wie Linie und Oberfläche« Die seelischen Widerfahrnisse natürlich lebendiger Dinge sind, so wie die natürlichen Eigenschaften aller Naturdinge, nicht von ihrer Materie abtrennbar. Dies gilt selbst dann, wenn der Naturphilosoph diese Widerfahrnisse als solche isoliert, um sie einer theoretischen Betrachtung zu unterziehen. Dies unterscheidet die Abstraktionen, mit denen der Naturphilosoph arbeitet, von denen der Mathematik, deren Betrachtung vollständig von der Materie abstrahiert. Für eine ausführlichere methodologische Diskussion des Unterschiedes zwischen naturwissenschaftlichen und mathematischen Abstraktionen siehe Physik II 2. Die Frage, in welcher Weise Aristoteles die Nicht-Abtrennbarkeit der Form von der Materie natürlicher Dinge genau konzipiert hat, wird in der Forschung nach wie vor kontrovers diskutiert.