„Semiotik“ – Versionsunterschied
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'''Semiotik''' (auch ''Semeiotik''; von [https://de.wikipedia.org/wiki/Altgriechische_Sprache altgriechisch] <span | [[Kategorie:•Semiotik]] | ||
[[Kategorie:Semiot]] | |||
[[Kategorie:-ik]] | |||
[[semio-]][[-ik]], [[Sprachstufe::agr.]] entspr. ''[[semiotisch]]; '''allgemeinen [[Zeichenlehre]]' | |||
Semiotik ist die allgemeine Theorie der Zeichensysteme | |||
=== Etymologie === | |||
* Geprägt von [[John Locke]], | |||
** aus agr. <em class="Polyt mention" lang="grc">[[wikt:σημειωτικός#Ancient_Greek|σημειωτικός]]</em> [[sēmeiōtikós]], „zum Markieren, Vorzeichen geeignet“, | |||
*** von agr. <em class="Polyt mention" lang="grc">[[wikt:σημειόω#Ancient_Greek|σημειόω]]</em> [[sēmeióō]], „markieren, als Vorzeichen interpretieren“, | |||
**** von agr. <em class="Polyt mention" lang="grc">[[wikt:σημεῖον#Ancient_Greek|σημεῖον]]</em> [[sēmeîon]], „ein Zeichen, Signal“ , | |||
***** von agr. <em class="Polyt mention" lang="grc">[[wikt:σῆμα#Ancient_Greek|σῆμα]]</em> [[sêma]], „Markierung, Zeichen“. | |||
=== Aussprache === | |||
(UK) IPA(Schlüssel): /ˌsɛm.iˈɒt.ɪks/ | |||
(US) IPA(Schlüssel): /ˌsɛm.iˈɑt.ɪks/, /ˌsiː.miˈɑt.ɪks/, /ˌsiː.maɪˈɑt.ɪks/ | |||
=== Substantiv === | |||
Semiotik | |||
# Das [[Studium]] von [[Zeichen]] und [[Symbol|Symbolen]], insbesondere als Mittel der Sprache oder Kommunikation. | |||
#* [1] Wissenschaft, die sich mit [[Zeichensystem|Zeichensystemen]] aller Art (zum Beispiel: Bilderschrift, Gestik, Formeln, Sprache, Verkehrszeichen) befasst und versucht, sie zu beschreiben und zu erklären | |||
# (datiert) Die Untersuchung medizinischer Anzeichen und Symptome; Symptomatologie. | |||
#* [2] ''Medizin:'' Lehre von den [[Anzeichen]] für eine Erkrankung oder Verletzung | |||
<div class="sister-wikipedia sister-project noprint floatright"><div><div><br></div></div></div> | |||
<p title="bedeutungsgleich gebrauchte Wörter">Synonyme:</p> | |||
:[1] [https://de.wiktionary.org/w/index.php?title=Sematologie&action=edit&redlink=1 Sematologie], [https://de.wiktionary.org/wiki/Semiologie Semiologie], [[Zeichentheorie]] | |||
:[2] [https://de.wiktionary.org/wiki/Semiologie Semiologie], [https://de.wiktionary.org/wiki/Symptomatologie Symptomatologie] | |||
<p title="Hyperonyme">Oberbegriffe:</p> | |||
:[1] Wissenschaft | |||
<p title="Hyponyme">Unterbegriffe:</p> | |||
:[1] [https://de.wiktionary.org/w/index.php?title=Zoosemiotik&action=edit&redlink=1 Zoosemiotik] | |||
<p title="Verwendungsbeispielsätze">Beispiele:</p> | |||
:[1] Im Verkehrsunterricht lernt man die ''Semiotik'' der Straße, das heißt alle Verkehrszeichen. Im Unterschied dazu stehen die Verkehrsregeln, die nicht die ''Semiotik'' betreffen. | |||
:[1] „Die ''Semiotik'' untersucht alle kulturellen Prozesse als Kommunikationsprozesse.“<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wiktionary.org/wiki/Semiotik#cite_note-1 [1]]</sup> | |||
:[1] „Der Gegenstandsbereich der ''Semiotik'' - letztlich eine Art und Weise der Erweiterung unserer Wahrnehmung der Welt - ist der Austausch jedweder Nachrichten und der Zeichensysteme, die ihnen zugrunde liegen […]“<sup id="cite_ref-2" class="reference">[https://de.wiktionary.org/wiki/Semiotik#cite_note-2 [2]]</sup> | |||
:[2] „''Semiotik'' ist die Lehre von den Zeichen des widernatürlichen Zustandes.“<sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wiktionary.org/wiki/Semiotik#cite_note-3 [3]]</sup> | |||
:[2] „Die Lehre, welche die einzelnen Zeichen auf ihre Ursachen, oder auf die ihnen entsprechenden Veränderungen des lebenden Körpers zurückführt, und dabei das Verhältnis der einzelnen Zeichen unter einander berücksichtigt, ist die ''Semiotik''.“<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wiktionary.org/wiki/Semiotik#cite_note-4 [4]]</sup> | |||
<p title="Derivate, Komposita und Konversionen">Wortbildungen:</p> | |||
:[https://de.wiktionary.org/wiki/semiotisch semiotisch], [https://de.wiktionary.org/wiki/Semiotiker Semiotiker] | |||
== '''Semiotik''' <ref>https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik; Stand 21. Oktober 2023 um 11:31 Uhr</ref> == | |||
'''Semiotik''' (auch ''Semeiotik''; von [https://de.wikipedia.org/wiki/Altgriechische_Sprache altgriechisch] <span lang="grc-Grek" class="Grek">σημεῖον</span> ''sēmeĩon'' ‚[https://de.wikipedia.org/wiki/Zeichen Zeichen]‘, ‚[https://de.wikipedia.org/wiki/Signal Signal]‘), manchmal auch ''Zeichentheorie'', ist die [https://de.wikipedia.org/wiki/Einzelwissenschaft Wissenschaft], die sich mit Zeichensystemen aller Art befasst (z. B. [https://de.wikipedia.org/wiki/Bilderschrift Bilderschrift], [https://de.wikipedia.org/wiki/Gestik Gestik], [https://de.wikipedia.org/wiki/Formel Formeln], [https://de.wikipedia.org/wiki/Sprache Sprache], [https://de.wikipedia.org/wiki/Verkehrszeichen Verkehrszeichen]). Sie findet unter anderem in verschiedenen [https://de.wikipedia.org/wiki/Geisteswissenschaft Geistes-], [https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturwissenschaft Kultur-], [https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftswissenschaften Wirtschafts-] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialwissenschaften Sozialwissenschaften]Anwendung. | |||
== <span id="Geschichte">Geschichte</span> == | == <span id="Geschichte">Geschichte</span> == | ||
<p>Zwar wird über den Gegenstandsbereich der Semiotik seit der Antike debattiert, eine eigenständige Disziplin entwickelt sich aber erst mit den Studien von [https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Sanders_Peirce Charles Sanders Peirce] ab Ende des 19. Jahrhunderts. Moderne Klassiker der Semiotik sind gleichzeitig oft Leitfiguren der [https://de.wikipedia.org/wiki/Strukturalismus strukturalistischen] Linguistik und Philosophie, allen voran [ | <p>Zwar wird über den Gegenstandsbereich der Semiotik seit der Antike debattiert, eine eigenständige Disziplin entwickelt sich aber erst mit den Studien von [https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Sanders_Peirce Charles Sanders Peirce] ab Ende des 19. Jahrhunderts. Moderne Klassiker der Semiotik sind gleichzeitig oft Leitfiguren der [https://de.wikipedia.org/wiki/Strukturalismus strukturalistischen] Linguistik und Philosophie, allen voran [[Ferdinand de Saussure]] und [[Roland Barthes]]. Diese bezeichnen ihre Zeichentheorien auch als „[[Semiologie]]“. Nach wie vor stehen sich unterschiedliche Ansätze gegenüber.</p> | ||
=== <span id="Vorgeschichte:_Antike,_Mittelalter_und_frühe_Neuzeit">Vorgeschichte: Antike, Mittelalter und frühe Neuzeit</span> === | === <span id="Vorgeschichte:_Antike,_Mittelalter_und_frühe_Neuzeit">Vorgeschichte: Antike, Mittelalter und frühe Neuzeit</span> === | ||
< | <p>Bereits bei [[Vorsokratiker]], [[Sophisten]] und [[Platon]] findet man semiotische Untersuchungen.<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-1 [1]]</sup> [[Aristoteles]] hat sie in seinen logischen und rhetorischen Schriften zu einem ersten System der Semiotik zusammengefasst und erweitert. Er behandelt die Zeichen als eine Dreiecksbeziehung zwischen dem Zeichen selbst (dem gesprochenen Wort), dem Bezeichneten (einem Gegenstand) und einer Vorstellung in der Seele. Ein gesprochenes Wort wie „Tisch“ ruft nach Aristoteles in der Seele desjenigen, der dieses Wort hört oder spricht, die Vorstellung eines Tisches hervor. Diese Vorstellung steht in einer von Aristoteles nicht näher erläuterten Abbildbeziehung zum jeweils bezeichneten Gegenstand. Mündliche Zeichen (Worte) sind für Aristoteles vorrangig gegenüber schriftlichen Zeichen, da letztere nur auf mündliche Zeichen verwiesen:</p> | ||
<blockquote><p>„Die gesprochenen Worte sind die Zeichen von Vorstellungen in der Seele und die geschriebenen Worte sind die Zeichen von gesprochenen Worten. So wie nun die Schriftzeichen nicht bei allen Menschen dieselben sind, so sind auch die Worte nicht bei allen Menschen dieselben; aber die Vorstellungen in der Rede, deren unmittelbare Zeichen die Worte sind, sind bei allen Menschen dieselben und eben so sind die Gegenstände überall dieselben, von welchen diese Vorstellungen die Abbilder sind.“</p> | |||
<p>– <span class="Person">Aristoteles, [[Peri hermeneias]] (lat. [[De interpretatione]]), Erstes Kapitel</span></p></blockquote> | |||
<p>Wie später Peirce ordnet Aristoteles die Semiotik in die Logik ([https://de.wikipedia.org/wiki/Organon_(Aristoteles) Organon]) ein.</p> | |||
<p>Der Ausdruck ''semeiotikon meros'' (semiotischer Teil) bezeichnet in der Medizin der Antike die Wissenschaft der Symptome und der Diagnostik (Demetrios von Apameia, Galen, Pseudo-Galen) und findet in einigen stoischen Texten auch in [https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnistheorie erkenntnistheoretischen] Zusammenhängen Verwendung. In lateinischen Übersetzungen von Galen wird ''semeiotikon meros'' wiedergegeben als ''pars semiotica''.<sup id="cite_ref-2" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-2 [2]]</sup> Im ''Thesaurus graecae linguae'' von [https://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Stephanus Henri Stephanus] (1572 u.ö.) wird dafür ''Semeiotiké'' verwendet und dies erklärt als jener Teil der Medizin, welcher die Unterschiede und (Bezeichnungs-)Vermögen aller Zeichen behandelt.<sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-3 [3]]</sup></p> | |||
<p>Zeichen- und Bedeutungslehren findet man auch bei den [https://de.wikipedia.org/wiki/Stoa Stoikern], zum Beispiel bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Diogenes_von_Babylon Diogenes von Babylon]. Ihm zufolge ist die Äußerung eines Menschen körperlich und wird durch die Vernunft artikuliert und ausgedrückt. Sie ist darin verschieden von den tierischen Lauten, die nur Luft sind, welche durch Instinkt hervorgebracht werden. Als verstehbare Rede (logos) gilt ihm eine Äußerung, die etwas bedeutet.<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-4 [4]]</sup></p> | |||
<p>Auch epikureische Philosophen wie [https://de.wikipedia.org/wiki/Philodemos_von_Gadara Philodemos von Gadara] (um 110–40 v. Chr.) diskutieren Aspekte von Zeichen, Bedeutungen und deren Relationen, insbesondere analoge und induktive Relationen.</p> | |||
<p>In der [https://de.wikipedia.org/wiki/Scholastik Scholastik] wurde der Semiotik innerhalb der Logik ein hoher Stellenwert beigemessen. Als eines von vielen Beispielen kann man die Zeichenlehre von [https://de.wikipedia.org/wiki/Petrus_Hispanus Petrus Hispanus] heranziehen:<sup id="cite_ref-5" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-5 [5]]</sup> Das Gehör nimmt ''Laute'' wahr. Ein durch Lebewesen hervorgebrachter Laut ist ''Stimme'', Glockengeräusche hingegen sind ''nicht Stimme''. ''Artikulierbare Stimme'' (z. B. „Mensch“) kann im Gegensatz zu ''unartikulierbarer Stimme'' geschrieben werden. Die artikulierbare Stimme ist entweder ''sinnvoll'' (z. B. Mensch) oder ''sinnlos'' (z. B. „bu“, „ba“). Sinnvolle Stimme hat ''konventionelle'' Bedeutung (z. B. „Mensch“) oder ''natürliche'' Bedeutung (z. B. „das Jammern der Kranken“). Konventionelle Stimme ist entweder ''unzusammengesetzt''(einzelne Wörter) oder ''zusammengesetzt'' (Sätze). Unzusammengesetzte Stimme sind z. B. das ''Verb'' und das ''Nomen'', welches letztere entweder ''Allgemeines'' (z. B. „Mensch“) oder ''Individuelles'' (z. B. „Sokrates“) bedeutet. Im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit stellt zum Beispiel [https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_von_Kues Nikolaus von Kues] die Zeichenlehre als grundlegend für jede Erkenntnis dar, insbesondere für die Theologie.</p> | |||
<p>Auch die scholastischen Diskussionen werden weitergeführt, beispielsweise bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Pedro_da_Fonseca Pedro da Fonseca] (1528–1599). Der aus Lissabon stammende Theologe und Philosoph [https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Johannes_a_S._Thomas&action=edit&redlink=1 Johannes a S. Thomas] (1589–1644), auch als Johannes Poinsot bezeichnet, entwickelt in seinem zweiten Hauptwerk ''Cursus philosophicus'' eine umfangreiche Semiotik, und zwar im zweiten (materiellen) Teil seiner Logik.<sup id="cite_ref-6" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-6 [6]]</sup></p> | |||
<p>Auch [https://de.wikipedia.org/wiki/John_Locke John Locke] spricht in seinem [https://de.wikipedia.org/wiki/An_Essay_concerning_Humane_Understanding Essay concerning Humane Understanding] von 1690 von einer Theorie der Zeichen, die er ''Semeiotike'' nennt.<sup id="cite_ref-7" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-7 [7]]</sup></p> | |||
=== <span id="Begriffsverwendung_im_18._und_19._Jahrhundert">Begriffsverwendung im 18. und 19. Jahrhundert</span> === | === <span id="Begriffsverwendung_im_18._und_19._Jahrhundert">Begriffsverwendung im 18. und 19. Jahrhundert</span> === | ||
<p>Im 18. und beginnendem 19. Jahrhundert wurde der Begriff ''Semiotik'' bzw. ''Semeiotik'' noch nicht in seiner heutigen umfassenden Bedeutung verwendet, sondern vor allem für die überwiegend als Hilfswissenschaft der [https://de.wikipedia.org/wiki/Diplomatik Diplomatik](Urkundenwissenschaft) angesehene [https://de.wikipedia.org/wiki/Zeichenkunde Zeichenkunde].<sup id="cite_ref-8" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-8 [8]]</sup> Daneben findet sich in dieser Zeit auch eine Verwendung als medizinischer Fachbegriff<sup id="cite_ref-9" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-9 [9]]</sup> für die ''Lehre von den Krankheitszeichen''.<sup id="cite_ref-10" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-10 [10]]</sup><sup id="cite_ref-11" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-11 [11]]</sup><sup id="cite_ref-12" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-12 [12]]</sup></p> | <p>Im 18. und beginnendem 19. Jahrhundert wurde der Begriff ''Semiotik'' bzw. ''Semeiotik'' noch nicht in seiner heutigen umfassenden Bedeutung verwendet, sondern vor allem für die überwiegend als Hilfswissenschaft der [https://de.wikipedia.org/wiki/Diplomatik Diplomatik](Urkundenwissenschaft) angesehene [https://de.wikipedia.org/wiki/Zeichenkunde Zeichenkunde].<sup id="cite_ref-8" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-8 [8]]</sup> Daneben findet sich in dieser Zeit auch eine Verwendung als medizinischer Fachbegriff<sup id="cite_ref-9" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-9 [9]]</sup> für die ''Lehre von den Krankheitszeichen''.<sup id="cite_ref-10" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-10 [10]]</sup><sup id="cite_ref-11" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-11 [11]]</sup><sup id="cite_ref-12" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-12 [12]]</sup></p> | ||
=== <span id="20._Jahrhundert">20. Jahrhundert</span> === | === <span id="20._Jahrhundert">20. Jahrhundert</span> === | ||
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==== <span id="Ferdinand_de_Saussure_(1857–1913)">Ferdinand de Saussure (1857–1913)</span> ==== | ==== <span id="Ferdinand_de_Saussure_(1857–1913)">Ferdinand de Saussure (1857–1913)</span> ==== | ||
<p>Die – weder eindeutige noch unumstrittene – Zeichentheorie de Saussures gilt als „grundlegend“ und „bedeutsam“ für die Entwicklung der modernen Semiotik (in Europa), genauer wohl für die sprachwissenschaftlichen (linguistischen) Zeichentheorien, die „praktisch alle“<sup id="cite_ref-Studienbuch_Linguistik_S._30_14-0" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-Studienbuch_Linguistik_S._30-14 [14]]</sup> auf das ''bilaterale Zeichen'' im Sinne von de Saussure zurückgehen sollen.</p><p>De Saussure verwendet den Ausdruck ''Zeichen'' mehrdeutig, was auch zu verschiedenen Interpretationen Anlass gibt. Nach einer Lesart versteht er das Zeichen psychologisch,<sup id="cite_ref-15" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-15 [15]]</sup> nach einer anderen Lesart nicht nur psychologisch.<sup id="cite_ref-16" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-16 [16]]</sup></p><p>Für eine psychologische Interpretation spricht folgende Definition von de Saussure: „Das sprachliche Zeichen ist also etwas im Geist tatsächlich Vorhandenes, das zwei Seiten hat: […] Diese beiden Bestandteile sind eng miteinander verbunden und entsprechen einander. […] Ich nenne die Verbindung der Vorstellung mit dem Lautbild das Zeichen.“<sup id="cite_ref-17" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-17 [17]]</sup></p><p>Dies führt zu dem Gegensatzpaar: ''concept'' (Vorstellung) – ''image acoustique'' (Lautbild), vgl. ausführlicher dazu: [https://de.wikipedia.org/wiki/Vorstellung_und_Lautbild Vorstellung und Lautbild].</p> | <p>Die – weder eindeutige noch unumstrittene – Zeichentheorie de Saussures gilt als „grundlegend“ und „bedeutsam“ für die Entwicklung der modernen Semiotik (in Europa), genauer wohl für die sprachwissenschaftlichen (linguistischen) Zeichentheorien, die „praktisch alle“<sup id="cite_ref-Studienbuch_Linguistik_S._30_14-0" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-Studienbuch_Linguistik_S._30-14 [14]]</sup> auf das ''bilaterale Zeichen'' im Sinne von de Saussure zurückgehen sollen.</p> | ||
<p>De Saussure verwendet den Ausdruck ''Zeichen'' mehrdeutig, was auch zu verschiedenen Interpretationen Anlass gibt. Nach einer Lesart versteht er das Zeichen psychologisch,<sup id="cite_ref-15" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-15 [15]]</sup> nach einer anderen Lesart nicht nur psychologisch.<sup id="cite_ref-16" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-16 [16]]</sup></p> | |||
<p>Für eine psychologische Interpretation spricht folgende Definition von de Saussure: „Das sprachliche Zeichen ist also etwas im Geist tatsächlich Vorhandenes, das zwei Seiten hat: […] Diese beiden Bestandteile sind eng miteinander verbunden und entsprechen einander. […] Ich nenne die Verbindung der Vorstellung mit dem Lautbild das Zeichen.“<sup id="cite_ref-17" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-17 [17]]</sup></p> | |||
<p>Dies führt zu dem Gegensatzpaar: ''concept'' (Vorstellung) – ''image acoustique'' (Lautbild), vgl. ausführlicher dazu: [https://de.wikipedia.org/wiki/Vorstellung_und_Lautbild Vorstellung und Lautbild].</p> | |||
[[Datei:Signifikat.png|mini|190x190px|Signifikat, Skizze nach de Saussure: Vorstellung und Lautbild]] | |||
Der Zeichenbegriff von de Saussure wird aber auch so wiedergegeben, dass nach ihm ein Zeichen die Einheit (Verbindung) von Zeichenform ''(signifiant)'' und Bedeutung (''signifié'', der Zeicheninhalt) ist. Die Beziehung von signifié und signifiant konstituiere das Zeichen.<sup id="cite_ref-Studienbuch_Linguistik_S._30_14-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-Studienbuch_Linguistik_S._30-14 [14]]</sup><p>Dies führt zu dem Gegensatzpaar ''signifié'' (Zeicheninhalt) – ''signifiant''(Zeichenausdruck).</p> | |||
<p>Statt von ''signifiant'' (Zeichenausdruck, Zeichenform) wird im gleichen Sinne auch von Ausdrucksseite (Ausdrucksebene), statt von ''signifié'' (Zeicheninhalt) wird auch von Inhaltsseite (Inhaltsebene) gesprochen.</p> | |||
<p>Dies führt zu folgendem terminologischem Schema:</p> | |||
{| class="wikitable" | {| class="wikitable" | ||
|- | |- | ||
| „Auto“ | | „Auto“ | ||
| image acoustique (Lautbild) | | image acoustique (Lautbild) | ||
| signifiant (Bezeichnendes) | | signifiant (Bezeichnendes) | ||
| Ausdrucksseite | | Ausdrucksseite | ||
|- | |- | ||
| [Auto] | | [Auto] | ||
| concept (Vorstellung, Begriff) | | concept (Vorstellung, Begriff) | ||
| Zeile 28: | Zeile 94: | ||
| Inhaltsseite | | Inhaltsseite | ||
|} | |} | ||
<p>Das Zeichenmodell von de Saussure wird unter anderem als „zweiseitig“ (bilateral, dyadisch) und (z. T. kritisch gemeint) [https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Mentalismus_(Linguistik)&action=edit&redlink=1 mentalistisch] qualifiziert. Das zweiseitige Zeichenmodell von de Saussure hat im Gegensatz zu „dreistelligen“ (triadischen) Modellen (Peirce, vgl. [https://de.wikipedia.org/wiki/Representamen Representamen], dort insbesondere [https://de.wikipedia.org/wiki/Representamen#Verst%C3%A4ndnisprobleme Verständnisprobleme]) keinen Interpretantenbezug, im Gegensatz zu vierstelligen Modellen auch keinen [https://de.wikipedia.org/wiki/Signifik signifischen] (begriffshistorisch vgl. [https://de.wikipedia.org/wiki/Victoria_Lady_Welby Victoria Lady Welby], systematisch vor allem [https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Klaus Georg Klaus]) quasi-außerzeichenhaften Realitätsbezug.</p><div class="sieheauch" role="navigation"><span class="sieheauch-text">Siehe auch</span>: [https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_de_Saussure#Werk „Werk“ im Artikel Ferdinand de Saussure]</div> | |||
<p>Das Zeichenmodell von de Saussure wird unter anderem als „zweiseitig“ (bilateral, dyadisch) und (z. T. kritisch gemeint) [https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Mentalismus_(Linguistik)&action=edit&redlink=1 mentalistisch] qualifiziert. Das zweiseitige Zeichenmodell von de Saussure hat im Gegensatz zu „dreistelligen“ (triadischen) Modellen (Peirce, vgl. [https://de.wikipedia.org/wiki/Representamen Representamen], dort insbesondere [https://de.wikipedia.org/wiki/Representamen#Verst%C3%A4ndnisprobleme Verständnisprobleme]) keinen Interpretantenbezug, im Gegensatz zu vierstelligen Modellen auch keinen [https://de.wikipedia.org/wiki/Signifik signifischen] (begriffshistorisch vgl. [https://de.wikipedia.org/wiki/Victoria_Lady_Welby Victoria Lady Welby], systematisch vor allem [https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Klaus Georg Klaus]) quasi-außerzeichenhaften Realitätsbezug.</p> | |||
<div class="sieheauch" role="navigation"><span class="sieheauch-text">Siehe auch</span>: [https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_de_Saussure#Werk „Werk“ im Artikel Ferdinand de Saussure]</div> | |||
==== <span id="Charles_Sanders_Peirce_(1839–1914)">Charles Sanders Peirce (1839–1914)</span> ==== | ==== <span id="Charles_Sanders_Peirce_(1839–1914)">Charles Sanders Peirce (1839–1914)</span> ==== | ||
<p>Die Semiotik als Lehre von den Zeichen ist nach [https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Sanders_Peirce Peirce] nicht nur die Grundlage jeder Kommunikation, sondern auch die Voraussetzung für jede Form der Erkenntnis, denn jedes Denken ist ein Denken in Zeichen.<sup id="cite_ref-18" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-18 [18]]</sup> Die Theorie begreift das Zeichen nicht als ein Ding, als ein statisches Objekt, sondern als eine dreistellige ([https://de.wikipedia.org/wiki/Triade_(Philosophie) triadische]) [https://de.wikipedia.org/wiki/Relation_(Philosophie) Relation]<sup id="cite_ref-19" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-19 [19]]</sup> zwischen</p> | <p>Die Semiotik als Lehre von den Zeichen ist nach [https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Sanders_Peirce Peirce] nicht nur die Grundlage jeder Kommunikation, sondern auch die Voraussetzung für jede Form der Erkenntnis, denn jedes Denken ist ein Denken in Zeichen.<sup id="cite_ref-18" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-18 [18]]</sup> Die Theorie begreift das Zeichen nicht als ein Ding, als ein statisches Objekt, sondern als eine dreistellige ([https://de.wikipedia.org/wiki/Triade_(Philosophie) triadische]) [https://de.wikipedia.org/wiki/Relation_(Philosophie) Relation]<sup id="cite_ref-19" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-19 [19]]</sup> zwischen</p> | ||
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#einem Objekt, auf das sich das Zeichen bezieht, und | #einem Objekt, auf das sich das Zeichen bezieht, und | ||
#einem Interpretanten, also dem System, in dem das Zeichen zu verstehen ist. | #einem Interpretanten, also dem System, in dem das Zeichen zu verstehen ist. | ||
<div class="Vorlage_Zitat"><div><blockquote><p>„Ein ''Zeichen'' ist ein Ding, das dazu dient, ein Wissen von einem anderen Ding zu vermitteln, das es, wie man sagt, ''vertritt'' oder ''darstellt''. Dieses Ding nennt man ''Objekt'' des Zeichens. Die vom Zeichen hervorgerufene Idee im Geist, die ein geistiges Zeichen desselben Objekts ist, nennt man den ''Interpretanten'' des Zeichens.“</p>< | <div class="Vorlage_Zitat"><div><blockquote><p>„Ein ''Zeichen'' ist ein Ding, das dazu dient, ein Wissen von einem anderen Ding zu vermitteln, das es, wie man sagt, ''vertritt'' oder ''darstellt''. Dieses Ding nennt man ''Objekt'' des Zeichens. Die vom Zeichen hervorgerufene Idee im Geist, die ein geistiges Zeichen desselben Objekts ist, nennt man den ''Interpretanten'' des Zeichens.“</p> | ||
<p>– <span class="Person">C.S. Peirce</span>: <cite>Kurze Logik<sup id="cite_ref-20" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-20 [20]]</sup></cite></p></blockquote></div></div> | |||
<p>Diese dreifache Beziehung wiederholt sich auf jeder Ebene und bildet die verschiedenen Arten von Zeichen:</p> | |||
{| class="wikitable" | {| class="wikitable" | ||
|- | |- | ||
! In Bezug auf | ! In Bezug auf | ||
! das Mittel (Zeichen) | ! das Mittel (Zeichen) | ||
! das Objekt | ! das Objekt | ||
! den [https://de.wikipedia.org/wiki/Interpretant Interpretanten] | ! den [https://de.wikipedia.org/wiki/Interpretant Interpretanten] | ||
|- | |- | ||
| '''Mittelbezug''' | | '''Mittelbezug''' | ||
| Qualizeichen | | Qualizeichen | ||
| Ikon | | Ikon | ||
| Rhema | | Rhema | ||
|- | |- | ||
| '''Objektbezug''' | | '''Objektbezug''' | ||
| Sinzeichen<sup id="cite_ref-21" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-21 [21]]</sup> (token) | | Sinzeichen<sup id="cite_ref-21" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-21 [21]]</sup> (token) | ||
| [https://de.wikipedia.org/wiki/Index_(Semiotik) Index] | | [https://de.wikipedia.org/wiki/Index_(Semiotik) Index] | ||
| Dicent | | Dicent | ||
|- | |- | ||
| '''Regel, Konvention''' | | '''Regel, Konvention''' | ||
| Legizeichen (Typ) | | Legizeichen (Typ) | ||
| Zeile 57: | Zeile 129: | ||
| Argument | | Argument | ||
|} | |} | ||
<p>Eine Grundlage für diese Einteilung ist die [https://de.wikipedia.org/wiki/Ontologie ontologische] These dreier nicht aufeinander reduzierbarer Grundformen jeden Seins, die aus den grundlegenden philosophischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie_(Philosophie) Kategorien] abgeleitet sind und als '''Möglichkeit''', '''Wirklichkeit''' und '''Vernunft''' identifiziert werden können. Die Bedeutung eines Zeichens oder Zeichenkomplexes lässt sich nur unter Berücksichtigung aller drei Bezüge erfassen. Peirce vertritt also einen [https://de.wikipedia.org/wiki/Holismus holistischen] Begriff von Bedeutung. Dabei schließen sich die verschiedenen Zeichenarten keineswegs „gegenseitig aus, sondern sind nur Aspekte des Zeichenprozesses, der [https://de.wikipedia.org/wiki/Semiose Semiose], und wir nennen ein Zeichen nach seinem jeweils dominierenden Aspekt“.<sup id="cite_ref-22" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-22 [22]]</sup></p><p>Dies gilt auch für die wichtigste<sup id="cite_ref-23" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-23 [23]]</sup> Einteilung der Zeichen in Ikon, Index und Symbol. Heinz Kroehl, der die semiotische Theorie auf die visuelle Kommunikation<sup id="cite_ref-24" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-24 [24]]</sup> anwendet und sie einer empirischen Überprüfung unterzogen hat,<sup id="cite_ref-25" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-25 [25]]</sup> spricht daher von einem „Kontinuum der Bezeichnungsmöglichkeiten“.<sup id="cite_ref-26" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-26 [26]]</sup> Zugleich identifiziert er die nächsttiefere Ebene der triadischen Relation:</p> | |||
<p>Eine Grundlage für diese Einteilung ist die [https://de.wikipedia.org/wiki/Ontologie ontologische] These dreier nicht aufeinander reduzierbarer Grundformen jeden Seins, die aus den grundlegenden philosophischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie_(Philosophie) Kategorien] abgeleitet sind und als '''Möglichkeit''', '''Wirklichkeit''' und '''Vernunft''' identifiziert werden können. Die Bedeutung eines Zeichens oder Zeichenkomplexes lässt sich nur unter Berücksichtigung aller drei Bezüge erfassen. Peirce vertritt also einen [https://de.wikipedia.org/wiki/Holismus holistischen] Begriff von Bedeutung. Dabei schließen sich die verschiedenen Zeichenarten keineswegs „gegenseitig aus, sondern sind nur Aspekte des Zeichenprozesses, der [https://de.wikipedia.org/wiki/Semiose Semiose], und wir nennen ein Zeichen nach seinem jeweils dominierenden Aspekt“.<sup id="cite_ref-22" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-22 [22]]</sup></p> | |||
<p>Dies gilt auch für die wichtigste<sup id="cite_ref-23" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-23 [23]]</sup> Einteilung der Zeichen in Ikon, Index und Symbol. Heinz Kroehl, der die semiotische Theorie auf die visuelle Kommunikation<sup id="cite_ref-24" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-24 [24]]</sup> anwendet und sie einer empirischen Überprüfung unterzogen hat,<sup id="cite_ref-25" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-25 [25]]</sup> spricht daher von einem „Kontinuum der Bezeichnungsmöglichkeiten“.<sup id="cite_ref-26" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-26 [26]]</sup> Zugleich identifiziert er die nächsttiefere Ebene der triadischen Relation:</p> | |||
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<p>Das Gelingen jeder Kommunikation entscheidet sich in Bezug auf den Interpretanten, das System, in dem das Zeichen zu verstehen ist.<sup id="cite_ref-27" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-27 [27]]</sup> Eine Klärung setzt dabei mindestens ein anderes Zeichen voraus. Wenn jemand beispielsweise fragt, was ist ein Pharao, lautet die Antwort in der Regel: ein König bei den alten Ägyptern. Um aber wirklich zu verstehen, was ein Pharao ist, muss ich die Kultur kennen, muss die Vorstellung von einem Gottkönig nachvollziehen können. Andererseits bin ich belastet mit Konnotationen, die der Begriff König in unserer Kultur mit sich bringt. Derartiges Kulturwissen, alle Erlebnisse und Erfahrungen sind Teil der Bedeutung. Daher können zwei Menschen niemals ein exakt gleiches Verständnis einer Sache haben.</p><p>Die Begriffe Rhema, Dicent und Argument korrespondieren mit der klassischen Einteilung in Term, Proposition und Argument.<sup id="cite_ref-28" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-28 [28]]</sup> Daraus kann man drei Hauptsysteme mit völlig unterschiedlichen Formen der Bedeutungsvermittlung ableiten: Kunst, Alltag und Wissenschaft.<sup id="cite_ref-29" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-29 [29]]</sup> Im Bereich der Kunst kann ein Zeichen immer nur Möglichkeiten vermitteln; es gibt keine festen Bedeutungen, sondern nur individuelle Interpretationen. Im Alltag beziehen sich die Zeichen auf die Wirklichkeit, sie haben ein reales Objekt, und ein Sprecher darf in der Regel davon ausgehen, dass der Andere das Gemeinte versteht. In der Wissenschaft verweisen die Zeichen auf Notwendigkeiten und folgen fachspezifischen Regeln: verwendete Begriffe müssen definiert, Aussagen belegt und Schlussfolgerungen bewiesen werden.</p><p>Da der Interpretant stets ein Zeichen ist, das wiederum nur durch ein Zeichen erklärt werden kann, wird die Semiose zu einem prinzipiell endlosen Prozess. In alltäglichen Situationen tritt dies aber oft nicht zutage, denn solange sich die Kommunikation auf konkretes Handeln bezieht, kann dieser Prozess abgebrochen werden, sobald ein Konsens über das Handeln erreicht ist.<sup id="cite_ref-30" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-30 [30]]</sup></p> | |||
<p>Das Gelingen jeder Kommunikation entscheidet sich in Bezug auf den Interpretanten, das System, in dem das Zeichen zu verstehen ist.<sup id="cite_ref-27" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-27 [27]]</sup> Eine Klärung setzt dabei mindestens ein anderes Zeichen voraus. Wenn jemand beispielsweise fragt, was ist ein Pharao, lautet die Antwort in der Regel: ein König bei den alten Ägyptern. Um aber wirklich zu verstehen, was ein Pharao ist, muss ich die Kultur kennen, muss die Vorstellung von einem Gottkönig nachvollziehen können. Andererseits bin ich belastet mit Konnotationen, die der Begriff König in unserer Kultur mit sich bringt. Derartiges Kulturwissen, alle Erlebnisse und Erfahrungen sind Teil der Bedeutung. Daher können zwei Menschen niemals ein exakt gleiches Verständnis einer Sache haben.</p> | |||
<p>Die Begriffe Rhema, Dicent und Argument korrespondieren mit der klassischen Einteilung in Term, Proposition und Argument.<sup id="cite_ref-28" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-28 [28]]</sup> Daraus kann man drei Hauptsysteme mit völlig unterschiedlichen Formen der Bedeutungsvermittlung ableiten: Kunst, Alltag und Wissenschaft.<sup id="cite_ref-29" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-29 [29]]</sup> Im Bereich der Kunst kann ein Zeichen immer nur Möglichkeiten vermitteln; es gibt keine festen Bedeutungen, sondern nur individuelle Interpretationen. Im Alltag beziehen sich die Zeichen auf die Wirklichkeit, sie haben ein reales Objekt, und ein Sprecher darf in der Regel davon ausgehen, dass der Andere das Gemeinte versteht. In der Wissenschaft verweisen die Zeichen auf Notwendigkeiten und folgen fachspezifischen Regeln: verwendete Begriffe müssen definiert, Aussagen belegt und Schlussfolgerungen bewiesen werden.</p> | |||
<p>Da der Interpretant stets ein Zeichen ist, das wiederum nur durch ein Zeichen erklärt werden kann, wird die Semiose zu einem prinzipiell endlosen Prozess. In alltäglichen Situationen tritt dies aber oft nicht zutage, denn solange sich die Kommunikation auf konkretes Handeln bezieht, kann dieser Prozess abgebrochen werden, sobald ein Konsens über das Handeln erreicht ist.<sup id="cite_ref-30" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-30 [30]]</sup></p> | |||
== <span id="Angewandte_und_angrenzende_Disziplinen">Angewandte und angrenzende Disziplinen</span> == | == <span id="Angewandte_und_angrenzende_Disziplinen">Angewandte und angrenzende Disziplinen</span> == | ||
=== <span id="Literatursemiotik">Literatursemiotik</span> === | === <span id="Literatursemiotik">Literatursemiotik</span> === | ||
<p>Vertreter der Literatursemiotik werden teilweise auch den [https://de.wikipedia.org/wiki/Strukturalismus Strukturalisten] oder [https://de.wikipedia.org/wiki/Russischer_Formalismus Formalisten] zugerechnet. Die literatursemiotischen Ansätze sind zudem sehr unterschiedlich: [https://de.wikipedia.org/wiki/Roland_Barthes Roland Barthes] vertritt eine [https://de.wikipedia.org/wiki/Poststrukturalismus poststrukturalistische] Position, von der aus er die Vieldeutigkeit eines Werkes betont, während [https://de.wikipedia.org/wiki/Umberto_Eco Umberto Eco] Barthes’ Vorstellung einer grenzenlosen Offenheit der Bedeutung literarischer Werke kritisiert und die Rezeption literarischer Texte als Wechselspiel von [https://de.wikipedia.org/wiki/Freiheit Freiheit]und [https://de.wikipedia.org/wiki/Determinismus Determiniertheit] darstellt. Einerseits müsse der Text eine Struktur aufweisen, sonst „gäbe es keine [https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunikation Kommunikation], sondern nur eine rein zufällige Stimulierung von aleatorischen Reaktionen“ (Eco). Andererseits entscheide der [https://de.wikipedia.org/wiki/Lesen Leser], welche [https://de.wikipedia.org/wiki/Code_(Semiotik) Codes] und welchen [https://de.wikipedia.org/wiki/Semantisch semantischen] Rahmen er auf den [https://de.wikipedia.org/wiki/Text Text] anwenden soll, wodurch er im Verlauf seines [https://de.wikipedia.org/wiki/Lekt%C3%BCre Lektüre]prozesses die weitere Aktualisierung von [https://de.wikipedia.org/wiki/Bedeutung Bedeutungen] maßgeblich beeinflusst.</p><p>Demgegenüber stehen Ansätze in der Tradition des Strukturalisten [https://de.wikipedia.org/wiki/Algirdas_Julien_Greimas Algirdas Julien Greimas], der über die Analyse der verschiedenen bedeutungstragenden, hierarchisch organisierten Ebenen eines Textes eine semantische Tiefenstruktur eindeutig rekonstruieren will.</p> | <p>Vertreter der Literatursemiotik werden teilweise auch den [https://de.wikipedia.org/wiki/Strukturalismus Strukturalisten] oder [https://de.wikipedia.org/wiki/Russischer_Formalismus Formalisten] zugerechnet. Die literatursemiotischen Ansätze sind zudem sehr unterschiedlich: [https://de.wikipedia.org/wiki/Roland_Barthes Roland Barthes] vertritt eine [https://de.wikipedia.org/wiki/Poststrukturalismus poststrukturalistische] Position, von der aus er die Vieldeutigkeit eines Werkes betont, während [https://de.wikipedia.org/wiki/Umberto_Eco Umberto Eco] Barthes’ Vorstellung einer grenzenlosen Offenheit der Bedeutung literarischer Werke kritisiert und die Rezeption literarischer Texte als Wechselspiel von [https://de.wikipedia.org/wiki/Freiheit Freiheit]und [https://de.wikipedia.org/wiki/Determinismus Determiniertheit] darstellt. Einerseits müsse der Text eine Struktur aufweisen, sonst „gäbe es keine [https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunikation Kommunikation], sondern nur eine rein zufällige Stimulierung von aleatorischen Reaktionen“ (Eco). Andererseits entscheide der [https://de.wikipedia.org/wiki/Lesen Leser], welche [https://de.wikipedia.org/wiki/Code_(Semiotik) Codes] und welchen [https://de.wikipedia.org/wiki/Semantisch semantischen] Rahmen er auf den [https://de.wikipedia.org/wiki/Text Text] anwenden soll, wodurch er im Verlauf seines [https://de.wikipedia.org/wiki/Lekt%C3%BCre Lektüre]prozesses die weitere Aktualisierung von [https://de.wikipedia.org/wiki/Bedeutung Bedeutungen] maßgeblich beeinflusst.</p> | ||
<p>Demgegenüber stehen Ansätze in der Tradition des Strukturalisten [https://de.wikipedia.org/wiki/Algirdas_Julien_Greimas Algirdas Julien Greimas], der über die Analyse der verschiedenen bedeutungstragenden, hierarchisch organisierten Ebenen eines Textes eine semantische Tiefenstruktur eindeutig rekonstruieren will.</p> | |||
=== <span id="Theatersemiotik">Theatersemiotik</span> === | === <span id="Theatersemiotik">Theatersemiotik</span> === | ||
<p>Die Theatersemiotik ist ein Zweig der Theaterwissenschaft, der vor allem in den 1970er und 80er Jahren seine Blüte erlebte. Als anwendungsorientierte Theorie bietet sie zum Beispiel Systematiken für die Aufführungsanalyse. Die Aufführung wird dabei als Kommunikationsprozess verstanden, in dem über verschiedene Kanäle auf unterschiedlichen Ebenen Informationen vergeben werden. [https://de.wikipedia.org/wiki/Erika_Fischer-Lichte Erika Fischer-Lichte], Patrice Pavis und Manfred Pfister sind wichtige Vertreter dieser Strömung.</p> | <p>Die Theatersemiotik ist ein Zweig der Theaterwissenschaft, der vor allem in den 1970er und 80er Jahren seine Blüte erlebte. Als anwendungsorientierte Theorie bietet sie zum Beispiel Systematiken für die Aufführungsanalyse. Die Aufführung wird dabei als Kommunikationsprozess verstanden, in dem über verschiedene Kanäle auf unterschiedlichen Ebenen Informationen vergeben werden. [https://de.wikipedia.org/wiki/Erika_Fischer-Lichte Erika Fischer-Lichte], Patrice Pavis und Manfred Pfister sind wichtige Vertreter dieser Strömung.</p> | ||
=== <span id="Ästhetik">Ästhetik</span> === | === <span id="Ästhetik">Ästhetik</span> === | ||
<p>Der Prager [https://de.wikipedia.org/wiki/Strukturalismus strukturalistische] Linguist [https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Muka%C5%99ovsk%C3%BD Jan Mukařovský] hat das Konzept einer ''ästhetischen Funktion'' eingeführt. Wenn ein Zeichen diese Funktion erfüllt, wird dieses vornehmlich um seiner selbst willen rezipiert und bezieht sich auf seine eigenen Möglichkeitsumstände, insbesondere auf den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang seiner Rezeption – anstatt nur Mittel zur Bezugnahme auf anderes zu sein („referentielle Funktion“). Wann und wie einem Zeichen die ''ästhetische Funktion'' beigelegt wird, ist zwar auch vom rezipierenden [https://de.wikipedia.org/wiki/Subjekt_(Philosophie) Subjekt] abhängig, wird aber, allgemein gesehen, von der [https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=%C3%84sthetische_Norm&action=edit&redlink=1 ästhetischen Norm] bestimmt, die in einer Gesellschaft im Moment der Zeichenrezeption herrscht. So können nach Mukařovský für uns heute [https://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale Kathedralen] oder Bauwerke durchaus unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet werden, waren aber zur Zeit ihres Baus weit stärker mit einer sakralen Funktion als mit der ästhetischen Funktion belegt.</p><p>Ästhetische Objekte werden oft, zum Beispiel von [https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Wollschl%C3%A4ger Hans Wollschläger], als Zeichensysteme beschrieben, die sich eines anderen Zeichensystems als Trägersystem bzw. als Form bedienen. Im Fall der Literatur ist dies das komplexe Zeichensystem Sprache.</p> | <p>Der Prager [https://de.wikipedia.org/wiki/Strukturalismus strukturalistische] Linguist [https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Muka%C5%99ovsk%C3%BD Jan Mukařovský] hat das Konzept einer ''ästhetischen Funktion'' eingeführt. Wenn ein Zeichen diese Funktion erfüllt, wird dieses vornehmlich um seiner selbst willen rezipiert und bezieht sich auf seine eigenen Möglichkeitsumstände, insbesondere auf den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang seiner Rezeption – anstatt nur Mittel zur Bezugnahme auf anderes zu sein („referentielle Funktion“). Wann und wie einem Zeichen die ''ästhetische Funktion'' beigelegt wird, ist zwar auch vom rezipierenden [https://de.wikipedia.org/wiki/Subjekt_(Philosophie) Subjekt] abhängig, wird aber, allgemein gesehen, von der [https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=%C3%84sthetische_Norm&action=edit&redlink=1 ästhetischen Norm] bestimmt, die in einer Gesellschaft im Moment der Zeichenrezeption herrscht. So können nach Mukařovský für uns heute [https://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale Kathedralen] oder Bauwerke durchaus unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet werden, waren aber zur Zeit ihres Baus weit stärker mit einer sakralen Funktion als mit der ästhetischen Funktion belegt.</p> | ||
<p>Ästhetische Objekte werden oft, zum Beispiel von [https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Wollschl%C3%A4ger Hans Wollschläger], als Zeichensysteme beschrieben, die sich eines anderen Zeichensystems als Trägersystem bzw. als Form bedienen. Im Fall der Literatur ist dies das komplexe Zeichensystem Sprache.</p> | |||
=== <span id="Kultur-_und_Geschichtswissenschaft">Kultur- und Geschichtswissenschaft</span> === | === <span id="Kultur-_und_Geschichtswissenschaft">Kultur- und Geschichtswissenschaft</span> === | ||
<p>Das schon in mesopotamischen Quellen erkennbare Modell, aktuelle positive und negative Ereignisse als Belohnung und Bestrafung durch Gottheiten für historische Leistungen und Verfehlungen zu sehen, bezeichnet [https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Assmann Jan Assmann] als „Semiotisierung der Geschichte“. Die Geschichte wird dadurch mit Bedeutung erfüllt und erhält eine Struktur, in der nicht nur „Sinn als Zusammenhang von Tun und Ergehen lesbar“ und somit auch erträglicher wird, sondern begründet auch den Anlass für Aufzeichnungen und Geschichtsrekapitulation.<sup id="cite_ref-31" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-31 [31]]</sup></p> | <p>Das schon in mesopotamischen Quellen erkennbare Modell, aktuelle positive und negative Ereignisse als Belohnung und Bestrafung durch Gottheiten für historische Leistungen und Verfehlungen zu sehen, bezeichnet [https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Assmann Jan Assmann] als „Semiotisierung der Geschichte“. Die Geschichte wird dadurch mit Bedeutung erfüllt und erhält eine Struktur, in der nicht nur „Sinn als Zusammenhang von Tun und Ergehen lesbar“ und somit auch erträglicher wird, sondern begründet auch den Anlass für Aufzeichnungen und Geschichtsrekapitulation.<sup id="cite_ref-31" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik#cite_note-31 [31]]</sup></p> | ||
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Aktuelle Version vom 1. September 2026, 09:14 Uhr
semio--ik, agr. entspr. semiotisch; 'allgemeinen Zeichenlehre'
Semiotik ist die allgemeine Theorie der Zeichensysteme
Etymologie
- Geprägt von John Locke,
- aus agr. σημειωτικός sēmeiōtikós, „zum Markieren, Vorzeichen geeignet“,
Aussprache
(UK) IPA(Schlüssel): /ˌsɛm.iˈɒt.ɪks/
(US) IPA(Schlüssel): /ˌsɛm.iˈɑt.ɪks/, /ˌsiː.miˈɑt.ɪks/, /ˌsiː.maɪˈɑt.ɪks/
Substantiv
Semiotik
- Das Studium von Zeichen und Symbolen, insbesondere als Mittel der Sprache oder Kommunikation.
- [1] Wissenschaft, die sich mit Zeichensystemen aller Art (zum Beispiel: Bilderschrift, Gestik, Formeln, Sprache, Verkehrszeichen) befasst und versucht, sie zu beschreiben und zu erklären
- (datiert) Die Untersuchung medizinischer Anzeichen und Symptome; Symptomatologie.
- [2] Medizin: Lehre von den Anzeichen für eine Erkrankung oder Verletzung
Synonyme:
- [1] Sematologie, Semiologie, Zeichentheorie
- [2] Semiologie, Symptomatologie
Oberbegriffe:
- [1] Wissenschaft
Unterbegriffe:
- [1] Zoosemiotik
Beispiele:
- [1] Im Verkehrsunterricht lernt man die Semiotik der Straße, das heißt alle Verkehrszeichen. Im Unterschied dazu stehen die Verkehrsregeln, die nicht die Semiotik betreffen.
- [1] „Die Semiotik untersucht alle kulturellen Prozesse als Kommunikationsprozesse.“[1]
- [1] „Der Gegenstandsbereich der Semiotik - letztlich eine Art und Weise der Erweiterung unserer Wahrnehmung der Welt - ist der Austausch jedweder Nachrichten und der Zeichensysteme, die ihnen zugrunde liegen […]“[2]
- [2] „Semiotik ist die Lehre von den Zeichen des widernatürlichen Zustandes.“[3]
- [2] „Die Lehre, welche die einzelnen Zeichen auf ihre Ursachen, oder auf die ihnen entsprechenden Veränderungen des lebenden Körpers zurückführt, und dabei das Verhältnis der einzelnen Zeichen unter einander berücksichtigt, ist die Semiotik.“[4]
Wortbildungen:
Semiotik [1]
Semiotik (auch Semeiotik; von altgriechisch σημεῖον sēmeĩon ‚Zeichen‘, ‚Signal‘), manchmal auch Zeichentheorie, ist die Wissenschaft, die sich mit Zeichensystemen aller Art befasst (z. B. Bilderschrift, Gestik, Formeln, Sprache, Verkehrszeichen). Sie findet unter anderem in verschiedenen Geistes-, Kultur-, Wirtschafts- und SozialwissenschaftenAnwendung.
Geschichte
Zwar wird über den Gegenstandsbereich der Semiotik seit der Antike debattiert, eine eigenständige Disziplin entwickelt sich aber erst mit den Studien von Charles Sanders Peirce ab Ende des 19. Jahrhunderts. Moderne Klassiker der Semiotik sind gleichzeitig oft Leitfiguren der strukturalistischen Linguistik und Philosophie, allen voran Ferdinand de Saussure und Roland Barthes. Diese bezeichnen ihre Zeichentheorien auch als „Semiologie“. Nach wie vor stehen sich unterschiedliche Ansätze gegenüber.
Vorgeschichte: Antike, Mittelalter und frühe Neuzeit
Bereits bei Vorsokratiker, Sophisten und Platon findet man semiotische Untersuchungen.[1] Aristoteles hat sie in seinen logischen und rhetorischen Schriften zu einem ersten System der Semiotik zusammengefasst und erweitert. Er behandelt die Zeichen als eine Dreiecksbeziehung zwischen dem Zeichen selbst (dem gesprochenen Wort), dem Bezeichneten (einem Gegenstand) und einer Vorstellung in der Seele. Ein gesprochenes Wort wie „Tisch“ ruft nach Aristoteles in der Seele desjenigen, der dieses Wort hört oder spricht, die Vorstellung eines Tisches hervor. Diese Vorstellung steht in einer von Aristoteles nicht näher erläuterten Abbildbeziehung zum jeweils bezeichneten Gegenstand. Mündliche Zeichen (Worte) sind für Aristoteles vorrangig gegenüber schriftlichen Zeichen, da letztere nur auf mündliche Zeichen verwiesen:
„Die gesprochenen Worte sind die Zeichen von Vorstellungen in der Seele und die geschriebenen Worte sind die Zeichen von gesprochenen Worten. So wie nun die Schriftzeichen nicht bei allen Menschen dieselben sind, so sind auch die Worte nicht bei allen Menschen dieselben; aber die Vorstellungen in der Rede, deren unmittelbare Zeichen die Worte sind, sind bei allen Menschen dieselben und eben so sind die Gegenstände überall dieselben, von welchen diese Vorstellungen die Abbilder sind.“
– Aristoteles, Peri hermeneias (lat. De interpretatione), Erstes Kapitel
Wie später Peirce ordnet Aristoteles die Semiotik in die Logik (Organon) ein.
Der Ausdruck semeiotikon meros (semiotischer Teil) bezeichnet in der Medizin der Antike die Wissenschaft der Symptome und der Diagnostik (Demetrios von Apameia, Galen, Pseudo-Galen) und findet in einigen stoischen Texten auch in erkenntnistheoretischen Zusammenhängen Verwendung. In lateinischen Übersetzungen von Galen wird semeiotikon meros wiedergegeben als pars semiotica.[2] Im Thesaurus graecae linguae von Henri Stephanus (1572 u.ö.) wird dafür Semeiotiké verwendet und dies erklärt als jener Teil der Medizin, welcher die Unterschiede und (Bezeichnungs-)Vermögen aller Zeichen behandelt.[3]
Zeichen- und Bedeutungslehren findet man auch bei den Stoikern, zum Beispiel bei Diogenes von Babylon. Ihm zufolge ist die Äußerung eines Menschen körperlich und wird durch die Vernunft artikuliert und ausgedrückt. Sie ist darin verschieden von den tierischen Lauten, die nur Luft sind, welche durch Instinkt hervorgebracht werden. Als verstehbare Rede (logos) gilt ihm eine Äußerung, die etwas bedeutet.[4]
Auch epikureische Philosophen wie Philodemos von Gadara (um 110–40 v. Chr.) diskutieren Aspekte von Zeichen, Bedeutungen und deren Relationen, insbesondere analoge und induktive Relationen.
In der Scholastik wurde der Semiotik innerhalb der Logik ein hoher Stellenwert beigemessen. Als eines von vielen Beispielen kann man die Zeichenlehre von Petrus Hispanus heranziehen:[5] Das Gehör nimmt Laute wahr. Ein durch Lebewesen hervorgebrachter Laut ist Stimme, Glockengeräusche hingegen sind nicht Stimme. Artikulierbare Stimme (z. B. „Mensch“) kann im Gegensatz zu unartikulierbarer Stimme geschrieben werden. Die artikulierbare Stimme ist entweder sinnvoll (z. B. Mensch) oder sinnlos (z. B. „bu“, „ba“). Sinnvolle Stimme hat konventionelle Bedeutung (z. B. „Mensch“) oder natürliche Bedeutung (z. B. „das Jammern der Kranken“). Konventionelle Stimme ist entweder unzusammengesetzt(einzelne Wörter) oder zusammengesetzt (Sätze). Unzusammengesetzte Stimme sind z. B. das Verb und das Nomen, welches letztere entweder Allgemeines (z. B. „Mensch“) oder Individuelles (z. B. „Sokrates“) bedeutet. Im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit stellt zum Beispiel Nikolaus von Kues die Zeichenlehre als grundlegend für jede Erkenntnis dar, insbesondere für die Theologie.
Auch die scholastischen Diskussionen werden weitergeführt, beispielsweise bei Pedro da Fonseca (1528–1599). Der aus Lissabon stammende Theologe und Philosoph Johannes a S. Thomas (1589–1644), auch als Johannes Poinsot bezeichnet, entwickelt in seinem zweiten Hauptwerk Cursus philosophicus eine umfangreiche Semiotik, und zwar im zweiten (materiellen) Teil seiner Logik.[6]
Auch John Locke spricht in seinem Essay concerning Humane Understanding von 1690 von einer Theorie der Zeichen, die er Semeiotike nennt.[7]
Begriffsverwendung im 18. und 19. Jahrhundert
Im 18. und beginnendem 19. Jahrhundert wurde der Begriff Semiotik bzw. Semeiotik noch nicht in seiner heutigen umfassenden Bedeutung verwendet, sondern vor allem für die überwiegend als Hilfswissenschaft der Diplomatik(Urkundenwissenschaft) angesehene Zeichenkunde.[8] Daneben findet sich in dieser Zeit auch eine Verwendung als medizinischer Fachbegriff[9] für die Lehre von den Krankheitszeichen.[10][11][12]
20. Jahrhundert
Überblick
Eine Theorie sprachlicher und anderer Zeichen ist ein elementarer Bestandteil der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, in der unterschiedliche Ansätze ausgearbeitet und vertreten sind. Begründer der Semiotik im heutigen Sinne ist Charles Sanders Peirce. In seiner Nachfolge entwickelte Charles William Morris eine behavioristische Zeichentheorie, die mit einer Unterscheidung von Syntaktik, Semantik und Pragmatik arbeitet. Strukturalistische Linguisten und Philosophen legen dagegen eine andersgeartete Methode zugrunde.[13] Ihre Vertreter sind:
Ferdinand de Saussure (1857–1913)
Die – weder eindeutige noch unumstrittene – Zeichentheorie de Saussures gilt als „grundlegend“ und „bedeutsam“ für die Entwicklung der modernen Semiotik (in Europa), genauer wohl für die sprachwissenschaftlichen (linguistischen) Zeichentheorien, die „praktisch alle“[14] auf das bilaterale Zeichen im Sinne von de Saussure zurückgehen sollen.
De Saussure verwendet den Ausdruck Zeichen mehrdeutig, was auch zu verschiedenen Interpretationen Anlass gibt. Nach einer Lesart versteht er das Zeichen psychologisch,[15] nach einer anderen Lesart nicht nur psychologisch.[16]
Für eine psychologische Interpretation spricht folgende Definition von de Saussure: „Das sprachliche Zeichen ist also etwas im Geist tatsächlich Vorhandenes, das zwei Seiten hat: […] Diese beiden Bestandteile sind eng miteinander verbunden und entsprechen einander. […] Ich nenne die Verbindung der Vorstellung mit dem Lautbild das Zeichen.“[17]
Dies führt zu dem Gegensatzpaar: concept (Vorstellung) – image acoustique (Lautbild), vgl. ausführlicher dazu: Vorstellung und Lautbild.

Der Zeichenbegriff von de Saussure wird aber auch so wiedergegeben, dass nach ihm ein Zeichen die Einheit (Verbindung) von Zeichenform (signifiant) und Bedeutung (signifié, der Zeicheninhalt) ist. Die Beziehung von signifié und signifiant konstituiere das Zeichen.[14]
Dies führt zu dem Gegensatzpaar signifié (Zeicheninhalt) – signifiant(Zeichenausdruck).
Statt von signifiant (Zeichenausdruck, Zeichenform) wird im gleichen Sinne auch von Ausdrucksseite (Ausdrucksebene), statt von signifié (Zeicheninhalt) wird auch von Inhaltsseite (Inhaltsebene) gesprochen.
Dies führt zu folgendem terminologischem Schema:
| „Auto“ | image acoustique (Lautbild) | signifiant (Bezeichnendes) | Ausdrucksseite |
| [Auto] | concept (Vorstellung, Begriff) | signifié (Bezeichnetes) | Inhaltsseite |
Das Zeichenmodell von de Saussure wird unter anderem als „zweiseitig“ (bilateral, dyadisch) und (z. T. kritisch gemeint) mentalistisch qualifiziert. Das zweiseitige Zeichenmodell von de Saussure hat im Gegensatz zu „dreistelligen“ (triadischen) Modellen (Peirce, vgl. Representamen, dort insbesondere Verständnisprobleme) keinen Interpretantenbezug, im Gegensatz zu vierstelligen Modellen auch keinen signifischen (begriffshistorisch vgl. Victoria Lady Welby, systematisch vor allem Georg Klaus) quasi-außerzeichenhaften Realitätsbezug.
Charles Sanders Peirce (1839–1914)
Die Semiotik als Lehre von den Zeichen ist nach Peirce nicht nur die Grundlage jeder Kommunikation, sondern auch die Voraussetzung für jede Form der Erkenntnis, denn jedes Denken ist ein Denken in Zeichen.[18] Die Theorie begreift das Zeichen nicht als ein Ding, als ein statisches Objekt, sondern als eine dreistellige (triadische) Relation[19] zwischen
- einem Mittel, also dem materiellen Zeichen,
- einem Objekt, auf das sich das Zeichen bezieht, und
- einem Interpretanten, also dem System, in dem das Zeichen zu verstehen ist.
„Ein Zeichen ist ein Ding, das dazu dient, ein Wissen von einem anderen Ding zu vermitteln, das es, wie man sagt, vertritt oder darstellt. Dieses Ding nennt man Objekt des Zeichens. Die vom Zeichen hervorgerufene Idee im Geist, die ein geistiges Zeichen desselben Objekts ist, nennt man den Interpretanten des Zeichens.“
– C.S. Peirce: Kurze Logik[20]
Diese dreifache Beziehung wiederholt sich auf jeder Ebene und bildet die verschiedenen Arten von Zeichen:
| In Bezug auf | das Mittel (Zeichen) | das Objekt | den Interpretanten |
|---|---|---|---|
| Mittelbezug | Qualizeichen | Ikon | Rhema |
| Objektbezug | Sinzeichen[21] (token) | Index | Dicent |
| Regel, Konvention | Legizeichen (Typ) | Symbol (verschlüsselt) | Argument |
Eine Grundlage für diese Einteilung ist die ontologische These dreier nicht aufeinander reduzierbarer Grundformen jeden Seins, die aus den grundlegenden philosophischen Kategorien abgeleitet sind und als Möglichkeit, Wirklichkeit und Vernunft identifiziert werden können. Die Bedeutung eines Zeichens oder Zeichenkomplexes lässt sich nur unter Berücksichtigung aller drei Bezüge erfassen. Peirce vertritt also einen holistischen Begriff von Bedeutung. Dabei schließen sich die verschiedenen Zeichenarten keineswegs „gegenseitig aus, sondern sind nur Aspekte des Zeichenprozesses, der Semiose, und wir nennen ein Zeichen nach seinem jeweils dominierenden Aspekt“.[22]
Dies gilt auch für die wichtigste[23] Einteilung der Zeichen in Ikon, Index und Symbol. Heinz Kroehl, der die semiotische Theorie auf die visuelle Kommunikation[24] anwendet und sie einer empirischen Überprüfung unterzogen hat,[25] spricht daher von einem „Kontinuum der Bezeichnungsmöglichkeiten“.[26] Zugleich identifiziert er die nächsttiefere Ebene der triadischen Relation:
| Ikon | Index | Symbol | |
|---|---|---|---|
| Mittelbezug | Metapher | Kennzeichen | Symptom |
| Objektbezug | Abbild | Anzeichen | Signal |
| Interpretantenbezug | Diagramm | Wahrzeichen | Signet |
Das Gelingen jeder Kommunikation entscheidet sich in Bezug auf den Interpretanten, das System, in dem das Zeichen zu verstehen ist.[27] Eine Klärung setzt dabei mindestens ein anderes Zeichen voraus. Wenn jemand beispielsweise fragt, was ist ein Pharao, lautet die Antwort in der Regel: ein König bei den alten Ägyptern. Um aber wirklich zu verstehen, was ein Pharao ist, muss ich die Kultur kennen, muss die Vorstellung von einem Gottkönig nachvollziehen können. Andererseits bin ich belastet mit Konnotationen, die der Begriff König in unserer Kultur mit sich bringt. Derartiges Kulturwissen, alle Erlebnisse und Erfahrungen sind Teil der Bedeutung. Daher können zwei Menschen niemals ein exakt gleiches Verständnis einer Sache haben.
Die Begriffe Rhema, Dicent und Argument korrespondieren mit der klassischen Einteilung in Term, Proposition und Argument.[28] Daraus kann man drei Hauptsysteme mit völlig unterschiedlichen Formen der Bedeutungsvermittlung ableiten: Kunst, Alltag und Wissenschaft.[29] Im Bereich der Kunst kann ein Zeichen immer nur Möglichkeiten vermitteln; es gibt keine festen Bedeutungen, sondern nur individuelle Interpretationen. Im Alltag beziehen sich die Zeichen auf die Wirklichkeit, sie haben ein reales Objekt, und ein Sprecher darf in der Regel davon ausgehen, dass der Andere das Gemeinte versteht. In der Wissenschaft verweisen die Zeichen auf Notwendigkeiten und folgen fachspezifischen Regeln: verwendete Begriffe müssen definiert, Aussagen belegt und Schlussfolgerungen bewiesen werden.
Da der Interpretant stets ein Zeichen ist, das wiederum nur durch ein Zeichen erklärt werden kann, wird die Semiose zu einem prinzipiell endlosen Prozess. In alltäglichen Situationen tritt dies aber oft nicht zutage, denn solange sich die Kommunikation auf konkretes Handeln bezieht, kann dieser Prozess abgebrochen werden, sobald ein Konsens über das Handeln erreicht ist.[30]
Angewandte und angrenzende Disziplinen
Literatursemiotik
Vertreter der Literatursemiotik werden teilweise auch den Strukturalisten oder Formalisten zugerechnet. Die literatursemiotischen Ansätze sind zudem sehr unterschiedlich: Roland Barthes vertritt eine poststrukturalistische Position, von der aus er die Vieldeutigkeit eines Werkes betont, während Umberto Eco Barthes’ Vorstellung einer grenzenlosen Offenheit der Bedeutung literarischer Werke kritisiert und die Rezeption literarischer Texte als Wechselspiel von Freiheitund Determiniertheit darstellt. Einerseits müsse der Text eine Struktur aufweisen, sonst „gäbe es keine Kommunikation, sondern nur eine rein zufällige Stimulierung von aleatorischen Reaktionen“ (Eco). Andererseits entscheide der Leser, welche Codes und welchen semantischen Rahmen er auf den Text anwenden soll, wodurch er im Verlauf seines Lektüreprozesses die weitere Aktualisierung von Bedeutungen maßgeblich beeinflusst.
Demgegenüber stehen Ansätze in der Tradition des Strukturalisten Algirdas Julien Greimas, der über die Analyse der verschiedenen bedeutungstragenden, hierarchisch organisierten Ebenen eines Textes eine semantische Tiefenstruktur eindeutig rekonstruieren will.
Theatersemiotik
Die Theatersemiotik ist ein Zweig der Theaterwissenschaft, der vor allem in den 1970er und 80er Jahren seine Blüte erlebte. Als anwendungsorientierte Theorie bietet sie zum Beispiel Systematiken für die Aufführungsanalyse. Die Aufführung wird dabei als Kommunikationsprozess verstanden, in dem über verschiedene Kanäle auf unterschiedlichen Ebenen Informationen vergeben werden. Erika Fischer-Lichte, Patrice Pavis und Manfred Pfister sind wichtige Vertreter dieser Strömung.
Ästhetik
Der Prager strukturalistische Linguist Jan Mukařovský hat das Konzept einer ästhetischen Funktion eingeführt. Wenn ein Zeichen diese Funktion erfüllt, wird dieses vornehmlich um seiner selbst willen rezipiert und bezieht sich auf seine eigenen Möglichkeitsumstände, insbesondere auf den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang seiner Rezeption – anstatt nur Mittel zur Bezugnahme auf anderes zu sein („referentielle Funktion“). Wann und wie einem Zeichen die ästhetische Funktion beigelegt wird, ist zwar auch vom rezipierenden Subjekt abhängig, wird aber, allgemein gesehen, von der ästhetischen Norm bestimmt, die in einer Gesellschaft im Moment der Zeichenrezeption herrscht. So können nach Mukařovský für uns heute Kathedralen oder Bauwerke durchaus unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet werden, waren aber zur Zeit ihres Baus weit stärker mit einer sakralen Funktion als mit der ästhetischen Funktion belegt.
Ästhetische Objekte werden oft, zum Beispiel von Hans Wollschläger, als Zeichensysteme beschrieben, die sich eines anderen Zeichensystems als Trägersystem bzw. als Form bedienen. Im Fall der Literatur ist dies das komplexe Zeichensystem Sprache.
Kultur- und Geschichtswissenschaft
Das schon in mesopotamischen Quellen erkennbare Modell, aktuelle positive und negative Ereignisse als Belohnung und Bestrafung durch Gottheiten für historische Leistungen und Verfehlungen zu sehen, bezeichnet Jan Assmann als „Semiotisierung der Geschichte“. Die Geschichte wird dadurch mit Bedeutung erfüllt und erhält eine Struktur, in der nicht nur „Sinn als Zusammenhang von Tun und Ergehen lesbar“ und somit auch erträglicher wird, sondern begründet auch den Anlass für Aufzeichnungen und Geschichtsrekapitulation.[31]
Wichtige Personen der Semiotik
- Roland Barthes
- Jean Baudrillard
- Max Bense
- Jeff Bernard
- Jacques Bertin
- Paul Bouissac
- John Deely
- Jacques Derrida
- Umberto Eco
- Achim Eschbach
- Nelson Goodman
- Louis Hjelmslev
- Jesper Hoffmeyer
- Angelika Karger
- Georg Klaus
- Martin Krampen
- Julia Kristeva
- Kalevi Kull
- Jacques Lacan
- Claude Lévi-Strauss
- Juri Lotman
- Floyd Merrell
- Charles W. Morris
- Winfried Nöth
- Ivo Osolsobě
- Helmut Pape
- Charles Sanders Peirce
- Susan Petrilli
- Wolfgang Pollak
- Roland Posner
- Burghard Rieger
- Ferdinand de Saussure
- David Savan
- Thomas Sebeok
- Jakob Johann von Uexküll
- Eliseo Verón
- Elisabeth Walther-Bense
Russische Semiotik:
Vorläufer:
- ↑ https://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik; Stand 21. Oktober 2023 um 11:31 Uhr