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„tabula rasa“ – Versionsunterschied

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<p>Der [https://de.wikipedia.org/wiki/Latein lateinische] Ausdruck '''tabula rasa''' (''tabula'' „Tafel“ und ''rasa'' „geschabt“, ''radere'' „schaben“) bezeichnet ursprünglich eine [https://de.wikipedia.org/wiki/Wachstafel wachsüberzogene Schreibtafel], die durch Abschaben der Schrift geglättet wurde und wie ein '''unbeschriebenes Blatt''' neu beschrieben werden kann.</p><p>Im übertragenen Sinne bedeutet ''tabula rasa'' so viel wie „leer und aufnahmebereit wie ein unbeschriebenes Blatt“. In der Philosophie wurde mit dieser [https://de.wikipedia.org/wiki/Metapher Metapher] die [https://de.wikipedia.org/wiki/Seele Seele] (als Ort der [https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnis Erkenntnis] der Menschen) in ihrem ursprünglichen Zustand bezeichnet, bevor sie Eindrücke von der [https://de.wikipedia.org/wiki/Au%C3%9Fenwelt Außenwelt] empfängt. Auch in der Psychologie wird die Frage gestellt, ob die [https://de.wikipedia.org/wiki/Psyche Psyche] oder das Gehirn des Menschen anfänglich einem unbeschriebenen Blatt gleicht, das im Lauf des Lebens beschrieben wird. Mit der Redewendung ''Tabula rasa (machen)'' wird in anderen Zusammenhängen ein radikaler Neubeginn angesprochen.<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Tabula_rasa#cite_note-1 [1]]</sup></p>[[file:220px-Wachstafel.jpg|link=https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Wachstafel.jpg|220x202px]][https://de.wikipedia.org/wiki/Wachstafel Wachstafel]
{{Dieser Artikel|behandelt die philosophische Metapher und Redewendung. Zu anderen Bedeutungen siehe [[Tabula Rasa]].}}
[[Datei:Wachstafel.jpg|mini|[[Wachstafel]] mit [[Griffel]]]]
Der [[latein]]ische Ausdruck '''tabula rasa''' (''{{lang|la|tabula}}'' „Tafel“ und ''{{lang|la|rasa}}'' „geschabt“, ''{{lang|la|radere}}'' „schaben“) bezeichnet ursprünglich eine [[Wachstafel|wachsüberzogene Schreibtafel]], die durch Abschaben der Schrift geglättet wurde und wie ein '''unbeschriebenes Blatt''' neu beschrieben werden konnte.


<sup class="reference">mit</sup>[https://de.wikipedia.org/wiki/Griffel Griffel]
Im übertragenen Sinne bedeutet ''tabula rasa'' so viel wie „leer und aufnahmebereit wie ein unbeschriebenes Blatt“. In der Philosophie wurde mit dieser [[Metapher]] die [[Seele]] (als Ort der [[Erkenntnis]] der Menschen) in ihrem ursprünglichen Zustand bezeichnet, bevor sie Eindrücke von der [[Außenwelt]] empfängt. Auch in der Psychologie wird die Frage gestellt, ob die [[Psyche]] oder das Gehirn des Menschen anfänglich einem unbeschriebenen Blatt gleicht, das im Lauf des Lebens beschrieben wird. Mit der Redewendung ''Tabula rasa (machen)'' wird in anderen Zusammenhängen ein radikaler Neubeginn angesprochen.<ref>Duden online: [https://www.duden.de/rechtschreibung/Tabula_rasa ''tabula rasa'']</ref>
== <span id="Philosophie">Philosophie</span> ==
=== <span id="Antike">Antike</span> ===
<p>Schon [https://de.wikipedia.org/wiki/Aischylos Aischylos] spricht davon, dass sich die Erlebnisse „in die Tafeln der Sinne“ eingraben.<sup id="cite_ref-Regenbogen_Meyer_2-0" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Tabula_rasa#cite_note-Regenbogen_Meyer-2 [2]]</sup></p><p>[https://de.wikipedia.org/wiki/Platon Platon] vergleicht (nur) das Gedächtnis mit einer Wachstafel.<sup id="cite_ref-Regenbogen_Meyer_2-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Tabula_rasa#cite_note-Regenbogen_Meyer-2 [2]]</sup> In Platons [https://de.wikipedia.org/wiki/Platonischer_Dialog Dialog] ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Theaitetos Theaitetos]'' sagt Sokrates:</p><div class="Vorlage_Zitat"><div><blockquote><p>„So setze mir nun, damit wir doch ein Wort haben, in unsern Seelen einen wächsernen Guß, welcher Abdrücke aufnehmen kann, bei dem einen größer, bei dem andern kleiner, bei dem einen von reinerem Wachs, bei dem andern von schmutzigerem, auch härter bei einigen und bei andern feuchter, bei einigen auch gerade so, wie er sein muß. […] Dieser, wollen wir sagen, sei ein Geschenk von der Mutter der Musen, Mnemosyne; und wessen wir uns erinnern wollen von dem Gesehenen oder Gehörten oder auch selbst Gedachten, das drücken wir in diesen Guß ab, indem wir ihn den Wahrnehmungen und Gedanken unterhalten, wie beim Siegeln mit dem Gepräge eines Ringes. Was sich nun abdrückt, dessen erinnern wir uns und wissen es, solange nämlich sein Abbild vorhanden ist. Hat sich aber dieses verlöscht oder hat es gar nicht abgedruckt werden können, so vergessen wir die Sache und wissen sie nicht.“<sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Tabula_rasa#cite_note-3 [3]]</sup></p></blockquote></div></div><p>Im Kontext wird erörtert, was taugliche Erkenntnis eigentlich sei. Die dabei gewonnenen Thesen werden am Ende von Sokrates sämtlich zurückgewiesen. Im Hintergrund steht die platonische [https://de.wikipedia.org/wiki/Anamnesis Anamnesis]-Lehre.</p><p>Auch bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles Aristoteles], einem Schüler und Kritiker Platons in vielfacher Hinsicht, auch bezüglich dessen Erkenntnistheorie, findet man in seinem Buch ''Über die Seele'' („Περί Ψυχῆς“) einen Vergleich zwischen der Seele und einer Wachstafel:</p><div class="Vorlage_Zitat"><div><blockquote><p>„Insofern es (das Denken) mit seinem Gegenstand etwas gemein hat, scheint doch der eine Teil (des Denkens) tätig zu sein, der andere empfangend. Das folgt auch, wenn sie selbst (die denkende Seele) gedacht werden kann. […] die Vernunft [fällt] der Anlage nach mit ihren Gegenständen zusammen […], aber in Wirklichkeit mit keinem, bevor sie denkt. Man muß sich das vorstellen wie bei einer Tafel, auf der noch nichts wirklich geschrieben steht.“<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Tabula_rasa#cite_note-4 [4]]</sup></p></blockquote></div></div><p>Auch bei den [https://de.wikipedia.org/wiki/Stoa Stoikern] findet sich der Vergleich der Seele mit einer Wachstafel.</p>
=== <span id="Mittelalter">Mittelalter</span> ===
<p>Im Mittelalter wird der Gedanke von mehreren Philosophen aufgegriffen, so von [https://de.wikipedia.org/wiki/Albertus_Magnus Albertus Magnus], [https://de.wikipedia.org/wiki/Franciscus_Mercurius_van_Helmont Franciscus Mercurius van Helmont] und Thomas von Aquin.</p><p>Bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_von_Aquin Thomas von Aquin] heißt es:<sup id="cite_ref-5" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Tabula_rasa#cite_note-5 [5]]</sup></p><div class="Vorlage_Zitat"><div><blockquote lang="la"><p>“Intellectus autem humanus […] est in potentia respectu intelligibilium, et in principio est sicut tabula rasa in qua nihil est scriptum, ut philosophus dicit in III de anima. Quod manifeste apparet ex hoc, quod in principio sumus intelligentes solum in potentia, postmodum autem efficimur intelligentes in actu.”</p></blockquote><blockquote lang="de-Latn"><p>„Der menschliche Intellekt aber ist in Potenz bezüglich des Intelligiblen und am Anfang ist er wie eine unbeschriebene Tafel, wie der Philosoph [Aristoteles] im 3.&nbsp;Buch von ''De anima''sagt. Das wird daran offensichtlich, dass wir am Anfang nur der Möglichkeit, später aber der Wirklichkeit nach intelligent sind.“</p></blockquote></div></div>
=== <span id="Neuzeit">Neuzeit</span> ===
<p>In der Neuzeit vertrat schon [https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Gassendi Pierre Gassendi], der „Stammvater des neuzeitlichen [https://de.wikipedia.org/wiki/Empirismus Empirismus]“<sup id="cite_ref-6" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Tabula_rasa#cite_note-6 [6]]</sup> und zeitgenössischer Gegenspieler von [https://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9_Descartes Descartes], eine Tabula-rasa-These.</p><p>Insbesondere [https://de.wikipedia.org/wiki/John_Locke John Locke] (1632–1704) griff das Bild von der Seele/dem Verstand als ''tabula rasa'' auf und integrierte es in seine empiristische Erkenntnistheorie. Die Seele ist laut Locke bei der Geburt „ein unbeschriebenes Blatt“, im Verlauf des Lebens wird sie durch die Erfahrung geprägt.<sup id="cite_ref-7" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Tabula_rasa#cite_note-7 [7]]</sup> Lockes materialistischer [https://de.wikipedia.org/wiki/Sensualismus Sensualismus] nutzte diese These gegen die Lehre von den [https://de.wikipedia.org/wiki/Nativismus_(Psychologie) angeborenen Ideen] ''(ideae innatae)'', wobei er konkret an die idealistischen Philosophen der [https://de.wikipedia.org/wiki/Cambridger_Platoniker Cambridger Schule] (Cambridger Platonismus: [https://de.wikipedia.org/wiki/Henry_More Henry More], [https://de.wikipedia.org/wiki/Ralph_Cudworth Ralph Cudworth]), aber auch an [https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_von_Cherbury Herbert von Cherbury] sowie Descartes und seine Anhänger wie überhaupt an die von Platon und der Stoa beeinflussten Philosophen dachte, die das Vorhandensein angeborener Begriffe und Prinzipien mit Nachdruck vertreten hatten. Vor allem Grundbegriffe der Mathematik und Logik wurden als angeborene Ideen betrachtet. Seit Locke wird der Ausdruck ''tabula rasa'' nur noch empiristisch aufgefasst.</p><p>Mit seinen Auffassungen vertiefte Locke den materialistischen Empirismus von [https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Bacon Francis Bacon]. Sie übten auf die philosophische Entwicklung des 18. und 19.&nbsp;Jahrhunderts einen bedeutenden Einfluss aus. Da aber die vornehmlich materialistischen Anschauungen Lockes sehr widersprüchliche Momente in sich bargen, konnten so verschiedene Philosophen wie [https://de.wikipedia.org/wiki/George_Berkeley George Berkeley] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Denis_Diderot Denis Diderot] an seinen Sensualismus anknüpfen.</p><p>[https://de.wikipedia.org/wiki/Leibniz Leibniz] widersprach einer absoluten Tabula-rasa-Lehre. Nach ihm gilt (nur): Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen gewesen ist – außer der Verstand selbst, d.&nbsp;h. die angeborenen Ideen und Erkenntnisstrukturen.<sup id="cite_ref-8" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Tabula_rasa#cite_note-8 [8]]</sup> Nach Leibniz gleicht der Verstand eines Neugeborenen „nicht einer leeren Wachstafel, sondern einem Stück Marmor, das Adern hat.“<sup id="cite_ref-9" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Tabula_rasa#cite_note-9 [9]]</sup> Grundbegriffe und die Prinzipien der [https://de.wikipedia.org/wiki/Widerspruchsfreiheit Widerspruchsfreiheit] und der [https://de.wikipedia.org/wiki/Satz_vom_zureichenden_Grund Satz vom zureichenden Grund] liegen nach Leibniz als Dispositionen vor.</p><p>Ebenso widersprach [https://de.wikipedia.org/wiki/Immanuel_Kant Immanuel Kant] der empiristischen Theorie; er hielt gewisse Vorstellungen (wie die Vorstellung des [https://de.wikipedia.org/wiki/Euklidischer_Raum euklidischen Raumes] oder die des [https://de.wikipedia.org/wiki/Gottesbild Gottesbegriffes]) für dem Menschen angeboren.</p>
== <span id="Psychologie">Psychologie</span> ==
<p>In der Neuzeit hat [https://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Freud Sigmund Freud] den Begriff des unbeschriebenen Blattes in seiner Abhandlung „Notiz über den Wunderblock“ (1925) in Bezug auf das [https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=System_Wahrnehmung-Bewusstsein&action=edit&redlink=1 System Wahrnehmung-Bewusstsein] in Abgrenzung zum [https://de.wikipedia.org/wiki/Unbewusstes Unbewussten] verwendet.<sup id="cite_ref-10" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Tabula_rasa#cite_note-10 [10]]</sup></p><p>Einige moderne Wissenschaftsdisziplinen haben die Vorstellung von der Tabula rasa in Frage gestellt. [https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitionswissenschaft Kognitionswissenschaftler] haben verschiedene angeborene Mechanismen identifiziert, die Voraussetzung für [https://de.wikipedia.org/wiki/Lernen Lernen] sind (z.&nbsp;B. einen Sinn für Objekte und Zahlen, eine [https://de.wikipedia.org/wiki/Theory_of_Mind Theory of Mind]). Laut der [https://de.wikipedia.org/wiki/Evolutionspsychologie Evolutionspsychologie] gibt es eine Reihe von kulturellen, gesellschaftlichen, sprachlichen, verhaltensbezogenen und psychologischen Merkmalen, die sich in allen menschlichen Populationen finden. Zweitens können viele menschliche Charakteristika (z.&nbsp;B. [https://de.wikipedia.org/wiki/Appetit Appetit], [https://de.wikipedia.org/wiki/Rache Rache], [https://de.wikipedia.org/wiki/Attraktivit%C3%A4t Attraktivität]) nur als [https://de.wikipedia.org/wiki/Evolution%C3%A4re_Anpassung evolutionäre Anpassungen] im Kontext der [https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%A4ger_und_Sammler Jäger und Sammler] verstanden werden. Die [https://de.wikipedia.org/wiki/Neurowissenschaft Neurowissenschaft] hat gezeigt, dass das pränatale Gehirn komplexe Verschaltungen durchläuft, die genetisch gesteuert werden. Auch verträgt sich die Tabula rasa nicht mit der Erkenntnis der [https://de.wikipedia.org/wiki/Verhaltensgenetik Verhaltensgenetik], dass alle [https://de.wikipedia.org/wiki/Pers%C3%B6nlichkeitseigenschaft Persönlichkeitseigenschaften] teilweise [https://de.wikipedia.org/wiki/Vererbung_(Biologie) erblich] sind.<sup id="cite_ref-11" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Tabula_rasa#cite_note-11 [11]]</sup></p>
== <span id="Völkerrecht">Völkerrecht</span> ==
<p>Zum Tabula-rasa-Prinzip im [https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkerrecht Völkerrecht] siehe [https://de.wikipedia.org/wiki/Clean_slate_rule Clean slate rule].</p>
== <span id="Literatur">Literatur</span> ==


*[https://de.wikipedia.org/wiki/Steven_Pinker Steven Pinker]: ''Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur.'' Berlin-Verlag, Berlin 2003, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/3827005094 ISBN 3-8270-0509-4].
== Philosophie ==
=== Antike ===
Schon [[Aischylos]] spricht davon, dass sich die Erlebnisse „in die Tafeln der Sinne“ eingraben.<ref name="Regenbogen_Meyer">[[Arnim Regenbogen]], Uwe Meyer: ''Wörterbuch der philosophischen Begriffe.'' Meiner, Hamburg 2005, Stichwort ''tabula rasa''.</ref>


== <span id="Einzelnachweise">Einzelnachweise</span> ==
[[Platon]] vergleicht (nur) das Gedächtnis mit einer Wachstafel.<ref name="Regenbogen_Meyer" /> In Platons [[Platonischer Dialog|Dialog]] ''[[Theaitetos]]'' sagt [[Sokrates]]:
{{Zitat|Text=So setze mir nun, damit wir doch ein Wort haben, in unsern Seelen einen wächsernen Guß, welcher Abdrücke aufnehmen kann, bei dem einen größer, bei dem andern kleiner, bei dem einen von reinerem Wachs, bei dem andern von schmutzigerem, auch härter bei einigen und bei andern feuchter, bei einigen auch gerade so, wie er sein muß. […] Dieser, wollen wir sagen, sei ein Geschenk von der Mutter der Musen, Mnemosyne; und wessen wir uns erinnern wollen von dem Gesehenen oder Gehörten oder auch selbst Gedachten, das drücken wir in diesen Guß ab, indem wir ihn den Wahrnehmungen und Gedanken unterhalten, wie beim Siegeln mit dem Gepräge eines Ringes. Was sich nun abdrückt, dessen erinnern wir uns und wissen es, solange nämlich sein Abbild vorhanden ist. Hat sich aber dieses verlöscht oder hat es gar nicht abgedruckt werden können, so vergessen wir die Sache und wissen sie nicht.|ref=<ref>Platon: ''Theaitetos'' 191c (Übersetzung [[Friedrich Schleiermacher]] 1805)</ref>}}


#<span class="reference-text">Duden online: [https://www.duden.de/rechtschreibung/Tabula_rasa ''tabula rasa'']</span>
Im Kontext wird erörtert, was taugliche Erkenntnis eigentlich sei. Die dabei gewonnenen Thesen werden am Ende von Sokrates sämtlich zurückgewiesen. Im Hintergrund steht die platonische [[Anamnesis]]-Lehre.
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Arnim_Regenbogen Arnim Regenbogen], Uwe Meyer: ''Wörterbuch der philosophischen Begriffe.'' Meiner, Hamburg 2005, Stichwort ''tabula rasa''.</span>
 
#<span class="reference-text">Platon: ''Theaitetos'' 191c (Übersetzung [https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Schleiermacher Friedrich Schleiermacher] 1805)</span>
Auch bei [[Aristoteles]], einem Schüler und Kritiker Platons in vielfacher Hinsicht, auch bezüglich dessen Erkenntnistheorie, findet man in seinem Buch ''Über die Seele'' („Περί Ψυχῆς“) einen Vergleich zwischen der Seele und einer Wachstafel:
#<span class="reference-text">Aristoteles: ''[https://de.wikipedia.org/wiki/De_anima De anima]'' (''Über die Seele'') III 4, 429b29–430a2.</span>
{{Zitat|Text=Insofern es (das Denken) mit seinem Gegenstand etwas gemein hat, scheint doch der eine Teil (des Denkens) tätig zu sein, der andere empfangend. Das folgt auch, wenn sie selbst (die denkende Seele) gedacht werden kann. […] die Vernunft [fällt] der Anlage nach mit ihren Gegenständen zusammen […], aber in Wirklichkeit mit keinem, bevor sie denkt. Man muß sich das vorstellen wie bei einer Tafel, auf der noch nichts wirklich geschrieben steht.|ref=<ref>Aristoteles: ''[[De anima]]'' (''Über die Seele'') III 4, 429b29–430a2.</ref>}}
#<span class="reference-text">Thomas von Aquin, Summa Theologiae I, [http://www.corpusthomisticum.org/sth1077.html#31730 q. 79 art. 2 corr]</span>
 
#<span class="reference-text">Otfried Höffe: ''Kleine Geschichte der Philosophie.'' 2. Aufl., C.H. Beck, München 2008, S. 175.</span>
Auch bei den [[Stoa|Stoikern]] findet sich der Vergleich der Seele mit einer Wachstafel.
#<span class="reference-text">John Locke: ''Versuch über den menschlichen Verstand'', 1690. Buch&nbsp;2 Kap.&nbsp;1 §&nbsp;2: „''(Alle Vorstellungen kommen von der sinnlichen und Selbst-Wahrnehmung.)'' Wir wollen also annehmen, die Seele sei, wie man sagt, ein weißes, unbeschriebenes Blatt Papier, ohne irgend welche Vorstellungen; wie wird sie nun damit versorgt?“ (Übersetzung [https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_von_Kirchmann Julius von Kirchmann] 1872/73)</span>
 
#<span class="reference-text">Leibniz nach P. Kunzmann; F.-P. Burkard; F. Wiedemann, ''dtv-Atlas Philosophie'', München, dtv, 13. Aufl. 2007, S. 113.</span>
=== Mittelalter ===
#<span class="reference-text">Otfried Höffe: ''Kleine Geschichte der Philosophie.'' 2. Aufl., Beck, München 2008, S. 190.</span>
Im Mittelalter wird der Gedanke von mehreren Philosophen aufgegriffen, so von [[Albertus Magnus]], [[Franciscus Mercurius van Helmont]] und Thomas von Aquin, [[Duns Scotus]]…
#<span class="reference-text">Sigmund Freud: [https://www.textlog.de/freud-psychoanalyse-notiz-wunderblock.html ''Notiz über den »Wunderblock«''] textlog.de</span>
 
#<span class="reference-text">Steven Pinker: [https://stevenpinker.com/files/pinker/files/the_blank_slate_general_psychologist.pdf ''The Blank Slate''] (PDF; 262&nbsp;kB), in: ''The General Psychologist'', 2006, Vol. 41, Nr. 1, S. 1–8.</span>
Bei [[Thomas von Aquin]] heißt es:<ref>Thomas von Aquin, Summa Theologiae I, [http://www.corpusthomisticum.org/sth1077.html#31730 q. 79 art. 2 corr]</ref>
{{Zitat
|Text=Intellectus autem humanus […] est in potentia respectu intelligibilium, et in principio est sicut tabula rasa in qua nihil est scriptum, ut philosophus dicit in III de anima. Quod manifeste apparet ex hoc, quod in principio sumus intelligentes solum in potentia, postmodum autem efficimur intelligentes in actu.
|Sprache=la
|Übersetzung=Der menschliche Intellekt aber ist in Potenz bezüglich des Intelligiblen und am Anfang ist er wie eine unbeschriebene Tafel, wie der Philosoph [Aristoteles] im 3.&nbsp;Buch von ''De anima'' sagt. Das wird daran offensichtlich, dass wir am Anfang nur der Möglichkeit, später aber der Wirklichkeit nach intelligent sind.}}
 
=== Neuzeit ===
In der Neuzeit vertrat schon [[Pierre Gassendi]], der „Stammvater des neuzeitlichen [[Empirismus]]“<ref>Otfried Höffe: ''Kleine Geschichte der Philosophie.'' 2. Aufl., C.H. Beck, München 2008, S. 175.</ref> und zeitgenössischer Gegenspieler von [[René Descartes|Descartes]], eine Tabula-rasa-These.
 
Insbesondere [[John Locke]] (1632–1704) griff das Bild von der Seele/dem Verstand als ''tabula rasa'' auf und integrierte es in seine empiristische Erkenntnistheorie. Die Seele ist laut Locke bei der Geburt „ein unbeschriebenes Blatt“, im Verlauf des Lebens wird sie durch die Erfahrung geprägt.<ref>John Locke: ''Versuch über den menschlichen Verstand'', 1690. Buch&nbsp;2 Kap.&nbsp;1 §&nbsp;2: {{"|''(Alle Vorstellungen kommen von der sinnlichen und Selbst-Wahrnehmung.)'' Wir wollen also annehmen, die Seele sei, wie man sagt, ein weißes, unbeschriebenes Blatt Papier, ohne irgend welche Vorstellungen; wie wird sie nun damit versorgt?}} (Übersetzung [[Julius von Kirchmann]] 1872/73)</ref> Lockes materialistischer [[Sensualismus]] nutzte diese These gegen die Lehre von den [[Nativismus (Psychologie)|angeborenen Ideen]] ''(ideae innatae)'', wobei er konkret an die idealistischen Philosophen der [[Cambridger Platoniker|Cambridger Schule]] (Cambridger [[Platonismus]]: [[Henry More]], [[Ralph Cudworth]]), aber auch an [[Herbert von Cherbury]] sowie Descartes und seine Anhänger wie überhaupt an die von Platon und der Stoa beeinflussten Philosophen dachte, die das Vorhandensein angeborener Begriffe und Prinzipien mit Nachdruck vertreten hatten. Vor allem Grundbegriffe der Mathematik und Logik wurden als angeborene Ideen betrachtet. Seit Locke wird der Ausdruck ''tabula rasa'' nur noch empiristisch aufgefasst.
 
Mit seinen Auffassungen vertiefte Locke den materialistischen Empirismus von [[Francis Bacon]]. Sie übten auf die philosophische Entwicklung des 18. und 19.&nbsp;Jahrhunderts einen bedeutenden Einfluss aus. Da aber die vornehmlich materialistischen Anschauungen Lockes sehr widersprüchliche Momente in sich bargen, konnten so verschiedene Philosophen wie [[George Berkeley]] und [[Denis Diderot]] an seinen Sensualismus anknüpfen.
 
[[Leibniz]] widersprach einer absoluten Tabula-rasa-Lehre. Nach ihm gilt (nur): Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen gewesen ist – außer der Verstand selbst, d.&nbsp;h. die angeborenen Ideen und Erkenntnisstrukturen.<ref>
Leibniz nach P. Kunzmann; F.-P. Burkard; F. Wiedemann, ''dtv-Atlas Philosophie'', München, dtv, 13. Aufl. 2007, S. 113.</ref> Nach Leibniz gleicht der Verstand eines Neugeborenen {{"|nicht einer leeren Wachstafel, sondern einem Stück Marmor, das Adern hat.}}<ref>Otfried Höffe: ''Kleine Geschichte der Philosophie.'' 2. Aufl., Beck, München 2008, S. 190.</ref> Grundbegriffe und die Prinzipien der [[Widerspruchsfreiheit]] und der [[Satz vom zureichenden Grund]] liegen nach Leibniz als Dispositionen vor.
 
Ebenso widersprach [[Immanuel Kant]] der empiristischen Theorie; er hielt gewisse Vorstellungen (wie die Vorstellung des [[Euklidischer Raum|euklidischen Raumes]] oder die des [[Gottesbild|Gottesbegriffes]]) für dem Menschen angeboren.
 
== Psychologie ==
In der Neuzeit hat [[Sigmund Freud]] den Begriff des unbeschriebenen Blattes in seiner Abhandlung „Notiz über den Wunderblock“ (1925) in Bezug auf das [[System Wahrnehmung-Bewusstsein]] in Abgrenzung zum [[Unbewusstes|Unbewussten]] verwendet.<ref>Sigmund Freud: [https://www.textlog.de/freud-psychoanalyse-notiz-wunderblock.html ''Notiz über den »Wunderblock«''] textlog.de</ref>
 
Einige moderne Wissenschaftsdisziplinen haben die Vorstellung von der Tabula rasa in Frage gestellt. [[Kognitionswissenschaft]]ler haben verschiedene angeborene Mechanismen identifiziert, die Voraussetzung für [[Lernen]] sind (z.&nbsp;B. einen Sinn für Objekte und Zahlen, eine [[Theory of Mind]]). Laut der [[Evolutionspsychologie]] gibt es eine Reihe von kulturellen, gesellschaftlichen, sprachlichen, verhaltensbezogenen und psychologischen Merkmalen, die sich in allen menschlichen Populationen finden. Zweitens können viele menschliche Charakteristika (z.&nbsp;B. [[Appetit]], [[Rache]], [[Attraktivität]]) nur als [[evolutionäre Anpassung]]en im Kontext der [[Jäger und Sammler]] verstanden werden. Die [[Neurowissenschaft]] hat gezeigt, dass das pränatale Gehirn komplexe Verschaltungen durchläuft, die genetisch gesteuert werden. Auch verträgt sich die Tabula rasa nicht mit der Erkenntnis der [[Verhaltensgenetik]], dass alle [[Persönlichkeitseigenschaft]]en teilweise [[Vererbung (Biologie)|erblich]] sind.<ref>Steven Pinker: [https://stevenpinker.com/files/pinker/files/the_blank_slate_general_psychologist.pdf ''The Blank Slate''] (PDF; 262&nbsp;kB), in: ''The General Psychologist'', 2006, Vol. 41, Nr. 1, S. 1–8.</ref>
 
== Völkerrecht ==
Zum Tabula-rasa-Prinzip im [[Völkerrecht]] siehe [[Clean slate rule]].
 
== Literatur ==
* [[Steven Pinker]]: ''Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur.'' Berlin-Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-8270-0509-4.
 
== Einzelnachweise ==
<references />
 
[[Kategorie:Entwicklungspsychologie]]
[[Kategorie:Philosophie des Geistes]]
[[Kategorie:Philosophische Methode]]
[[Kategorie:Lateinische Phrase]]
[[Kategorie:Erkenntnistheorie]]

Aktuelle Version vom 22. Juni 2026, 12:49 Uhr

Wachstafel mit Griffel

Der lateinische Ausdruck tabula rasa ('tabula' „Tafel“ und 'rasa' „geschabt“, 'radere' „schaben“) bezeichnet ursprünglich eine wachsüberzogene Schreibtafel, die durch Abschaben der Schrift geglättet wurde und wie ein unbeschriebenes Blatt neu beschrieben werden konnte.

Im übertragenen Sinne bedeutet tabula rasa so viel wie „leer und aufnahmebereit wie ein unbeschriebenes Blatt“. In der Philosophie wurde mit dieser Metapher die Seele (als Ort der Erkenntnis der Menschen) in ihrem ursprünglichen Zustand bezeichnet, bevor sie Eindrücke von der Außenwelt empfängt. Auch in der Psychologie wird die Frage gestellt, ob die Psyche oder das Gehirn des Menschen anfänglich einem unbeschriebenen Blatt gleicht, das im Lauf des Lebens beschrieben wird. Mit der Redewendung Tabula rasa (machen) wird in anderen Zusammenhängen ein radikaler Neubeginn angesprochen.[1]

Philosophie

Antike

Schon Aischylos spricht davon, dass sich die Erlebnisse „in die Tafeln der Sinne“ eingraben.[2]

Platon vergleicht (nur) das Gedächtnis mit einer Wachstafel.[2] In Platons Dialog Theaitetos sagt Sokrates:

„So setze mir nun, damit wir doch ein Wort haben, in unsern Seelen einen wächsernen Guß, welcher Abdrücke aufnehmen kann, bei dem einen größer, bei dem andern kleiner, bei dem einen von reinerem Wachs, bei dem andern von schmutzigerem, auch härter bei einigen und bei andern feuchter, bei einigen auch gerade so, wie er sein muß. […] Dieser, wollen wir sagen, sei ein Geschenk von der Mutter der Musen, Mnemosyne; und wessen wir uns erinnern wollen von dem Gesehenen oder Gehörten oder auch selbst Gedachten, das drücken wir in diesen Guß ab, indem wir ihn den Wahrnehmungen und Gedanken unterhalten, wie beim Siegeln mit dem Gepräge eines Ringes. Was sich nun abdrückt, dessen erinnern wir uns und wissen es, solange nämlich sein Abbild vorhanden ist. Hat sich aber dieses verlöscht oder hat es gar nicht abgedruckt werden können, so vergessen wir die Sache und wissen sie nicht.“[3]

Im Kontext wird erörtert, was taugliche Erkenntnis eigentlich sei. Die dabei gewonnenen Thesen werden am Ende von Sokrates sämtlich zurückgewiesen. Im Hintergrund steht die platonische Anamnesis-Lehre.

Auch bei Aristoteles, einem Schüler und Kritiker Platons in vielfacher Hinsicht, auch bezüglich dessen Erkenntnistheorie, findet man in seinem Buch Über die Seele („Περί Ψυχῆς“) einen Vergleich zwischen der Seele und einer Wachstafel:

„Insofern es (das Denken) mit seinem Gegenstand etwas gemein hat, scheint doch der eine Teil (des Denkens) tätig zu sein, der andere empfangend. Das folgt auch, wenn sie selbst (die denkende Seele) gedacht werden kann. […] die Vernunft [fällt] der Anlage nach mit ihren Gegenständen zusammen […], aber in Wirklichkeit mit keinem, bevor sie denkt. Man muß sich das vorstellen wie bei einer Tafel, auf der noch nichts wirklich geschrieben steht.“[4]

Auch bei den Stoikern findet sich der Vergleich der Seele mit einer Wachstafel.

Mittelalter

Im Mittelalter wird der Gedanke von mehreren Philosophen aufgegriffen, so von Albertus Magnus, Franciscus Mercurius van Helmont und Thomas von Aquin, Duns Scotus…

Bei Thomas von Aquin heißt es:[5]

“Intellectus autem humanus […] est in potentia respectu intelligibilium, et in principio est sicut tabula rasa in qua nihil est scriptum, ut philosophus dicit in III de anima. Quod manifeste apparet ex hoc, quod in principio sumus intelligentes solum in potentia, postmodum autem efficimur intelligentes in actu.”

„Der menschliche Intellekt aber ist in Potenz bezüglich des Intelligiblen und am Anfang ist er wie eine unbeschriebene Tafel, wie der Philosoph [Aristoteles] im 3. Buch von De anima sagt. Das wird daran offensichtlich, dass wir am Anfang nur der Möglichkeit, später aber der Wirklichkeit nach intelligent sind.“

Neuzeit

In der Neuzeit vertrat schon Pierre Gassendi, der „Stammvater des neuzeitlichen Empirismus“[6] und zeitgenössischer Gegenspieler von Descartes, eine Tabula-rasa-These.

Insbesondere John Locke (1632–1704) griff das Bild von der Seele/dem Verstand als tabula rasa auf und integrierte es in seine empiristische Erkenntnistheorie. Die Seele ist laut Locke bei der Geburt „ein unbeschriebenes Blatt“, im Verlauf des Lebens wird sie durch die Erfahrung geprägt.[7] Lockes materialistischer Sensualismus nutzte diese These gegen die Lehre von den angeborenen Ideen (ideae innatae), wobei er konkret an die idealistischen Philosophen der Cambridger Schule (Cambridger Platonismus: Henry More, Ralph Cudworth), aber auch an Herbert von Cherbury sowie Descartes und seine Anhänger wie überhaupt an die von Platon und der Stoa beeinflussten Philosophen dachte, die das Vorhandensein angeborener Begriffe und Prinzipien mit Nachdruck vertreten hatten. Vor allem Grundbegriffe der Mathematik und Logik wurden als angeborene Ideen betrachtet. Seit Locke wird der Ausdruck tabula rasa nur noch empiristisch aufgefasst.

Mit seinen Auffassungen vertiefte Locke den materialistischen Empirismus von Francis Bacon. Sie übten auf die philosophische Entwicklung des 18. und 19. Jahrhunderts einen bedeutenden Einfluss aus. Da aber die vornehmlich materialistischen Anschauungen Lockes sehr widersprüchliche Momente in sich bargen, konnten so verschiedene Philosophen wie George Berkeley und Denis Diderot an seinen Sensualismus anknüpfen.

Leibniz widersprach einer absoluten Tabula-rasa-Lehre. Nach ihm gilt (nur): Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen gewesen ist – außer der Verstand selbst, d. h. die angeborenen Ideen und Erkenntnisstrukturen.[8] Nach Leibniz gleicht der Verstand eines Neugeborenen „nicht einer leeren Wachstafel, sondern einem Stück Marmor, das Adern hat.“[9] Grundbegriffe und die Prinzipien der Widerspruchsfreiheit und der Satz vom zureichenden Grund liegen nach Leibniz als Dispositionen vor.

Ebenso widersprach Immanuel Kant der empiristischen Theorie; er hielt gewisse Vorstellungen (wie die Vorstellung des euklidischen Raumes oder die des Gottesbegriffes) für dem Menschen angeboren.

Psychologie

In der Neuzeit hat Sigmund Freud den Begriff des unbeschriebenen Blattes in seiner Abhandlung „Notiz über den Wunderblock“ (1925) in Bezug auf das System Wahrnehmung-Bewusstsein in Abgrenzung zum Unbewussten verwendet.[10]

Einige moderne Wissenschaftsdisziplinen haben die Vorstellung von der Tabula rasa in Frage gestellt. Kognitionswissenschaftler haben verschiedene angeborene Mechanismen identifiziert, die Voraussetzung für Lernen sind (z. B. einen Sinn für Objekte und Zahlen, eine Theory of Mind). Laut der Evolutionspsychologie gibt es eine Reihe von kulturellen, gesellschaftlichen, sprachlichen, verhaltensbezogenen und psychologischen Merkmalen, die sich in allen menschlichen Populationen finden. Zweitens können viele menschliche Charakteristika (z. B. Appetit, Rache, Attraktivität) nur als evolutionäre Anpassungen im Kontext der Jäger und Sammler verstanden werden. Die Neurowissenschaft hat gezeigt, dass das pränatale Gehirn komplexe Verschaltungen durchläuft, die genetisch gesteuert werden. Auch verträgt sich die Tabula rasa nicht mit der Erkenntnis der Verhaltensgenetik, dass alle Persönlichkeitseigenschaften teilweise erblich sind.[11]

Völkerrecht

Zum Tabula-rasa-Prinzip im Völkerrecht siehe Clean slate rule.

Literatur

  • Steven Pinker: Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur. Berlin-Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-8270-0509-4.

Einzelnachweise

  1. ↑ Duden online: tabula rasa
  2. ↑ a b Arnim Regenbogen, Uwe Meyer: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Meiner, Hamburg 2005, Stichwort tabula rasa.
  3. ↑ Platon: Theaitetos 191c (Übersetzung Friedrich Schleiermacher 1805)
  4. ↑ Aristoteles: De anima (Über die Seele) III 4, 429b29–430a2.
  5. ↑ Thomas von Aquin, Summa Theologiae I, q. 79 art. 2 corr
  6. ↑ Otfried Höffe: Kleine Geschichte der Philosophie. 2. Aufl., C.H. Beck, München 2008, S. 175.
  7. ↑ John Locke: Versuch über den menschlichen Verstand, 1690. Buch 2 Kap. 1 § 2: „(Alle Vorstellungen kommen von der sinnlichen und Selbst-Wahrnehmung.) Wir wollen also annehmen, die Seele sei, wie man sagt, ein weißes, unbeschriebenes Blatt Papier, ohne irgend welche Vorstellungen; wie wird sie nun damit versorgt?“ (Übersetzung Julius von Kirchmann 1872/73)
  8. ↑ Leibniz nach P. Kunzmann; F.-P. Burkard; F. Wiedemann, dtv-Atlas Philosophie, München, dtv, 13. Aufl. 2007, S. 113.
  9. ↑ Otfried Höffe: Kleine Geschichte der Philosophie. 2. Aufl., Beck, München 2008, S. 190.
  10. ↑ Sigmund Freud: Notiz über den »Wunderblock« textlog.de
  11. ↑ Steven Pinker: The Blank Slate (PDF; 262 kB), in: The General Psychologist, 2006, Vol. 41, Nr. 1, S. 1–8.