„Instinkt“ – Versionsunterschied
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[[in-]][[stinkt]] | [[in-]][[stinkt]] [[Sprachstufe::lat.-deu.]]<nowiki/>m. Gelehrtenmeinung gemäß ''[[Instinkttheorie]]'' | ||
* ‘angeborene Triebe und Verhaltensweisen’ (bei Tieren), | * ‘angeborene Triebe und Verhaltensweisen’ (bei Tieren), | ||
* übertragen ‘untrügliches Gefühl’ (bei Menschen). | * übertragen ‘untrügliches Gefühl’ (bei Menschen). | ||
* Lat. ''[[īnstīnctus]]'' ‘[[Anreizung]], [[Eingebung]], [[Antrieb]]’, | * Lat. ''[[īnstīnctus]]'' ‘[[Anreizung]], [[Eingebung]], [[Antrieb]]’, | ||
** mlat. [[instinctus naturae]] ‘Naturtrieb’ ([[Thomas von Aquin|Thomas v. Aquin]]) | ** mlat. [[instinctus naturae]] ‘Naturtrieb’ ([[Thomas von Aquin|Thomas v. Aquin]]) | ||
** wird im 18. Jh. entlehnt; | ** wird im 18. Jh. entlehnt; | ||
*** es ist Abstraktbildung zu lat. ''[[īnstinguere]]'' (īnstīnctum) ‘anstacheln, antreiben’. | *** es ist Abstraktbildung zu lat. ''[[īnstinguere]]'' (īnstīnctum) ‘anstacheln, antreiben’. | ||
<p>'''Instinkt''' (deutsch auch '''[[Naturtrieb]]''')<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-1 [1]]</sup><sup id="cite_ref-2" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-2 [2]]</sup> bezeichnet im Allgemeinen eine [[angeboren|angeborene]] innere Grundlage (den „Antrieb“) eines vom Beobachter wahrnehmbaren [https://de.wikipedia.org/wiki/Verhalten_(Biologie) Verhaltens] von Tieren.</p><p>Im engeren Sinne ist ''Instinkt'' ein historischer Fachbegriff der [https://de.wikipedia.org/wiki/Ethologie klassischen vergleichenden Verhaltensforschung] (Ethologie), der ein Verhalten bezeichnet, das durch [https://de.wikipedia.org/wiki/Schl%C3%BCsselreiz Schlüsselreize] über einen [https://de.wikipedia.org/wiki/Angeborener_Ausl%C3%B6semechanismus angeborenen Auslösemechanismus] (AAM) hervorgerufen werden kann und das sich in einer geordneten Abfolge von stets gleichförmigen [https://de.wikipedia.org/wiki/Instinktbewegung Instinktbewegungen] (bedeutungsgleich: in „erbkoordiniertem Verhalten“ oder „Erbkoordinationen“) äußert.<sup id="cite_ref-HerderLexikon85_3-0" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-HerderLexikon85-3 [3]]</sup> Die Untersuchung der Instinkte und die Erarbeitung einer [https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkttheorie Instinkttheorie] sah die seit den 1930er-Jahren aus der [https://de.wikipedia.org/wiki/Tierpsychologie Tierpsychologie] hervorgegangene, klassische vergleichende Verhaltensforschung als eines ihrer wesentlichen Forschungsziele an, während die Befürworter des [https://de.wikipedia.org/wiki/Behaviorismus Behaviorismus] die Suche nach inneren Ursachen für Verhaltensweisen grundsätzlich ablehnten.</p><p>Einige Autoren verweisen auf das Phänomen einer spontan – ohne äußeren Einfluss – ansteigenden [https://de.wikipedia.org/wiki/Handlungsbereitschaft Handlungsbereitschaft] als wesentliches Element eines Instinkts, was eine Nähe zur [https://de.wikipedia.org/wiki/Triebtheorie Triebtheorie] diverser psychologischer Schulen zur Folge hat.</p><p>Die Bezeichnung ''Instinkt'' wurde jedoch sowohl in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Verhaltensforschung Verhaltensforschung] als auch in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Psychologie Psychologie] nie eindeutig definiert, sondern von unterschiedlichen Autoren jeweils unterschiedlich verwendet. Bereits 1985 hieß es daher im ''Herder Lexikon der Biologie'', ''Instinkt'' sei ein „stets umstrittener Begriff“ gewesen, „in der wiss[enschaftlichen] Terminologie sollte das Wort I[nstinkt] vermieden werden.“<sup id="cite_ref-HerderLexikon85_3-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-HerderLexikon85-3 [3]]</sup></p> | |||
<sup class="reference"></sup> | |||
== <span id="Wortherkunft">Wortherkunft</span> == | |||
Die Bezeichnung ''Instinkt'' geht zurück auf das [https://de.wikipedia.org/wiki/Latein lateinische] Wort ''[[īnstīnctus]]'', das so viel bedeutet wie „Anreiz, Antrieb, Eingebung“. Es wurde im 18. Jahrhundert aus dem Begriff ''[[instinctae naturae]]'' (wörtlich: ''Naturtrieb'') abgeleitet.<p>Heute wird die Bezeichnung zudem umgangssprachlich oft im übertragenen Sinne für „ein sicheres Gefühl für etwas“ verwendet und bezeichnet Verhaltensweisen des Menschen, die ohne [https://de.wikipedia.org/wiki/Reflexion_(Philosophie) reflektierte] Kontrolle ablaufen. Das Adjektiv ''[[instinktiv]]'' bedeutet „vom Instinkt geleitet, trieb-, gefühlsmäßig“. Es wurde im 19. Jahrhundert dem französischen Wort ''instinctif'' nachgebildet.</p> | |||
== <span id="Definitionen_von_„Instinkt“">Definitionen von „Instinkt“</span> == | |||
<p>Seit dem [[Mittelalter]] wurden die Bezeichnungen ''Instinkt'', ''Trieb'', ''Impuls'' und andere mehr zwar benutzt, jedoch nicht genauer definiert. Instinkte wurden zunächst als göttliche Gabe betrachtet, deren genaue Analyse dem menschlichen Geist versagt bleibe, wobei auch Gedankengänge von Philosophen des antiken Griechenlands aufgegriffen wurden. Erst im 19. Jahrhundert, nach Fortschritten auf den Gebieten der [https://de.wikipedia.org/wiki/Anatomie Anatomie] und der [https://de.wikipedia.org/wiki/Neurologie Neurologie], wurde ein [[pragmatisch|pragmatischerer]] Zugang zum Phänomen des angeborenen Verhaltens möglich. So schrieb [https://de.wikipedia.org/wiki/William_James William James] 1887 über die Tiere:</p> | |||
:„Gottes Wohltätigkeit stattet sie vor allem mit einem Nervensystem aus; wenn man diesem seine Aufmerksamkeit schenkt, dann erscheinen die Instinkte plötzlich weder als wunderbarer noch als weniger wunderbar als alle anderen Tatsachen des Lebens.“<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-4 [4]]</sup> | |||
=== <span id="Hermann_Samuel_Reimarus">Hermann Samuel Reimarus</span> === | |||
<p>[https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Samuel_Reimarus Hermann Samuel Reimarus] hatte den Tieren im Jahr 1760 in seiner Schrift ''Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere, hauptsächlich über ihre Kunsttriebe. Zum Erkenntniss des Zusammenhanges der Welt, des Schöpfers und unser selbst'' anstelle von „Instinkten“ noch – jedoch gleich bedeutend – folgende „Triebe“ zugeschrieben: „mechanische Triebe der Thiere“, die vom Bau ihres Körpers abhängig seien; „Vorstellungstriebe“, geprägt durch Gewohnheiten, Zu- und Abneigungen; „willkürliche Triebe“, die der Selbsterhaltung dienten; und schließlich „Kunsttriebe“, die „zur Erhaltung jedes Thieres und seiner Art“ dienten.<sup id="cite_ref-5" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-5 [5]]</sup></p> | |||
=== <span id="Ernst_Heinrich_Weber">Ernst Heinrich Weber</span> === | |||
<p>Gelegentlich wurde die Bezeichnung ''Instinkt'' auch auf geistige, nicht-bewusste Vorgänge des Menschen angewandt, so beispielsweise 1846 von dem Physiologen und Anatom [https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Heinrich_Weber Ernst Heinrich Weber]:</p> | |||
:„Wenn man den Begriff des Instinktes allgemeiner fassen will, als es gewöhnlich geschieht, wenn man die unbekannte Ursache von einer jeden angeborenen zweckmäßigen Tätigkeit, zu der sich die Seele nicht selbst bestimmt, Instinkt nennen will, mag sich nun diese Tätigkeit auf die Bildung von Vorstellungen oder auf die Hervorbringung von Bewegungen beziehen, so kann man jene Seelenanlage auch als einen intellektuellen Instinkt bezeichnen.“<sup id="cite_ref-6" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-6 [6]]</sup> | |||
=== <span id="Charles_Darwin">Charles Darwin</span> === | |||
<p>[https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Darwin Charles Darwin] verstand unter [https://de.wikipedia.org/wiki/Instinktverhalten Instinktverhalten] zum einen Verhaltensweisen, die vollkommen ohne Erfahrung schon beim erstmaligen Ausführen beherrscht werden, zum anderen aber auch solche, die durch Erfahrung erworben wurden. In seinem Werk ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Ausdruck_der_Gem%C3%BCtsbewegungen_bei_dem_Menschen_und_den_Tieren Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren]'' beschreibt Darwin 1872 beispielsweise, dass Tiere durch das Aufrichten ihrer Haare ''„ihren Feinden gegenüber größer und furchtbarer aussehen“'', dabei eine drohende Stellung einnehmen und ''„dass ferner derartige Stellungen und Laute nach einer Zeit durch Gewohnheit instinktiv wurden“.''<sup id="cite_ref-7" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-7 [7]]</sup><sup id="cite_ref-8" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-8 [8]]</sup></p> | |||
=== <span id="Douglas_Alexander_Spalding">Douglas Alexander Spalding</span> === | |||
<p>[https://de.wikipedia.org/wiki/Douglas_Alexander_Spalding Douglas Alexander Spalding], der bereits 1873 das 60 Jahre später von [https://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Lorenz Konrad Lorenz] popularisierte Phänomen der [https://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4gung_(Verhalten) Prägung] untersucht hatte, beschrieb den Instinkt 1872 als „Inherited Association“ (''geerbte [https://de.wikipedia.org/wiki/Assoziation_(Psychologie) Assoziation]''), die „das Produkt der angehäuften Erfahrungen früherer Generationen“ sei (''the product of the accumulated erxperiences of past generations'').<sup id="cite_ref-9" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-9 [9]]</sup></p> | |||
=== <span id="William_James">William James</span> === | |||
<p>Der US-amerikanische Psychologe und Philosoph [https://de.wikipedia.org/wiki/William_James William James] verfasste 1872 eine auch heute noch hilfreiche Formulierung, der zufolge der Instinkt die Fähigkeit sei,</p> | |||
:„sich so zu verhalten, dass gewisse Ziele erreicht werden, ohne die Voraussicht dieser Ziele und ohne vorherige Erziehung oder Erfahrung“.<sup id="cite_ref-10" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-10 [10]]</sup> | |||
=== <span id="George_Romanes">George Romanes</span> === | |||
<p>Der britische Evolutionsbiologe [https://de.wikipedia.org/wiki/George_Romanes George Romanes] grenzte 1885 in seinem Buch ''Die geistige Entwicklung im Tierreich'' den Instinkt von den [https://de.wikipedia.org/wiki/Reflex Reflexen] ab, wobei der auf den Unterschied von ''Empfindung'' und ''Wahrnehmung'' abhob:</p> | |||
:„Instinkt ist Reflexthätigkeit, in die ein Bewusstseinselement hineingetragen ist. Der Ausdruck [gemeint ist: Instinkt] ist deshalb ein die Gattung betreffender, insofern er alle geistigen Fähigkeiten umfasst, welche bei einer der individuellen Erfahrung vorausgehenden bewussten und anpassenden Handlungen beteiligt waren, ohne notwendige Kenntnis der Beziehungen zwischen den angewandten Mitteln und dem erreichten Zwecke, aber ähnlich ausgeführt unter ähnlichen und häufig wiederkehrenden Umständen bei allen Individuen ein und derselben Art. Aus dieser Definition des Instinkts folgt, dass ein Reiz, welcher eine Reflexthätigkeit hervorruft, über eine Empfindung nicht hinausgeht; dagegen verursacht ein Reiz, der eine instinktive Thätigkeit zur Folge hat, eine Wahrnehmung.“<sup id="cite_ref-11" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-11 [11]]</sup> | |||
<p>George Romanes unterschied Empfindung und Wahrnehmung dahingehend, dass die Empfindungen durch das Bewusstsein klassifiziert und so zur Wahrnehmung veredelt werden: Wahrnehmung sei „Empfindung ''plus'' dem geistigen Inkredienz der Interpretation.“<sup id="cite_ref-12" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-12 [12]]</sup></p> | |||
=== <span id="Heinrich_Ernst_Ziegler">Heinrich Ernst Ziegler</span> === | |||
<p>Der deutsche Zoologe [https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Ernst_Ziegler Heinrich Ernst Ziegler] (1858–1925) unterstützte 1904 die [https://de.wikipedia.org/wiki/Reflexkettentheorie Reflexkettentheorie] und schrieb, dass „Reflexe und die Instinkte auf ererbten (kleronomen) Bahnen des Nervensystems beruhen“ und dass sich die Instinkte aus Reflexen „durch größere Komplikationen“ gebildet haben.<sup id="cite_ref-13" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-13 [13]]</sup></p> | |||
=== <span id="William_McDougall">William McDougall</span> === | |||
<p>[https://de.wikipedia.org/wiki/William_McDougall_(Psychologe) William McDougall] definierte ''Instinkt'' 1908 „als eine ererbte oder angeborene psychophysische Disposition“ und wies ihm drei Teilprozesse zu:<sup id="cite_ref-14" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-14 [14]]</sup></p> | |||
*einen [https://de.wikipedia.org/wiki/Kognition kognitiven] Teilprozess: Der Instinkt bestimme, wie Objekte einer bestimmten Klasse mittels der Sinne wahrgenommen werden und welche Aufmerksamkeit ihnen geschenkt wird. | |||
*einen [https://de.wikipedia.org/wiki/Affektivit%C3%A4t affektiven] Teilprozess: Der Instinkt bestimme im Falle der Wahrnehmung eines solchen Objekts, welche emotionale Erregung einer ganz bestimmten Qualität erlebt wird. | |||
*einen [https://de.wikipedia.org/wiki/Motivation motivationalen] Teilprozess: Der Instinkt bestimme, in welcher ganz bestimmten Weise in Bezug auf das Objekt gehandelt oder zumindest der Impuls zu einer solchen Handlung erlebt wird. | |||
<p>Jedem Instinkt ordnete McDougall zudem noch eine entsprechende Emotion zu (z. B. Fluchtinstinkt ↔ Furcht).</p><p>Bis in die 1930er Jahre hielten die [https://de.wikipedia.org/wiki/Vitalismus Vitalisten] die ''Instinkte'' einer naturwissenschaftlichen Forschung weder zugänglich noch bedürftig; „wir betrachten den Instinkt, aber wir erklären ihn nicht“, schreib [https://de.wikipedia.org/wiki/Johan_Bierens_de_Haan Johan Bierens de Haan] noch 1940.<sup id="cite_ref-15" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-15 [15]]</sup></p> | |||
=== <span id="Konrad_Lorenz">Konrad Lorenz</span> === | |||
<p>[https://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Lorenz Konrad Lorenz] schrieb 1950: „Als einen Instinkt oder Trieb bezeichnen wir ein im Ganzen spontan aktives System von Verhaltensweisen, das funktionell genügend einheitlich ist, um einen Namen zu verdienen.“<sup id="cite_ref-16" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-16 [16]]</sup> Die Instinkte wurden also auf physiologische Prozesse, letztlich hypothetisch auf Verschaltungen von Nervenzellen im Gehirn zurückgeführt, und sie wurden daher grundsätzlich einer naturwissenschaftlichen – experimentellen – Untersuchung zugänglich gemacht.</p> | |||
=== <span id="Nikolaas_Tinbergen">Nikolaas Tinbergen</span> === | |||
<p>[https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaas_Tinbergen Nikolaas Tinbergen] definierte 1951<sup id="cite_ref-17" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-17 [17]]</sup> Instinkt als einen [https://de.wikipedia.org/wiki/Hierarchie hierarchisch] organisierten Mechanismus im Nervensystem, der auf bestimmte innere und äußere, vorwarnende, auslösende und richtende Impulse anspricht und sie mit koordinierten, lebens- und [https://de.wikipedia.org/wiki/Art_(Biologie) arterhaltenden] Bewegungen beantwortet: also ein komplexes System aus [https://de.wikipedia.org/wiki/Schl%C3%BCsselreiz Schlüsselreizen], hierdurch verursachten inneren Zustandsänderungen (vgl. [https://de.wikipedia.org/wiki/Angeborener_Ausl%C3%B6semechanismus Angeborener Auslösemechanismus]) und nachfolgenden Instinktbewegungen.</p> | |||
== <span id="Anwendung_des_Instinktbegriffs_auf_den_Menschen">Anwendung des Instinktbegriffs auf den Menschen</span> == | |||
<p>Der US-amerikanische Soziologe und Sozialpsychologe [https://de.wikipedia.org/wiki/Luther_Lee_Bernard Luther Lee Bernard] stellte 1926 einen Katalog der in der Literatur gefundenen Instinkte zusammen und fand 5684 verschiedene Instinkte.<sup id="cite_ref-18" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-18 [18]]</sup></p><p>Der kanadische [https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialpsychologie Sozialpsychologe] [https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Klineberg Otto Klineberg] nannte 1954 drei Kriterien, die erfüllt sein müssen, um auch beim Menschen von Instinkt reden zu können:<sup id="cite_ref-19" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-19 [19]]</sup></p> | |||
#[https://de.wikipedia.org/wiki/Phylogenese Phylogenetische] Kontinuität: Das Verhalten muss bei unterschiedlichen [https://de.wikipedia.org/wiki/Art_(Biologie) Arten] zu beobachten sein, vor allem bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenaffen Menschenaffen]. | |||
#[https://de.wikipedia.org/wiki/Biochemie Biochemische] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Physiologie physiologische] Grundlagen: Das Verhalten muss im Organismus des Menschen eine [https://de.wikipedia.org/wiki/Einstellung_(Psychologie) Prädisposition] aufweisen, also dort verankert sein. | |||
#[https://de.wikipedia.org/wiki/Universalit%C3%A4t Universalität] des Verhaltens: Das Verhalten muss in allen Gesellschaften bzw. Kulturen vorzufinden sein. | |||
<p>In der Fachliteratur wird die Bezeichnung ''Instinkt'' heute allenfalls vorsichtig in Bezug auf den Menschen benutzt und zum Beispiel durch ''angeborenes Verhalten'' ersetzt. Das hat vor allem drei Gründe:<sup id="cite_ref-20" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-20 [20]]</sup></p> | |||
*Zum einen haben neuere Ergebnisse der [https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialisation Sozialisationsforschung] und der [https://de.wikipedia.org/wiki/Verhaltensbiologie Verhaltensbiologie] die „Naturhaftigkeit“ von Verhaltensweisen teilweise widerlegt. | |||
*Zum anderen werden Verhaltensweisen nur mit der ''Bezeichnung'' „Trieb“ oder „Instinkt“ belegt, ohne dass dies das Verhalten erklärt; die zu findende Erklärung wird vielmehr bloß vom beobachtbaren Verhalten auf das Instinkt-Konzept verschoben. Beispiel: Jemand flüchtet nach einem Unfall – man gehorcht dem ‚Fluchtinstinkt‘; oder man hilft – man gehorcht dem ‚Helferinstinkt‘. [https://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftstheorie Wissenschaftstheoretisch]spricht man hier von einer [https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Problemdopplung&action=edit&redlink=1 Problemdopplung]: Es ist nicht mehr nur das Verhalten zu erklären, sondern auch die als Instinkt bezeichnete hypothetische Ursache des Verhaltens. | |||
*Zusätzlich ist das hypothetische Phänomen ''Instinkt'' als Erklärungsgröße kaum zu widerlegen. Die Unmöglichkeit einer [https://de.wikipedia.org/wiki/Falsifikation Falsifikation] bedeutet jedoch, dass der [https://de.wikipedia.org/wiki/Informationsgehalt_(Wissenschaftstheorie) Informationsgehalt] der „Erklärung“ minimal ist. | |||
<p>Der deutsche Philosoph und Soziologe [https://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_Gehlen Arnold Gehlen] (1904–1976) hatte bereits 1940 eine erbliche „Instinktreduktion“ beim Menschen postuliert, den er allgemein als „[https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%A4ngelwesen Mängelwesen]“ sah.<sup id="cite_ref-21" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-21 [21]]</sup></p><p>Im ''Metzler Lexikon Philosophie'' schreibt Jörg Schmidt: „Bei Instinkten spielen die kognitiven Fähigkeiten eine untergeordnete Rolle, jedoch ist gegen die Meinung der [https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophische_Anthropologie philosophischen Anthropologie] kein Gegensatz zu den Vernunftstrukturen vorhanden.“<sup id="cite_ref-22" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt#cite_note-22 [22]]</sup></p> | |||
== <span id="Siehe_auch">Siehe auch</span> == | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Proximate_und_ultimate_Ursachen_von_Verhalten Proximate und ultimate Ursachen von Verhalten] | |||
== <span id="Weblinks">Weblinks</span> == | |||
<div class="sisterproject"><span class="noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span class="mw-default-size"><span title="Wiktionary">[[file:16px-Wiktfavicon_en.svg.png|16x16px]]</span></span></span>'''[https://de.wiktionary.org/wiki/Instinkt Wiktionary: Instinkt]''' – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen</div><div class="sisterproject"><div class="noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span class="mw-default-size"><span title="Wikiquote">[[file:13px-Wikiquote-logo.svg.png|13x16px]]</span></span></div>'''[https://de.wikiquote.org/wiki/Instinkt Wikiquote: Instinkt]''' – Zitate</div> | |||
*''Der Instinkt. Ein nachgelassaner Essay von Charles Darwin.'' In: [https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Georges_Romanes&action=edit&redlink=1 Georges Romanes]: ''Die geistige Entwicklung im Tierreich.'' Darwinistische Schriften, Zweite Folge, Band V, Anhang. Ernst Günthers Verlag, Leipzig 1887 ([https://archive.org/stream/darwin-online_1887_Entwicklung_A968/1887_Entwicklung_A968#page/n403/mode/2up Volltext bei archive.org]). | |||
== <span id="Einzelnachweise">Einzelnachweise</span> == | |||
#<span class="reference-text">Duden: [https://www.duden.de/rechtschreibung/Naturtrieb ''Naturtrieb'', abgerufen am 9. August 2016].</span> | |||
#<span class="reference-text">Eduard Teller: ''Wegweiser durch die drei Reiche der Natur für Lehrende und Lernende.'' Otto Spamer, Leipzig 1875, S. 384 f. („Alle Thiere haben einen Instinkt (Naturtrieb), d. h. einen angeborenen Trieb, das zu thun, was zu ihrer Erhaltung und Fortpflanzung nöthig ist. […]“).</span> | |||
#<span class="reference-text">''Lexikon der Biologie.'' Band 4. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 1985, S. 373, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/3451196441 ISBN 3-451-19644-1].</span> | |||
#<span class="reference-text">“God’s beneficence endows them, first of all, with a nervous system; and, turning our attention to this, makes instinct immediately appear neither more nor less wonderful than all the other facts of life.” William James: ''What is an Instinct?'' Scribner’s Magazine, Band 1, 1887, S. 356 ([http://www.brocku.ca/MeadProject/James/James_1887.html Volltext, englisch]).</span> | |||
#<span class="reference-text">Zitiert aus: [https://de.wikipedia.org/wiki/Ilse_Jahn Ilse Jahn] (Hrsg.): ''Geschichte der Biologie.'' 3. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, 2000, S. 252.</span> | |||
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Heinrich_Weber Ernst Heinrich Weber]: ''Der Tastsinn und das Gemeingefühl.'' In: [https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Wagner_(Mediziner) R. Wagner]: ''Handwörterbuch der Physiologie.'' Band 3.3. Vieweg, Braunschweig 1846, S. 481 ff., hier: S. 487 (Digitalisate: [http://books.google.de/books?id=hGJEAAAAcAAJ&pg=PA487 Google Books], [http://echo.mpiwg-berlin.mpg.de/ECHOdocuViewfull?pn=495&tocMode=thumbs&tocPN=1&url=/mpiwg/online/permanent/library/5KHCZ2KY/index.meta&viewMode=images&start=491&searchPN=1&mode=texttool&characterNormalization=reg Echo]).</span> | |||
#<span class="reference-text">Charles Darwin: ''Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren.'' Eichborn, Frankfurt am Main 2000 (Kritische Edition), S. 117; im Original: “such attitudes and utterances after a time becoming through habit instinctive.” Charles Darwin: ''The expression of the emotions in man and animals.'' 1st edition. John Murray, London 1872, S. 103 f. ([http://darwin-online.org.uk/content/frameset?itemID=F1142&viewtype=side&pageseq=1 online]).</span> | |||
#<span class="reference-text">Paul Lange: ''Die Lehre vom Instinkte bei Lotze und Darwin''. 1896 ([http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:061:1-92298 Digitalisat]).</span> | |||
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Douglas_Alexander_Spalding Douglas Alexander Spalding]: ''On instinct.'' In: ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Nature Nature].'' Band 6, Nr. 154, 1872, S. 485–486, [https://doi.org/10.1038/006485a0 doi:10.1038/006485a0].</span> | |||
#<span class="reference-text">Zitiert aus: ''Lexikon der Biologie'', Band 4, Freiburg 1985, S. 373.</span> | |||
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/George_Romanes George Romanes]: ''Die geistige Entwicklung im Tierreich.'' Darwinistische Schriften, Zweite Folge, Band V. Ernst Günthers Verlag, Leipzig 1887, S. 169, [https://archive.org/stream/darwin-online_1887_Entwicklung_A968/1887_Entwicklung_A968#page/n177/mode/2up Volltext bei archive.org].</span> | |||
#<span class="reference-text">George Romanes: ''Die geistige Entwicklung im Tierreich,'' S. 132.</span> | |||
#<span class="reference-text">Heinrich Ernst Ziegler: ''Der Begriff des Instinktes einst und jetzt. Eine Studie über die Geschichte und Grundlagen der Tierpsychologie.'' Jena 1904; hier zitiert aus: Ilse Jahn (Hrsg.): ''Geschichte der Biologie.'' 3. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, 2000, S. 587.</span> | |||
#<span class="reference-text">William McDougall: ''An Introduction to Social Psychology.'' 14. Auflage. Batoche Books, Kitchener (Ontario) 2001, S. 33 ([http://socserv.mcmaster.ca/econ/ugcm/3ll3/mcdougall/socialpsych.pdf Volltext, PDF]).</span> | |||
#<span class="reference-text">Zitiert aus: [https://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Lorenz Konrad Lorenz]: ''Vergleichende Verhaltensforschung. Grundlagen der Ethologie.'' Springer-Verlag, Wien und New York 1978, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783709130988 ISBN 978-3-7091-3098-8], S. 2.</span> | |||
#<span class="reference-text">Konrad Lorenz: ''Vergleichende Verhaltensforschung. Grundlagen der Ethologie,'' S. 175.</span> | |||
#<span class="reference-text">Nikolaas Tinbergen: ''The Study of Instinct.'' Oxford University Press, New York 1951.</span> | |||
#<span class="reference-text">L. L. Bernard: ''Instinct. A study in social psychology.'' Henry Holt, New York 1926.</span> | |||
#<span class="reference-text">Otto Klineberg: ''Social Psychology.'' New York 1954, S. 69.</span> | |||
#<span class="reference-text">Helmut E. Lück: ''Einführung in die Psychologie sozialer Prozesse. Kurseinheit 1-4.'' Fernuniversität, Hagen 2000 (= Kurs 03251).</span> | |||
#<span class="reference-text">Arnold Gehlen: ''Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt.'' 16. Auflage, Wiebelsheim 2014, S. 26, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783891047811 ISBN 978-3-89104-781-1] (Erstauflage 1940).</span> | |||
#<span class="reference-text"><span class="cite">[https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/instinkt/980 ''Instinkt.'']<span class="Abrufdatum"> Abgerufen am 24. April 2023</span>.</span></span> | |||
Aktuelle Version vom 8. Juni 2025, 06:42 Uhr
in-stinkt lat.-deu.m. Gelehrtenmeinung gemäß Instinkttheorie
- ‘angeborene Triebe und Verhaltensweisen’ (bei Tieren),
- übertragen ‘untrügliches Gefühl’ (bei Menschen).
- Lat. īnstīnctus ‘Anreizung, Eingebung, Antrieb’,
- mlat. instinctus naturae ‘Naturtrieb’ (Thomas v. Aquin)
- wird im 18. Jh. entlehnt;
- es ist Abstraktbildung zu lat. īnstinguere (īnstīnctum) ‘anstacheln, antreiben’.
Instinkt (deutsch auch Naturtrieb)[1][2] bezeichnet im Allgemeinen eine angeborene innere Grundlage (den „Antrieb“) eines vom Beobachter wahrnehmbaren Verhaltens von Tieren.
Im engeren Sinne ist Instinkt ein historischer Fachbegriff der klassischen vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie), der ein Verhalten bezeichnet, das durch Schlüsselreize über einen angeborenen Auslösemechanismus (AAM) hervorgerufen werden kann und das sich in einer geordneten Abfolge von stets gleichförmigen Instinktbewegungen (bedeutungsgleich: in „erbkoordiniertem Verhalten“ oder „Erbkoordinationen“) äußert.[3] Die Untersuchung der Instinkte und die Erarbeitung einer Instinkttheorie sah die seit den 1930er-Jahren aus der Tierpsychologie hervorgegangene, klassische vergleichende Verhaltensforschung als eines ihrer wesentlichen Forschungsziele an, während die Befürworter des Behaviorismus die Suche nach inneren Ursachen für Verhaltensweisen grundsätzlich ablehnten.
Einige Autoren verweisen auf das Phänomen einer spontan – ohne äußeren Einfluss – ansteigenden Handlungsbereitschaft als wesentliches Element eines Instinkts, was eine Nähe zur Triebtheorie diverser psychologischer Schulen zur Folge hat.
Die Bezeichnung Instinkt wurde jedoch sowohl in der Verhaltensforschung als auch in der Psychologie nie eindeutig definiert, sondern von unterschiedlichen Autoren jeweils unterschiedlich verwendet. Bereits 1985 hieß es daher im Herder Lexikon der Biologie, Instinkt sei ein „stets umstrittener Begriff“ gewesen, „in der wiss[enschaftlichen] Terminologie sollte das Wort I[nstinkt] vermieden werden.“[3]
Wortherkunft
Die Bezeichnung Instinkt geht zurück auf das lateinische Wort īnstīnctus, das so viel bedeutet wie „Anreiz, Antrieb, Eingebung“. Es wurde im 18. Jahrhundert aus dem Begriff instinctae naturae (wörtlich: Naturtrieb) abgeleitet.
Heute wird die Bezeichnung zudem umgangssprachlich oft im übertragenen Sinne für „ein sicheres Gefühl für etwas“ verwendet und bezeichnet Verhaltensweisen des Menschen, die ohne reflektierte Kontrolle ablaufen. Das Adjektiv instinktiv bedeutet „vom Instinkt geleitet, trieb-, gefühlsmäßig“. Es wurde im 19. Jahrhundert dem französischen Wort instinctif nachgebildet.
Definitionen von „Instinkt“
Seit dem Mittelalter wurden die Bezeichnungen Instinkt, Trieb, Impuls und andere mehr zwar benutzt, jedoch nicht genauer definiert. Instinkte wurden zunächst als göttliche Gabe betrachtet, deren genaue Analyse dem menschlichen Geist versagt bleibe, wobei auch Gedankengänge von Philosophen des antiken Griechenlands aufgegriffen wurden. Erst im 19. Jahrhundert, nach Fortschritten auf den Gebieten der Anatomie und der Neurologie, wurde ein pragmatischerer Zugang zum Phänomen des angeborenen Verhaltens möglich. So schrieb William James 1887 über die Tiere:
- „Gottes Wohltätigkeit stattet sie vor allem mit einem Nervensystem aus; wenn man diesem seine Aufmerksamkeit schenkt, dann erscheinen die Instinkte plötzlich weder als wunderbarer noch als weniger wunderbar als alle anderen Tatsachen des Lebens.“[4]
Hermann Samuel Reimarus
Hermann Samuel Reimarus hatte den Tieren im Jahr 1760 in seiner Schrift Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere, hauptsächlich über ihre Kunsttriebe. Zum Erkenntniss des Zusammenhanges der Welt, des Schöpfers und unser selbst anstelle von „Instinkten“ noch – jedoch gleich bedeutend – folgende „Triebe“ zugeschrieben: „mechanische Triebe der Thiere“, die vom Bau ihres Körpers abhängig seien; „Vorstellungstriebe“, geprägt durch Gewohnheiten, Zu- und Abneigungen; „willkürliche Triebe“, die der Selbsterhaltung dienten; und schließlich „Kunsttriebe“, die „zur Erhaltung jedes Thieres und seiner Art“ dienten.[5]
Ernst Heinrich Weber
Gelegentlich wurde die Bezeichnung Instinkt auch auf geistige, nicht-bewusste Vorgänge des Menschen angewandt, so beispielsweise 1846 von dem Physiologen und Anatom Ernst Heinrich Weber:
- „Wenn man den Begriff des Instinktes allgemeiner fassen will, als es gewöhnlich geschieht, wenn man die unbekannte Ursache von einer jeden angeborenen zweckmäßigen Tätigkeit, zu der sich die Seele nicht selbst bestimmt, Instinkt nennen will, mag sich nun diese Tätigkeit auf die Bildung von Vorstellungen oder auf die Hervorbringung von Bewegungen beziehen, so kann man jene Seelenanlage auch als einen intellektuellen Instinkt bezeichnen.“[6]
Charles Darwin
Charles Darwin verstand unter Instinktverhalten zum einen Verhaltensweisen, die vollkommen ohne Erfahrung schon beim erstmaligen Ausführen beherrscht werden, zum anderen aber auch solche, die durch Erfahrung erworben wurden. In seinem Werk Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren beschreibt Darwin 1872 beispielsweise, dass Tiere durch das Aufrichten ihrer Haare „ihren Feinden gegenüber größer und furchtbarer aussehen“, dabei eine drohende Stellung einnehmen und „dass ferner derartige Stellungen und Laute nach einer Zeit durch Gewohnheit instinktiv wurden“.[7][8]
Douglas Alexander Spalding
Douglas Alexander Spalding, der bereits 1873 das 60 Jahre später von Konrad Lorenz popularisierte Phänomen der Prägung untersucht hatte, beschrieb den Instinkt 1872 als „Inherited Association“ (geerbte Assoziation), die „das Produkt der angehäuften Erfahrungen früherer Generationen“ sei (the product of the accumulated erxperiences of past generations).[9]
William James
Der US-amerikanische Psychologe und Philosoph William James verfasste 1872 eine auch heute noch hilfreiche Formulierung, der zufolge der Instinkt die Fähigkeit sei,
- „sich so zu verhalten, dass gewisse Ziele erreicht werden, ohne die Voraussicht dieser Ziele und ohne vorherige Erziehung oder Erfahrung“.[10]
George Romanes
Der britische Evolutionsbiologe George Romanes grenzte 1885 in seinem Buch Die geistige Entwicklung im Tierreich den Instinkt von den Reflexen ab, wobei der auf den Unterschied von Empfindung und Wahrnehmung abhob:
- „Instinkt ist Reflexthätigkeit, in die ein Bewusstseinselement hineingetragen ist. Der Ausdruck [gemeint ist: Instinkt] ist deshalb ein die Gattung betreffender, insofern er alle geistigen Fähigkeiten umfasst, welche bei einer der individuellen Erfahrung vorausgehenden bewussten und anpassenden Handlungen beteiligt waren, ohne notwendige Kenntnis der Beziehungen zwischen den angewandten Mitteln und dem erreichten Zwecke, aber ähnlich ausgeführt unter ähnlichen und häufig wiederkehrenden Umständen bei allen Individuen ein und derselben Art. Aus dieser Definition des Instinkts folgt, dass ein Reiz, welcher eine Reflexthätigkeit hervorruft, über eine Empfindung nicht hinausgeht; dagegen verursacht ein Reiz, der eine instinktive Thätigkeit zur Folge hat, eine Wahrnehmung.“[11]
George Romanes unterschied Empfindung und Wahrnehmung dahingehend, dass die Empfindungen durch das Bewusstsein klassifiziert und so zur Wahrnehmung veredelt werden: Wahrnehmung sei „Empfindung plus dem geistigen Inkredienz der Interpretation.“[12]
Heinrich Ernst Ziegler
Der deutsche Zoologe Heinrich Ernst Ziegler (1858–1925) unterstützte 1904 die Reflexkettentheorie und schrieb, dass „Reflexe und die Instinkte auf ererbten (kleronomen) Bahnen des Nervensystems beruhen“ und dass sich die Instinkte aus Reflexen „durch größere Komplikationen“ gebildet haben.[13]
William McDougall
William McDougall definierte Instinkt 1908 „als eine ererbte oder angeborene psychophysische Disposition“ und wies ihm drei Teilprozesse zu:[14]
- einen kognitiven Teilprozess: Der Instinkt bestimme, wie Objekte einer bestimmten Klasse mittels der Sinne wahrgenommen werden und welche Aufmerksamkeit ihnen geschenkt wird.
- einen affektiven Teilprozess: Der Instinkt bestimme im Falle der Wahrnehmung eines solchen Objekts, welche emotionale Erregung einer ganz bestimmten Qualität erlebt wird.
- einen motivationalen Teilprozess: Der Instinkt bestimme, in welcher ganz bestimmten Weise in Bezug auf das Objekt gehandelt oder zumindest der Impuls zu einer solchen Handlung erlebt wird.
Jedem Instinkt ordnete McDougall zudem noch eine entsprechende Emotion zu (z. B. Fluchtinstinkt ↔ Furcht).
Bis in die 1930er Jahre hielten die Vitalisten die Instinkte einer naturwissenschaftlichen Forschung weder zugänglich noch bedürftig; „wir betrachten den Instinkt, aber wir erklären ihn nicht“, schreib Johan Bierens de Haan noch 1940.[15]
Konrad Lorenz
Konrad Lorenz schrieb 1950: „Als einen Instinkt oder Trieb bezeichnen wir ein im Ganzen spontan aktives System von Verhaltensweisen, das funktionell genügend einheitlich ist, um einen Namen zu verdienen.“[16] Die Instinkte wurden also auf physiologische Prozesse, letztlich hypothetisch auf Verschaltungen von Nervenzellen im Gehirn zurückgeführt, und sie wurden daher grundsätzlich einer naturwissenschaftlichen – experimentellen – Untersuchung zugänglich gemacht.
Nikolaas Tinbergen
Nikolaas Tinbergen definierte 1951[17] Instinkt als einen hierarchisch organisierten Mechanismus im Nervensystem, der auf bestimmte innere und äußere, vorwarnende, auslösende und richtende Impulse anspricht und sie mit koordinierten, lebens- und arterhaltenden Bewegungen beantwortet: also ein komplexes System aus Schlüsselreizen, hierdurch verursachten inneren Zustandsänderungen (vgl. Angeborener Auslösemechanismus) und nachfolgenden Instinktbewegungen.
Anwendung des Instinktbegriffs auf den Menschen
Der US-amerikanische Soziologe und Sozialpsychologe Luther Lee Bernard stellte 1926 einen Katalog der in der Literatur gefundenen Instinkte zusammen und fand 5684 verschiedene Instinkte.[18]
Der kanadische Sozialpsychologe Otto Klineberg nannte 1954 drei Kriterien, die erfüllt sein müssen, um auch beim Menschen von Instinkt reden zu können:[19]
- Phylogenetische Kontinuität: Das Verhalten muss bei unterschiedlichen Arten zu beobachten sein, vor allem bei Menschenaffen.
- Biochemische und physiologische Grundlagen: Das Verhalten muss im Organismus des Menschen eine Prädisposition aufweisen, also dort verankert sein.
- Universalität des Verhaltens: Das Verhalten muss in allen Gesellschaften bzw. Kulturen vorzufinden sein.
In der Fachliteratur wird die Bezeichnung Instinkt heute allenfalls vorsichtig in Bezug auf den Menschen benutzt und zum Beispiel durch angeborenes Verhalten ersetzt. Das hat vor allem drei Gründe:[20]
- Zum einen haben neuere Ergebnisse der Sozialisationsforschung und der Verhaltensbiologie die „Naturhaftigkeit“ von Verhaltensweisen teilweise widerlegt.
- Zum anderen werden Verhaltensweisen nur mit der Bezeichnung „Trieb“ oder „Instinkt“ belegt, ohne dass dies das Verhalten erklärt; die zu findende Erklärung wird vielmehr bloß vom beobachtbaren Verhalten auf das Instinkt-Konzept verschoben. Beispiel: Jemand flüchtet nach einem Unfall – man gehorcht dem ‚Fluchtinstinkt‘; oder man hilft – man gehorcht dem ‚Helferinstinkt‘. Wissenschaftstheoretischspricht man hier von einer Problemdopplung: Es ist nicht mehr nur das Verhalten zu erklären, sondern auch die als Instinkt bezeichnete hypothetische Ursache des Verhaltens.
- Zusätzlich ist das hypothetische Phänomen Instinkt als Erklärungsgröße kaum zu widerlegen. Die Unmöglichkeit einer Falsifikation bedeutet jedoch, dass der Informationsgehalt der „Erklärung“ minimal ist.
Der deutsche Philosoph und Soziologe Arnold Gehlen (1904–1976) hatte bereits 1940 eine erbliche „Instinktreduktion“ beim Menschen postuliert, den er allgemein als „Mängelwesen“ sah.[21]
Im Metzler Lexikon Philosophie schreibt Jörg Schmidt: „Bei Instinkten spielen die kognitiven Fähigkeiten eine untergeordnete Rolle, jedoch ist gegen die Meinung der philosophischen Anthropologie kein Gegensatz zu den Vernunftstrukturen vorhanden.“[22]
Siehe auch
Weblinks
- Der Instinkt. Ein nachgelassaner Essay von Charles Darwin. In: Georges Romanes: Die geistige Entwicklung im Tierreich. Darwinistische Schriften, Zweite Folge, Band V, Anhang. Ernst Günthers Verlag, Leipzig 1887 (Volltext bei archive.org).
Einzelnachweise
- Duden: Naturtrieb, abgerufen am 9. August 2016.
- Eduard Teller: Wegweiser durch die drei Reiche der Natur für Lehrende und Lernende. Otto Spamer, Leipzig 1875, S. 384 f. („Alle Thiere haben einen Instinkt (Naturtrieb), d. h. einen angeborenen Trieb, das zu thun, was zu ihrer Erhaltung und Fortpflanzung nöthig ist. […]“).
- Lexikon der Biologie. Band 4. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 1985, S. 373, ISBN 3-451-19644-1.
- “God’s beneficence endows them, first of all, with a nervous system; and, turning our attention to this, makes instinct immediately appear neither more nor less wonderful than all the other facts of life.” William James: What is an Instinct? Scribner’s Magazine, Band 1, 1887, S. 356 (Volltext, englisch).
- Zitiert aus: Ilse Jahn (Hrsg.): Geschichte der Biologie. 3. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, 2000, S. 252.
- Ernst Heinrich Weber: Der Tastsinn und das Gemeingefühl. In: R. Wagner: Handwörterbuch der Physiologie. Band 3.3. Vieweg, Braunschweig 1846, S. 481 ff., hier: S. 487 (Digitalisate: Google Books, Echo).
- Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren. Eichborn, Frankfurt am Main 2000 (Kritische Edition), S. 117; im Original: “such attitudes and utterances after a time becoming through habit instinctive.” Charles Darwin: The expression of the emotions in man and animals. 1st edition. John Murray, London 1872, S. 103 f. (online).
- Paul Lange: Die Lehre vom Instinkte bei Lotze und Darwin. 1896 (Digitalisat).
- Douglas Alexander Spalding: On instinct. In: Nature. Band 6, Nr. 154, 1872, S. 485–486, doi:10.1038/006485a0.
- Zitiert aus: Lexikon der Biologie, Band 4, Freiburg 1985, S. 373.
- George Romanes: Die geistige Entwicklung im Tierreich. Darwinistische Schriften, Zweite Folge, Band V. Ernst Günthers Verlag, Leipzig 1887, S. 169, Volltext bei archive.org.
- George Romanes: Die geistige Entwicklung im Tierreich, S. 132.
- Heinrich Ernst Ziegler: Der Begriff des Instinktes einst und jetzt. Eine Studie über die Geschichte und Grundlagen der Tierpsychologie. Jena 1904; hier zitiert aus: Ilse Jahn (Hrsg.): Geschichte der Biologie. 3. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, 2000, S. 587.
- William McDougall: An Introduction to Social Psychology. 14. Auflage. Batoche Books, Kitchener (Ontario) 2001, S. 33 (Volltext, PDF).
- Zitiert aus: Konrad Lorenz: Vergleichende Verhaltensforschung. Grundlagen der Ethologie. Springer-Verlag, Wien und New York 1978, ISBN 978-3-7091-3098-8, S. 2.
- Konrad Lorenz: Vergleichende Verhaltensforschung. Grundlagen der Ethologie, S. 175.
- Nikolaas Tinbergen: The Study of Instinct. Oxford University Press, New York 1951.
- L. L. Bernard: Instinct. A study in social psychology. Henry Holt, New York 1926.
- Otto Klineberg: Social Psychology. New York 1954, S. 69.
- Helmut E. Lück: Einführung in die Psychologie sozialer Prozesse. Kurseinheit 1-4. Fernuniversität, Hagen 2000 (= Kurs 03251).
- Arnold Gehlen: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. 16. Auflage, Wiebelsheim 2014, S. 26, ISBN 978-3-89104-781-1 (Erstauflage 1940).
- Instinkt. Abgerufen am 24. April 2023.