„Einfachheit“ – Versionsunterschied
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'''Einfachheit''', auch '''Schlichtheit''', ist ein Zustand, der sich dadurch auszeichnet, dass ''nur wenige'' Faktoren zu seinem Entstehen oder Bestehen beitragen, und dadurch, dass das Zusammenspiel dieser Faktoren durch nur wenige [https://de.wikipedia.org/wiki/Regel_(Richtlinie) Regeln] beschrieben werden kann. Damit ist Einfachheit das [https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenteil Gegenteil] von [https://de.wikipedia.org/wiki/Komplexit%C3%A4t Kompliziertheit]. In der wissenschaftlichen [https://de.wikipedia.org/wiki/Logik Logik] gilt das Prinzip, einen gegebenen Sachverhalt mit so wenigen Elementen wie möglich, somit unter möglichster Vermeidung unnötig komplexer [https://de.wikipedia.org/wiki/Kausalit%C3%A4t Kausalketten] zu erklären ([https://de.wikipedia.org/wiki/Ockhams_Rasiermesser Ockhams Rasiermesser]). Andererseits kann Vereinfachung auch zu falschen Auffassungen von Sachverhalten führen, weshalb sie auch manipulativ oder zu [https://de.wikipedia.org/wiki/Propagandatechniken Propagandazwecken] eingesetzt werden können. Vereinfachung kann auch [https://de.wikipedia.org/wiki/Didaktik didaktische] Gründe haben, um das Verständnis zu erleichtern. | |||
== <span id="Bewertung">Bewertung</span> == | |||
<p>Einfachheit kann sowohl positiv als auch negativ bewertet werden.</p><p>Einfachheit gilt als erstrebenswert, wenn mit wenigen Mitteln möglichst viel erreicht werden kann; siehe auch: [https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96konomisches_Prinzip Ökonomisches Prinzip]. Dann ist sie ein Synonym für [https://de.wikipedia.org/wiki/Minimalismus Minimalismus], [https://de.wikipedia.org/wiki/Klarheit_(Philosophie) Klarheit] oder Simplizität ([https://de.wikipedia.org/wiki/Weniger_ist_mehr Weniger ist mehr]). Antike [https://de.wikipedia.org/wiki/Vorsokratiker Naturphilosophen] forderten, dass eine wahre Theorie nicht nur schön (im Sinne einer logischen, in sich stimmigen Struktur) und gut (d. h. funktional und konkret umsetzbar) sein sollte, sondern auch einfach. Diese Ansicht vertrat auch [https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Einstein Albert Einstein].</p><p>In der Musikästhetik der [https://de.wikipedia.org/wiki/Vorklassik Vorklassik] avancierte Einfachheit zum Kompositionsideal, das den überladenen barocken Stil ablöste. Die achttaktige Periode wurde zur Basiseinheit des [https://de.wikipedia.org/wiki/Kontrapunkt kompositorischen Satzes]. Auch im [https://de.wikipedia.org/wiki/Lied Liedschaffen] wurde Einfachheit zum Ideal, das sich an einfach strukturierten [https://de.wikipedia.org/wiki/Volkslied Volksliedern] orientierte. Die [https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Einfachheit Neue Einfachheit] ist ein vager Sammelbegriff für Kompositionen seit den späten 1970er Jahren, die sich nicht mehr an der artifiziellen Komplexität von [https://de.wikipedia.org/wiki/Zw%C3%B6lftonmusik Zwölftonmusik], [https://de.wikipedia.org/wiki/Serialismus Serialismus] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Atonalit%C3%A4t Atonalität] orientieren.</p><p>Gemälde der [https://de.wikipedia.org/wiki/Moderne_Kunst modernen Kunst] zeichnen sich ebenso oft durch eine einfache Struktur aus. Hier gilt Einfachheit als [https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84sthetik ästhetisch] (z. B. Komposition aus großen, einfarbigen Quadraten bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Mark_Rothko Mark Rothko]).</p><p>Ferner streben viele moderne Menschen nach Einfachheit in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Lebensf%C3%BChrung Lebensführung], also z. B. beim Essen oder im Urlaub als Kontrast zum oft als unübersichtlich komplex empfundenen modernen Alltags- und Berufsleben.</p><p>Andererseits gilt Einfachheit als schlecht, wenn in einem bestimmten Bereich Komplexität das [https://de.wikipedia.org/wiki/Ideal_(Philosophie) Ideal] ist. So mag ein einfacher Mensch von anderen als uninteressant oder sogar [https://de.wikipedia.org/wiki/Dummheit dumm] empfunden werden.</p><p>In der Bildung gilt Einfachheit als notwendige Bedingung des Verständnisses, andererseits aber auch als Hindernis auf dem Weg zu einem angemessenen Verständnis.<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Einfachheit#cite_note-1 [1]]</sup></p> | |||
== <span id="Siehe_auch">Siehe auch</span> == | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Einfaches_Leben Einfaches Leben] | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Primitivit%C3%A4t Primitivität] | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Minimalismus Minimalismus] | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Trivialit%C3%A4t Trivialität] | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Simplify_your_life Simplify your life] | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Ockhams_Rasiermesser Ockhams Rasiermesser] | |||
== <span id="Literatur">Literatur</span> == | |||
*Claudia Schmölders: <cite>Simplizität, Naivetät, Einfalt – Studien zur ästhetischen Terminologie in Frankreich und in Deutschland, 1674 - 1771</cite>. 1974, [https://de.wikipedia.org/wiki/Uniform_Resource_Name urn]:[https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:11-100184000 nbn:de:kobv:11-100184000]. | |||
*Tyra Antonia Andersson: ''Einfachheit''. In: ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Erbe_und_Auftrag Erbe und Auftrag]'' 77 (2001), S. 506–512. | |||
== <span id="Weblinks">Weblinks</span> == | |||
<div class="sisterproject"><div class="noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span class="mw-default-size"><span title="Wikiquote">[[file:13px-Wikiquote-logo.svg.png|13x16px]]</span></span></div>'''[https://de.wikiquote.org/wiki/Einfachheit Wikiquote: Einfachheit]''' – Zitate</div><div class="sisterproject"><span class="noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span class="mw-default-size"><span title="Wiktionary">[[file:16px-Wiktfavicon_en.svg.png|16x16px]]</span></span></span>'''[https://de.wiktionary.org/wiki/Einfachheit Wiktionary: Einfachheit]''' – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen</div><div class="sisterproject"><span class="noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span class="mw-default-size"><span title="Wiktionary">[[file:16px-Wiktfavicon_en.svg.png|16x16px]]</span></span></span>'''[https://de.wiktionary.org/wiki/Schlichtheit Wiktionary: Schlichtheit]''' – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen</div> | |||
*Alan Baker: [https://plato.stanford.edu/entries/simplicity/ ''Simplicity.''] In: Edward N. Zalta (Hrsg.): ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Stanford_Encyclopedia_of_Philosophy Stanford Encyclopedia of Philosophy]''. | |||
*Simon Fitzpatrick: [https://iep.utm.edu/simplici/ ''Simplicity in the Philosophy of Science.''] In: J. Fieser, B. Dowden (Hrsg.): ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_Encyclopedia_of_Philosophy Internet Encyclopedia of Philosophy]''. | |||
Version vom 28. April 2024, 18:34 Uhr
einfach-heit f. ‘Schlichtheit, Unkompliziertheit, Leichtigkeit’ (Anfang 18. Jh.).
Einfachheit, auch Schlichtheit, ist ein Zustand, der sich dadurch auszeichnet, dass nur wenige Faktoren zu seinem Entstehen oder Bestehen beitragen, und dadurch, dass das Zusammenspiel dieser Faktoren durch nur wenige Regeln beschrieben werden kann. Damit ist Einfachheit das Gegenteil von Kompliziertheit. In der wissenschaftlichen Logik gilt das Prinzip, einen gegebenen Sachverhalt mit so wenigen Elementen wie möglich, somit unter möglichster Vermeidung unnötig komplexer Kausalketten zu erklären (Ockhams Rasiermesser). Andererseits kann Vereinfachung auch zu falschen Auffassungen von Sachverhalten führen, weshalb sie auch manipulativ oder zu Propagandazwecken eingesetzt werden können. Vereinfachung kann auch didaktische Gründe haben, um das Verständnis zu erleichtern.
Bewertung
Einfachheit kann sowohl positiv als auch negativ bewertet werden.
Einfachheit gilt als erstrebenswert, wenn mit wenigen Mitteln möglichst viel erreicht werden kann; siehe auch: Ökonomisches Prinzip. Dann ist sie ein Synonym für Minimalismus, Klarheit oder Simplizität (Weniger ist mehr). Antike Naturphilosophen forderten, dass eine wahre Theorie nicht nur schön (im Sinne einer logischen, in sich stimmigen Struktur) und gut (d. h. funktional und konkret umsetzbar) sein sollte, sondern auch einfach. Diese Ansicht vertrat auch Albert Einstein.
In der Musikästhetik der Vorklassik avancierte Einfachheit zum Kompositionsideal, das den überladenen barocken Stil ablöste. Die achttaktige Periode wurde zur Basiseinheit des kompositorischen Satzes. Auch im Liedschaffen wurde Einfachheit zum Ideal, das sich an einfach strukturierten Volksliedern orientierte. Die Neue Einfachheit ist ein vager Sammelbegriff für Kompositionen seit den späten 1970er Jahren, die sich nicht mehr an der artifiziellen Komplexität von Zwölftonmusik, Serialismus und Atonalität orientieren.
Gemälde der modernen Kunst zeichnen sich ebenso oft durch eine einfache Struktur aus. Hier gilt Einfachheit als ästhetisch (z. B. Komposition aus großen, einfarbigen Quadraten bei Mark Rothko).
Ferner streben viele moderne Menschen nach Einfachheit in der Lebensführung, also z. B. beim Essen oder im Urlaub als Kontrast zum oft als unübersichtlich komplex empfundenen modernen Alltags- und Berufsleben.
Andererseits gilt Einfachheit als schlecht, wenn in einem bestimmten Bereich Komplexität das Ideal ist. So mag ein einfacher Mensch von anderen als uninteressant oder sogar dumm empfunden werden.
In der Bildung gilt Einfachheit als notwendige Bedingung des Verständnisses, andererseits aber auch als Hindernis auf dem Weg zu einem angemessenen Verständnis.[1]
Siehe auch
Literatur
- Claudia Schmölders: Simplizität, Naivetät, Einfalt – Studien zur ästhetischen Terminologie in Frankreich und in Deutschland, 1674 - 1771. 1974, urn:nbn:de:kobv:11-100184000.
- Tyra Antonia Andersson: Einfachheit. In: Erbe und Auftrag 77 (2001), S. 506–512.
Weblinks
- Alan Baker: Simplicity. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy.
- Simon Fitzpatrick: Simplicity in the Philosophy of Science. In: J. Fieser, B. Dowden (Hrsg.): Internet Encyclopedia of Philosophy.