▷ Begier-de f. ‘heftiges, leidenschaftliches (sinnliches)
Verlangen’.
- Während
- ahd. girida (um 800),
- mhd.girde
- Abstraktbildungen zum Adjektiv ahd. ger, giri (s. Gier, gieren) sind,
- gehört das Abstraktum mhd. begirde zum Verb mhd. begern, begirn, nhd. begehren (s. d.).
- Verkürztes mhd. begir steht dagegen unter dem Einfluß von mhd. gir, nhd. Gier.
Begierde
Begierde (selten auch
Begier) ist ein zwischen unwillkürlichem Streben und bewusstem
Willen liegendes
Trieberlebnis.
[1]
Etymologie
Das Wort „Begierde“ ist ein vom
Adjektiv „
gierig“ abgeleitetes
Abstraktum (Adjektivabstraktum).
[2] Das
Substantiv „
Gier“ stammt aus der indogermanischen Wurzel *
ghi; das alte Adjektiv
ger – noch enthalten im Wort
begehren – ist verdrängt durch
gierig, althochdeutsch
girīg. Erhalten geblieben ist auch das schwache Zeitwort
gieren im Sinne von „gierig verlangen“.
[3]
Begriffsinhalte
Begierde (oft gleichgesetzt dem Begehren) bezeichnet den seelischen Antrieb zur Behebung eines subjektiven Mangelerlebens mit einem damit verbundenen Aneignungswunsch eines Gegenstandes oder Zustandes, welcher geeignet erscheint, diesen Mangel zu beheben.
Richtungsgebend für den seelischen Antrieb sind beim Begehren mehr die damit verbundenen geistigen Faktoren (Emotionen, Phantasie, Wünscheoder Ausgleich der dazugehörigen Bedürfnisse), bei der Begierde dagegen mehr die körperlichen (Triebe, Schmerz, Sucht, Hunger, Durst, Libidooder Ausgleich der dazugehörigen Bedürfnisse).
Die Bezeichnung Begierde wird in Sprache, Dichtung und Literatur häufig eingeengt auf die Sexualität verwendet, während Begehren – unter anderem durch die Begriffsprägung Jacques Lacans (désir) – vor allem in den Wortschatz der Wissenschaft wie der Psychoanalyse und der feministischen Philosophie (etwa Judith Butler) Eingang gefunden hat.
Gabriel Tarde hat das Begehren zu einem Ausgangspunkt soziologischer Theorie genutzt.[4]
Viele Religionen und philosophische Strömungen propagieren, dass das Nichtverfolgen von Begierden zum Glück führt, darunter viele Philosophien aus Ostasien (etwa der Zen-Buddhismus) und dem antiken Griechenland (etwa Kynismus und Stoa). Askese und „einfaches Leben“ sind Lebensstile, für die dieses Prinzip zentral ist.
Siehe auch
Literatur
- Christian Borch, Urs Stäheli (Hrsg.): Soziologie der Nachahmung und des Begehrens: Materialien zu Gabriel Tarde. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2009, ISBN 978-3-518-29482-6.
- Franz X. Eder: Kultur der Begierde: Eine Geschichte der Sexualität. 2., erweiterte Auflage. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-57738-3(Erstauflage 2002).
- Carolin Emcke: Wie wir begehren. Fischer, Frankfurt/M. 2012, ISBN 978-3-10-017018-7.
- Thomas Gebel: Krise des Begehrens: Theorien zu Sexualität und Geschlechterbeziehungen im späten 20. Jahrhundert. Kovac, Hamburg 2002, ISBN 3-8300-0501-6.
- J. D. Vincent: Biologie des Begehrens. Reinbek 1996.
Weblinks
Einzelnachweise
- Georgi Schischkoff (Hrsg.): Wörterbuch der Philosophie. 22. Auflage. Kröner, Stuttgart 1991: Lemma Begierde.
- Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. De Gruyter, Berlin/New York 1975, Lemma Begierde.
- Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. De Gruyter, Berlin/New York 1975, Lemma Gier.
- Christian Borch, Urs Stäheli: Tardes Soziologie der Nachahmung und des Begehrens. In: Dieselben (Hrsg.): Soziologie der Nachahmung und des Begehrens: Materialien zu Gabriel Tarde. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2009, ISBN 978-3-518-29482-6, S. 7–38.