▷ ◀▶Die Frage nach der Natur der Gerechtigkeit ist seit der griechischen
Antike Gegenstand philosophischer Erörterungen. Frühe Erklärungen griffen dabei auf
metaphysische Begründungen zurück. So wurde Gerechtigkeit als eine in der Natur vorhandene Ordnung oder als göttlichen Ursprungs verstanden. Dabei wurde Gerechtigkeit zunächst nicht vorrangig an kodifiziertem Recht gemessen, sondern als Ausdruck einer persönlichen Lebenshaltung betrachtet. Sowohl
Sokrates und
Platon als auch
Aristoteles sahen das
Glück als den höchsten anzustrebenden
Wert an. Gerechtigkeit war für sie die oberste
Tugend, um diese Glückseligkeit zu erreichen. Gerechtigkeit war so eine grundlegende
Charaktereigenschaft.
In der römischen Gesellschaft bildeten sich allmählich die kodifizierten Rechtsvorschriften stärker aus. Gerechtigkeit wurde zwar immer noch mit einer persönlichen Haltung verbunden, war aber zum Beispiel bei
Cicero schon stärker an der gesellschaftlichen Ordnung orientiert. So beginnt die Rechtssammlung des Kaisers
Justinian I. (527–565), das
Corpus Juris Civilis, mit der Definition des Rechts aus allgemeinen Prinzipien:
„Die Vorschriften des Rechts sind diese: ehrenhaft leben, den anderen nicht verletzen, jedem das Seine gewähren.“[1]
Im
Alten Testament wird die Gerechtigkeit als
Ideal dargestellt, das zwar unerreichbar bleibt, um das sich der Mensch aber trotzdem bemühen soll: „Der Gerechtigkeit und nur der Gerechtigkeit sollst du nachjagen, damit du leben wirst.“ (
Dt 16,20
EU)
Beginnend in der Spätantike und bis ins späte Mittelalter reichend dominierten in der Folge christliche Vorstellungen die Debatte. Die Gerechtigkeit Gottes hatte Vorrang und daraus folgend konnte der Mensch Gerechtigkeit nur durch die Gnade Gottes erlangen.
Mit der Neuzeit kam es schrittweise zu der Lösung von der Vorstellung einer gottgegebenen Ordnung. Gerechtigkeit wurde bei Thomas Hobbes als notwendiges Prinzip aus der Natur der Menschen begründet. In der Folge der neuen Weltsicht entstanden von Hobbes über John Locke bis zu Jean-Jacques Rousseau verschiedene Konzepte des Gesellschaftsvertrages, die auch die neuen Gesellschaftsordnungen wie die Verfassung der Vereinigten Staaten prägten.
Einen weiteren Schritt vollzogen der Empirist David Hume und Immanuel Kant, die auf die Unmöglichkeit einer Verknüpfung des Seins mit dem Sollen (Humes Gesetz) verwiesen. Kant wies das Naturrecht als metaphysisch zurück und entwickelte die Idee des Vernunftrechts. Anknüpfend an Hume entstand im englischsprachigen Raum der Utilitarismus als dominierendes ethisches Prinzip, das die allgemeine Wohlfahrt (den gesamtgesellschaftlichen Nutzen) in den Mittelpunkt der Werte stellte und die Gerechtigkeit auf die Ebene einer Rahmenbedingung verwies.
Die Erkenntnis, dass Gerechtigkeit nicht aus einem höheren Prinzip abzuleiten ist, führte zu einer Kritik an den bürgerlich-liberalen Gerechtigkeitsauffassungen, die von Karl Marx über Friedrich Nietzsche, Walter Benjamin bis hin zu Jacques Derrida reicht.
Ein neuer Ansatz in der Diskussion entstand mit der Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls, die allgemeine Prinzipien für die gerechte Gestaltung der Gesellschaft in der Fortentwicklung kantischer Vorstellungen bietet. Auch die Diskursethik von Jürgen Habermas liefert Ansatzpunkte, Gerechtigkeitsfragen rational zu lösen. Einen Weg weg von der alleinigen Dominanz ökonomischer Kriterien weist Amartya Sen, der den sehr verschiedenen Bedürfnissen der Menschen mit dem Prinzip der Teilhabe in seinem Befähigungsansatz Rechnung trägt und vor allem in sein Konzept auch das Problem der internationalen Gerechtigkeit aufnimmt.
Einzelnachweise
- ↑ „Juris praecepta sunt haec: honeste vivere, alterum non laedere, suum cuique tribure“, Digesten 1, 1, 10, Höffe, Gerechtigkeit, 49.
▷ == Literatur ==
Philosophiebibliographie: Gerechtigkeit – Zusätzliche Literaturhinweise zum Thema
Klassiker (historisch geordnet)
- Platon: Politeia, Insel, Frankfurt/Main 1991, ISBN 3-458-33105-0
- Aristoteles: Nikomachische Ethik , dtv, 7. Aufl. München 2006, ISBN 978-3-423-30126-8 online
- Epikur: Philosophie der Freude. Briefe. Hauptlehrsätze. Spruchsammlung. Fragmente, Insel, 10. Aufl. Frankfurt 2004, ISBN 978-3-458-32757-8
- Cicero: Vom pflichtgemäßen Handeln (De officiis). Reclam, Stuttgart 1992, ISBN 978-3-15-001889-7
- Augustinus: Vom Gottesstaat. Buch 1-10. Dtv. 1997, ISBN 3-423-30123-6
- Thomas von Aquin: Über sittliches Handeln. Summa theologiae I-II q. 18-21. Reclam, Stuttgart 2001, ISBN 978-3-15-018162-1
- Thomas Hobbes: Leviathan , übers. von Jutta Schlösser, hrsg. v. Hermann Klenner. Meiner, Hamburg 1996, ISBN 978-3-7873-1303-7
- John Locke: Zwei Abhandlungen über die Regierung, übers. von Hans Jörn Hoffmann, hrsg. und eingeleitet von Walter Euchner. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1977, ISBN 3-518-27813-4
- David Hume: Über Moral. Kommentiert von Herlinde Pauer-Studer. Suhrkamp, Frankfurt 2007, ISBN 978-3-518-27006-6
- Jean-Jacques Rousseau: Über Ungleichheit, übersetzt und kommentiert von Heinrich Meier. Schöningh, Paderborn, 5. Aufl. 2001, ISBN 978-3-8252-0725-0
- Immanuel Kant: Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre. Meiner, Hamburg 1998, ISBN 978-3-7873-1360-0
- John Stuart Mill: Der Utilitarismus. 5. Kapitel. Reclam, Ditzingen 1976, ISBN 3-15-009821-1
- Walter Benjamin, Zur Kritik der Gewalt. (1921), Suhrkamp, 10. Aufl. Frankfurt 1965, ISBN 978-3-518-10103-2
- Josef Pieper: Über die Tugenden. Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß. Kösel, München 2004, ISBN 978-3-466-40172-7 (enthält die Schriften „Vom Sinn der Tapferkeit“ (1935), „Traktat über die Klugheit“ (1937), „Zucht und Maß“ (1939) „Über die Gerechtigkeit“ (1953))
- Hans Kelsen: Was ist Gerechtigkeit?, Reclam, Stuttgart 2000 (Erstausgabe: Verlag Franz Deuticke, Wien 1953). ISBN 3-15-018076-7.
- Gustav Radbruch: Rechtsphilosophie, Nachdruck der dritten Auflage 1932, mit ergänzenden Aufsätzen und einer Einführung von Ralf Dreier und Stanley L. Paulson, Müller, 2. Aufl. Heidelberg 2003, ISBN 3-8252-2043-5
- H.L.A. Hart: Der Begriff des Rechts. Suhrkamp, Frankfurt 1973, ISBN 3-518-06379-0
- John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt am Main 1975 (Original: A Theory of Justice, 1971)
- Robert Nozick: Anarchie, Staat, Utopia. mvg, München 1976 (Original: Anarchy, State, and Utopia. 1974; Neuauflage Olzog 2006, ISBN 978-3-7892-8098-6)
- David Gauthier: Morals by Agreement. Oxford University Press, Oxford 1986
- Jacques Derrida: Gesetzeskraft. Der „mystische Grund der Autorität“. Suhrkamp, Frankfurt 1991
- Jürgen Habermas: Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaates. Suhrkamp, Frankfurt 1992, ISBN 3-518-28961-6
- Alasdair MacIntyre: Der Verlust der Tugend. Suhrkamp, Frankfurt 1995, ISBN 3-518-28793-1
- Otfried Höffe: Politische Gerechtigkeit. Grundlegung einer kritischen Philosophie von Recht und Staat. Suhrkamp, 4. Aufl. Frankfurt 2003, ISBN 978-3-518-28400-1
- Michael Walzer: Sphären der Gerechtigkeit. Ein Plädoyer für Pluralität und Gleichheit. Campus Verlag, Frankfurt / New York 2006, ISBN 3-593-38035-8
- Reinhold Zippelius: Rechtsphilosophie, 6., neubearbeitete Auflage, C.H. Beck, München, 2011, ISBN 978-3-406-61191-9.
Kommentierte Textsammlungen
- Norbert Hoerster (Hrsg.): Recht und Moral. Texte zur Rechtsphilosophie, Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 3-15-008389-3
- Christoph Horn und Nico Scarano (Hrsg.): Philosophie der Gerechtigkeit. Texte von der Antike bis zur Gegenwart, Suhrkamp, Frankfurt 2002, ISBN 3-518-29163-7
- Angelika Krebs (Hrsg.): Gerechtigkeit oder Gleichheit. Texte der neuen Egalitarismuskritik, Suhrkamp, Frankfurt 2. Aufl. 2002, ISBN 978-3-518-29095-8
- Dietmar von der Pfordten: Rechtsphilosophie, Alber, München 2002, ISBN 3-495-48012-9
Einführungen
- Norbert Blüm: Gerechtigkeit. Eine Kritik des Homo oeconomicus. Herder, Freiburg, 2. Aufl. 2006, ISBN 978-3-451-05789-2
- Otfried Höffe: Gerechtigkeit. Eine philosophische Einführung. Beck, 2. Aufl. München 2004, ISBN 3-406-44768-6
- Bernd Ladwig: Gerechtigkeitstheorien zur Einführung. Junius, Hamburg 2011, ISBN 978-3-88506-693-4
- Thomas Ebert: Soziale Gerechtigkeit. Ideen, Geschichte, Kontroversen (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 1088), Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2010, ISBN 978-3-8389-0088-9. FAZ-Rezension (PDF)
- Gisbert Roloff, Barbara Zoeke (Hrsg.): 10× Gerechtigkeit. Unterwegs mit Sisyphos. Pabst Science, Lengerich u. a. 2007, ISBN 978-3-89967-348-7(Aufsatzsammlung).
- Uwe Wesel: Recht, Unrecht, Gerechtigkeit. Von der Weimarer Republik bis heute. Beck, München 2003, ISBN 978-3-406-50354-2
Vertiefung
- Michel Balinski: Die Mathematik der Gerechtigkeit. In: Spektrum der Wissenschaft, März 2004, S. 90–97, ISSN 0170-2971
- Felix Ekardt: Das Prinzip Nachhaltigkeit. Generationengerechtigkeit und globale Gerechtigkeit. Beck, München, ISBN 978-3-406-52798-2
- Arthur Kaufmann, Winfried Hassemer und Ulfried Neumann (Hrsg.): Einführung in die Rechtsphilosophie und die Rechtstheorie der Gegenwart. 7. Auflage. Müller (utb), Heidelberg 2004, ISBN 3-8252-0593-2
- Jürgen Maes, Manfred Schmitt: Gerechtigkeit und Gerechtigkeitspsychologie. In: Gert Sommer, Albert Fuchs (Hrsg.): Krieg und Frieden. Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie. Beltz Verlag, Weinheim / Basel / Berlin 2004, S. 182–194 (mit Literaturübersicht zur Gerechtigkeitspsychologie) ISBN 3-621-27536-3
- Thomas Pogge: Gerechtigkeit in der Einen Welt (= Kultur in der Diskussion, Band 15). Klartext Verlag, Essen 2009, ISBN 978-3-8375-0153-7
- John Rawls: Gerechtigkeit als Fairneß. ein Neuentwurf. 2. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt 2007, ISBN 978-3-518-29404-8
- Jörg Reitzig: Gesellschaftsvertrag, Gerechtigkeit, Arbeit. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2005, ISBN 3-89691-611-4
- Judith N. Shklar: Über Ungerechtigkeit. Erkundungen zu einem moralischen Gefühl. Rotbuch, Berlin 1992, ISBN 3-88022-780-2
Weblinks
Wikiquote: Gerechtigkeit – Zitate
Wikiversity: Projekt:Praxen der Gerechtigkeit – Kursmaterialien