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„Universalgrammatik“ – Versionsunterschied

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Die '''Universalgrammatik''' (UG) ist eine in manchen Theorien der [[Linguistik]] zugrundegelegte Annahme, wonach alle (menschlichen) [[Sprachen]] gemeinsamen grammatischen Prinzipien folgen und diese Prinzipien allen Menschen [https://de.wikipedia.org/wiki/Angeboren angeboren] seien. [[Noam Chomsky]] ist einer der Begründer und berühmtesten Vertreter dieser Version einer Universalgrammatik. Die Bezeichnung Universalgrammatik ist daher ein feststehender Begriff in der Schule der [[generative Grammatik|generativen Grammatik]] und wird in anderen Traditionslinien, die sich mit [[Sprachuniversalien]] beschäftigen, etwa der [[Sprachtypologie]], eher nicht verwendet.<p>Im Rahmen der generativen Grammatik ging man lange Zeit davon aus, dass die Universalgrammatik lediglich aus einer Reihe von Regeln bestehe, die es Kindern ermöglichten, während des Spracherwerbs anhand des ihnen zur Verfügung stehenden sprachlichen Inputs Hypothesen über mögliche zugrunde liegende Grammatiken zu entwerfen und diese zu evaluieren (siehe auch [https://de.wikipedia.org/wiki/Language_Acquisition_Device Language Acquisition Device]). Diese Sichtweise wurde aber im Zuge der Entwicklung der sogenannten [https://de.wikipedia.org/wiki/Rektions-_und_Bindungstheorie Prinzipien-und-Parameter-Theorie]<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Universalgrammatik#cite_note-1 [1]]</sup> aufgegeben; deren Grundannahme ist im Wesentlichen, dass allen natürlichen Sprachen dasselbe grammatische System zugrunde liege. Im Spracherwerb müssen so nicht mehr die in einer Sprache enthaltenen grammatischen Prinzipien selbst erlernt werden (denn die sind immer gleich und das Wissen darüber ist angeboren), sondern es muss nur noch die Ausprägung bestimmter sprachlicher ''Parameter'' (z.&nbsp;B. ''Head-first'' versus ''Head-last'') erkannt werden. Darüber hinaus wurde vorgeschlagen, dass sprachliche Variation komplett auf das [https://de.wikipedia.org/wiki/Lexik Lexikon] beschränkt sei – grammatische Parameter betreffen also nur die Eigenschaften funktionaler lexikalischer Elemente, und Spracherwerb insgesamt kann auf Lexikonerwerb reduziert werden.<sup id="cite_ref-2" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Universalgrammatik#cite_note-2 [2]]</sup> Chomsky spricht nun auch davon, dass der Kern der menschlichen Sprachfähigkeit nur die [https://de.wikipedia.org/wiki/Rekursion Rekursivität] enthalte, da dies die einzige (mit Sprache verbundene) Fähigkeit sei, die nur der Mensch besitze (Sprachfähigkeit im engeren Sinne). Die Sprachfähigkeit im weiteren Sinne umfasst dann z.&nbsp;B. das sensorisch-motorische System, das unter anderem den [https://de.wikipedia.org/wiki/Artikulation_(Linguistik) Sprechapparat] umfasst.<sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Universalgrammatik#cite_note-3 [3]]</sup></p><p>Von grundlegender Bedeutung ist die Universalgrammatik in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Optimalit%C3%A4tstheorie Optimalitätstheorie]. Alle dort postulierten Beschränkungen sind als Teil der Universalgrammatik zu betrachten. Sprachliche Unterschiede ergeben sich per Annahme aus der [https://de.wikipedia.org/wiki/Gewichtung Gewichtung] der einzelnen Beschränkungen.</p><p>Die Neuropsychologin [https://de.wikipedia.org/wiki/Angela_D._Friederici Angela Friederici] hat 2018 erste empirische Hinweise für das Vorhandensein eines Organs vorgelegt, das für die Universalgrammatik zuständig ist. Dabei handle es sich um ein Faserbündel im Gehirn zwischen dem [https://de.wikipedia.org/wiki/Broca-Areal Broca-Areal] und dem [https://de.wikipedia.org/wiki/Wernicke-Zentrum Wernicke-Areal].<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Universalgrammatik#cite_note-4 [4]]</sup></p>
__NOTOC__
== <span id="Kritik">Kritik</span> ==
Die '''Universalgrammatik''' (UG) ist eine in manchen Theorien der [[Sprachwissenschaft|Linguistik]] zugrundegelegte Annahme, wonach alle (menschlichen) [[Sprache]]n gemeinsamen grammatischen Prinzipien folgen und diese Prinzipien allen Menschen [[angeboren]] seien. [[Noam Chomsky]] ist einer der Begründer und berühmtesten Vertreter dieser Version einer Universalgrammatik. Die Bezeichnung Universalgrammatik ist daher ein feststehender Begriff in der Schule der [[Generative Grammatik|generativen Grammatik]] und wird in anderen Traditionslinien, die sich mit [[Sprachuniversalien]] beschäftigen, etwa der [[Sprachtypologie]], eher nicht verwendet.
<p>Kritik am Konzept der Universalgrammatik kommt u.&nbsp;a. von [https://de.wikipedia.org/wiki/Behaviorismus behavioristischer] Seite. Strittig ist dabei nicht, ob sprachliches Verhalten sowohl [https://de.wikipedia.org/wiki/Ontogenese ontogenetische] als auch [https://de.wikipedia.org/wiki/Phylogenese phylogenetische] Voraussetzungen hat, sondern ob es einen angeborenen Mechanismus geben muss, der die Anordnung elementaren [https://de.wikipedia.org/wiki/Verbal_Behavior sprachlichen Verhaltens] beschränkt. Alle Argumente, die für eine angeborene Grammatik ins Feld geführt würden, bestätigten lediglich, dass die Fähigkeit zu sprechen für das Individuum nützlich (das heißt ein Überlebensvorteil) ist. Sie rechtfertigten nicht eine Universalgrammatik und sie erklärten nicht, warum ein Organismus ohne diese einen Nachteil im Kampf ums Überleben hätte.<sup id="cite_ref-PAL1_5-0" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Universalgrammatik#cite_note-PAL1-5 [5]]</sup><sup id="cite_ref-PAL2_6-0" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Universalgrammatik#cite_note-PAL2-6 [6]]</sup> Zudem scheinen auch Tiere ([https://de.wikipedia.org/wiki/Star_(Art) Stare]) über Fähigkeiten zu verfügen, die bislang als universelles Merkmal nur menschlichen Sprachvermögens galten.<sup id="cite_ref-GEN_7-0" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Universalgrammatik#cite_note-GEN-7 [7]]</sup></p><p>Stephen C. Levinson und [https://de.wikipedia.org/wiki/Nicholas_Evans_(Sprachwissenschaftler) Nicholas Evans] kritisieren, dass in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Generative_Linguistik Generativen Linguistik] sehr viele unterschiedliche Modelle der Universalgrammatik benutzt würden und ihre Verteidiger sich aus diesen verschiedenen Modellen und Ansätzen jeweils die für ihren Standpunkt benötigten Teile herauspickten. Somit sei es nicht möglich, eine kohärente Gegenhypothese zu formulieren und zu testen.<sup id="cite_ref-8" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Universalgrammatik#cite_note-8 [8]]</sup></p><p>[https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Tomasello Michael Tomasello] vertritt die Ansicht, dass die Annahme einer Universalgrammatik unnötig sei, da sich der [https://de.wikipedia.org/wiki/Spracherwerb Spracherwerb] durch allgemeinere Lernprozesse und die Entwicklung sozial-kognitiver Fähigkeiten (wie zum Beispiel das Etablieren gemeinsamer Aufmerksamkeit, um auf ein Objekt zu referieren, oder die Fähigkeiten, Intentionen der anderen [https://de.wikipedia.org/wiki/Akteur Akteure] zu erfassen) erklären lasse.<sup id="cite_ref-9" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Universalgrammatik#cite_note-9 [9]]</sup><sup id="cite_ref-10" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Universalgrammatik#cite_note-10 [10]]</sup> Er kritisiert auch, dass es keine Einigkeit darüber gebe, was die Universalgrammatik enthalten soll.<sup id="cite_ref-11" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Universalgrammatik#cite_note-11 [11]]</sup></p><p>Mit seiner Behauptung, dass die Sprache [https://de.wikipedia.org/wiki/Pirah%C3%A3 Pirahã] ein Gegenbeispiel zur chomskyschen Universalgrammatik darstelle, da es in ihr keine Rekursion (und somit auch keine eingebetteten [https://de.wikipedia.org/wiki/Satz_(Grammatik) Sätze]) gebe, hat der Linguist [https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_L._Everett Daniel Everett] einige Aufmerksamkeit erregt. Er begründet dies vor allem mit der Beschaffenheit der Kultur der Pirahã, die ausschließlich auf die [https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenwart Gegenwart] fixiert ist: Die Pirahã haben keine [https://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6pfung Schöpfungsmythen], erzählen sich keine [https://de.wikipedia.org/wiki/Erz%C3%A4hlung Geschichten] und erinnern sich meist nicht an Verstorbene.<sup id="cite_ref-12" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Universalgrammatik#cite_note-12 [12]]</sup> Seine Aussagen wurden jedoch stark kritisiert und ihm wurde eine Fehlanalyse der Sprachdaten vorgeworfen.<sup id="cite_ref-13" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Universalgrammatik#cite_note-13 [13]]</sup> Somit ist dies zwar ein berühmtes, aber auch sehr umstrittenes Gegenbeispiel.</p><p>Christiansen und Chater (2008) haben argumentiert, dass eine biologisch, das heißt [https://de.wikipedia.org/wiki/Genetik genetisch], determinierte Universalgrammatik [https://de.wikipedia.org/wiki/Evolution evolutionär] unplausibel sei, da [https://de.wikipedia.org/wiki/Sprachwandel Sprachwandel] wesentlich schneller voranschreite als genetischer Wandel. Sprache stellt also ein „bewegtes Ziel“ dar und bietet keine stabile Entwicklungsumgebung für potentielle Sprach[https://de.wikipedia.org/wiki/Gen gene]. Die [https://de.wikipedia.org/wiki/Ursprache Ursprache] muss zu Beginn ein [https://de.wikipedia.org/wiki/Kultur kulturelles] Produkt mit hoher Variabilität gewesen sein, und es ist durch [https://de.wikipedia.org/wiki/Evolutionsfaktor evolutionäre Mechanismen] nicht erklärbar, wie dies genetisch fixiert worden sein soll. Das menschliche [https://de.wikipedia.org/wiki/Gehirn Gehirn] ist also nicht an Sprache angepasst, (wie es in der chomskyschen Tradition angenommen wird): Die UG-Prinzipien sind [https://de.wikipedia.org/wiki/Arbitrarit%C3%A4t arbiträr], d. h., sie stehen in keiner Verbindung zu [https://de.wikipedia.org/wiki/Kognition kognitiven] Prinzipien oder [https://de.wikipedia.org/wiki/Lernen Lern]mechanismen, sondern ''Sprache ist an das Gehirn angepasst''; sie wird durch generelle Lernmechanismen und Verarbeitungspräferenzen geformt, die [https://de.wikipedia.org/wiki/Evolution%C3%A4re_Anpassung adaptive] Zwänge auf Sprache ausüben. Sprache wird als „Organismus“ angesehen, der sich im Laufe der Evolution immer besser an seine [https://de.wikipedia.org/wiki/Umwelt Umwelt], hier das menschliche Gehirn, anpasst. Mit dieser Sichtweise ist es leichter zu erklären, warum sprachliche Strukturen so komplex und trotzdem erlernbar sind: Sprache folgt allgemeinen kognitiven Prinzipien und ist so geformt, dass sie möglichst leicht verarbeitbar ist. Christiansen und Chater schließen nicht aus, dass Sprache einen Einfluss auf die Evolution der [https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenaffen Hominiden] hatte (gute Sprachfähigkeiten könnten den [https://de.wikipedia.org/wiki/Reproduktion_(Biologie) Reproduktions]­erfolg gesteigert haben), betonen aber, dass der Zwang für Sprache, sich ans menschliche Gehirn anzupassen, ungleich größer sei als die Zwänge auf Menschen, Sprache zu benutzen. Sprachverwendung ist nur einer von vielen adaptiven Zwängen, die auf Menschen einwirken, während für Sprache der einzige adaptive Zwang die (möglichst leichte) Lern- und Verarbeitbarkeit durch das menschliche Gehirn ist.<sup id="cite_ref-14" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Universalgrammatik#cite_note-14 [14]]</sup></p>
== <span id="Siehe_auch">Siehe auch</span> ==


*[https://de.wikipedia.org/wiki/Forkhead-Box-Protein_P2 Forkhead-Box-Protein P2] (FOXP2)
Im Rahmen der generativen Grammatik ging man lange Zeit davon aus, dass die Universalgrammatik lediglich aus einer Reihe von Regeln bestehe, die es Kindern ermöglichten, während des Spracherwerbs anhand des ihnen zur Verfügung stehenden sprachlichen Inputs Hypothesen über mögliche zugrunde liegende Grammatiken zu entwerfen und diese zu evaluieren (siehe auch [[Language Acquisition Device]]). Diese Sichtweise wurde aber im Zuge der Entwicklung der sogenannten [[Rektions- und Bindungstheorie|Prinzipien-und-Parameter-Theorie]]<ref>Noam Chomsky: ''Lectures on Government and Binding.'' Foris, Dordrecht u. a. 1981.</ref> aufgegeben; deren Grundannahme ist im Wesentlichen, dass allen natürlichen Sprachen dasselbe grammatische System zugrunde liege. Im Spracherwerb müssen so nicht mehr die in einer Sprache enthaltenen grammatischen Prinzipien selbst erlernt werden (denn die sind immer gleich und das Wissen darüber ist angeboren), sondern es muss nur noch die Ausprägung bestimmter sprachlicher ''Parameter'' (z.&nbsp;B. ''Head-first'' versus ''Head-last'') erkannt werden. Darüber hinaus wurde vorgeschlagen, dass sprachliche Variation komplett auf das [[Lexik]]on beschränkt sei – grammatische Parameter betreffen also nur die Eigenschaften funktionaler lexikalischer Elemente, und Spracherwerb insgesamt kann auf Lexikonerwerb reduziert werden.<ref>Noam Chomsky: ''The Minimalist Program.'' MIT Press, Cambridge MA u. a. 1995.</ref> Chomsky spricht nun auch davon, dass der Kern der menschlichen Sprachfähigkeit nur die [[Rekursion|Rekursivität]] enthalte, da dies die einzige (mit Sprache verbundene) Fähigkeit sei, die nur der Mensch besitze (Sprachfähigkeit im engeren Sinne). Die Sprachfähigkeit im weiteren Sinne umfasst dann z.&nbsp;B. das sensorisch-motorische System, das unter anderem den [[Artikulation (Linguistik)|Sprechapparat]] umfasst.<ref>[[Marc Hauser|Marc D. Hauser]], Noam Chomsky, [[Tecumseh Fitch|W. Tecumseh Fitch]]: ''The Faculty of Language: What Is It, Who Has It, and How Did It Evolve?'' In: ''[[Science]].'' Band 298, Nr. 5598, 2002, S. 1569–1579, ({{Webarchiv|url=http://www.mit.edu/~6.863/spring2009/readings/chomsky-fitch-hauser.pdf|wayback=20160102222652 |text=Digitalisat (PDF-Datei; 706 kB)}}).</ref>
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Kreolsprachen Kreolsprachen]
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Pivot-Grammatik Pivot-Grammatik]
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Poverty-of-the-Stimulus-Argument Poverty-of-the-Stimulus-Argument]


== <span id="Literatur">Literatur</span> ==
Von grundlegender Bedeutung ist die Universalgrammatik in der [[Optimalitätstheorie]]. Alle dort postulierten Beschränkungen sind als Teil der Universalgrammatik zu betrachten. Sprachliche Unterschiede ergeben sich per Annahme aus der [[Gewichtung]] der einzelnen Beschränkungen.
=== <span id="Literatur_pro_Universalgrammatik">Literatur pro Universalgrammatik</span> ===


*[https://de.wikipedia.org/wiki/Noam_Chomsky Noam Chomsky]: ''Rules and Representations'' (= ''Woodbridge Lectures delivered at Columbia University.'' 11). Columbia University Press, New York NY 1980, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/0231048262 ISBN 0-231-04826-2].
Die Neuropsychologin [[Angela D. Friederici|Angela Friederici]] hat 2018 erste empirische Hinweise für das Vorhandensein eines Organs vorgelegt, das für die Universalgrammatik zuständig ist. Dabei handle es sich um ein Faserbündel im Gehirn zwischen dem [[Broca-Areal]] und dem [[Wernicke-Zentrum|Wernicke-Areal]].<ref>{{Literatur |Autor=Stefanie Kara |Titel=Universalgrammatik: "Ich denke, dass er denkt, dass ..." |Sammelwerk=Zeit online |Datum=2018-04-25 |Online=https://www.zeit.de/2018/18/universalgrammatik-sprache-kinder-gehirn-neuropsychologie |Abruf=2018-05-02}}</ref>
*Noam Chomsky: ''Lectures on Government and Binding'' (= ''Studies in Generative Grammar.'' 9). Foris, Dordrecht u. a. 1981, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9070176289 ISBN 90-70176-28-9].
*Noam Chomsky: ''The Minimalist Program'' (= ''Current Studies in Linguistics Series.'' 28). MIT Press, Cambridge MA u. a. 1995.


=== <span id="Literatur_contra_Universalgrammatik">Literatur contra Universalgrammatik</span> ===
== Kritik ==
Kritik am Konzept der Universalgrammatik kommt u.&nbsp;a. von [[Behaviorismus|behavioristischer]] Seite. Strittig ist dabei nicht, ob sprachliches Verhalten sowohl [[Ontogenese|ontogenetische]] als auch [[Phylogenese|phylogenetische]] Voraussetzungen hat, sondern ob es einen angeborenen Mechanismus geben muss, der die Anordnung elementaren [[Verbal Behavior|sprachlichen Verhaltens]] beschränkt. Alle Argumente, die für eine angeborene Grammatik ins Feld geführt würden, bestätigten lediglich, dass die Fähigkeit zu sprechen für das Individuum nützlich (das heißt ein Überlebensvorteil) ist. Sie rechtfertigten nicht eine Universalgrammatik und sie erklärten nicht, warum ein Organismus ohne diese einen Nachteil im Kampf ums Überleben hätte.<ref name="PAL1">David C. Palmer: ''Chomsky’s nativism: A critical review.'' In: ''The Analysis of Verbal Behavior.'' Band 17, 2000, {{ISSN|0889-9401}}, S. 39–50, {{DOI|10.1007/BF03392954}}.</ref><ref name="PAL2">David C. Palmer: ''Chomsky’s nativism reconsidered.'' In: ''The Analysis of Verbal Behavior.'' Band 17, 2000, S. 51–56, {{DOI|10.1007/BF03392955}}.</ref> Zudem scheinen auch Tiere ([[Star (Art)|Stare]]) über Fähigkeiten zu verfügen, die bislang als universelles Merkmal nur menschlichen Sprachvermögens galten.<ref name="GEN">Gary F. Marcus: ''Startling starlings.'' In: ''[[Nature]].'' Band 440, Nr. 7088, 2006, S. 1117–1118, ({{Webarchiv|url=http://www.psych.nyu.edu/gary/marcusArticles/Marcus%202006%20nature.pdf|wayback=20100613195208 |text=Digitalisat (PDF-Datei; 288 kB)}}).</ref>


*Morten H. Christiansen, Nick Chater: ''Language as shaped by the brain.'' In: ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Behavioral_and_Brain_Sciences Behavioral and Brain Sciences].'' Band 31, Nr. 5, 2008, S. 489–558, ([https://web.archive.org/web/20100624093339/http://www.psych.cornell.edu/sec/pubPeople/mhc27/cc-BBS-2008.pdf Digitalisat (PDF-Datei; 928 kB)] ([https://de.wikipedia.org/wiki/Web-Archivierung#Begrifflichkeiten Memento] vom 24. Juni 2010 im ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_Archive Internet Archive]'')).
Stephen C. Levinson und [[Nicholas Evans (Sprachwissenschaftler)|Nicholas Evans]] kritisieren, dass in der [[Generative Linguistik|Generativen Linguistik]] sehr viele unterschiedliche Modelle der Universalgrammatik benutzt würden und ihre Verteidiger sich aus diesen verschiedenen Modellen und Ansätzen jeweils die für ihren Standpunkt benötigten Teile herauspickten. Somit sei es nicht möglich, eine kohärente Gegenhypothese zu formulieren und zu testen.<ref>Stephen C. Levinson, Nicholas Evans: [https://pubman.mpdl.mpg.de/pubman/item/escidoc:506969:5/component/escidoc:526972/Levinson_Time_for_a_sea_change_Lingua_2010.pdf ''Time for a sea-change in linguistics: Response to comments on ‘The Myth of Language Universals’.''] (PDF-Datei; 389 kB). In: ''Lingua.'' Band 120, Nr. 12, 2010, {{ISSN|0024-3841}}, S. 2733–2758.</ref>
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Nicholas_Evans_(Sprachwissenschaftler) Nicholas Evans], [https://de.wikipedia.org/wiki/Stephen_C._Levinson Stephen C. Levinson]: ''The myth of language universals: Language diversity and its importance for cognitive science.'' In: ''Behavioral and Brain Sciences.'' Band 32, Nr. 5, 2009, S. 429–492, ([https://web.archive.org/web/20100810170031/http://www.eva.mpg.de/psycho/pdf/Publications_2009_PDF/Tomasello_Universal%20Grammar_2009.pdf Digitalisat (PDF-Datei; 717 kB)] ([https://de.wikipedia.org/wiki/Web-Archivierung#Begrifflichkeiten Memento] vom 10. August 2010 im ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_Archive Internet Archive]'')).
*Vyvyan Evans: ''The Language Myth. Why Language Is Not an Instinct.'' Cambridge University Press, Cambridge 2014, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9781107619753 ISBN 978-1-107-61975-3].
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Tomasello Michael Tomasello]: ''Language is not an instinct.'' In: ''Cognitive Development.'' Band 10, 1995, <span class="plainlinks-print">[https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Standardnummer_f%C3%BCr_fortlaufende_Sammelwerke ISSN]&nbsp;[https://zdb-katalog.de/list.xhtml?t=iss%3D%220885-2014%22&key=cql 0885-2014]</span>, S. 131–156, ([https://web.archive.org/web/20130228064158/http://www.princeton.edu/~adele/MTLngNotInstinct.pdf Digitalisat] ([https://de.wikipedia.org/wiki/Web-Archivierung#Begrifflichkeiten Memento] vom 28. Februar 2013 im ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_Archive Internet Archive]'')).
*Michael Tomasello: ''Constructing a Language. A Usage-Based Theory of Language Acquistion.'' Harvard University Press, Cambridge MA u. a. 2003, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/0674010302 ISBN 0-674-01030-2].


== <span id="Einzelnachweise">Einzelnachweise</span> ==
[[Michael Tomasello]] vertritt die Ansicht, dass die Annahme einer Universalgrammatik unnötig sei, da sich der [[Spracherwerb]] durch allgemeinere Lernprozesse und die Entwicklung sozial-kognitiver Fähigkeiten (wie zum Beispiel das Etablieren gemeinsamer Aufmerksamkeit, um auf ein Objekt zu referieren, oder die Fähigkeiten, Intentionen der anderen [[Akteur]]e zu erfassen) erklären lasse.<ref>Michael Tomasello: ''Constructing a Language. A Usage-Based Theory of Language Acquistion.'' Harvard University Press, Cambridge MA u. a. 2003.</ref><ref>Michael Tomasello: ''The item-based nature of children’s early syntactic development.'' In: ''Trends in Cognitive Sciences.'' Band 4, Nr. 4, 2000, {{ISSN|1364-6613}}, S. 156–163, ({{Webarchiv |url=http://pages.pomona.edu/~rt004747/lgcs11read/Tomasello00.pdf |wayback=20100725134632 |text=Digitalisat (PDF-Datei; 217 kB)}}).</ref> Er kritisiert auch, dass es keine Einigkeit darüber gebe, was die Universalgrammatik enthalten soll.<ref>Michael Tomasello: ''Beyond formalities: The case of language acquisition.'' In: ''The Linguistic Review.'' Band 22, Nr. 2–4, 2005, {{ISSN|0167-6318}}, S. 183–197, ({{Webarchiv|url=http://www.eva.mpg.de/psycho/pdf/Publications_2005_PDF/Beyond_formalities_05.pdf|wayback=20100308230723 |text=Digitalisat (PDF-Datei; 104 kB)}}).</ref>


#<span class="reference-text">Noam Chomsky: ''Lectures on Government and Binding.'' Foris, Dordrecht u. a. 1981.</span>
Mit seiner Behauptung, dass die Sprache [[Pirahã]] ein Gegenbeispiel zur chomskyschen Universalgrammatik darstelle, da es in ihr keine Rekursion (und somit auch keine eingebetteten [[Satz (Grammatik)|Sätze]]) gebe, hat der Linguist [[Daniel L. Everett|Daniel Everett]] einige Aufmerksamkeit erregt. Er begründet dies vor allem mit der Beschaffenheit der Kultur der Pirahã, die ausschließlich auf die [[Gegenwart]] fixiert ist: Die Pirahã haben keine [[Schöpfung]]smythen, erzählen sich keine [[Erzählung|Geschichten]] und erinnern sich meist nicht an Verstorbene.<ref>[[Daniel L. Everett]]: [ ''Cultural constraints on grammar and cognition in Pirahã: another look at the design features of human language.''] In: ''[[Current Anthropology]].'' Band 46, 2005, S. 621–634, ({{Webarchiv|url=http://www.eva.mpg.de/psycho/pdf/Publications_2005_PDF/Commentary_on_D.Everett_05.pdf|wayback=20100308230432 |text=Digitalisat (PDF-Datei; 228 kB)}}).</ref> Seine Aussagen wurden jedoch stark kritisiert und ihm wurde eine Fehlanalyse der Sprachdaten vorgeworfen.<ref>Andrew Nevins, David Pesetsky, Cilene Rodrigues: [https://dspace.mit.edu/bitstream/handle/1721.1/94631/Nevins-2009-PIRAHA%20EXCEPTIONALIT.pdf?sequence=1&isAllowed=y ''Pirahã exceptionality: A reassessment.''] In: ''Language.'' Band 85, Nr. 2, 2009, {{ISSN|0097-8507}}, S. 355–404.</ref> Somit ist dies zwar ein berühmtes, aber auch sehr umstrittenes Gegenbeispiel.
#<span class="reference-text">Noam Chomsky: ''The Minimalist Program.'' MIT Press, Cambridge MA u. a. 1995.</span>
 
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Marc_Hauser Marc D. Hauser], Noam Chomsky, [https://de.wikipedia.org/wiki/Tecumseh_Fitch W. Tecumseh Fitch]: ''The Faculty of Language: What Is It, Who Has It, and How Did It Evolve?'' In: ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Science Science].'' Band 298, Nr. 5598, 2002, S. 1569–1579, ([https://web.archive.org/web/20160102222652/http://www.mit.edu/~6.863/spring2009/readings/chomsky-fitch-hauser.pdf Digitalisat (PDF-Datei; 706 kB)] ([https://de.wikipedia.org/wiki/Web-Archivierung#Begrifflichkeiten Memento] vom 2. Januar 2016 im ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_Archive Internet Archive]'')).</span>
Christiansen und Chater (2008) haben argumentiert, dass eine biologisch, das heißt [[Genetik|genetisch]], determinierte Universalgrammatik [[evolution]]är unplausibel sei, da [[Sprachwandel]] wesentlich schneller voranschreite als genetischer Wandel. Sprache stellt also ein „bewegtes Ziel“ dar und bietet keine stabile Entwicklungsumgebung für potentielle Sprach[[Gen|gene]]. Die [[Ursprache]] muss zu Beginn ein [[kultur]]elles Produkt mit hoher Variabilität gewesen sein, und es ist durch [[Evolutionsfaktor|evolutionäre Mechanismen]] nicht erklärbar, wie dies genetisch fixiert worden sein soll. Das menschliche [[Gehirn]] ist also nicht an Sprache angepasst, (wie es in der chomskyschen Tradition angenommen wird): Die UG-Prinzipien sind [[Arbitrarität|arbiträr]], d. h., sie stehen in keiner Verbindung zu [[Kognition|kognitiven]] Prinzipien oder [[Lernen|Lern]]<nowiki />mechanismen, sondern ''Sprache ist an das Gehirn angepasst''; sie wird durch generelle Lernmechanismen und Verarbeitungspräferenzen geformt, die [[Evolutionäre Anpassung|adaptive]] Zwänge auf Sprache ausüben. Sprache wird als „Organismus“ angesehen, der sich im Laufe der Evolution immer besser an seine [[Umwelt]], hier das menschliche Gehirn, anpasst. Mit dieser Sichtweise ist es leichter zu erklären, warum sprachliche Strukturen so komplex und trotzdem erlernbar sind: Sprache folgt allgemeinen kognitiven Prinzipien und ist so geformt, dass sie möglichst leicht verarbeitbar ist. Christiansen und Chater schließen nicht aus, dass Sprache einen Einfluss auf die Evolution der [[Menschenaffen|Hominiden]] hatte (gute Sprachfähigkeiten könnten den [[Reproduktion (Biologie)|Reproduktions]]&shy;erfolg gesteigert haben), betonen aber, dass der Zwang für Sprache, sich ans menschliche Gehirn anzupassen, ungleich größer sei als die Zwänge auf Menschen, Sprache zu benutzen. Sprachverwendung ist nur einer von vielen adaptiven Zwängen, die auf Menschen einwirken, während für Sprache der einzige adaptive Zwang die (möglichst leichte) Lern- und Verarbeitbarkeit durch das menschliche Gehirn ist.<ref>Morten H. Christiansen, Nick Chater: ''Language as shaped by the brain.'' In: ''[[Behavioral and Brain Sciences]].'' Band 31, Nr. 5, 2008, S. 489–558.</ref>
#<span class="reference-text">Stefanie Kara: <cite>Universalgrammatik: "Ich denke, dass er denkt, dass ..."</cite> In: <cite>Zeit online</cite>. 25.&nbsp;April 2018 ([https://www.zeit.de/2018/18/universalgrammatik-sprache-kinder-gehirn-neuropsychologie zeit.de] [abgerufen am 2.&nbsp;Mai 2018]).</span>
 
#<span class="reference-text">David C. Palmer: ''Chomsky’s nativism: A critical review.'' In: ''The Analysis of Verbal Behavior.'' Band 17, 2000, <span class="plainlinks-print">[https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Standardnummer_f%C3%BCr_fortlaufende_Sammelwerke ISSN]&nbsp;[https://zdb-katalog.de/list.xhtml?t=iss%3D%220889-9401%22&key=cql 0889-9401]</span>, S. 39–50, [https://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Object_Identifier doi]:<span class="uri-handle">[https://doi.org/10.1007/BF03392954 10.1007/BF03392954]</span>.</span>
== Siehe auch ==
#<span class="reference-text">David C. Palmer: ''Chomsky’s nativism reconsidered.'' In: ''The Analysis of Verbal Behavior.'' Band 17, 2000, S. 51–56, [https://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Object_Identifier doi]:<span class="uri-handle">[https://doi.org/10.1007/BF03392955 10.1007/BF03392955]</span>.</span>
* [[Forkhead-Box-Protein P2]] (FOXP2)
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* [[Pivot-Grammatik]]
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== Literatur ==
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_L._Everett Daniel L. Everett]: [ ''Cultural constraints on grammar and cognition in Pirahã: another look at the design features of human language.''] In: ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Current_Anthropology Current Anthropology].'' Band 46, 2005, S. 621–634, ([https://web.archive.org/web/20100308230432/http://www.eva.mpg.de/psycho/pdf/Publications_2005_PDF/Commentary_on_D.Everett_05.pdf Digitalisat (PDF-Datei; 228 kB)] ([https://de.wikipedia.org/wiki/Web-Archivierung#Begrifflichkeiten Memento] vom 8. März 2010 im ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_Archive Internet Archive]'')).</span>
=== Literatur zur Universalgrammatik ===
#<span class="reference-text">Andrew Nevins, David Pesetsky, Cilene Rodrigues: [https://dspace.mit.edu/bitstream/handle/1721.1/94631/Nevins-2009-PIRAHA%20EXCEPTIONALIT.pdf?sequence=1&isAllowed=y ''Pirahã exceptionality: A reassessment.''] In: ''Language.'' Band 85, Nr. 2, 2009, <span class="plainlinks-print">[https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Standardnummer_f%C3%BCr_fortlaufende_Sammelwerke ISSN]&nbsp;[https://zdb-katalog.de/list.xhtml?t=iss%3D%220097-8507%22&key=cql 0097-8507]</span>, S. 355–404.</span>
* [[Helen Leuninger]]: ''Reflexionen über die Universalgrammatik.'' 1979.
#<span class="reference-text">Morten H. Christiansen, Nick Chater: ''Language as shaped by the brain.'' In: ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Behavioral_and_Brain_Sciences Behavioral and Brain Sciences].'' Band 31, Nr. 5, 2008, S. 489–558.</span>
 
=== Literatur pro Universalgrammatik ===
* [[Noam Chomsky]]: ''Rules and Representations'' (= ''Woodbridge Lectures delivered at Columbia University.'' 11). Columbia University Press, New York NY 1980, ISBN 0-231-04826-2.
* Noam Chomsky: ''Lectures on Government and Binding'' (= ''Studies in Generative Grammar.'' 9). Foris, Dordrecht u. a. 1981, ISBN 90-70176-28-9.
* Noam Chomsky: ''The Minimalist Program'' (= ''Current Studies in Linguistics Series.'' 28). MIT Press, Cambridge MA u. a. 1995.
 
=== Literatur contra Universalgrammatik ===
* Morten H. Christiansen, Nick Chater: ''Language as shaped by the brain.'' In: ''[[Behavioral and Brain Sciences]].'' Band 31, Nr. 5, 2008, S. 489–558, ({{Webarchiv|url=http://www.psych.cornell.edu/sec/pubPeople/mhc27/cc-BBS-2008.pdf|wayback=20100624093339 |text=Digitalisat (PDF-Datei; 928 kB)}}).
* [[Nicholas Evans (Sprachwissenschaftler)|Nicholas Evans]], [[Stephen C. Levinson]]: ''The myth of language universals: Language diversity and its importance for cognitive science.'' In: ''Behavioral and Brain Sciences.'' Band 32, Nr. 5, 2009, S. 429–492, ({{Webarchiv|url=http://www.eva.mpg.de/psycho/pdf/Publications_2009_PDF/Tomasello_Universal%20Grammar_2009.pdf|wayback=20100810170031 |text=Digitalisat (PDF-Datei; 717 kB)}}).
* Vyvyan Evans: ''The Language Myth. Why Language Is Not an Instinct.'' Cambridge University Press, Cambridge 2014, ISBN 978-1-107-61975-3.
* [[Michael Tomasello]]: ''Language is not an instinct.'' In: ''Cognitive Development.'' Band 10, 1995, {{ISSN|0885-2014}}, S. 131–156, ({{Webarchiv|url=http://www.princeton.edu/~adele/MTLngNotInstinct.pdf|wayback=20130228064158 |text=Digitalisat}}).
* Michael Tomasello: ''Constructing a Language. A Usage-Based Theory of Language Acquistion.'' Harvard University Press, Cambridge MA u. a. 2003, ISBN 0-674-01030-2.
 
== Einzelnachweise ==
<references />
 
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Version vom 18. Juni 2026, 16:36 Uhr

universal–Grammatik agr.-lat.-deu.


Die Universalgrammatik (UG) ist eine in manchen Theorien der Linguistik zugrundegelegte Annahme, wonach alle (menschlichen) Sprachen gemeinsamen grammatischen Prinzipien folgen und diese Prinzipien allen Menschen angeboren seien. Noam Chomsky ist einer der Begründer und berühmtesten Vertreter dieser Version einer Universalgrammatik. Die Bezeichnung Universalgrammatik ist daher ein feststehender Begriff in der Schule der generativen Grammatik und wird in anderen Traditionslinien, die sich mit Sprachuniversalien beschäftigen, etwa der Sprachtypologie, eher nicht verwendet.

Im Rahmen der generativen Grammatik ging man lange Zeit davon aus, dass die Universalgrammatik lediglich aus einer Reihe von Regeln bestehe, die es Kindern ermöglichten, während des Spracherwerbs anhand des ihnen zur Verfügung stehenden sprachlichen Inputs Hypothesen über mögliche zugrunde liegende Grammatiken zu entwerfen und diese zu evaluieren (siehe auch Language Acquisition Device). Diese Sichtweise wurde aber im Zuge der Entwicklung der sogenannten Prinzipien-und-Parameter-Theorie[1] aufgegeben; deren Grundannahme ist im Wesentlichen, dass allen natürlichen Sprachen dasselbe grammatische System zugrunde liege. Im Spracherwerb müssen so nicht mehr die in einer Sprache enthaltenen grammatischen Prinzipien selbst erlernt werden (denn die sind immer gleich und das Wissen darüber ist angeboren), sondern es muss nur noch die Ausprägung bestimmter sprachlicher Parameter (z. B. Head-first versus Head-last) erkannt werden. Darüber hinaus wurde vorgeschlagen, dass sprachliche Variation komplett auf das Lexikon beschränkt sei – grammatische Parameter betreffen also nur die Eigenschaften funktionaler lexikalischer Elemente, und Spracherwerb insgesamt kann auf Lexikonerwerb reduziert werden.[2] Chomsky spricht nun auch davon, dass der Kern der menschlichen Sprachfähigkeit nur die Rekursivität enthalte, da dies die einzige (mit Sprache verbundene) Fähigkeit sei, die nur der Mensch besitze (Sprachfähigkeit im engeren Sinne). Die Sprachfähigkeit im weiteren Sinne umfasst dann z. B. das sensorisch-motorische System, das unter anderem den Sprechapparat umfasst.[3]

Von grundlegender Bedeutung ist die Universalgrammatik in der Optimalitätstheorie. Alle dort postulierten Beschränkungen sind als Teil der Universalgrammatik zu betrachten. Sprachliche Unterschiede ergeben sich per Annahme aus der Gewichtung der einzelnen Beschränkungen.

Die Neuropsychologin Angela Friederici hat 2018 erste empirische Hinweise für das Vorhandensein eines Organs vorgelegt, das für die Universalgrammatik zuständig ist. Dabei handle es sich um ein Faserbündel im Gehirn zwischen dem Broca-Areal und dem Wernicke-Areal.[4]

Kritik

Kritik am Konzept der Universalgrammatik kommt u. a. von behavioristischer Seite. Strittig ist dabei nicht, ob sprachliches Verhalten sowohl ontogenetische als auch phylogenetische Voraussetzungen hat, sondern ob es einen angeborenen Mechanismus geben muss, der die Anordnung elementaren sprachlichen Verhaltens beschränkt. Alle Argumente, die für eine angeborene Grammatik ins Feld geführt würden, bestätigten lediglich, dass die Fähigkeit zu sprechen für das Individuum nützlich (das heißt ein Überlebensvorteil) ist. Sie rechtfertigten nicht eine Universalgrammatik und sie erklärten nicht, warum ein Organismus ohne diese einen Nachteil im Kampf ums Überleben hätte.[5][6] Zudem scheinen auch Tiere (Stare) über Fähigkeiten zu verfügen, die bislang als universelles Merkmal nur menschlichen Sprachvermögens galten.[7]

Stephen C. Levinson und Nicholas Evans kritisieren, dass in der Generativen Linguistik sehr viele unterschiedliche Modelle der Universalgrammatik benutzt würden und ihre Verteidiger sich aus diesen verschiedenen Modellen und Ansätzen jeweils die für ihren Standpunkt benötigten Teile herauspickten. Somit sei es nicht möglich, eine kohärente Gegenhypothese zu formulieren und zu testen.[8]

Michael Tomasello vertritt die Ansicht, dass die Annahme einer Universalgrammatik unnötig sei, da sich der Spracherwerb durch allgemeinere Lernprozesse und die Entwicklung sozial-kognitiver Fähigkeiten (wie zum Beispiel das Etablieren gemeinsamer Aufmerksamkeit, um auf ein Objekt zu referieren, oder die Fähigkeiten, Intentionen der anderen Akteure zu erfassen) erklären lasse.[9][10] Er kritisiert auch, dass es keine Einigkeit darüber gebe, was die Universalgrammatik enthalten soll.[11]

Mit seiner Behauptung, dass die Sprache Pirahã ein Gegenbeispiel zur chomskyschen Universalgrammatik darstelle, da es in ihr keine Rekursion (und somit auch keine eingebetteten Sätze) gebe, hat der Linguist Daniel Everett einige Aufmerksamkeit erregt. Er begründet dies vor allem mit der Beschaffenheit der Kultur der Pirahã, die ausschließlich auf die Gegenwart fixiert ist: Die Pirahã haben keine Schöpfungsmythen, erzählen sich keine Geschichten und erinnern sich meist nicht an Verstorbene.[12] Seine Aussagen wurden jedoch stark kritisiert und ihm wurde eine Fehlanalyse der Sprachdaten vorgeworfen.[13] Somit ist dies zwar ein berühmtes, aber auch sehr umstrittenes Gegenbeispiel.

Christiansen und Chater (2008) haben argumentiert, dass eine biologisch, das heißt genetisch, determinierte Universalgrammatik evolutionär unplausibel sei, da Sprachwandel wesentlich schneller voranschreite als genetischer Wandel. Sprache stellt also ein „bewegtes Ziel“ dar und bietet keine stabile Entwicklungsumgebung für potentielle Sprachgene. Die Ursprache muss zu Beginn ein kulturelles Produkt mit hoher Variabilität gewesen sein, und es ist durch evolutionäre Mechanismen nicht erklärbar, wie dies genetisch fixiert worden sein soll. Das menschliche Gehirn ist also nicht an Sprache angepasst, (wie es in der chomskyschen Tradition angenommen wird): Die UG-Prinzipien sind arbiträr, d. h., sie stehen in keiner Verbindung zu kognitiven Prinzipien oder Lernmechanismen, sondern Sprache ist an das Gehirn angepasst; sie wird durch generelle Lernmechanismen und Verarbeitungspräferenzen geformt, die adaptive Zwänge auf Sprache ausüben. Sprache wird als „Organismus“ angesehen, der sich im Laufe der Evolution immer besser an seine Umwelt, hier das menschliche Gehirn, anpasst. Mit dieser Sichtweise ist es leichter zu erklären, warum sprachliche Strukturen so komplex und trotzdem erlernbar sind: Sprache folgt allgemeinen kognitiven Prinzipien und ist so geformt, dass sie möglichst leicht verarbeitbar ist. Christiansen und Chater schließen nicht aus, dass Sprache einen Einfluss auf die Evolution der Hominiden hatte (gute Sprachfähigkeiten könnten den Reproduktions­erfolg gesteigert haben), betonen aber, dass der Zwang für Sprache, sich ans menschliche Gehirn anzupassen, ungleich größer sei als die Zwänge auf Menschen, Sprache zu benutzen. Sprachverwendung ist nur einer von vielen adaptiven Zwängen, die auf Menschen einwirken, während für Sprache der einzige adaptive Zwang die (möglichst leichte) Lern- und Verarbeitbarkeit durch das menschliche Gehirn ist.[14]

Siehe auch

Literatur

Literatur zur Universalgrammatik

Literatur pro Universalgrammatik

  • Noam Chomsky: Rules and Representations (= Woodbridge Lectures delivered at Columbia University. 11). Columbia University Press, New York NY 1980, ISBN 0-231-04826-2.
  • Noam Chomsky: Lectures on Government and Binding (= Studies in Generative Grammar. 9). Foris, Dordrecht u. a. 1981, ISBN 90-70176-28-9.
  • Noam Chomsky: The Minimalist Program (= Current Studies in Linguistics Series. 28). MIT Press, Cambridge MA u. a. 1995.

Literatur contra Universalgrammatik

Einzelnachweise

  1. ↑ Noam Chomsky: Lectures on Government and Binding. Foris, Dordrecht u. a. 1981.
  2. ↑ Noam Chomsky: The Minimalist Program. MIT Press, Cambridge MA u. a. 1995.
  3. ↑ Marc D. Hauser, Noam Chomsky, W. Tecumseh Fitch: The Faculty of Language: What Is It, Who Has It, and How Did It Evolve? In: Science. Band 298, Nr. 5598, 2002, S. 1569–1579, (Digitalisat (PDF-Datei; 706 kB) (Memento vom 2. Januar 2016 im Internet Archive)).
  4. ↑ Stefanie Kara: Universalgrammatik: "Ich denke, dass er denkt, dass ..." In: Zeit online. 25. April 2018 (zeit.de [abgerufen am 2. Mai 2018]).
  5. ↑ David C. Palmer: Chomsky’s nativism: A critical review. In: The Analysis of Verbal Behavior. Band 17, 2000, ISSN 0889-9401, S. 39–50, doi:10.1007/BF03392954.
  6. ↑ David C. Palmer: Chomsky’s nativism reconsidered. In: The Analysis of Verbal Behavior. Band 17, 2000, S. 51–56, doi:10.1007/BF03392955.
  7. ↑ Gary F. Marcus: Startling starlings. In: Nature. Band 440, Nr. 7088, 2006, S. 1117–1118, (Digitalisat (PDF-Datei; 288 kB) (Memento vom 13. Juni 2010 im Internet Archive)).
  8. ↑ Stephen C. Levinson, Nicholas Evans: Time for a sea-change in linguistics: Response to comments on ‘The Myth of Language Universals’. (PDF-Datei; 389 kB). In: Lingua. Band 120, Nr. 12, 2010, ISSN 0024-3841, S. 2733–2758.
  9. ↑ Michael Tomasello: Constructing a Language. A Usage-Based Theory of Language Acquistion. Harvard University Press, Cambridge MA u. a. 2003.
  10. ↑ Michael Tomasello: The item-based nature of children’s early syntactic development. In: Trends in Cognitive Sciences. Band 4, Nr. 4, 2000, ISSN 1364-6613, S. 156–163, (Digitalisat (PDF-Datei; 217 kB) (Memento vom 25. Juli 2010 im Internet Archive)).
  11. ↑ Michael Tomasello: Beyond formalities: The case of language acquisition. In: The Linguistic Review. Band 22, Nr. 2–4, 2005, ISSN 0167-6318, S. 183–197, (Digitalisat (PDF-Datei; 104 kB) (Memento vom 8. März 2010 im Internet Archive)).
  12. ↑ Daniel L. Everett: [ Cultural constraints on grammar and cognition in Pirahã: another look at the design features of human language.] In: Current Anthropology. Band 46, 2005, S. 621–634, (Digitalisat (PDF-Datei; 228 kB) (Memento vom 8. März 2010 im Internet Archive)).
  13. ↑ Andrew Nevins, David Pesetsky, Cilene Rodrigues: Pirahã exceptionality: A reassessment. In: Language. Band 85, Nr. 2, 2009, ISSN 0097-8507, S. 355–404.
  14. ↑ Morten H. Christiansen, Nick Chater: Language as shaped by the brain. In: Behavioral and Brain Sciences. Band 31, Nr. 5, 2008, S. 489–558.