„GULR/Einleitung/1“ – Versionsunterschied
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[[GULR/Einleitung/1|▷]]Wie der denkende Mensch gern zurückschaut auf | [[GULR/Einleitung/1|▷]]Wie der denkende Mensch gern zurückschaut auf die Jahre seiner Kindheit und die ersten Spuren des erwachenden Bewusstseins verfolgt, so freuet es ihn auch einen Blick zu werfen in die frühern Zeiten des menschlichen Geschlechts und vorzüglich auf das Volk, aus dem er selbst hervorging und in dem sein Dasein wurzelt. Aber wie die Quelle unsers Daseins uns unerforscht bleibt und aus den ersten im Schlummer der Bewusstlosigkeit verlebten Jahren nur einige Momente hervortreten, so deckt auch die frühste Völkergeschichte eine tiefe Nacht, in welche nur hie und da einige Strahlen fallen. Ihnen zu folgen und nichts zu übersehen, was dazu diene kann, die frühern Schicksale und den Zusammenhang der einzelnen Völker kennen zu lernen, ist des Forschers Sache, der es freilich bedauert, dass der leitenden Sterne so wenige sind und sie oft nur undeutlich schimmern. | ||
Denn die Schreibekunst ist nicht alt und zu vielen besonders den nördlichen Völkern spät erst gedrungen; die Sage selbst, sonst von Bedeutung, ist jetzt verstummt; andere Denkmale sind theils verwittert, theils schwer zu deuten. Dennoch steigt der wissbegierige Mensch selbst in die Gräber und macht von den Urnen des Todes Schlüsse auf das Leben der Völker. | |||
Aber es giebt ein Erzeugniss des menschlichen Geistes, welches an Deutlichkeit und Sicherheit alle überstrahlt, an Alter hinausreicht nicht nur über alle in Stein und Erz gegrabene Denkmale, sondern über alle Werke der bauenden und bildenden Künste, es ist die Sprache. Dies göttliche Geschenk, durch welches die innerste Tiefe des menschlichen Geistes sich aufschliesst, der Mensch so hoch über alle andere Wesen gestellt ist, durch welches Mensch vom Menschen und Volk vom Volke sich unterscheidet und in seiner Eigentümlichkeit sich darstellt, führt ihn zurück bis in die fernsten Zeiten, lässt ihn das Vaterland der Planzen und Thiere und die Verwandschaft von Völkern erkennen, welche durch weite Länder und Meere von einander getrennt sind. Wunderbar ist es daher, wenn heute noch sonst geistreiche und verdienstvolle Geschichtschreiber meinen, aus der Ähnlichkeit einer Sprache lasse sich nicht die Verwandschaft der Nationen, sondern nur die Ähnlichkeit des menschlichen Geistes beweisen. | |||
Wie die Natur so reich ist, Millionen Wesen hervorzubringen, von denen keins dem andern vollkommen gleich ist, so vermag auch der Mensch Millionen Wörter zu bilden, welche von einander verschieden sind, und nicht Zufall kann es sein, wenn bei verschiedenen durch weite Räume und Zeiten getrennten Völkern dieselben Töne dieselbe Bedeutung haben. Blosse Ähnlichkeit des Tons aber will nichts sagen, und ''[[wikt:bouche#French|bouche]]'' und ''[[Busch]]'', ''[[wikt:chou#English|choux]]'' und ''[[Schuh]]'' haben, ohnerachtet der Ähnlichkeit des Tons, keine Verwandschaft, da sie verschiedene Gegenstände bezeichnen. | |||
Wenn aber die Zahl gleichlautender und gleiche Bedeutung habender Wörter in verschiedenen Sprachen gross ist, so muss entweder eine Stammverwandschaft, eine Unterwerfung des einen Volks durch das andere, eine Vermischung oder ein lebhafter Verkehr und eine geistige Einwirkung durch Mittheilung von Wissenschaften, Künsten und Religion Statt gefunden haben. | |||
Die Besetzung Englands durch Sachsen, die Eroberung Spaniens, Galliens durch die Römer, die Einwanderung der Gothen, Burgundier und Franken in Frankreich, die Mittheilung der Künste und Wissenschaften von Griechen an Römer und andere Völker, die Einführung der christlichen Religion in den verschiedenen Ländern sind Belege dazu. | |||
Bezeichnen die ähnlichen Wörter die ersten Stuffen der Verwandschaft, die Theile des Körpers, die ersten Bedürfnisse und Verrichtungen und überhaupt die Elemente des Lebens, so weiset dies auf eine Stammverwandschalt; daher wir auch, selbst wenn die Geschichte davon schwiege, aus der Ähnlichkeit der englischen Sprache mit der deutschen gerade in diesen Gegenständen die Stammverwandschaft beider Völker erkennen müssten. | |||
Findet sich die Ähnlichkeit in Wörtern der Kunst, Wissenschaft, Religion und Gegenständen des gebildetern Lebens, so zeigt dies von einen spätern nicht so mit dem innern Kern des Daseins zusammenhangenden Einwirkung. | |||
Die grössere Ähnlichkeit oder Verschiedenheit in Zusammensetzung, Biegung, Ableitung und Wortfolge lässt uns gleichfalls die Verwandschaft und die frühere oder spätere, kürzer oder länger dauernde Einwirkung des einen Volkes auf das andere erkennen. | |||
Oft jedoch ist die Verwandschaft der Sprache schwer zu erkennen, da durch Einschieben, häufiger jedoch durch Ausstossen von Buchstaben und Sylben, durch Zusammenziehung und Betonung die Wörter sehr verändert werden, so dass man beim ersten Anblick ''[[wikt:jeudi#Frenchhttps:.2F.2Fen.wiktionary.org.2Fwiki.2Fjeudi.23French|jeudi]]'' und [[wikt:dies_Iovis#Latinhttps:.2F.2Fen.wiktionary.org.2Fwiki.2Fdies_Iovis.23Latin|''Jovis dies'']], [[wikt:Noël#French|''noël'']] und ''[[nātālis]]'', ''[[wikt:étranger#French|étranger]]'', ''[[wikt:stranger#English|stranger]]'' und ''[[extrāneus]]'' wohl schwerlich für dasselbe Wort halten würde. | |||
Oft giebt eine Sprache der andern ein Wort und nimmt es verändert dann zurück; so erhielten die Franzosen von den Deutschen ''[[warten]]'' – ''[[wikt:Reconstruction:Proto-West_Germanic/wardēn|wardan]]'' – (Burgwart) ''[[wikt:guarder#Old_French|garder]]'', und wir nahmen ''[[Garde]]'' von ihnen zurück; eben so ist es mit ''Beiwache'' und ''[[wikt:bivouac#French|bivouac]]''. | |||
Bisweilen wird es daher zweifelhaft, welcher Sprache eigentlich ein Wort angehöre, und nur wenn wir den Hauptstamm, die eigentliche bedeutungsvolle Wurzel nebst einer Menge Ableitungen davon in der einen, in der andern dagegen nur diesen vereinzelt dastehenden, blos einen Gegenstand bezeichnenden Ausdruck finden, wird es uns gelingen das Anrecht der einen Sprache unwiderleglich darzuthun. | |||
Aktuelle Version vom 6. Juni 2024, 07:34 Uhr
▷Wie der denkende Mensch gern zurückschaut auf die Jahre seiner Kindheit und die ersten Spuren des erwachenden Bewusstseins verfolgt, so freuet es ihn auch einen Blick zu werfen in die frühern Zeiten des menschlichen Geschlechts und vorzüglich auf das Volk, aus dem er selbst hervorging und in dem sein Dasein wurzelt. Aber wie die Quelle unsers Daseins uns unerforscht bleibt und aus den ersten im Schlummer der Bewusstlosigkeit verlebten Jahren nur einige Momente hervortreten, so deckt auch die frühste Völkergeschichte eine tiefe Nacht, in welche nur hie und da einige Strahlen fallen. Ihnen zu folgen und nichts zu übersehen, was dazu diene kann, die frühern Schicksale und den Zusammenhang der einzelnen Völker kennen zu lernen, ist des Forschers Sache, der es freilich bedauert, dass der leitenden Sterne so wenige sind und sie oft nur undeutlich schimmern.
Denn die Schreibekunst ist nicht alt und zu vielen besonders den nördlichen Völkern spät erst gedrungen; die Sage selbst, sonst von Bedeutung, ist jetzt verstummt; andere Denkmale sind theils verwittert, theils schwer zu deuten. Dennoch steigt der wissbegierige Mensch selbst in die Gräber und macht von den Urnen des Todes Schlüsse auf das Leben der Völker.
Aber es giebt ein Erzeugniss des menschlichen Geistes, welches an Deutlichkeit und Sicherheit alle überstrahlt, an Alter hinausreicht nicht nur über alle in Stein und Erz gegrabene Denkmale, sondern über alle Werke der bauenden und bildenden Künste, es ist die Sprache. Dies göttliche Geschenk, durch welches die innerste Tiefe des menschlichen Geistes sich aufschliesst, der Mensch so hoch über alle andere Wesen gestellt ist, durch welches Mensch vom Menschen und Volk vom Volke sich unterscheidet und in seiner Eigentümlichkeit sich darstellt, führt ihn zurück bis in die fernsten Zeiten, lässt ihn das Vaterland der Planzen und Thiere und die Verwandschaft von Völkern erkennen, welche durch weite Länder und Meere von einander getrennt sind. Wunderbar ist es daher, wenn heute noch sonst geistreiche und verdienstvolle Geschichtschreiber meinen, aus der Ähnlichkeit einer Sprache lasse sich nicht die Verwandschaft der Nationen, sondern nur die Ähnlichkeit des menschlichen Geistes beweisen.
Wie die Natur so reich ist, Millionen Wesen hervorzubringen, von denen keins dem andern vollkommen gleich ist, so vermag auch der Mensch Millionen Wörter zu bilden, welche von einander verschieden sind, und nicht Zufall kann es sein, wenn bei verschiedenen durch weite Räume und Zeiten getrennten Völkern dieselben Töne dieselbe Bedeutung haben. Blosse Ähnlichkeit des Tons aber will nichts sagen, und bouche und Busch, choux und Schuh haben, ohnerachtet der Ähnlichkeit des Tons, keine Verwandschaft, da sie verschiedene Gegenstände bezeichnen.
Wenn aber die Zahl gleichlautender und gleiche Bedeutung habender Wörter in verschiedenen Sprachen gross ist, so muss entweder eine Stammverwandschaft, eine Unterwerfung des einen Volks durch das andere, eine Vermischung oder ein lebhafter Verkehr und eine geistige Einwirkung durch Mittheilung von Wissenschaften, Künsten und Religion Statt gefunden haben.
Die Besetzung Englands durch Sachsen, die Eroberung Spaniens, Galliens durch die Römer, die Einwanderung der Gothen, Burgundier und Franken in Frankreich, die Mittheilung der Künste und Wissenschaften von Griechen an Römer und andere Völker, die Einführung der christlichen Religion in den verschiedenen Ländern sind Belege dazu.
Bezeichnen die ähnlichen Wörter die ersten Stuffen der Verwandschaft, die Theile des Körpers, die ersten Bedürfnisse und Verrichtungen und überhaupt die Elemente des Lebens, so weiset dies auf eine Stammverwandschalt; daher wir auch, selbst wenn die Geschichte davon schwiege, aus der Ähnlichkeit der englischen Sprache mit der deutschen gerade in diesen Gegenständen die Stammverwandschaft beider Völker erkennen müssten.
Findet sich die Ähnlichkeit in Wörtern der Kunst, Wissenschaft, Religion und Gegenständen des gebildetern Lebens, so zeigt dies von einen spätern nicht so mit dem innern Kern des Daseins zusammenhangenden Einwirkung.
Die grössere Ähnlichkeit oder Verschiedenheit in Zusammensetzung, Biegung, Ableitung und Wortfolge lässt uns gleichfalls die Verwandschaft und die frühere oder spätere, kürzer oder länger dauernde Einwirkung des einen Volkes auf das andere erkennen.
Oft jedoch ist die Verwandschaft der Sprache schwer zu erkennen, da durch Einschieben, häufiger jedoch durch Ausstossen von Buchstaben und Sylben, durch Zusammenziehung und Betonung die Wörter sehr verändert werden, so dass man beim ersten Anblick jeudi und Jovis dies, noël und nātālis, étranger, stranger und extrāneus wohl schwerlich für dasselbe Wort halten würde.
Oft giebt eine Sprache der andern ein Wort und nimmt es verändert dann zurück; so erhielten die Franzosen von den Deutschen warten – wardan – (Burgwart) garder, und wir nahmen Garde von ihnen zurück; eben so ist es mit Beiwache und bivouac.
Bisweilen wird es daher zweifelhaft, welcher Sprache eigentlich ein Wort angehöre, und nur wenn wir den Hauptstamm, die eigentliche bedeutungsvolle Wurzel nebst einer Menge Ableitungen davon in der einen, in der andern dagegen nur diesen vereinzelt dastehenden, blos einen Gegenstand bezeichnenden Ausdruck finden, wird es uns gelingen das Anrecht der einen Sprache unwiderleglich darzuthun.