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„Verlangen“ – Versionsunterschied

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[[verlangen]] n. substantivierter Infinitiv, mhd. verlangen, auch ‘Verdruß, Kummer’.<p>'''Verlangen''' (''desiderium'' [lat.], ''desire'' [engl.], ''désir'' [frz.]) ist ein Erregungszustand, der die menschliche [https://de.wikipedia.org/wiki/Psyche Psyche] auf bestimmte Zielzustände richtet. Dieses Gerichtetsein hat gemäß der sogenannten Anreiztheorien<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verlangen#cite_note-1 [1]]</sup> die Form der [https://de.wikipedia.org/wiki/Erwartung_(Psychologie) Erwartung] von etwas, was für das Individuum einen Anreizwert darstellt. [https://de.wikipedia.org/wiki/Anreiz Anreiz] ist die antizipierte [https://de.wikipedia.org/wiki/Emotion Emotion] mit Blick auf den Zielzustand, der Anreizwert das Maß an positiver Emotion, das mit dem anvisierten Zielzustand verbunden wird.<sup id="cite_ref-2" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verlangen#cite_note-2 [2]]</sup></p><p>[https://de.wikipedia.org/wiki/Begierde Begehren], [https://de.wikipedia.org/wiki/Wunsch Wünschen], [https://de.wikipedia.org/wiki/Sehnsucht Sehnen], '''Streben''', '''Wollen''' usw. bringen Nuancen des Verlangens zum Ausdruck.</p><p>Verlangen ist im Prinzip ein aus zwei Teilakten zusammengesetzter intentionaler Akt: einem Repräsentationsakt (Wahrnehmung, [https://de.wikipedia.org/wiki/Imagination Imagination], [https://de.wikipedia.org/wiki/Denken Denken], [https://de.wikipedia.org/wiki/Emotion Emotion]) und einem konativen Akt (Wunsch, [https://de.wikipedia.org/wiki/Wille Wille]).<sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verlangen#cite_note-3 [3]]</sup></p><p>Verlangensakte sind stets ausgerichtet auf etwas, was einen positiven [https://de.wikipedia.org/wiki/Reiz Reiz] auszulösen verspricht. Mit [https://de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles Aristoteles] Worten: Alles Streben ist gerichtet auf ein Gut.<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verlangen#cite_note-4 [4]]</sup> Das Verlangen zielt über verschiedene Verlangensakte hinweg auf diejenigen Gegenstände oder Zielzustände, die das größtmögliche Gut darstellen. Man kann das menschliche Verlangen als letztlich auf ein [https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6chstes_Gut höchstes Gut] ([https://de.wikipedia.org/wiki/Augustinus_von_Hippo Augustinus von Hippo]: ''summum bonum'') ausgerichtet verstehen.<sup class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verlangen#cite_note-5 [5]]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading2">
[[verlangen]] n. substantivierter Infinitiv, mhd. verlangen, auch ‘Verdruß, Kummer’.
== Anreiztheorie (Psychologie) ==
 
</div><p>Die empirische Psychologie spricht statt von Verlangen von [https://de.wikipedia.org/wiki/Motivation Motivation].<sup id="cite_ref-6" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verlangen#cite_note-6 [6]]</sup> Der Anreiztheorie nach (zurückgehend auf die Feldtheorie von [https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Lewin Kurt Lewin]) besteht das Verlangen bzw. die Motivation in der Ausrichtung der Psyche auf bestimmte Zielzustände im Sinn einer Anregung, sie anzustreben. Dabei muss der Zielzustand, um angestrebt zu werden, vom Individuum antizipiert werden. Das Gerichtetsein auf den Zielzustand hat dann die Form der Erwartung. Erwartet wird ein Zustand, der Positives verspricht, der für das ihn anstrebende Individuum einen Wert darstellt, d.&nbsp;h. Motivation ist der Anreiztheorie nach "eine Funktion von Erwartung und Wert".<sup id="cite_ref-7" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verlangen#cite_note-7 [7]]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading2">
{{Anm. KF}} eigtl. müßte es ''Verlang'' genannt sein, wie vglw. ''[[Belang]]''
 
== Verlangen ==
<p>'''Verlangen''' (''[[desiderium]]'' [lat.], ''desire'' [engl.], ''désir'' [frz.]) ist ein [[Erregungszustand]], der die menschliche [[Psyche]] auf bestimmte Zielzustände richtet. Dieses Gerichtetsein hat gemäß der sogenannten [[Anreiztheorien]]<ref><span class="reference-text">Vgl. Jutta Heckhausen&nbsp;; Heinz Heckhausen: Motivation und Handeln. 4. Aufl. Berlin 2010, 105-143.</span></ref> die Form der [[Erwartung (Psychologie)|Erwartung]] von etwas, was für das Individuum einen [[Anreizwert]] darstellt. [[Anreiz]] ist die antizipierte [[Emotion]] mit Blick auf den [[Zielzustand]], der Anreizwert das Maß an positiver Emotion, das mit dem anvisierten Zielzustand verbunden wird.<ref><span class="reference-text">Vgl. Jörg Disse: Desiderium. Eine Philosophie des Verlangens. Stuttgart&nbsp;: Kohlhammer, 2016, 98f.</span></ref></p><p>[[Begierde|Begehren]], [[Wünsche|Wünschen]], [[Sehnsucht|Sehnen]], '''[[Streben]]''', '''[[Wollen]]''' usw. bringen Nuancen des Verlangens zum Ausdruck.</p><p>Verlangen ist im Prinzip ein aus zwei Teilakten zusammengesetzter intentionaler Akt: einem Repräsentationsakt (Wahrnehmung, [https://de.wikipedia.org/wiki/Imagination Imagination], [https://de.wikipedia.org/wiki/Denken Denken], [https://de.wikipedia.org/wiki/Emotion Emotion]) und einem konativen Akt (Wunsch, [[Wille]]).<ref><span class="reference-text">Vgl. Jörg Disse: Desiderium. Eine Philosophie des Verlangens. Stuttgart&nbsp;: Kohlhammer, 2016, 74-105</span></ref></p><p>Verlangensakte sind stets ausgerichtet auf etwas, was einen positiven [[Reiz]] auszulösen verspricht. Mit [[Aristoteles (Universalgelehrter)|Aristoteles]] Worten: Alles Streben ist gerichtet auf ein Gut.<ref><span class="reference-text">Aristoteles: Nikomachische Ethik, I,1.</span></ref> Das Verlangen zielt über verschiedene Verlangensakte hinweg auf diejenigen Gegenstände oder Zielzustände, die das größtmögliche Gut darstellen. Man kann das menschliche Verlangen als letztlich auf ein [[höchstes Gut]] ([[Augustinus von Hippo]]: ''summum bonum'') ausgerichtet verstehen.<ref><span class="reference-text">Vgl. Jörg Disse: Desiderium. Eine Philosophie des Verlangens. Stuttgart&nbsp;: Kohlhammer, 2016, 105-110.</span></ref></p><div class="mw-heading mw-heading2">
== [[Anreiztheorie (Psychologie)]] ==
</div>{{:Anreiztheorie (Psychologie)}}<div class="mw-heading mw-heading2">
== Mimetische Theorie (Kulturwissenschaften, Philosophie) ==
== Mimetische Theorie (Kulturwissenschaften, Philosophie) ==
</div><p>Die Mimetische Theorie von [https://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9_Girard René Girard] reflektiert über die soziale Verflechtung menschlichen Verlangens. Das Verlangen ist, wenn es um Ziele geht, die über die Befriedigung der elementaren [https://de.wikipedia.org/wiki/Bed%C3%BCrfnis Bedürfnisse] hinausreichen, grundsätzlich unschlüssig, worauf es sich richten soll, und orientiert sich daher gern an dem, was andere begehren, um seinem eigenen Verlangen ein Objekt zu geben. Girard thematisiert die Dreieckskonstellation aus begehrendem Subjekt, imitiertem Vorbild und begehrtem Objekt. Ein Individuum begehrt ein Objekt, weil auch ein anderes danach verlangt. Diese [https://de.wikipedia.org/wiki/Mimesis Mimesis] führt zu einem ambivalenten Verhältnis von beiden. Der Nachahmende macht sich den, der zuerst nach etwas verlangt, zum Vorbild. Damit entsteht Sympathie: Sie verstehen sich darin, dass sie dasselbe mögen. Dadurch, dass sie nach demselben verlangen, werden sie aber zugleich zu Rivalen.<sup id="cite_ref-8" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verlangen#cite_note-8 [8]]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading2">
</div><p>Die Mimetische Theorie von [https://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9_Girard René Girard] reflektiert über die soziale Verflechtung menschlichen Verlangens. Das Verlangen ist, wenn es um Ziele geht, die über die Befriedigung der elementaren [https://de.wikipedia.org/wiki/Bed%C3%BCrfnis Bedürfnisse] hinausreichen, grundsätzlich unschlüssig, worauf es sich richten soll, und orientiert sich daher gern an dem, was andere begehren, um seinem eigenen Verlangen ein Objekt zu geben. Girard thematisiert die Dreieckskonstellation aus begehrendem Subjekt, imitiertem Vorbild und begehrtem Objekt. Ein Individuum begehrt ein Objekt, weil auch ein anderes danach verlangt. Diese [https://de.wikipedia.org/wiki/Mimesis Mimesis] führt zu einem ambivalenten Verhältnis von beiden. Der Nachahmende macht sich den, der zuerst nach etwas verlangt, zum Vorbild. Damit entsteht Sympathie: Sie verstehen sich darin, dass sie dasselbe mögen. Dadurch, dass sie nach demselben verlangen, werden sie aber zugleich zu Rivalen.<ref><span class="reference-text">René Girard: La violence et le sacré. Paris 1972, Kap. 6.</span></ref></p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Theorie vom höchsten Gut (Philosophie) ==
== Theorie vom höchsten Gut (Philosophie) ==
</div><p>In der Philosophie gibt es eine lange Tradition, die das Verlangen auf ein [https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6chstes_Gut höchstes Gut] ausgerichtet versteht. Schon in [https://de.wikipedia.org/wiki/Symposion_(Platon) Platons ''Symposion''] wird der sogenannte [https://de.wikipedia.org/wiki/Platonische_Liebe platonische Eros] über alle Gegenstände sinnlicher Art und auch über alle Gegenstände der Wissenschaften hinaus als letztausgerichtet auf die Idee des Schönen beschrieben.<sup id="cite_ref-9" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verlangen#cite_note-9 [9]]</sup> Die Erfahrung der Idee des Schönen aber ist das höchste Gut: „Und an dieser Stelle des Lebens (…), wenn irgendwo, ist es dem Menschen lebenswert, wenn er das Schöne selbst schaut …“<sup id="cite_ref-10" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verlangen#cite_note-10 [10]]</sup> [https://de.wikipedia.org/wiki/Augustinus_von_Hippo Augustinus] nach befindet sich der Mensch auf Erden wie in einer Wüste, in der er von brennendem Durst geplagt ist.<sup id="cite_ref-11" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verlangen#cite_note-11 [11]]</sup> Keines der vielen irdischen Güter, auf die sich sein Verlangen richtet, aber vermögen es wirklich zu stillen, denn die [https://de.wikipedia.org/wiki/Seele Seele]des Menschen dürstet im Grunde genommen nach [https://de.wikipedia.org/wiki/Gott Gott]: "inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te" (ruhelos ist unser Herz, bis dass es ruht in Dir).<sup id="cite_ref-12" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verlangen#cite_note-12 [12]]</sup> Auch für [https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_von_Aquin Thomas von Aquin] ist der menschliche ''appetitus'' letztlich ausgerichtet auf ein höchstes Ziel, die [https://de.wikipedia.org/wiki/Gl%C3%BCck Glückseligkeit] ("naturaliter homo appetit ultimum finem, scilicet beatitudinem").<sup id="cite_ref-13" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verlangen#cite_note-13 [13]]</sup> Die Glückseligkeit aber besteht darin, Gott zu erkennen.<sup id="cite_ref-14" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verlangen#cite_note-14 [14]]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading2">
</div><p>In der Philosophie gibt es eine lange Tradition, die das Verlangen auf ein [https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6chstes_Gut höchstes Gut] ausgerichtet versteht. Schon in [[Platon|Platons]] ''[[Symposion (Platon)|Symposion]]'' wird der sogenannte [[platonische Liebe|platonische Eros]] über alle Gegenstände sinnlicher Art und auch über alle Gegenstände der Wissenschaften hinaus als letztausgerichtet auf die Idee des Schönen beschrieben.<ref><span class="reference-text">Platon: Symposion, 210 d-e.</span></ref> Die Erfahrung der Idee des Schönen aber ist das höchste Gut: „Und an dieser Stelle des Lebens (…), wenn irgendwo, ist es dem Menschen lebenswert, wenn er das Schöne selbst schaut …“<ref><span class="reference-text">Platon: Symposion, 211d.</span></ref> [[Augustinus von Hippo|Augustinus]] nach befindet sich der Mensch auf Erden wie in einer Wüste, in der er von brennendem Durst geplagt ist.<ref><span class="reference-text">Augustinus: en. Ps. 62,3.</span></ref> Keines der vielen irdischen Güter, auf die sich sein Verlangen richtet, aber vermögen es wirklich zu stillen, denn die [https://de.wikipedia.org/wiki/Seele Seele] des Menschen dürstet im Grunde genommen nach [[Gott]]: "inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te" (ruhelos ist unser Herz, bis dass es ruht in Dir).<ref><span class="reference-text">Augustinus: conf. I, 1,1.</span></ref> Auch für [[Thomas von Aquin]] ist der menschliche ''appetitus'' letztlich ausgerichtet auf ein höchstes Ziel, die [[Glückseligkeit]] ("naturaliter homo appetit ultimum finem, scilicet beatitudinem").<ref><span class="reference-text">Thomas von Aquin: Summa theologica, I-II, 1,7.</span></ref> Die Glückseligkeit aber besteht darin, Gott zu erkennen.<ref><span class="reference-text">Thomas von Aquin: Summa contra gentiles, III, 25.</span></ref></p><div class="mw-heading mw-heading2">
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== Einzelnachweise ==
== [[Enzlnchwse]] ==
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#<span class="reference-text">Vgl. Jutta Heckhausen&nbsp;; Heinz Heckhausen: Motivation und Handeln. 4. Aufl. Berlin 2010, 105-143.</span>
#<span class="reference-text">Vgl. Jörg Disse: Desiderium. Eine Philosophie des Verlangens. Stuttgart&nbsp;: Kohlhammer, 2016, 98f.</span>
#<span class="reference-text">Vgl. Jörg Disse: Desiderium. Eine Philosophie des Verlangens. Stuttgart&nbsp;: Kohlhammer, 2016, 74-105</span>
#<span class="reference-text">Aristoteles: Nikomachische Ethik, I,1.</span>
#<span class="reference-text">Vgl. Jörg Disse: Desiderium. Eine Philosophie des Verlangens. Stuttgart&nbsp;: Kohlhammer, 2016, 105-110.</span>
#<span class="reference-text">Überblick über Motivationstheorien in der empirischen Psychologie vgl. "20 Most Popular Theories of Motivation in Psychology" [https://positivepsychology.com/motivation-theories-psychology/ https://positivepsychology.com/motivation-theories-psychology/] (1.11.2021)</span>
#<span class="reference-text">Jürgen Beckmann&nbsp;; Heinz Heckhausen: Motivation durch Erwartung und Anreiz. In: Jutta Heckhausen&nbsp;; Heinz Heckhausen: Motivation und Handeln. 4. Aufl. Berlin 2010, 105-143, hier 106.</span>
#<span class="reference-text">René Girard: La violence et le sacré. Paris 1972, Kap. 6.</span>
#<span class="reference-text">Platon: Symposion, 210 d-e.</span>
#<span class="reference-text">Platon: Symposion, 211d.</span>
#<span class="reference-text">Augustinus: en. Ps. 62,3.</span>
#<span class="reference-text">Augustinus: conf. I, 1,1.</span>
#<span class="reference-text">Thomas von Aquin: Summa theologica, I-II, 1,7.</span>
#<span class="reference-text">Thomas von Aquin: Summa contra gentiles, III, 25.</span>

Version vom 24. Juli 2024, 11:55 Uhr

verlangen n. substantivierter Infinitiv, mhd. verlangen, auch ‘Verdruß, Kummer’.

Anm. KF: eigtl. müßte es Verlang genannt sein, wie vglw. Belang

Verlangen

Verlangen (desiderium [lat.], desire [engl.], désir [frz.]) ist ein Erregungszustand, der die menschliche Psyche auf bestimmte Zielzustände richtet. Dieses Gerichtetsein hat gemäß der sogenannten Anreiztheorien[1] die Form der Erwartung von etwas, was für das Individuum einen Anreizwert darstellt. Anreiz ist die antizipierte Emotion mit Blick auf den Zielzustand, der Anreizwert das Maß an positiver Emotion, das mit dem anvisierten Zielzustand verbunden wird.[2]

Begehren, Wünschen, Sehnen, Streben, Wollen usw. bringen Nuancen des Verlangens zum Ausdruck.

Verlangen ist im Prinzip ein aus zwei Teilakten zusammengesetzter intentionaler Akt: einem Repräsentationsakt (Wahrnehmung, Imagination, Denken, Emotion) und einem konativen Akt (Wunsch, Wille).[3]

Verlangensakte sind stets ausgerichtet auf etwas, was einen positiven Reiz auszulösen verspricht. Mit Aristoteles Worten: Alles Streben ist gerichtet auf ein Gut.[4] Das Verlangen zielt über verschiedene Verlangensakte hinweg auf diejenigen Gegenstände oder Zielzustände, die das größtmögliche Gut darstellen. Man kann das menschliche Verlangen als letztlich auf ein höchstes Gut (Augustinus von Hippo: summum bonum) ausgerichtet verstehen.[5]

←Verlangen ▶Die empirische Psychologie spricht statt von Verlangen von Motivation.[6] Der Anreiztheorie nach (zurückgehend auf die Feldtheorie von Kurt Lewin) besteht das Verlangen bzw. die Motivation in der Ausrichtung der Psyche auf bestimmte Zielzustände im Sinn einer Anregung, sie anzustreben. Dabei muss der Zielzustand, um angestrebt zu werden, vom Individuum antizipiert werden. Das Gerichtetsein auf den Zielzustand hat dann die Form der Erwartung. Erwartet wird ein Zustand, der Positives verspricht, der für das ihn anstrebende Individuum einen Wert darstellt, d. h. Motivation ist der Anreiztheorie nach "eine Funktion von Erwartung und Wert".[7]

Mimetische Theorie (Kulturwissenschaften, Philosophie)

Die Mimetische Theorie von René Girard reflektiert über die soziale Verflechtung menschlichen Verlangens. Das Verlangen ist, wenn es um Ziele geht, die über die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse hinausreichen, grundsätzlich unschlüssig, worauf es sich richten soll, und orientiert sich daher gern an dem, was andere begehren, um seinem eigenen Verlangen ein Objekt zu geben. Girard thematisiert die Dreieckskonstellation aus begehrendem Subjekt, imitiertem Vorbild und begehrtem Objekt. Ein Individuum begehrt ein Objekt, weil auch ein anderes danach verlangt. Diese Mimesis führt zu einem ambivalenten Verhältnis von beiden. Der Nachahmende macht sich den, der zuerst nach etwas verlangt, zum Vorbild. Damit entsteht Sympathie: Sie verstehen sich darin, dass sie dasselbe mögen. Dadurch, dass sie nach demselben verlangen, werden sie aber zugleich zu Rivalen.[8]

Theorie vom höchsten Gut (Philosophie)

In der Philosophie gibt es eine lange Tradition, die das Verlangen auf ein höchstes Gut ausgerichtet versteht. Schon in Platons Symposion wird der sogenannte platonische Eros über alle Gegenstände sinnlicher Art und auch über alle Gegenstände der Wissenschaften hinaus als letztausgerichtet auf die Idee des Schönen beschrieben.[9] Die Erfahrung der Idee des Schönen aber ist das höchste Gut: „Und an dieser Stelle des Lebens (…), wenn irgendwo, ist es dem Menschen lebenswert, wenn er das Schöne selbst schaut …“[10] Augustinus nach befindet sich der Mensch auf Erden wie in einer Wüste, in der er von brennendem Durst geplagt ist.[11] Keines der vielen irdischen Güter, auf die sich sein Verlangen richtet, aber vermögen es wirklich zu stillen, denn die Seele des Menschen dürstet im Grunde genommen nach Gott: "inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te" (ruhelos ist unser Herz, bis dass es ruht in Dir).[12] Auch für Thomas von Aquin ist der menschliche appetitus letztlich ausgerichtet auf ein höchstes Ziel, die Glückseligkeit ("naturaliter homo appetit ultimum finem, scilicet beatitudinem").[13] Die Glückseligkeit aber besteht darin, Gott zu erkennen.[14]

Siehe auch

Literatur

  • Aurelius Augustinus: De beata vita/Über das Glück / Ingeborg Schwarz-Kirchenbauer ; Willi Schwarz (Übers., Anm., Nachw.). Reclam, Stuttgart, 1982.
  • Jörg Disse: Desiderium. Eine Philosophie des Verlangens. Stuttgart, 2016, ISBN 978-3-17-031473-3.
  • René Girard: Figuren des Begehrens. Das Selbst und der Andere in der fiktionalen Realität. 2. Auflage. LIT, Münster, 2012, ISBN 978-3-643-50378-7 (frz.: Mensonge romantique et vérité romanesque. 1961, ISBN 2-01-278977-3).
  • René Girard: Das Heilige und die Gewalt. Fischer, Frankfurt a. M. 1994, zuletzt Ostfildern, Patmos 2011, ISBN 3-8436-0075-9 (frz.: La Violence et le sacré.1972, ISBN 3-491-69430-2).
  • Jutta Heckhausen ; Heinz Heckhausen: Motivation und Handeln. 4. Aufl. Berlin, 2010.
  • Jean-Luc Marion: Das Erotische. Ein Phänomen. Aus dem Französischen übersetzt von Alwin Letzkus. Karl Alber, Freiburg i. Br. / München 2011. ISBN 978-3-495-48366-4 (frz.: Le phénomène érotique. Six méditations. Grasset, Paris 2003, ISBN 2-246-55091-2).
  • Abraham Maslow: A Theory of Human Motivation. In: Psychological Revue 50 (1943), 370–396.
  • Platon: Symposion. In: Werke in acht Bänden (gr./dt.) / Gunther Eigler (Hrsg.) ; Friedrich Schleiermacher (Übers.). Bd. III. WBG, Darmstadt, 1977.
  • Paul Ricoeur: Das Willentliche und das Unwillentliche. Übersetzt und mit einer Einführung versehen von Daniel Creutz. Fink, Paderborn 2016, ISBN 978-3-7705-5513-0 (frz.: Le volontaire et l'involontaire. Aubier, Paris 1950).
Wiktionary: Verlangen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  1. ↑ Vgl. Jutta Heckhausen ; Heinz Heckhausen: Motivation und Handeln. 4. Aufl. Berlin 2010, 105-143.
  2. ↑ Vgl. Jörg Disse: Desiderium. Eine Philosophie des Verlangens. Stuttgart : Kohlhammer, 2016, 98f.
  3. ↑ Vgl. Jörg Disse: Desiderium. Eine Philosophie des Verlangens. Stuttgart : Kohlhammer, 2016, 74-105
  4. ↑ Aristoteles: Nikomachische Ethik, I,1.
  5. ↑ Vgl. Jörg Disse: Desiderium. Eine Philosophie des Verlangens. Stuttgart : Kohlhammer, 2016, 105-110.
  6. ↑ Überblick über Motivationstheorien in der empirischen Psychologie vgl. "20 Most Popular Theories of Motivation in Psychology" https://positivepsychology.com/motivation-theories-psychology/ (1.11.2021)
  7. ↑ Jürgen Beckmann ; Heinz Heckhausen: Motivation durch Erwartung und Anreiz. In: Jutta Heckhausen ; Heinz Heckhausen: Motivation und Handeln. 4. Aufl. Berlin 2010, 105-143, hier 106.
  8. ↑ René Girard: La violence et le sacré. Paris 1972, Kap. 6.
  9. ↑ Platon: Symposion, 210 d-e.
  10. ↑ Platon: Symposion, 211d.
  11. ↑ Augustinus: en. Ps. 62,3.
  12. ↑ Augustinus: conf. I, 1,1.
  13. ↑ Thomas von Aquin: Summa theologica, I-II, 1,7.
  14. ↑ Thomas von Aquin: Summa contra gentiles, III, 25.