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u

aus AufEinWort, der freien Forschung
Dies ist eine alte Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 27. Dezember 2023 um 14:54 Uhr durch Nikolaos (Diskussion | Beiträge). Sie kann sich erheblich von der aktuellen Version unterscheiden.

u, U[1]

[2]u,
  • der ein und zwanzigste Buchstab des Deutschen Alphabetes,
  • und der fünfte oder vielmehr siebente unter den Mitlautern,
    • wenn nämlich ä und ö, wie billig, als eigene Mitlauter mitgezählet werden.
  • Er wird aus der Kehle mit einer runden Öffnung des Mundes ausgesprochen,
    • und ist daher,
      • so fern er eine unmittelbare Nachahmung der tönenden Natur ist,
    • ein Ausdruck des tiefsten und dumpfigsten Lautes,
      • der noch in so vielen Wörtern unleugbar ist; z.B.
        • kurz, dumm, stumm, stumpf, Trumm u.s.f.
  • Seine Aussprache
    • hat in den reinen Mundarten keine Schwierigkeit,
      • indem das Deutsche und Nordische u,
        • dem heutigen Lateinischen u,
        • dem Französischen ou
        • und Griechischen ου völlig gleichlautend sind.
    • Allein in den gemeinen Mundarten
      • gehet es durch eine Menge von Schattierungen.
      • Besonders pflegt man ihm in einigen Oberdeutschen Gegenden
        • gern ein e nachschleichen zu lassen;
          • Brueder, Muetter, (dreysylbig,) guet, Huef, Tuech, (zweysylbig,) für Bruder, Mutter, gut, Huf, Tuch.
      • In andern dehnt man es wie uo;
        • Buoch, thuot, Muotter u.s.f.
        • welches besonders in Oberschwaben und am Oberrheine geschiehet.
    • Das u ist, wie alle andere einfache Selbstlaute,
      • bald gedehnt, bald geschärft;
        • gedehnt in Buch, Fluch, Huhn, thun u.s.f.
        • geschärft in Lust, Mund, Hund u.s.f.
    • Die Verdoppelung des u, wenn es gedehnt ist,
      • ist nicht eingeführet,
      • wohl aber wird demselben in manchen Fällen ein h angehänget.

Das u und folgende ü

  • gehen in der Veränderung der Wörter häufig in einander über.
    • Gut und Güter,
    • Bruder und Brüder,
    • Fuß, Füßchen und Füße,
    • Durst und dürsten,
    • Brunst und brünstig,
    • Wunsch und wünschen,
    • dumm, dümmer, dümmste,
    • klug, kluger, klügste,
    • ich schlug, daß ich schlüge.
  • Unsere Sprachlehrer drucken dieses so aus,
    • daß das u in der Veränderung der Wörter oft in ü verwandelt werde;
      • welches in Ansehung der Flexion richtig ist,
      • aber nicht in Ansehung der Abstammung.
    • Die Zeitwörter
      • sind in den meisten Fällen eher da gewesen,
      • als die davon abstammenden Hauptwörter.
      • Man hat
        • eher gedürstet, ehe man das Abstractum Durst gebildet,
        • eher gehüthet, als man davon die Huth gemacht u.s.f.
        • Hier läßt sich nicht sagen, daß u in ü verwandelt worden,
        • aber auch nicht, daß ü in u übergegangen.
        • Es sind in diesen Fällen,
          • so häufig sie auch sind,
          • vielmehr zwey Mundarten,
            • durch die unaufhörliche Vermischung der Nationen zusammen geflossen,
            • eine rauhere und tiefere,
            • und eine zärtlichere und sanftere.
          • Eben daher rührt es auch,
            • daß ie und u in Wörtern Eines Geschlechtes so oft in einander übergehen;
              • fließen, Fluß und flüssig;
              • siechen, Sucht und süchtig;
              • fliehen, Flucht und flüchtig;
              • triegen, Trug und trüglich.
          • Manche rauhe Oberdeutsche Mundarten lassen statt des Hochdeutschen ü noch jetzt ein tieferes u hören;
            • Rucken für Rücken, Kuche für Küche.

Im Schreiben oder vielmehr in der Currentschrift
  • setzt man über das u
    • einen gekrümmten Oberstrich
    • oder auch einen senkrecht stehenden Circumflex,
      • um es von dem n zu unterscheiden,
        • welchem es sonst in der Figur gleich ist.
    • Dieser Gebrauch
      • erstreckt sich bis über das dreyzehnte Jahrhundert hinaus
      • und wurde in den Handschriften,
      • auch in der sogenannten Mönchsschrift,
      • beobachtet, indem auch hier das n dem u sehr gleich sehe.
    • Allein das Zeichen,
      • dessen man sich zum Unterschiede des letztern bediente,
        • war nicht zu[3]allen Zeiten und bey allen Abschreibern gleich,
        • und es scheint, daß man dabey sehr willkührlich verfahren.
      • Sehr häufig setzte man über das u einen völlig runden Zirkel,
        • und daraus haben einige den Schluß machen wollen,
          • dieser Zirkel sey aus dem o entstanden,
          • welches manche gemeine Mundarten, wie schon gedacht,
            • dem u nachschleichen lassen,
            • welches man denn darüber geschrieben,
            • anstatt daß die Griechen und Franzosen das tiefe u durch ein vorgesetztes o ausdrucken;
              • ου und ou.
        • Allein, dieser Gebrauch war nicht allgemein.
      • In vielen Handschriften stehet gar kein Zeichen über dem u;
        • in andern unterschied man es durch ein Paar schräge stehende Puncte von dem n,
          • wie solches Schöttchen in einem Programm von einer alten Übersetzung der Sprüche Salomonis von ungefähr 1400 bemerkt.
        • Noch
          • häufiger schrieb man nach Art der alten Lateiner statt des u ein v,
          • und in den spätern Zeiten oft gar ein w,
          • welche beyde letzten Arten auch noch in den gedruckten Büchern des sechzehenten Jahrhunderts häufig vorkommen;
            • doch scheint es, daß man das v am häufigsten zu Anfange eines Wortes,
            • und das w in Doppellauten gebraucht;
              • vnd, Frawen, thewer.
              • Unser Ew. für Euer ist noch ein alter Überrest davon.
          • Vermuthlich sprachen die alten Lateiner ihr u eben so, wie wir aus.
          • Bey den Griechen lautete es wie bey den heutigen Franzosen, wie ü;
            • da sie nun doch das tiefere u in ihrer Sprache hatten,
              • aber kein eigenes Schriftzeichen dafür kannten,
                • so wählten sie ein zusammen gesetztes,
                • und druckten den tiefern Laut des u durch ein vorgesetztes tiefes o aus;
                  • ου und ou.
      • Wer nun um des zusammen gesetzten Zeichens willen
        • das u gleich für einen Doppellaut halten wollte,
          • würde eben so flach urtheilen,
            • als wer unser ä, ö, ü,
            • das Schwedische å u.s.f.
            • um dieser Zeichen willen in die Reihe der Doppellaute setzen wollte.
Das u und v
  • sind schon dadurch wesentlich von einander unterschieden,
    • daß eines ein Selbstlaut,
    • das andere aber ein Mitlaut ist.
  • Die älteste Römische Capital-Schrift
    • hatte für beyde nur ein einziges Zeichen,
      • vielleicht, weil sie in der Aussprache anfänglich nicht verschieden waren;
        • daher schrieben sie auch nachmahls,
          • da beyde Laute bey ihnen hinlänglich unterschieden wurden,
          • beyde in ihrer großen Schrift mit einem V.
    • In den spätern Zeiten
      • führten sie in der kleinern Schrift das u ein,
        • welches denn auch von den Deutschen mit in ihr Alphabet aufgenommen wurde.
    • Nichts desto weniger ist in den neuern Zeiten
      • von einigen Halblateinern,
        • aus einer sclavischen Nachahmung,
        • die übele Gewohnheit wieder aufgebracht worden,
      • in der alphabetischen Stellung der Wörter, die mit u und v anfangenden unter einander zu werfen,
        • und Vater, Übel, Üben, Ver, Ufer, Uhr, Un, Vor u.s.f.
        • als Wörter Eines Buchstabens auf einander folgen zu lassen.
      • Man sollte kaum glauben daß ein so thörichter und widersinniger Einfall Beyfall finden können,
        • und doch findet man ihn fast in allen Wörterbüchern und Registern angewandt.
        • Ich habe es für Pflicht gehalten, der Natur und Vernunft,
          • die beyde Buchstaben wesentlich getrennet haben, getreu zu bleiben, und sie in diesem Wörterbuche gleichfalls von einander abzusondern.
  1. ↑ Quelle: Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 729-730. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20000478849; Lizenz: Gemeinfrei; Faksimiles: 729 | 730; Kategorien: Lexikalischer Artikel
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