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v

aus AufEinWort, der freien Forschung
Dies ist eine alte Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 27. Dezember 2023 um 15:44 Uhr durch Nikolaos (Diskussion | Beiträge). Sie kann sich erheblich von der aktuellen Version unterscheiden.

v, V[1]

[2]v, der zwey und zwanzigste unter den Deutschen Buchstaben
  • und der siebzehente unter den Mitlautern,
    • welcher seiner heutigen gewöhnlichsten Aussprache nach dem f gleich lautend ist,
      • er stehe zu Anfange eines Wortes,
        • Vater, viel, voll, Volk,
        • oder am Ende, brav, massiv,
        • oder auch in der Mitte, Larve, Nerve, Pulver.
          • In dem letztern Worte wird es von vielen gelinde, wie ein w gesprochen,
            • welche Aussprache es auch bekommt,
            • wenn es in der Mitte zwischen zwey Selbstlautern stehet;
              • wie in Frevel, Stüver, Sclave, wo es wie ein w oder sanftes b ausgesprochen wird.

Die Deutschen

  • haben diesen Buchstab mit dem ganzen übrigen Alphabete von den Lateinern angenommen.
    • Allein, bey diesen hatte er, aus Armuth an Schriftzeichen,
      • einen sehr mangelhaften Gebrauch.
  • In ihrer größern Schrift
    • mußte das V sowohl den Selbstlaut u,
    • als auch den gelindern Blaselaut, ausdrücken,
      • für welchen wir jetzt das w haben,
      • und ob sie gleich in ihrer spätern kleinern und Current-Schrift zwey verschiedene Zeichen u und v annahmen,
        • so waren doch die Schreiber durch die ältere größere Schrift schon so sehr verwöhnt,
          • daß der Gebrauch der letztern sehr unbestimmt und schwankend wurde.

Diese Verwirrung

  • schlich sich mit der Schrift auch in die Deutsche Schreibart ein.
  • Zwar half man einem Theil derselben dadurch ab,
    • daß man für den sanftern Blaselaut, welchen das V, v oder u,
      • wenn es das Zeichen eines Mitlauters war, ausdrucken mußte,
      • das w annahm
        • und nicht Vein, vehe mir, Vind und u.s.f.
        • sondern Wein, wehe, Wind schrieb;
    • allein, sie ward auf der andern Seite wieder vermehret,
      • indem man das v nicht nur als völlig gleich bedeutend mit dem f gebrauchte,
      • welches die Lateiner nicht thaten,
        • bey welchen es, wenn es ein Mitlaut war, wie unser w lautete,
        • sondern es auch nach Art derselben anstatt des Selbstlautes u schrieb.
        • Im ersten Falle schrieb man ohne Unterschied
          • Fater und Vater,
          • fon und von,
          • Folk und Volk,
        • im zweyten aber
          • vnnd und und,
          • dauon und davon.

Nach und nach

  • ward die Rechtschreibung einförmiger,
  • und der Mitlauter v theilte sich mit dem f in diejenigen Fälle,
    • in welchen der harte Blaselaut Statt fand,
      • obgleich diese Theilung sehr ungleich und willkührlich geschahe,
      • indem man sich dabey bloß nach dem Gebrauche richtete,
      • und bald das f, bald aber auch das v schrieb,
      • so wie dieses oder jenes allgemeiner geworden war.
    • Man
      • schrieb daher Volk,
      • behielt aber das f in dem Stammworte folgen;
    • auf ähnliche Art entstanden die Ungleichheiten in der Schreibart der Wörter
      • viel, voll und Fülle, füllen, vor und für u.s.f.
    • Einige Wörter
      • hat man noch sehr lange sowohl mit einem v, als mit einem f, geschrieben;
        • z.B. Vehwamme und Fehwamme, vest und fest,
        • und in manchen Gegenden schreibt man sie noch jetzt mit dem v.

In solchen Fällen nun,
  • wo der Gebrauch schwankend zu seyn scheinet,
    • erkläret man sich billig allemahl für das f,
      • weil dieses in den allermeisten Fällen zur Bezeichnung des harten Blaselautes angenommen ist,
      • dagegen man das v vergleichungsweise nur in einigen wenigen beybehalten hat.
  • Es ist nur die Frage,
    • ob man es nicht auch in diesen wenigen verbannen und dafür das bessere f einführen könne.
      • Da f und v unserer Aussprache nach, völlig gleich lautend sind,
        • das letztere sich auch nur durch einen Mißbrauch anstatt des erstern eingeschlichen hat,
        • so wäre es allerdings zu wünschen,[3]
          • daß die ersten Schreiber und Schriftsteller dasselbe vermieden hätten.
          • Allein, da die ganze Nation diese Ungleichheit einmahl angenommen,
            • und dadurch stillschweigend gebilliget hat,
            • so kann solche auch nicht anders, als durch ihre allgemeine Einwilligung, wieder abgeschaffet werden,
            • wozu heutiges Tages keine vernünftige Hoffnung ist.
      • Es sind daher alle Bemühungen einzelner Sprachlehrer
        • seit mehr als hundert Jahren in diesem Stücke fruchtlos gewesen
        • und haben ihnen keinen andern Vortheil gebracht,
          • als daß man sie als Sonderlinge verlacht hat,
          • und man kann mit Gewißheit behaupten,
            • daß die Bemühungen derer, welche sich in den neuesten Zeiten zu Sprach- und Schriftverbesserern aufwerfen,
            • kein besseres Schicksal haben werden.
        • Überdieß würde die Verwirrung,
          • welche eine so wesentliche Veränderung,
          • als die Ausstoßung eines ganzen allgemein angenommenen Buchstabens ist,
          • weit mehr Nachtheil verursachen müssen,
            • wenn sie auch gewisser Maßen allgemein werden sollte,
            • als der kleine etwa damit verbundene Nutzen wieder ersetzen könnte.

Was den Gebrauch des v anstatt des u betrifft,

  • so hat sich derselbe sehr lange erhalten,
  • wozu bey Wiederherstellung der alten Römischen Litteratur
    • die Pedanterey einiger Lateinischen Gelehrten das ihrige beytrug,
    • welche das u zu Anfange eines Wortes mit v und in der Mitte mit u ausgedruckt wissen wollten;
      • eine Pedanterey, welche sich, so seltsam und thöricht sie auch ist,
        • doch sehr lange erhalten hat.
    • Allein, endlich behaupteten Vernunft und Geschmack ihr Recht,
      • wenigstens in der Deutschen Schreibart,
      • und zeigten ihnen, wie seltsam es sey, vnd zu schreiben,
      • und nunmehr ward der Mitlaut v mit fast einstimmiger Bemühung überall verbannet.

Ein Überbleibsel des alten Vorurtheils,

  • das u und v als einen und eben denselben Buchstaben zu betrachten,
    • hat sich indessen noch bis auf unsere Zeiten erhalten,
  • und dieser bestehet darin,
    • daß man in allen Registern und alphabetischen Verzeichnissen,
      • den Selbstlaut u mit dem Mitlaut v vermengt,
      • und die damit anfangenden Wörter nach Maßgebung des folgenden Buchstabens ordnet.
  • Wie seltsam diese Vermischung
    • zweyer in der Gestalt und Aussprache so verschiedener Buchstaben ist,
    • wofür man keinen andern Grund hat,
      • als weil die alten Römer in ihrer großen Schrift, aus Armuth an Schriftzeichen, für beyde nur Einen Buchstab hatten,
      • darf wohl nicht erst gesagt werden.
    • Es wird also auch nicht erst einer Entschuldigung bedürfen,
      • daß ich in diesem Wörterbuche U und V, als zwey verschiedene Buchstaben, so wie sie es wirklich sind, behandelt habe.
  1. ↑ Quelle: Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 973-974. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20000494224; Lizenz: Gemeinfrei; Faksimiles: 973 | 974; Kategorien: Lexikalischer Artikel
  2. ↑ [973]
  3. ↑ [973]