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Protagoras (Platon)

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PROTAGORAS. (Sophistae)

2. Teil: Protagoras 2 (Platon)

Nach der Übersetzung von Friedrich E. D. Schleiermacher

in: Platons Werke. Ersten Teiles erster Band, dritte Auflage, Berlin 1855, bearbeitet.

Durch Anklicken der indizierenden Seitenzahlen im deutschen Text wird die entsprechende Seite mit dem griechischen und lateinischen Text der Didot-Edition angezeigt.

[309 St.1 A] FREUND: Woher kommst du, Sokrates? Oder versteht es sich, von der Jagd auf des Alkibiades Schönheit? Wahrlich auch ich fand den Mann erst neulich, als ich ihn sah, noch recht schön, aber ein Mann ist er doch, Sokrates, unter uns gesagt, dem der Bart schon kräftig wächst.

SOKRATES: Nun und was ist das schon? Lobst du nicht den Homer, [B] welcher das die holdesten Reize der Jugend nennt, wenn nun der Bart aufkeimt? Und dieser eben erfreut sich jetzt Alkibiades.

FREUND: Aber was nun? Kommst du von ihm? Und wie zeigt sich der Jüngling gegen dich?

SOKRATES: Recht gut, dünkt es mich, und besonders heute. Denn gar vieles hat er zu meiner Verteidigung geredet, auch komme ich grade von ihm. Etwas Sonderbares aber muss ich dir sagen, nämlich obgleich er zugegen war, habe ich doch wenig auf ihn geachtet, ja ihn nicht selten ganz vergessen.

FREUND: Was kann doch [C] Großes zwischen dir und ihm getreten sein? Denn ein noch Schönes hast du in dieser Stadt doch wohl nicht angetroffen.

SOKRATES: Und zwar ein weit Schöneres.

FREUND: Was sagst du? Von hier oder von auswärts?

SOKRATES: Von auswärts.

FREUND: Und von wo?

SOKRATES: Von Abdera.

FREUND: Und so schön dünkte dich der Fremde, dass er dir schöner erschien als der Sohn des Kleinias?

SOKRATES: Wie sollte denn nicht, du kluger Freund, das Weisere immer auch als das Schönere erscheinen?

FREUND: So bist du wohl eben mit einem Weisen zusammen gewesen, und kommst uns von daher?

SOKRATES: Und zwar mit dem Weisesten unter denen [D] wenigstens die jetzt leben, wenn du den Protagoras für den Weisesten hältst.

FREUND: O was du sagst! Protagoras ist in die Stadt gekommen?

SOKRATES: Seit drei Tagen schon.

FREUND: Und eben aus seiner Gesellschaft kommst du?

SOKRATES: Nachdem [310 St.1 A] ich gar vieles mit ihm gesprochen und von ihm gehört.

FREUND: Warum erzählst du uns nichts von euren Gesprächen, wenn dich nichts hindert? Setze dich zu uns und lasse den Knaben aufstehen.

SOKRATES: Sehr gern sogleich, und werde euch noch Dank wissen, wenn ihr zuhört.

 

FREUND: Wahrlich auch wir dir, wenn du erzählst.

SOKRATES: Beiden geschieht also Erwünschtes. So hört denn.

Diese vergangene Nacht, noch am ersten grauen Morgen, pochte Hippokrates, der Sohn des Apollodoros, des Phason Bruder, gewaltig mit dem Stock bei mir an die Türe, und als ihm einer geöffnet hatte, [B] stürmte er sogleich herein, und rief mir mit lauter Stimme: Sokrates wachst oder schläfst du?

Ich, ihn an der Stimme erkennend, entgegnete: Das ist ja Hippokrates! Du bringst doch nichts Neues?

Nichts wenigstens, sagte er, als Gutes.

Das möge wahr sein, sprach ich, was gibt es aber? und weshalb bist du so früh schon hier? Protagoras ist hier, sagte er, indem er zu mir herantrat.

Seit vorgestern, sprach ich, und du hast es jetzt erst erfahren?

Bei den Göttern, sagte er, gestern Abend. Zugleich tappte er nach einem Schemel, setzte sich mir zu Füßen, und fuhr fort. Gestern [C] abends also ganz spät, als ich aus Oino zurückkam - Satyros, mein Bursche, war mir entlaufen, ich wollte dir auch sagen, dass ich ihm nachsetzen würde, über etwas anderem aber war es mir wieder entfallen - als ich nun zurück war, nach der Mahlzeit erst, da wir uns eben zur Ruhe legen wollten, sagte mir mein Bruder, Protagoras ist da. Zuerst wollte ich sogleich zu dir gehen, hernach aber, dünkte es mich, doch schon zu spät in der Nacht zu sein. Nun aber bin ich, sobald nur nach solcher Ermüdung der Schlaf mich verlassen wollte, [D] aufgestanden und hierher gegangen.

Ich nun, der ich sein mutiges und eifriges Wesen kenne, fragte: Was hast du denn aber? Tat dir Protagoras etwas zu Leide?

Da sagte er lachend: ja bei den Göttern, Sokrates, dass er seine Weisheit für sich behält und mich nicht lehrt.

Nun, beim Zeus, sprach ich, wenn du ihm nur Geld gibst und ihn überredest, wird er dich auch wohl lehren.

Wollte doch Zeus und alle Götter, rief er aus, es beruhte nur hierauf, so ließ ich es weder an dem meinigen ermangeln, noch an der Freunde Beistand. [E] Aber eben deshalb komme ich jetzt zu dir, damit du meinetwegen mit ihm redest. Denn ich selbst bin nicht nur zu jung, sondern habe auch den Protagoras noch niemals weder gesehen noch gesprochen, denn ich war noch ein Kind, als er das erste mal hierher kam. Aber alle, o Sokrates, loben ja den Mann, und sagen, er wäre der kunstreichste im Reden. Warum aber gehen wir nicht gleich zu ihm, damit wir ihn noch [311 St.1 A] zu Hause treffen? Er wohnt, wie ich gehört habe, bei dem Kallias, dem Sohne des Hipponikos. Lass uns doch gehen.

Da sagte ich: jetzt gleich, mein Guter, lasse uns noch nicht dorthin gehen, denn es ist noch zu früh, sondern lasse uns aufstehen, und komm in den Hof hinaus, da wollen wir auf- und abgehend verweilen bis es hell geworden ist, und dann gehen. Ohnedies hält sich Protagoras viel zu Hause, darum sei guten Mutes, wir werden ihn wohl finden.

Somit standen wir auf, und gingen im Hof umher. [B] Ich nun wollte gern des Hippokrates Willenskraft erproben, betrachtete mir ihn daher recht, und fragte ihn: Sage mir, Hippokrates, zum Protagoras willst du jetzt, um ihm Geld für dich zu entrichten, hingehen, aber als zu wem willst du doch hingehen? Und um was doch zu werden? Wie wenn du zu deinem Namensverwandten, dem Hippokrates von Kos, dem Asklepiaden, gehen wolltest, dem Lehrgeld für dich zu bezahlen, und es fragte dich jemand: Sage mir, [C] Hippokrates, dem Hippokrates willst du Lehrgeld entrichten, als wem doch? Was würdest du antworten?

Ich würde sagen, sprach er, als einem Arzt. Und um was doch zu werden?

Ein Arzt, sagte er.


Oder wenn du zum Polykleitos von Argos oder zum Phidias hier aus Athen zu gehen im Sinne hättest, um ihnen Lehrgeld für dich zu entrichten, und es fragte dich jemand: Als wem gedenkst du denn dem Polykleitos oder dem Phidias dieses Geld zu entrichten? Was würdest du antworten?

Ich würde sagen als Bildhauer.

[D] Und um was doch selbst zu werden? Offenbar ein Bildhauer.

Gut, sprach ich. Nun aber gehen wir zum Protagoras, ich und du, und sind bereit ihm Lehrgeld für dich zu bezahlen, wenn das unsrige dazu hinreicht, und wir ihn um diesen Preis überreden können, wo nicht, auch noch das unserer Freunde daran zu wenden. Wenn uns nun jemand in solchem Eifer über diese Sache sehend fragte: Sagt mir doch, Sokrates und Hippokrates, als wem [E] gedenkt ihr dem Protagoras dieses Geld zu geben? Was würden wir antworten? Mit was für einem andern Namen hören wir den Protagoras noch genannt, wie den Phidias einen Bildhauer und den Homeros einen Dichter? Was hören wir ähnliches vom Protagoras?

Einen Sophisten, o Sokrates, sagte er, nennen sie den Mann.

Also als einem Sophisten wollen wir ihm das Geld entrichten gehen?

Freilich.

Wenn dich nun jemand auch das noch fragte: Und um was doch [312 St.1 A] selbst zu werden gehst du zum Protagoras?

Da sagte er errötend, denn der Tag schimmerte schon etwas, so dass ich es deutlich sehen konnte: Wenn es sich damit wie mit dem vorigen verhält, so ist es offenbar, um ein Sophist zu werden.

Und du, sprach ich, um der Götter willen, würdest du dich nicht schämen, den Hellenen dich als einen Sophisten darzustellen?

Beim Zeus, Sokrates, sagte er, wenn ich reden soll wie ich denke, ja.

Vielleicht aber, Hippokrates, ist gar nicht deine Meinung, dass dein Unterricht bei dem Protagoras ein solcher sein solle, sondern so, wie der war bei deinem [B] Sprachlehrer, deinem Musiklehrer und deinem Lehrer in den Leibesübungen. Denn in dem allen nahmst du Unterricht nicht als Kunst, um ein Gewerbe daraus zu machen, sondern als Übung, wie es einem von freier Herkunft geziemt.

Allerdings, sagte er, dünkt mich der Unterricht beim Protagoras mehr von dieser Art zu sein. Weißt du also wohl, was du jetzt zu tun im Begriff bist, oder merkst du es nicht? sagte ich. Was meinst du denn?

Dass du im Begriff stehst, deine Seele [C] einem Sophisten, wie du sagst, zur Bearbeitung zu übergeben, was aber ein Sophist eigentlich ist, sollte mich wundern, wenn du es wüsstest. Und doch, wenn dir dieses unbekannt ist, weißt du auch nicht, wem du deine Seele übergibst, ob einem Guten oder einem Schlechten.

Ich glaube wenigstens, sagte er, es zu wissen.

So sage denn, was glaubst du ist ein Sophist?

Ich meines Teils, sagte er, wie auch schon der Name besagt, der welcher sich auf Wissen versteht.

Aber, sprach ich, dieses kann man auch von Malern und Zimmerleuten sagen, [D] dass es solche sind, welche sich auf Wissen verstehen. Wenn uns aber jemand weiter fragte, auf was für Wissen verstehen sich denn die Maler, so würden wir ihm sagen, auf das zu Verfertigung von Bildern gehörige und so auch im Übrigen. Wenn uns aber jemand fragte: Und der Sophist, auf was für Wissen denn der? Was würden wir ihm antworten, was er auszurichten verstehe? Was würden wir sagen, dass er sei?

O Sokrates, er verstehe gewaltig zu machen im Reden.

 

Vielleicht, sprach ich, sagten wir dann etwas richtiges, aber ausreichendes doch nicht. [E] Denn die Antwort bedarf uns noch einer Frage, nämlich im Reden worüber denn der Sophist gewaltig macht? So wie der Musikmeister doch auch wohl seinen Schüler gewaltig macht im Reden, darüber nämlich, worin er ihn auch sachverständig macht, über die Musik. Nicht wahr?

Ja.

Gut, also der Sophist, im Reden worüber macht denn der gewaltig? Offenbar über das, worauf er sich auch versteht?

So sollte man denken.

Was ist also dasjenige, worin er selbst, der Sophist, sachverständig ist, und auch seinen Schüler dazu macht?

Beim Zeus, sagte er, weiter weiß ich dir nun nichts zu erwidern.

Darauf sprach ich: Wie nun? Weißt du also, [313 St.1 A] welcher Gefahr du gehst deine Seele preiszugeben? Oder würdest du, wenn du deinen Körper einem anvertrauen solltest auf die Gefahr, ob er gestärkt werden würde oder verdorben, dann wohl erst vielfach überlegen, ob du ihn ihm anvertrauen wolltest oder nicht, und zur Beratung deine Freunde herbeirufen und deine Verwandte, mehrere Tage lang der Sache nachdenkend, was du aber weit höher als deinen Körper achtest, und dem gemäß alle deine Angelegenheiten gut oder schlecht gehen müssen, je nachdem es gestärkt wird oder verdorben, die Seele, [B] hierüber hast du dich weder deinem Vater noch deinem Bruder mitgeteilt, noch irgend einem von uns, deinen Freunden, ob du diesem eben angekommenen Fremdling anvertrauen sollst oder nicht deine Seele, sondern nachdem du gestern Abend von ihm gehört, wie du sagst, kommst du heute mit dem frühesten Morgen, nicht etwa um noch darüber irgend Gespräch und Beratung zu pflegen, ob du dich selbst ihm hingeben sollst oder nicht, sondern ganz bereit schon, [C] dein und deiner Freunde Vermögen daran zu wenden, als wäre dieses schon fest beschlossen, dass du auf alle Weise dich mit dem Protagoras einlassen musst, welchen du doch weder kennst, wie du sagst, noch auch jemals gesprochen hast, sondern du nennst ihn nur einen Sophisten, was aber ein solcher Sophist eigentlich ist, dem du dich selbst übergeben willst, darin zeigst du dich ganz unwissend.

Als er dieses angehört, sagte er: So hat es freilich das Ansehen, o Sokrates, nach dem was du sagst.

Ist etwa, Hippokrates, der Sophist ein Kaufmann oder Kleinkrämer in solchen Waren, von welchen die Seele [D] sich nährt? Mir wenigstens scheint er ein solcher.

Aber wovon nährt sich die Seele, Sokrates?

Von Wissenswertem freilich, sprach ich. Dass also nur nicht der Sophist uns betrüge, Freund, was er verkauft uns anpreisend, wie Kaufleute und Krämer mit den Nahrungsmitteln für den Körper tun. Denn auch diese verstehen selbst nicht, was wohl von den Waren, welche sie führen, dem Körper heilsam oder schädlich ist, loben aber alles, wenn sie es feil haben, noch auch verstehen es die, welche von ihnen kaufen, wenn nicht einer etwa ein Arzt ist, oder ein Lehrer der Gymnastik. [E] Eben so auch die, welche mit Wissenswertem in den Städten umherziehen, und jedem der Lust hat, davon verkaufen und verhökern, loben freilich alles was sie feil haben, vielleicht aber, mein Bester, mag auch unter ihnen so mancher nicht wissen, was wohl von seinen Waren heilsam oder schädlich ist für die Seele, und eben so wenig wissen es die, welche von ihnen kaufen, wenn nicht etwa einer darunter in Beziehung auf die Seele ein Heilkundiger ist. Verstehst du dich nun darauf, was hiervon heilsam oder schädlich ist, so kannst du unbedenklich Wissenswertes kaufen vom Protagoras sowohl, als von jedem anderen, wo aber nicht, so siehe wohl zu, du Guter, [314 St.1 A] dass du nicht um dein Teuerstes würfelnd ein gefährliches Spiel wagst.

Denn überdies noch ist weit größere Gefahr beim Einkauf der Kenntnisse als bei dem der Speisen. Denn Speisen und Getränke, die du vom Kaufmann oder Krämer eingehandelt hast, kannst du in andern Gefäßen davon tragen, und ehe du sie essend oder trinkend in deinen Leib aufnimmst, sie zu Hause hinstellen, und auch dann noch einen Sachverständigen herbeirufend beratschlagen, was davon du essen und trinken sollst und was nicht, und [B] wie viel und wann,

 

so dass es bei dem Einkauf nicht viel bedeutet mit der Gefahr. Wissen aber kannst du nicht in einem andern Gefäß davon tragen, sondern hast du den Preis bezahlt, so musst du es in deine Seele selbst aufnehmend lernen, und hast deinen Schaden oder Vorteil schon weg, in die du gehst. Dies also lasse uns wohl überlegen, und zwar mit Älteren als wir sind. Denn wir sind noch zu jung um eine so wichtige Angelegenheit [C] zu entscheiden. Jetzt indes, wie wir einmal unsern Sinn darauf gesetzt haben, lasse uns immer hingehen und den Mann hören, haben wir ihn aber gehört, dann auch mit anderen uns besprechen. Denn Protagoras ist auch nicht allein dort, sondern auch Hippias von Elis, und ich glaube auch Prodikos von Keos und viele andere gar weise Männer.

Dies beschlossen, gingen wir. Und als wir in den Vorhof kamen, standen wir still, und sprachen noch über eine Sache, die uns unterwegs eingefallen war. Um nun diese nicht abzubrechen, sondern zu Ende zu bringen ehe wir hineingingen, [D] blieben wir im Vorhofe stehen und sprachen bis wir einig waren untereinander. Dies dünkt mich, mochte der Türsteher, ein Eunuch, etwa gehört haben, und er schien wohl wegen der Menge der Sophisten allen die das Haus besuchen sehr unhold zu sein. Als wir daher anpochten, und er aufmachte und uns ansichtig ward, rief er aus: Ha, schon wieder Sophisten! Er hat nicht Muße! und somit schlug er die Türe ohne Umstände mit beiden Händen recht tüchtig wieder zu, und wir pochten eben aufs neue. Darauf gab er uns durch die verschlossene Türe zur Antwort: Leute, habt ihr denn nicht gehört, [E] dass er nicht Muße hat? Aber guter Mann, sprach ich, weder kommen wir zum Kallias noch sind wir Sophisten. Gib dich also zufrieden, wir sind nur gekommen um den Protagoras zu besuchen, und so melde uns hinein. Darauf öffnete uns der Mensch endlich mit Not die Türe.

Als wir nun hineintraten, fanden wir den Protagoras im bedeckten Gange herumwandelnd. Mit ihm wandelten hintereinander auf der einen Seite Kallias, der Sohn des Hipportikos, und sein Halbbruder von mütterlicher Seite Paralos, [315 St.1 A] der Sohn des Perikles, und Charmides, der Sohn des Glaukon, auf der andern Seite aber der andere Sohn des Perikles, Xanthippos, und Philippides, der Sohn des Philomelos, und Antimoiros von Menda, der gepriesenste unter allen Schülern des Protagoras, der auch ordentlich auf die Kunst bei ihm lernt, um selbst ein Sophist zu werden. Die übrigen hinter diesen folgenden, Zuhörer nur des Gesprochenen, waren größtenteils Fremde, deren Protagoras aus allen Städten, die er durchzieht, mitbringt, - denn er lockt sie mit seiner Stimme wie Orpheus, und befangen folgen sie seiner Stimme. - Indes befanden sich doch auch einige Einheimische [B] unter dem Chor. Diesen Chor nun betrachtend, ergötzte ich mich besonders daran, wie artig sie sich in Acht nahmen, niemals dem Protagoras vorn im Wege zu sein, sondern wenn er mit seinen Begleitern umwendete, wie ordentlich und geschickt diese Hörer zu beiden Seiten sich teilten, und sich dann im Kreise herumschwenkten, um fein artig immer hinten zu sein.

‚Jenem zunächst erblickte ich’,

wie Homer sagt, den Hippias von Elis [C] in dem bedeckten Gange gegenüber auf einem Sessel sitzend. Um ihn herum saßen auf Bänken Eryximachos, der Sohn des Akumenos, und Phaidros, der Myrrhinusier, und Andron, der Sohn des Androtion, und einige Fremde, teils Landesleute von ihm, teils andere. Sie schienen über die Natur und die Himmelserscheinungen allerlei Fragen aus der Astronomie dem Hippias vorzulegen, und er, auf seinem Throne sitzend, ging mit jedem seine Frage durch, und gab seine Entscheidung.

‚Auch den Tantalos schaut' ich’,

Prodikos nämlich, aus Keos, war auch gekommen, und befand sich in einem Gemach, [D] welches Hipponikos ehedem als Vorratskammer gebraucht hatte, jetzt aber hatte Kallias wegen Menge der Einkehrenden auch dieses ausgeleert und zum Gastzimmer gemacht. Prodikos nun lag noch dort eingehüllt in Decken und Felle, und zwar in sehr viele wie man sah. Auf den nächsten Polstern um ihn her saßen Pausanias, aus Kerameis, und neben ihm ein noch kaum halb erwachsener Jüngling [E] schöner und edler Natur, wie ich glaube, von Gestalt aber gewiss sehr schön, mich dünkt gehört zu haben, dass man ihn Agathon nannte, und es sollte mich nicht wundern, wenn er der Liebling des Pausanias wäre. Dieser Jüngling also und die beiden


Adeimarite, der Sohn des Kepis, und der des Leukolophides, nebst einigen andern zeigten sich da. Wovon sie aber sprachen, konnte ich von draußen nicht vernehmen, wiewohl sehr begierig den Prodikos zu hören, denn gar weise und göttlich dünkt mich der Mann zu sein. Allein die Tiefe seiner Stimme [316 St.1 A] verursachte in dem Gemach ein dumpfes Getöse, das alles Gesprochene unvernehmlich machte. Und wir waren nur eben eingetreten, als hinter uns noch herein kamen: Alkibiades, der Schöne, wie du sagst und auch ich glaube, und Kritias der Sohn des Kallaischros.

Wir nun verweilten nach unserm Eintritt ein wenig, um dies alles zu beschauen, dann gingen wir [B] zum Protagoras heran und ich sagte: Protagoras, zu dir kommen wir um etwas, ich und hier Hippokrates.

Wollt ihr etwa, fragte er, allein mit mir sprechen, oder hier mit den übrigen?

Uns, sprach ich, macht es keinen Unterschied, höre aber, weshalb wir kommen und überlege es dann selbst.

Was ist es denn also, fragte er, weshalb ihr hergekommen seid?

Dieser Hippokrates, sagte ich, ist hier einheimisch, der Sohn des Apollodoros, von einem großen und glänzenden Geschlecht, und auch er selbst, dünkt mich, was seine natürlichen Anlagen betrifft, es mit seinen Altersgenossen wohl aufnehmen zu können, und Lust zu haben, [C] ein ausgezeichneter Mann in unserer Stadt zu werden, und eben dieses glaubt er am besten zu erreichen, wenn er mit dir sein könnte. Ob du nun meinst, hierüber mit uns allein sprechen zu müssen oder vor andern, das überlege dir selbst.

Sehr mit Recht, Sokrates, sprach er, bist du besorgt um mich. Denn ein Fremdling, der die großen Städte durchreist, und dort die vorzüglichsten Jünglinge überredet, dem Umgang mit andern Verwandten und Mitbürgern, alten und jungen entsagend, sich zu ihm zu halten, weil sie durch den [D] Umgang mit ihm besser werden würden, ein solcher muss freilich auf seiner Hut sein. Denn nicht wenig Missgunst entsteht hieraus und Übelwollen und Nachstellungen aller Art. Daher auch behaupte ich, dass die sophistische Kunst zwar schon sehr alt ist, dass aber diejenigen unter den Alten, welche sie ausübten, aus Furcht vor der Gehässigkeit, die sie auf sich gezogen hat, einen Vorwand genommen und sie versteckt haben, einige hinter der Poesie, wie Homeros, Hesiodos und Simonides, andere hinter Mysterien und Orakelsprüchen, wie Orpheus und Musaios, [E] ja, einige habe ich bemerkt, bedienten sich dazu sogar der Kunst der Leibesübungen, wie Ikkos der Tarentiner, und auch jetzt noch einer, der ein Sophist ist, so gut als irgend einer, Herodikos aus Selymbria, ursprünglich aber aus Megara. Die Musik hat Agathokles, euer Landsmann, zum Vorwand genommen, ein großer Sophist, so auch Pythokleides von Keos und viele andere. Alle diese, wie gesagt, haben aus Furcht des Neides sich jener Künste zum Deckmantel bedient.

[317 St.1 A] Ich aber will mich hierin ihnen allen nicht gleich stellen, glaube auch, dass sie das nicht ausgerichtet haben, was sie wollten, diejenigen nämlich zu täuschen, welche in einem Staate mächtig sind, um derentwillen eben solche Vorwände gesucht werden, denn der große Haufe merkt überall nichts, und singt nach, was jene ihm vorsagen. Wenn nun jemand heimlich davonlaufen will und nicht kann, sondern entdeckt wird, so ist schon das Unternehmen sehr töricht, und muss [B] die Menschen notwendig noch mehr aufbringen, denn neben allem andern halten sie dann einen solchen auch noch für einen Ränkemacher. Daher habe ich den ganz entgegengesetzten Weg eingeschlagen, und sage gerade heraus, dass ich ein Sophist bin, und die Menschen erziehen will, und halte es für besser sich lieber dazu zu bekennen, als es zu leugnen. Und noch einige andere beobachte ich, [C] so dass mir, es sei mit Gott gesprochen, noch nicht Übles um deswillen widerfahren ist, dass ich mich für einen Sophisten ausgebe, obgleich ich diese Kunst schon viele Jahre lang treibe, wie ich denn überhaupt schon hoch in Jahren bin, und es keinen unter euch gibt, dessen Vater ich nicht dem Alter nach sein könnte. So dass es mir weit lieber ist, wenn ihr etwas wünscht, dass ihr vor allen, die hier zugegen sind, eure Sache anbringt.

[D] Darauf sprach ich, denn ich merkte wohl, er wollte den Prodikos und Hippias sehen lassen, und damit groß gegen sie tun, dass wir als seine Verehrer hingekommen wären: Warum rufen wir

 

also nicht gleich auch den Prodikos und Hippias und die bei ihnen sind, damit sie uns auch hören?

O ja, sagte Protagoras.

Wollt ihr also, sprach Kallias, so wollen wir eine Gesprächsrunde einrichten, damit ihr euch niederlassen und mit einander verhandeln könnt.

Das waren wir sehr zufrieden, und hoch erfreut, dass wir die weisen Männer sollten reden hören, legten wir selbst Hand an, und machten Bänke und Polster da zurecht, wo Hippias saß, denn da standen [E] schon die Bänke. Darüber kamen auch Kallias und Alkibiades, den Prodikos führend, nachdem sie ihm aus seinem Lager aufgeholfen hatten, und seine Gesellschaft, herbei.

Als wir uns nun alle gesetzt hatten, hub Protagoras an. Nun also, Sokrates, da auch diese Männer alle hier sind, so trage jetzt vor, wessen du vorhin erwähntest gegen mich wegen dieses Jünglings.

Ich sagte also: Mein Anfang, o Protagoras, ist derselbe wie vorher, wegen dessen [318 St.1 A] warum ich gekommen bin. Hier dieser Hippokrates nämlich trägt großes Verlangen nach deinem näheren Umgang, was ihm aber eigentlich daraus herkommen wird, wenn er sich zu dir hält, dies möchte er, wie er sagt, gern vorher vernehmen. Das ist unsere Rede.

Darauf nahm Protagoras das Wort, und sprach: junger Mann, es wird dir also geschehen, wenn du dich zu mir hältst, dass du schon an dem ersten Tage, den du bei mir zubringst, besser geworden nach Hause gehen wirst, und an dem folgenden ebenfalls, und so alle Tage zum besseren fortschreitest.

Als ich das gehört hatte, sprach ich: [B] Dieses ist nichts erstaunliches gesagt, Protagoras, sondern selbstverständlich. Denn auch du, wiewohl so alt und so weise, wenn dich jemand lehrte, was du noch nicht wüsstest, würdest besser werden. Aber nicht also, sondern so, wie wenn Hippokrates, sein Verlangen plötzlich ändernd, nun verlangte sich zu dem kürzlich hier angekommenen jungen Manne zu begeben, zu dem Zeuxippos von Herakleia, und er nun zu diesem käme, und von ihm dasselbe hörte, was du jetzt sagst, dass er an [C] jedem bei ihm zugebrachten Tage besser werden und Fortschritte machen würde, und ihn weiter fragte, inwiefern er besser werden und Fortschritte machen werde, ihm Zeuxippos gewiss antworten würde: in der Malerei, oder wie wenn er zum Orthagoras aus Theben sich begebend, von diesem dasselbe hörte wie von dir, und er ihn dann weiter fragte, worin er denn besser werden würde durch seinen Umgang, dieser ihm gewiss sagen würde: im Flötenspielen. Ebenso sage doch auch du dem jungen Manne und mir, der ich an seiner Stelle frage, Hippokrates soll, wenn er sich zum Protagoras hält, schon an dem ersten Tage, [D] den er bei ihm zubringt, besser nach Hause gehen, und so täglich Fortschritte machen, inwiefern, Protagoras, und worin?

Und nachdem Protagoras mich gehört hatte, sagte er: Du fragst sehr gut, Sokrates, und mir macht es Freude, denen die gut fragen, zu antworten. Wenn also Hippokrates zu mir kommt, wird ihm das nicht begegnen, was ihm bei einem anderen Sophisten begegnen würde. Die anderen nämlich misshandeln die Jünglinge offenbar. Denn nachdem diese den Schulkünsten eben glücklich entkommen sind, führen jene sie wider ihren Willen wiederum [E] zu Künsten, und lehren sie Arithmetik, und Astronomie, und Geometrie, und Musik, wobei er den Hippias ansah, bei mir aber, soll er nichts lernen, als das, weshalb er eigentlich kommt.

Dieses Kenntnis aber ist die Klugheit in seinen eigenen Angelegenheiten, wie er sein Hauswesen am besten verwalten, und dann auch in den Angelegenheiten [319 St.1 A] des Staates, wie er am geschicktesten sein wird, diese sowohl zu führen als auch darüber zu reden.

Folge ich wohl, sagte ich darauf, deiner Rede? Du scheinst mir nämlich die Staatskunst zu bezeichnen, und zu verheißen, du wollest zu tüchtigen Männern für den Staat die Männer bilden?

Eben dieses, sagte er, ist das Anerbieten, wozu ich mich erbiete.

Gewiss eine schöne Kunst, sprach ich, besitzest du, wenn du sie besitzest, denn zu dir soll nichts anderes geredet werden als ich denke. Ich nämlich, Protagoras, meine, dieses wäre nicht lehrbar, dir aber, da du es sagst, weiß ich nicht [B] wie ich nicht glauben sollte. Weshalb ich aber denke, dies sei nicht lehrbar, noch könne ein Mensch es dem andern verschaffen, das muss ich billig

 

sagen. Ich halte nämlich, wie auch wohl alle Hellenen tun, die Athener für weise, und nun sehe ich, wenn wir in der Gemeinde versammelt sind, und es soll im Bauwesen der Stadt etwas geschehen, so holen sie [C] die Baumeister zur Beratung über die Gebäude, wenn im Schiffswesen, dann die Schiffbauer, und in allen andern Dingen ebenso, welche sie für lehrbar und lernbar halten. Will sich aber ein anderer unterfangen ihnen Rat zu geben, von dem sie glauben, dass er kein Kunstverwandter in dieser Sache ist, sei er auch noch so schön und reich und vornehm, so nehmen sie ihn doch nicht an, sondern lachen ihn aus und betreiben Lärm bis er entweder heruntergelärmt von selbst wieder abtritt, oder die Gerichtsdiener [D] ihn herunterziehen oder herausschaffen auf Geheiß der Prytanen. Und in allem, wovon sie glauben, dass es auf Kunst beruhe, verfahren sie so. Wenn aber über Verwaltung der Stadt etwas zu ratschlagen ist, so steht jeder auf und erteilt ihnen seinen Rat: Zimmermann, Schmied, Schuster, Krämer, Schiffsherr, Reiche, Arme, Vornehme, Geringe, einer wie der andere, und niemand macht einem Vorwürfe darüber, [E] wie in dem Falle, dass er ohne dies irgendwo gelernt zu haben, oder seinen Meister darin aufzeigen zu können, sich nun doch unterfangen wolle Rat zu geben. Offenbar also glauben sie, dies sei nicht lehrbar. Und nicht nur das versammelte Volk denkt so, sondern auch zu Hause für sich sind unsere verständigsten und vortrefflichsten Mitbürger nicht im Stande, diese Tugend welche sie besitzen, anderen mitzuteilen. Perikles zum Beispiel, der Vater dieser beiden jungen Männer, hat sie in allem, was von Lehrern abhing, vortrefflich [320 St.1 A] unterrichten lassen, aber in dieser Sache, worin er selbst weise ist, unterrichtet er sie weder selbst, noch hat er sie einem andern übergeben, sondern sie laufen ganz frei herum und weiden allein, ob sie irgendwo von selbst etwas von dieser Tugend antreffen möchten. Wenn du noch mehr willst, derselbe Perikles ist Vormund von Kleinias, dem jüngeren Bruder dieses Alkibiades hier, und aus Besorgnis, dass er von dem Alkibiades möchte verdorben werden, trennte er ihn von diesem, und gab ihn in das Haus des Ariphron, um ihn dort erziehen zu lassen, der aber [B] gab ihn ihm zurück ehe sechs Monate um waren, weil er nicht wusste, was er mit ihm anstellen sollte. Und so kann ich dir sehr viele andere nennen, welche selbst treffliche Männer, dennoch niemals irgendeinen besser gemacht haben, weder von ihren Angehörigen noch sonst. Ich meines Teils also, Protagoras, halte hierauf Rücksicht nehmend, nicht dafür, die Tugend sei lehrbar. Nun aber ich dich dieses behaupten höre, lenke ich um und denke, du werdest wohl Recht haben, weil ich von dir halte, du habest vieles in der Welt erfahren, vieles gelernt, [C] und manches auch selbst erfunden. Kannst du uns also deutlicher zeigen, dass die Tugend lehrbar ist, so wolle es nicht vorenthalten, sondern zeige es.

Gut, Sokrates, sagte er, ich will es auch nicht vorenthalten. Aber wie soll ich es euch zeigen, indem ich einen Mythos erzähle wie Ältere wohl Jüngeren zu tun pflegen, oder indem ich eine Abhandlung vortrage?

Viele nun der umher sitzenden sagten, er möchte es vortragen, auf welche Weise er selbst am liebsten wollte.

So dünkt es mich denn anmutiger, sagte er, [D] euch einen Mythos vorzutragen.

Es war einst eine Zeit, wo es Götter zwar gab, sterbliche Geschlechter aber gab es noch nicht. Nachdem aber auch für diese die vorherbestimmte Zeit ihrer Erzeugung gekommen war, bildeten die Götter sie innerhalb der Erde aus Erde und Feuer auch das hinzumengend, was aus Erde und Feuer gemengt ist. Und als sie sie nun ans Licht bringen sollten, übertrugen sie dem Prometheus und Epimetheus, sie auszustatten, und die Kräfte unter sie, [E] wie es jedem zukomme, zu verteilen. Vom Prometheus aber, erbat sich Epimetheus, er wolle verteilen, und, sagte er, wenn ich ausgeteilt, so komme du es zu besehen. Und so nachdem er ihn beredet, verteilte er. Bei der Verteilung nun, verlieh er einigen Stärke ohne Schnelligkeit, die Schwächeren aber begabte er mit Schnelligkeit, einige bewaffnete er, anderen, denen er eine wehrlose Natur gegeben, ersann er eine andere Kraft zur Rettung. Welche er nämlich in Kleinheit gehüllt hatte, denen verlieh er geflügelte Flucht oder unterirdische Behausung, welche aber zu bedeutender Größe ausgedehnt, die rettete er eben dadurch, und so [321 St.1 A] auch verteilte er alles Übrige ausgleichend. Dies aber ersann er so aus Vorsorge, dass nicht eine Gattung gänzlich verschwände. Als er ihnen nun des Wechselverderbens Entfliehungen zu Stande gebracht, begann er ihnen auch gegen die

 

Jahreszeiten vom Zeus leichte Gewöhnung zu ersinnen durch Bekleidung mit dichten Haaren und starken Fellen, hinreichend um die Kälte, aber auch vermögend die Hitze abzuhalten, und außerdem [B] zugleich jedem, wenn es zur Ruhe ging, zur eigentümlichen und angewachsenen Lagerbedeckung dienend. Und unter den Füßen versah er einige mit Hufen und Klauen, andere mit Haaren und starken blutlosen Häuten. Hiernächst wies er den einen diese, dem anderen jene Nahrung an, dem einen aus der Erde die Kräuter, dem anderen von den Bäumen die Früchte, einigen auch verordnete er zur Nahrung anderer Tiere Fraß. Und [C] diesen letzteren verlieh er dürftige Zeugung, dagegen den von ihnen verzehrten, eine vielerzeugende Kraft dem Geschlecht zur Erhaltung. Wie aber Epimetheus doch nicht ganz weise war, hatte er unvermerkt schon alle Kräfte aufgewendet, übrig also war ihm noch unbegabt das Geschlecht der Menschen, und er war wieder [D] ratlos was er diesem tun sollte. In dieser Ratlosigkeit nun kommt ihm Prometheus die Verteilung zu beschauen, und sieht die übrigen Tiere zwar in allen Stucken weislich bedacht, den Menschen aber nackt, unbeschuht, unbedeckt, unbewaffnet, und schon war der bestimmte Tag da, an welchem auch der Mensch hervorgehen sollte aus der Erde an das Licht. Gleichermaßen also der Verlegenheit unterliegend, welcherlei Rettung er dem Menschen noch ausfände, verfiel Prometheus auf die kunstreiche Weisheit des Hephaistos und der Athene, [E] nebst dem Feuer, denn unmöglich war, dass sie einem ohne Feuer hätte können angehörig sein oder nützlich, und so schenkt er sie dem Menschen. Die zum Leben nötige Wissenschaft also erhielt der Mensch

auf diese Weise, Wissen von der Staatenbildung aber hatte er nicht. Denn diese war beim Zeus, und dem Prometheus stand in die Feste, die Behausung des Zeus, einzugehen nicht mehr frei, auch waren furchtbar die Wachen des Zeus. Aber in das dem Hephaistos und der Athene gemeinschaftliche Gemach, wo sie ihre Kunst übten, ging er heimlich hinein, und nachdem er so die feurige Kunst des Hephaistos und die andere der Athene gestohlen, gab er sie dem Menschen. Und von da an genießt nun der Mensch Wohlfahrt des Lebens. Den Prometheus [322 St.1 A] aber hat hernach, so wie erzählt wird, die Strafe für diesen Diebstahl um des Epimetheus willen getroffen. Da nun aber der Mensch göttlicher Vorzüge teilhaftig geworden, hat er auch zuerst, wegen seiner Verwandtschaft mit Gott das einzige unter allen Tieren, Götter geglaubt, auch Altäre und Bildnisse der Götter aufzurichten versucht, dann bald darauf Töne und Worte mit Kunst zusammengeordnet, dann Wohnungen und Kleider und Beschuhungen und [B] Lagerdecken und die Nahrungsmittel aus der Erde erfunden. So ausgerüstet wohnten die Menschen anfänglich zerstreut, Städte aber gab es nicht. Daher kamen sie von den wilden Tieren um, weil sie in jeder Art schwächer waren, als diese, und die verarbeitende Kunst war ihnen zwar zur Ernährung hinreichende Hülfe, aber zum Kriege gegen die Tiere unwirksam, [C] denn die Staatskunst hatten sie noch nicht, von welcher die kriegerische ein Teil ist. Sie versuchten also sich zu sammeln, und sich zu erretten durch Erbauung der Städte. Wenn sie sich aber gesammelt hatten, so beleidigten sie einander, weil sie eben die Staatskunst nicht hatten, so dass sie wiederum sich zerstreuend, auch bald wieder aufgerieben wurden. Zeus also, für unser Geschlecht, dass es nicht etwa gar untergehen möge, besorgt, schickte den Hermes, um den Menschen Scham und Recht [D] zu bringen, damit diese den Städten Ordnungen und Bindungen brächten und Zuneigung vermittelten. Hermes nun fragt den Zeus, auf welche Art er doch den Menschen das Recht und die Scham geben solle. Soll ich, so wie die Künste verteilt sind, auch diese verteilen? Jene nämlich sind so verteilt: Einer, welcher die Heilkunst innehat, ist genug für viele Unkundige, und [E] so auch die andern Künstler. Soll ich nun auch Recht und Scham ebenso unter den Menschen aufstellen, oder soll ich sie unter alle verteilen? Unter alle, sagte Zeus, und alle sollen Teil daran haben, denn es könnten keine Staaten bestehen, wenn auch hieran nur wenige Anteil hätten, wie an anderen Künsten, und gib auch ein Gesetz von meinetwegen, dass man den, der Scham und Recht sich anzueignen unfähig ist, auslösche wie die Pest des Staates.

Auf diese Art also, Sokrates, und aus dieser Ursache glauben alle anderen und auch die Athener, dass, wenn von der Tugend eines Baumeisters die Rede ist oder eines andern Künstlers, alsdann nur wenigen Anteil zustehe an der Beratung, und wenn jemand außer diesen wenigen dennoch Rat geben will, so dulden sie es nicht, wie du sagst, und zwar ganz mit Recht, wie ich sage. Wenn

 

sie aber zur Beratung über das staatsrechtlich Bessere gehen, wobei [323 St.1 A] alles auf Gerechtigkeit und Besonnenheit ankommt, so dulden sie mit Recht einen jeden, weil es jedem gebührt, an dieser Tugend doch Anteil zu haben, wenn es überhaupt Staaten geben soll. Dieses, Sokrates, ist hiervon die Ursache.

Nimm aber auch noch diese Erklärung hinzu, damit du nicht etwa glaubst nur damit überlistet zu werden, dass wirklich alle Menschen annehmen, ein jeder habe Anteil an der Gerechtigkeit und [B] der Eigenschaft eines guten Staatsbürgers. In anderen Dingen nämlich, wie du selbst sagst, wenn jemand behauptet, im Flötenspiel vortrefflich zu sein, oder in irgend einer anderen Kunst, worin er es nicht ist, verlachen ihn die Leute entweder oder werden unwillig, und seine Angehörigen gehen hin und stellen ihn zur Rede als einen Verwirrten. In Sachen der Gerechtigkeit aber und der übrigen staatsbürgerlichen Tugend, wenn sie auch sehr wohl wissen, dass einer ungerecht ist, er selbst aber wollte [C] hierüber gegen sich selbst die Wahrheit reden vor vielen Menschen, so würden sie eben dieses, was sie in jenem Falle für vernünftig hielten, nämlich die Wahrheit zu sagen und in diesem eine Verrücktheit erklären, für geboten halten, ein jeder müsse wenigstens behaupten dürfen, er sei gerecht, möge er es nun sein oder nicht, oder er wäre verrückt, wenn er sich die Gerechtigkeit nicht zuschriebe, als ob notwendig ein jeder Mensch auf irgend eine Art Anteil an ihr haben müsse, oder gar nicht unter Menschen leben. Dass sie also mit Recht einen jeden als Ratgeber in Sachen dieser Tugend [D] annehmen, weil sie nämlich glauben, dass ein jeder Anteil an ihr habe, das habe ich hierdurch gezeigt.

Dass sie aber dennoch nicht glauben, man habe sie von Natur, oder sie komme ganz von selbst, sondern sie sei allerdings lehrbar, und durch Fleiß habe sie jeder erlangt, der sie erlangt habe, das will ich dir so zu beweisen suchen.

Nämlich über ein Übel, wovon jeder glaubt, wer es hat, habe es von Natur oder durch ein Unglück, erzürnt sich niemand, oder schilt oder belehrt [E] oder bestraft die mit dergleichen behaftet sind, damit sie etwa aufhören möchten so zu sein, sondern man bemitleidet sie wie die Hässlichen, die Kleinen, die Schwächlichen. Wer wäre wohl so unverständig, gegen solche etwas dergleichen zu tun? Weil man nämlich weiß, glaube ich, dass in diesen Dingen das Gute und das Entgegengesetzte den Menschen von Natur oder durch Zufall zukommt. Von was für Gutem sie aber glauben, dass es der Mensch durch Fleiß, Übung und Unterricht erlange, wenn jemand das nicht hat, sondern das entgegengesetzte Schlechte, darüber entstehen dann die Erzürnungen und die Bestrafungen und die Ermahnungen. Wovon eins nun auch die Ungerechtigkeit ist und die Gottlosigkeit, und überhaupt [324 St.1 A] alles der bürgerlichen Tugend entgegengesetzte. Hier also schilt und zürnt einer auf den andern, offenbar als werde diese allerdings durch Achtsamkeit und Unterricht erworben. Denn wenn du das Bestrafen der Unrechttuenden bedenken willst, o Sokrates, was damit wohl gemeint ist, so wird schon dieses dich lehren, dass alle Menschen glauben, die [B] Tugend sei zu erwerben. Denn niemand bestraft die, welche Unrecht getan haben, aus Rache und deshalb, weil eben Unrecht getan wurde, außer wer sich ganz vernunftlos wie ein Tier nur rächen will. Wer aber mit Vernunft sich vornimmt jemanden zu strafen, der bestraft nicht um des begangenen Unrechts willen, denn er kann ja doch das Geschehene nicht ungeschehen machen, sondern des zukünftigen wegen, damit nicht auf ein andermal wieder, weder derselbe noch einer, der diesen bestraft gesehen hat, dasselbe Unrecht [C] begehe. Und indem er dieses beabsichtigt, denkt er doch wohl, dass die Tugend kann gebildet werden, denn der Abschreckung wegen straft er ja. Dieser Meinung sind also alle zugetan, welche Strafen verhängen von Volks wegen und zu Hause. Es strafen und züchtigen ja aber, sowohl die übrigen Menschen den, von welchem sie glauben er habe unrecht getan, als auch nicht minder die Athener, deine [D] Mitbürger, so dass hieraus zu schließen, auch die Athener zu denen gehören, welche annehmen, die Tugend könne gelehrt werden und durch Belehrung hervorgebracht. Dass also ganz mit Recht deine Mitbürger es annehmen, wenn auch ein Schmied und Schuster ihnen Rat erteilen in bürgerlichen Dingen, und dass sie dennoch glauben, die Tugend könne gelehrt und erworben werden, dieses, Sokrates, ist dir nun hinlänglich erwiesen, wie es mir scheint.

Jetzt ist noch der Zweifel übrig, den du vorher hegtest von wegen der guten und vortrefflichen Männer, warum [E] nämlich wohl diese ihre Söhne in allem, was von Lehrern abhängt,

 

unterrichten und weise machen, in der Tugend aber, worin sie selbst sich auszeichnen, sie nicht besser machen als andere. Hierüber nun, Sokrates, will ich dir nicht mehr eine Erzählung vorlegen, sondern die Gründe. Erwäge die Sache so. Gibt es oder gibt es nicht etwas, was notwendig alle Bürger an sich haben müssen, wenn es einen Staat geben soll? Denn hierdurch wird dieser Zweifel gelöst, den du hegst, oder sonst durch nichts. Denn worin es so etwas gibt, und wenn dieses Etwas nicht die Zimmerkunst ist, noch die Schmiedekunst, noch die Töpferkunst [325 St.1 A] oder eine andere Kunst, sondern die Gerechtigkeit und die Besonnenheit und das Frommsein, und was ich alles, in eines zusammengefasst, die Tugend eines Menschen nennen möchte, wenn diese das ist, was alle an sich haben müssen, und mit dieser ein jeder, der sonst etwas lernen und verrichten will, alles verrichten muss, ohne sie aber nichts, oder wer sie nicht an sich hat, sei es Mann oder Kind oder Weib, wird belehrt und gezüchtigt, bis er durch die Züchtigung [B] besser geworden ist, wer aber auf die Züchtigung und Belehrung nicht merkt, als ein Unheilbarer aus dem Staate herausgetrieben oder getötet wird, wenn es sich so verhält. Wenn bei so bewandten Sachen deine vortrefflichen Männer ihre Söhne in allem andern unterrichten lassen, hierin aber nicht, so sieh doch zu, wie wunderlich diese trefflichen Männer sein müssen. Denn dass sie es für lehrbar halten zu Hause und öffentlich im Staate, das haben wir gezeigt. Und obgleich es gelehrt und gebildet werden kann, sollten sie ihren Söhnen, wohl alles andere lehren lassen, worauf nicht der Tod [C] oder eine andere Strafe gesetzt ist, wenn sie es nicht wissen, weshalb aber ihren Söhnen der Tod als Strafe bevorsteht oder die Verweisung, wenn sie es nicht gelernt haben, noch zur Tugend gebildet worden sind, und außer dem Tode die Einziehung der Güter, und, dass ich es kurz sage, das Verderben des ganzen Hauses, dieses sollten sie ihnen nicht lehren lassen und nicht alle Sorgfalt daran wenden? Man muss ja wenigstens glauben, Sokrates, dass sie es tun. Schon von der zartesten Kindheit anfangend, so lange sie leben, belehren und ermahnen sie ein Kind, [D] sobald es nur versteht, was zu ihm geredet wird, sowohl die Wärterin als die Mutter, der Knabenführer und der Vater selbst ereifern sich darauf, dass der Knabe aufs Beste gedeihe, indem sie ihn bei jeder Handlung und Rede belehren und ihm zeigen, dies ist recht, jenes ist unrecht, dies gut, jenes schlecht, dies fromm, jenes gottlos, dies tue, jenes tue nicht, und wenn er gutwillig gehorcht, gut, wo nicht, so suchen sie ihn wie ein Holz, [E] das sich geworfen und verbogen hat, wieder gerade zu machen durch Drohungen und Schläge. Hernach wenn sie ihn in die Schule schicken, schärfen sie dem Lehrer weit dringender ein, für die Sittsamkeit der Kinder zu sorgen als für ihr Lesen und ihr Spiel auf der Lyra. Die Lehrer also haben hierauf Acht, und auch wenn die Kinder nun Lesen gelernt haben, und auch das Geschriebene schon verstehen wie vorher nur den Ton, so geben sie ihnen auf den Bänkchen die Gedichte der trefflichsten Dichter zu lesen, und lassen sie auswendig lernen, in denen viele Zurechtweisungen enthalten sind [326 St.1 A] und Erläuterungen, auch Lob und Verherrlichung alter trefflicher Männer, damit der Knabe sie bewundernd nachahme, und sich bestrebe auch ein solcher zu werden. Die Musikmeister ebenso sehen auf Sittsamkeit, und dass die Knaben nicht Unfug treiben. Überdies wenn sie nun die Lyra spielen gelernt haben, lehren diese ihnen wiederum andere vortreffliche Dichter, nämlich die der [B] liederdichtenden Gedichte, welche sie den Gesangweisen unterlegen, und arbeiten dahin Zeitmaß und Wohlklang den Seelen der Kinder geläufig zu machen, damit sie milder werden, und indem sie Maß und Ton halten, auch geschickter zum Reden und Handeln. Denn überall bedarf das Leben der Menschen richtiges Zeitmaß und Zusammenstimmung. Über das alles schicken sie sie noch zum Meister der Leibesübungen, damit sie dem Körper nach besser ausgebildet auch [C] der richtigen Gesinnung dienen können, und nicht nötig haben, sich feigherzig zurückzuziehen wegen des Körpers Untüchtigkeit, es sei nun im Kriege oder bei andern Geschäften. Und dieses nun führt am besten aus, wer es am besten vermag. Am besten aber vermögen es die Reichsten, deren Kinder auch am frühesten in ihrer Jugend anfangen, die Lehre zu suchen, und am spätesten damit aufhören. Wenn sie dann aber ihre Lehrer verlassen, so nötigt wiederum die Stadt sie, die Gesetze zu lernen und nach [D] diesen zu leben, wie nach einer Vorschrift, damit sie nicht, eigenem Gutdünken folgend, etwas Ungeschicktes beginnen, sondern recht eigentlich wie der Sprachlehrer den Kindern, die noch nicht schreiben können, die Buchstaben mit dem Griffel vorschreibt, und

 

ihnen dann die Tafel hingibt und ihnen befiehlt, diese Züge, wie er sie ihnen vorgeschrieben hat, nachzuziehen, ebenso schreibt die Stadt die Gesetze vor, von trefflichen alten Gesetzgebern ausgedacht, und befiehlt ihnen nach diesen zu regieren und sich regieren zu lassen. Wer aber hiervon abweicht, [E] den züchtigt sie, und diese Züchtigung heißt bei euch und an vielen andern Orten, gleichsam weil die Strafe den Menschen wieder weise macht, eine Weisung. Da nun sowohl zu Hause, als von Staats wegen, so viele Sorgfalt auf die Tugend gewendet wird, wie kannst du dich noch wundern, Sokrates, und Zweifel hegen, ob sie lehrbar sei? Darüber ist sich nicht zu wundern, sondern vielmehr, wenn sie nicht lehrbar wäre.

Weshalb aber missraten viele Söhne vortrefflicher Männer? Das erfahre nun auch. Dies nämlich ist nichts verwunderliches, wenn ich anders im vorigen richtig gesagt habe, dass in dieser Sache, nämlich der Tugend, wenn es Staaten geben soll, [327 St.1 A] niemand unwissend sein darf, wenn dieses sich so, wie ich sage, verhält. Es verhält sich aber allerdings und auf alle Weise so. So erwäge einmal die Sache an irgendeiner anderen Kunst und Geschicklichkeit, an welcher du am liebsten willst. Wäre es möglich, dass es einen Staat geben könnte, wenn wir alle wie Flötenspieler wären, wie gut eben jeder vermöchte, und wenn hierin jeder den andern unterrichtete zu Hause und im öffentlichen Leben, und den schlecht Spielenden nicht tadelte, und ihm Tadel [B] neidisch vorenthielte, so wie jetzt einer dem andern das Gerechte und Gesetzmäßige nicht vorenthält oder verbirgt, aber es wohl in andern Künsten geschieht? Denn jedem von uns, glaube ich, nützt die Gerechtigkeit und Tugend der andern, weshalb jeder so gern den andern das Gerechte und Gesetzmäßige lehrt. Wenn nun ebenso im Flötenspielen jeder dem andern alle Bereitwilligkeit und Dienstfertigkeit zeigte ihn zu unterrichten, glaubst du, Sokrates, [C] sagte er, dass dann mehr die Söhne guter Flötenspieler gute Flötenspieler werden würden als die Söhne der schlechten? Ich glaube es nicht, sondern wessen Sohn die besten Anlagen zum Flötenspieler hätte, der würde zu einem ausgezeichneten gedeihen, wessen es aber daran fehlte, der würde unberühmt bleiben, und oft würde der Sohn eines guten Flötenspielers ein schlechter werden, und der eines schlechten ein guter, aber [D] alle würden doch ordentliche Flötenspieler sein in Vergleich mit den Ununterrichteten, die gar nichts vom Flötenspiel verstehen. So glaube nun auch jetzt, dass selbst derjenige, welcher sich dir als der ungerechteste zeigt von allen, die unter Gesetzen und mit Menschen auferzogen sind, dennoch gerecht ist, und wirklich ein ausübender Künstler in dieser Sache, worin du ihn mit solchen Menschen vergleichen solltest, die gar keine Erziehung haben, keine Gerichtshöfe, [E] keine Gesetze, und überall keinen Zwang, der sie zwingt sich in allen Stücken der Tugend zu befleißigen, sondern die solche Wilde wären, wie sie uns im vorigen Jahre der Dichter Pherekrates am Bakchosfest dargeboten hat. Wahrlich, wenn du dich unter solchen Menschen befändest, wie die Menschenfeinde in jenem Chore, würdest du sehr zufrieden sein, wenn du auch nur einen Eurybatos oder Phrynondas anträfest, und würdest jammern aus Sehnsucht über die Schlechtigkeit der hiesigen Menschen. Nun aber bist du verwöhnt, Sokrates, weil eben alle Lehrer der Tugend sind, jeder so gut er kann, und siehst deshalb nirgends einen. Eben als wenn du nachfragtest, wo es wohl einen Lehrer im hellenisch sprechen gäbe, würdest du auch keinen [328 St.1 A] einzigen finden. Ja ich glaube nicht einmal, wenn du nachfragtest, wer wohl die Söhne unserer Handwerker in der Kunst unterrichtete, die sie bereits von ihrem Vater, soweit er es imstande war, und von seinen kunstverwandten Freunden gelernt haben. Wer unterrichtet diese wohl noch besonders? Ich glaube, es würde nicht leicht sein, Sokrates, ihren Lehrer aufzuzeigen, dagegen der noch ganz unkundigen sehr leicht. So ist es in der Tugend und in allen andern Dingen.

Also wenn einer auch nur um ein weniges besser als [B] wir versteht, sie in der Tugend weiter zu bringen, muss man es gern annehmen. Von welchen nun auch ich glaube einer zu sein, und besser als andere Menschen mancherlei zu verstehen, wodurch einer gut und trefflich wird, wohl wert der Belohnung, die ich dafür fordere, und noch größerer, nach dessen Meinung selbst der gelernt hat. Daher ich auch diese Art meine Belohnung zu bestimmen [C] eingerichtet habe. Wenn nämlich jemand bei mir gelernt hat, und er will, so gibt er mir den Preis den ich fordere, wo nicht, so geht er in den Tempel, und schwört dort wie hoch er die erworbenen Kenntnisse schätze, und so viel gibt er darin. Somit, Sokrates, sagte er, habe ich dir durch Geschichte und

 

Gründe erwiesen, dass die Tugend allerdings lehrbar ist, und dass auch die Athener sie dafür halten, und dass es dennoch nicht zu verwundern ist, wenn die Söhne guter Väter schlecht und schlechter gut werden. Denn auch die Söhne des Polykleitos, von gleichem Alter mit dem Paralos und Xanthippos hier, sind nichts [D] in Vergleich mit ihrem Vater und so auch andere anderer Künstler. Diesen aber darf man hieraus noch keinen Vorwurf machen, sondern man muss Gutes von ihnen hoffen, denn sie sind jung.

Protagoras nun, nachdem er sich so und so ausführlich vor uns gezeigt hatte, hörte auf zu reden, ich aber, auf lange Zeit bezaubert, sah noch immer auf ihn, als würde er weiter reden, aus Verlangen zu hören. Da ich aber [E] merkte, dass er wirklich aufgehört hatte, sammelte ich mich, so zu sagen endlich mit Mühe, wendete mich zu dem Hippokrates, und sagte: Wie danke ich dir, Sohn des Apollodoros, dass du mich aufgefordert hast hierher zu gehen! Denn gar viel ist es mir wert, das gehört zu haben vom Protagoras, was ich gehört habe. Bis jetzt nämlich glaubte ich, es wären nicht menschliche Bemühungen, wodurch die Guten gut werden, nun aber bin ich davon überzeugt. Ausgenommen eine Kleinigkeit ist mir im Wege, was offenbar Protagoras leicht noch dazu lehren wird, da er ja dieses viele [329 St.1 A] gelehrt hat. Denn wenn sich jemand über eben dieses mit einem von unseren Volksrednern bespräche, könnte er solche Reden vom Perikles oder einem von den andern Meistern im Reden auch wohl hören, aber wenn einer etwas weiter fragt, so wissen sie wie die Bücher nichts weiter, weder zu antworten noch selbst zu fragen, aber wenn einer auch nur ein weniges von dem Gesagten fragt, dann, wie Metall, worauf einer geschlagen, lange fort tönt [B] wenn es niemand anrührt, ebenso auch diese Redner, um weniges gefragt, dehnen eine meilenlange Rede. Unser Protagoras aber versteht zwar ebenfalls lange und schöne Reden zu halten, wie eben die Tat gezeigt, er versteht aber auch sowohl gefragt, im kurzen zu antworten, als auch selbst fragend die Antwort abzuwarten, und aufzunehmen, und hierauf sind nur wenige ausgerüstet. Jetzt also, Protagoras, fehlt mir [C] noch ein weniges um alles zu haben, wenn du mir dieses beantworten möchtest. Du sagst, die Tugend sei lehrbar, und ich, wenn ich irgendeinem Menschen glaube, glaube ich gewiss dir. Was mir aber aufgefallen ist, als du sprachst, das ergänze mir noch in meiner Seele. Du sagtest nämlich, Zeus habe den Menschen die Gerechtigkeit geschickt und die Scham, und wiederum erwähntest du vielfältig in deiner Rede der Gerechtigkeit und Besonnenheit und Frömmigkeit, und dieses alles, als ob es zusammengenommen eins wäre, die Tugend. Eben dieses also setze mir doch genauer auseinander, ob die Tugend eins [D] zwar ist, doch aber Teile von ihr sind die Gerechtigkeit und die Besonnenheit und die Frömmigkeit, oder ob alles, was ich jetzt genannt habe, nur verschiedene Namen sind für eine und dieselbe Sache. Das ist es, was ich noch vermisse.

Sehr leicht, sagte er, ist dies ja zu beantworten, Sokrates, dass von der Tugend die eins ist, dieses Teile sind, wonach du fragst.

Ob wohl auf die Art, sprach ich, wie die Teile des Gesichtes Teile sind, Mund und Nase und Augen und Ohren? Oder so, wie Goldstücke gar nicht unterschieden sind eins vom andern und vom Ganzen, als durch Größe [E] und Kleinheit?

Auf jene Art scheint es mir, Sokrates, wie die Teile des Gesichtes sich zum ganzen Gesicht verhalten.

Besitzen denn auch die Menschen, fragte ich, von diesen Teilen der Tugend, der eine den, der andere jenen, oder muss notwendig wer einen hat, auch alle haben?

Keineswegs, sprach er, denn viele sind tapfer, aber ungerecht, oder gerecht, weise aber nicht. Also dies sind auch Teile der Tugend, fragte ich, Weisheit [330 St.1 A] und Tapferkeit?

Freilich vor allen Dingen, sprach er, und der größte sogar ist die Weisheit unter diesen Teilen. Und jeder von ihnen, sagte ich, ist etwas anderes als der andere?

Ja.

Hat auch jeder seine eigene Verrichtung, wie im Gesicht das Auge nicht ist wie die Ohren noch seine Verrichtung dieselbe, und überhaupt kein Teil wie der andere ist, weder der Verrichtung nach, noch sonst, ist nun ebenso auch von den Teilen der Tugend [B] keiner wie der andere,

 

weder an sich selbst noch auch seine Verrichtung? Oder muss nicht offenbar die Sache sich so verhalten, wenn sie doch unserm Beispiel ähnlich sein soll?

Sie verhält sich auch so, Sokrates, sagte er.

Darauf sprach ich: Also ist keiner von den andern Teilen der Tugend wie die Erkenntnis, oder wie die Gerechtigkeit, oder wie die Besonnenheit, oder wie die Frömmigkeit?

Nein, sagte er.

Wohlan also, sprach ich, lasse uns zusammen sehen, welcherlei doch jedes von ihnen ist. Zuerst so. [C] Ist die Gerechtigkeit etwas bestimmtes, oder ist sie nicht etwas bestimmtes? Mir scheint sie so etwas zu sein, wie denn dir?

Auch mir, sagte er.

Wie nun? Wenn einer mich und dich fragte: Sagt mir doch, Protagoras und Sokrates, dieses was ihr jetzt eben genannt habt, die Gerechtigkeit, ist sie eben dieses gerecht oder ungerecht, würde ich ihm freilich antworten, gerecht. Du aber was für eine Stimme würdest du geben, dieselbe mit mir oder eine andere?

Dieselbe, sagte er.

Die Gerechtigkeit also ist eben das wie gerecht sein, würde ich sagen dem Fragenden zur Antwort. Du auch?

Ja, [D] sagte er.

Wenn er uns nun nach diesem fragte: Sagt ihr nicht auch, dass es eine Frömmigkeit gibt? Würden wir es doch bejahen, glaube ich?

Freilich, sagte er.

Sagt ihr auch, dass diese etwas bestimmtes ist? sollen wir es zugeben oder nicht? Auch dies bejahte er.

Sagt ihr nun, dass diese von Natur eben das ist, wie gottlos sein, oder fromm? Ich, sprach ich, würde unwillig werden über die Frage, und sagen: Rede nicht dergleichen, lieber Mensch! Wie wollte denn irgendetwas anderes fromm sein, [E] wenn die Frömmigkeit selbst nicht fromm wäre! Und wie du? Würdest du nicht so antworten?

Allerdings, sagte er.

Wenn er nun hierauf spräche fragend: Wie habt ihr doch vor kurzem gesagt? Habe ich euch etwa nicht recht vernommen? Mich dünkt, ihr sagtet, die Teile der Tugend verhielten sich so gegen einander, dass keiner von ihnen wäre wie der andere? So würde ich ihm sagen: Übrigens hast du wohl recht gehört, dass du aber glaubst, ich hätte auch dieses gesagt, das hast du verhört. Denn, Protagoras hier [331 St.1 A] hat dies geantwortet, ich habe nur gefragt. Wenn er nun fragte: Spricht dieser wahr, Protagoras? Du also sagst, kein Teil der Tugend sei wie der andere? Deine Rede ist dies? Was würdest du ihm antworten?

Natürlich, sagte er, mich dazu bekennen.

Was also, Protagoras, werden wir, dieses eingestanden, ihm antworten, wenn er uns weiter fragt: Also ist die Frömmigkeit nicht wie gerecht sein, und die Gerechtigkeit nicht wie fromm, sondern wie nicht fromm und die Frömmigkeit wie nicht gerecht, also ungerecht und jene gottlos? [B] Was werden wir ihm antworten? Ich meines Teils für mich wenigstens würde sagen, dass die Gerechtigkeit allerdings fromm sei und die Frömmigkeit gerecht, und auch für dich, wenn du es mir zuließest, würde ich das nämliche antworten, dass die Gerechtigkeit entweder dasselbe ist mit der Frömmigkeit oder ihr doch so ähnlich, als nur irgend möglich, und also auf alle Weise die Gerechtigkeit wie die Frömmigkeit, und die Frömmigkeit wie die Gerechtigkeit. Sieh also zu, ob du mir verbietest so zu antworten oder ob es dich ebenso dünkt?

Keineswegs, sprach er, dünkt mich dieses unbedingt so zu sein, dass man zugeben müsse, die Gerechtigkeit [C] sei Frommes und die Frömmigkeit Gerechtes, sondern mich dünkt wohl, noch


etwas verschiedenes darin zu sein. Doch was liegt daran, sprach er? Wenn du willst, soll uns auch die Gerechtigkeit fromm und auch die Frömmigkeit gerecht sein.

Das ja nicht! sagte ich. Ich begehre gar nicht, dass ein solches 'Wenn du willst' und 'Wie du meinst' untersucht werde, sondern 'Ich und Du'. Das 'Ich und Du' sage ich aber in der Meinung, der Satz selbst werde am besten geprüft werden, wenn man dieses 'Wenn' ganz herauslässt.

[D] Aber doch, sprach er, ist ja die Gerechtigkeit der Frömmigkeit ähnlich, denn auch jedes Ding ist jedem Dinge gewissermaßen ähnlich. Sogar ist auf eine Art das Weiße dem Schwarzen ähnlich und das Harte dem Weichen, und was sonst einander am meisten entgegengesetzt zu sein scheint, und auch das, wovon wir vorher sagten, jedes habe eine eigene Verrichtung und eines sei nicht wie das andere, die Teile des Gesichtes sind einander doch auch gewissermaßen [E] ähnlich und eins ist wie das andere, so dass du auf diese Art auch das beweisen könntest, wenn du wolltest, dass alles einander ähnlich ist. Aber es ist nicht recht, Dinge die etwas Ähnliches haben, gleich ähnlich zu nennen, und die etwas Unähnliches haben, unähnlich, auch wenn sie gar wenig Ähnliches und Unähnliches haben.

Darüber verwundert, sagte ich zu ihm: Verhält sich denn bei dir das Gerechte und das Fromme so gegeneinander, dass es ein wenig ähnliches mit einander hat?

Nicht ganz so, sprach er, aber doch auch nicht so, [332 St.1 A] wie du zu glauben scheinst.

Ei nun, sprach ich, weil dir dieses ungelegen zu sein scheint, wollen wir dieses nur lassen, und

dies andere von dem, was du sagtest, in Betrachtung ziehen. Du nennst doch etwas Unsinnigkeit? Er sagte ja.

Ist nicht davon ganz das Gegenteil die Weisheit?

Mich dünkt es so, sagte er.

Und wenn die Menschen richtig und wie es heilsam ist handeln, scheinen sie dir dann besonnen zu sein, wenn sie so handeln, oder wenn entgegengesetzt?

Alsdann sind sie besonnen, sagte er.

Nicht wahr durch die Besonnenheit [B] sind sie besonnen?

Natürlich.

Und nicht wahr, die nicht richtig Handelnden handeln unsinnig und sind nicht besonnen, indem sie so handeln?

Das dünkt mich ebenso, sagte er.

Das Gegenteil ist also das unsinnig handeln vom besonnenen?

Er gab es zu.

Nicht wahr, was unsinnig getan wird, wird durch Unsinnigkeit, und was besonnen durch Besonnenheit getan.

Das räumte er ein,

Nicht wahr, wenn etwas mit Stärke getan wird, das wird stark getan, und wenn mit Schwäche schwach?

So schien es ihm.

Und was mit Schnelligkeit schnell, was mit Langsamkeit langsam.