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Mathematik und deren eigentliche Begriffe

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Begriff Grundsinn Funktion im klassischen Horizont Verhältnis zum Rechnen
μάθημα / μαθηματική das Lernbare, der Lerngegenstand, daraus dann der Bereich der mathematischen Wissenschaften(Wiktionary) Bei Aristoteles ist μαθηματική nicht bloß Zahlenlehre, sondern der weitere Bereich demonstrativer Wissenschaften wie Arithmetik, Geometrie, Optik, Harmonik, mathematische Astronomie. (Stanford Encyclopedia of Philosophy) Umfasst das Rechnen, ist aber nicht darauf reduziert; der Akzent liegt auf Beweis, Einsicht, Wissenschaftsform. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
ἀριθμός Zahl, auch Anzahl, Summe, Glied einer Reihe, geordnete Vielheit. (Wiktionary) Das ist der Grundbegriff dessen, womit sich ἀριθμητική befasst: nicht zuerst die Rechenprozedur, sondern die Zahl als Gegenstand. (Wiktionary) Rechnen setzt ἀριθμοί voraus; der Begriff selbst ist aber breiter als bloßes „Ausrechnen“. (Wiktionary)
ἀριθμητική die Zahlenlehre, wörtlich die auf ἀριθμός bezogene Kunst/Wissenschaft. (Wiktionary) In Platons Politeia wird ἀριθμητικήzusammen mit λογιστικήgenannt; beide „haben mit Zahl zu tun“ und führen die Seele „zur Wahrheit“. (loebclassics.com) Eher die theoretische Wissenschaft der Zahl als bloßes Alltagsrechnen. Gerade in der Forschung zum griechischen Horizont wird sie typischerweise von λογιστικήunterschieden. (loebclassics.com)
λογιστική Rechnen, Kalkulieren, Abzählen, von λογίζομαι„rechnen, berechnen, erwägen“. (Wiktionary) In Platons Politeia steht λογιστικήneben ἀριθμητική; beide gehören zum Zahlenbereich, aber λογιστικήliegt näher an der operativen Berechnung. (loebclassics.com) Das ist der Begriff, der dem heutigen „Rechnen/Kalkül“ am nächsten kommt. (Wiktionary)
μαθηματικοὶ ἀριθμοί mathematische Zahlen. (Stanford Encyclopedia of Philosophy) Bei Aristoteles die Gegenfolie zu den εἰδητικοὶ ἀριθμοί: Zahlen im Bereich der Mathematik, nicht der abgesonderten Ideen. (Stanford Encyclopedia of Philosophy) Sie gehören eindeutig in den Bereich der μαθηματική, also der mathematischen Wissenschaft. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
εἰδητικοὶ ἀριθμοί Ideen-/eidetische Zahlen. (loebclassics.com) Das ist die aristotelisch überlieferte Bezeichnung für die platonische Lehre von einer besonderen Art von Zahlen, die nicht einfach mit den mathematischen Zahlen identischsind. (loebclassics.com) Gerade an dieser Trennung entzündet sich Aristoteles’ Kritik in Metaphysik M/N. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)

μαθηματική ist der weitere Wissenschaftshorizont, ἀριθμητική die Zahlenlehre, λογιστική das Rechnen/Kalkulieren. Im klassischen Denken berühren sie einander, sind aber nicht deckungsgleich.

  • Mathematik = der wissenschaftliche Rahmen
  • Arithmetik = die Wissenschaft von Zahl
  • Logistik/Logistikē = das rechnende Verfahren

So wird auch verständlich, warum Aristoteles mathematische Zahlen und Ideenzahlen gegeneinanderstellt, ohne Mathematik einfach mit bloßem Rechnen gleichzusetzen. (https://plato.stanford.edu/entries/aristotle-mathematics/) (Aristoteles und Mathematik)

Die zweite Begriffstafel, diesmal nur für den Gegensatz, wie er bei Aristoteles in der Darstellung und Kritik der platonisch-akademischen Lehren relevant wird. Aristoteles unterscheidet in Metaphysik M/N zwischen mathematischen Zahlen und einer besonderen Art von Ideen-/eidetischen Zahlen; moderne Fachliteratur fasst genau diese Gegenüberstellung ebenfalls so.

Ausdruck Wörtlicher Kern Sachlicher Sinn im platonisch-aristotelischen Horizont Aristotelische Einordnung
ἀριθμοί Zahlen der allgemeine Grundbegriff: Zahl, Anzahl, geordnete Vielheit; noch ohnedie spezielle Festlegung auf „mathematisch“ oder „eidetisch“ neutraler Oberbegriff; erst der Zusatz bestimmt, welche Art von Zahlen gemeint ist. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
μαθηματικοὶ ἀριθμοί mathematische Zahlen Zahlen als Gegenstand der Mathematik, also im Bereich des Zählbaren/Messbaren und der mathematischen Wissenschaft für Aristoteles die reguläre mathematische Seite der Zahl; er kontrastiert sie ausdrücklich mit den idealen/eidetischen Zahlen. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
εἰδητικοὶ ἀριθμοί eidetische / Ideen-Zahlen die besondere, von Aristoteles den Platonikern zugeschriebene Art von Zahlen, die zum Bereich der εἴδηgehören bzw. mit Ideen zusammenhängen genau diese Sonderart greift Aristoteles an: Die Trennung von εἰδητικοὶ ἀριθμοί und μαθηματικοὶ ἀριθμοί erzeugt für ihn die bekannten Schwierigkeiten in M/N. (philarchive.org)
οἱ τῶν εἰδῶν ἀριθμοί die Zahlen der Ideen/Formen eine noch explizitere Umschreibung für Ideen-Zahlen sachlich nahe bei εἰδητικοὶ ἀριθμοί; hilfreich, wenn du im Deutschen die Bindung an die Ideenbesonders deutlich machen willst. (philarchive.org)

Die Faustregel daraus lautet:

  • ἀριθμοί = Zahlen überhaupt
  • μαθηματικοὶ ἀριθμοί = Zahlen im mathematischen Sinn
  • εἰδητικοὶ ἀριθμοί = Zahlen im Ideen-/Eidos-Sinn, so wie Aristoteles die platonische Position referiert und kritisiert.

Für deine deutsche Begriffswelt kannst du das so knapp abbilden:

  • Zahlen
  • Mathematikzahlen
  • Ideenzahlen

Das ist als deutsches Denkschema gut brauchbar; nur philologisch bleibt wichtig, dass „Ideenzahlen“ die griechische Fachfügung εἰδητικοὶ ἀριθμοί wiedergibt und nicht ein deutsches Kompositum aus dem Griechischen „zurückbeweist“.