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▷Kybele (griechisch Κυβέλη Kybélē, die große Göttermutter (Μεγάλη Μήτηρ Megálē Mḗtēr, wörtlich „Große Mutter“) vom Berg Ida; lateinisch gleichbedeutend Magna Mater) ist eine Göttin, die zusammen mit ihrem Geliebten Attis ursprünglich in Phrygien (Kleinasien) und später in Griechenland, Thrakien und Rom verehrt wurde. Der Kybele- und Attiskult war bis in die Spätantike – ähnlich wie der Mithraskult – ein im ganzen römischen Reich verbreiteter Mysterienkult.
Der Mythos
Nach dem von Pausanias und Arnobius überlieferten Mythos schlief Zeus einmal auf dem Berg Agdos in Phrygien ein und ließ dabei seinen Samen zu Boden fallen. An dieser Stelle wuchs sofort der zwitterhafte Agdistis aus dem Felsen empor. Er hatte ein furchterregendes Wesen und wurde deshalb von den übrigen Göttern kastriert. Der so seiner Männlichkeit beraubte Agdistis wurde zur Großen Mutter Kybele, aus den abgetrennten Genitalien aber entstand Attis. Da Kybele und Attis ursprünglich eine Person waren, zogen sie sich gegenseitig an.
Eine Zeit lang streiften beide glücklich durch die phrygischen Berge, doch dann beschloss Attis, die Tochter des Königs von Pessinus zu heiraten. Die Hochzeit war schon in vollem Gange, da erschien die vor Eifersucht rasende Kybele am Hof und schlug die Hochzeitsgesellschaft mit Wahnsinn. Auch Attis verlor den Verstand. Er rannte hinaus in den Wald und entmannte sich unter einer Pinie, wodurch er verblutete. Kybele bat Zeus nun, den Jüngling wieder zum Leben zu erwecken. Doch der gewährte nur, dass der Leichnam des Attis nie verwesen sollte. Kybele bestattete Attis daraufhin in einer Berghöhle in oder bei Pessinus, setzte eine aus Eunuchen bestehende Priesterschaft ein und stiftete einen Kult der Beweinung mit einem jährlichen großen Fest.[1]
Es wird versucht, die Verehrung der Magna Mater (Große Mutter) in Kleinasien bis ins 7. vorchristliche Jahrtausend zu verfolgen. Einzelheiten, vor allem die Existenz matrilokaler Gesellschaftsformen, sind umstritten. Der Ausgräber der jungsteinzeitlichen Großsiedlung Çatalhöyük in Anatolien, James Mellaart, deutete Wandmalereien sowie eine große Anzahl von weiblichen Statuetten als Anzeichen einer Verehrung einer Großen Mutter Kybele,[2] eine Deutung, die nicht unbestritten blieb.[3]
Der Name der Großen Göttin wird im Anatolischen mit Kybele oder Kubaba überliefert. In Phrygien hieß sie ursprünglich Matar Kubile (Mutter Kybele). Kybele galt als Herrin der Tiere, wurde als Berg- und Naturgöttin, aber auch als Erdenmutter verehrt. Als Mutter vom Berg Ida (lat.Magna Mater Idaea) wurde sie im Heiligtum von Pessinus, etwa 130 km südwestlich vom heutigen Ankara, in Gestalt eines Kometen verehrt, in welcher Form sie in die römische Geschichte eintrat (vgl. unten).[4]
Das älteste Zeugnis der Verehrung von Kubaba stammt aus dem KarumKaneš im 19. Jahrhundert v. Chr., wo sie Kubabat genannt wird. In bronze- und eisenzeitlichen Inschriften der Stadt Karkemiš am oberen Euphrat wird Kubaba als Herrin der Stadt angeführt.
Deutung
Der Mythos dreht sich offenbar um den Geschlechterdualismus. Der Mythos erklärt die Entstehung der Welt durch ein Zusammenwirken des männlichen und des weiblichen Elements des Universums: Der himmlische Attis muss die Mutter Erde Kybele mit seinem Blut befruchten, damit die Welt entstehen kann. Der Religionshistoriker Carsten Colpe bestreitet die üblicherweise angenommene Deutung von Adonis, Attis und Osiris als Fruchtbarkeitsgötter und sieht einen Zusammenhang mit den beiden Geschlechtern.[5] So kann der Mysteriengott zwar nicht als „Vegetationsgott“, aber doch als ein „Fruchtbarkeitsgott“ im fundamentalen Sinn verstanden werden.
↑Pausanias, Beschreibung von Griechenland VII/17, S. 9–12; Arnobius, Adversus nationes V,5–7.
↑James Mellaart: Çatal Hüyük – Stadt aus der Steinzeit. 2. Auflage, Lübbe, Bergisch Gladbach 1973
↑Lynn Meskell: Goddesses, Gimbutas and 'New Age' Archaeology. Antiquity 69, 1995, S. 74–86.
↑Harald Haarmann: Die Madonna und ihre griechischen Töchter. Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie, Hildesheim u. a. 1996, Georg Olms Verlag, ISBN 3-487-10163-7, Seite 127 ff.
↑Carsten Colpe: Zur mythologischen Struktur der Adonis-, Attis- und Osiris-Überlieferung. Festschrift für W. v. Soden, 1968