kerben
Kerb + -en an sich gleichbedetend zu "gravieren"
mhd. kerben, ursprünglich "ritzen, kratzen", verwandt mit griechisch gráphein einritzen, ritzen; schreiben.
mhd. kerben ahd. kerban, von uwger. *kerban („schnitzen, schneiden“), von uger. *kerbaną., von uig. *gerbʰ- „kratzen“.
KERBEN , einschneiden, eine kerbe (kerben) schneiden. ahd. nicht nachgewiesen, mhd. kerben in ankerben [ Scherz] 47(14. jh., elsäss.), vermutlich auch kerven (s. u. [ 1DWb] kerbe). daher noch im 15. jh. kerfen nicht nur in md. und rhein. vocc.,auch im Nürnberger voc. ex quo v. 1482, s. [ Dief.] 180a; mnd. kerven, carven das., nnd. karven, nl. kerven. altfries. kerva, ags.ceorfan, schott. kerf, engl. carve; dän. karve, schw. karfva, es scheint entlehnt. Während das hd. wort schwachformig ist, zeigt dasnd. im part. gekurven (Brem. wb.) einen wichtigen rest alter starker bildung (daher in Mielkes litt. wbb. 'karbtas, gekorben'). Im nl.ist diese völlig erhalten: kerve, korf, gekorven; ebenso ags. ceorfe, cearf, curfon, corfen, desgl. altfries.; s. weiter sp. 562. /Bd. 11, Sp. 561/ 1
[]1) schneiden überhaupt, hd. sonst ungebräuchlich:
wie der blitz ist er zerscherbet.
es kann doch nur gemeint sein: aus glas geschnitten, ausgeschnitten (wie engl. carved); kerbe deine kerzen. [ Overbeck] Virgil 135,nach incide faces ecl. 8, 29, gleich schneidend machen. Das ist zwar beides nicht dem hd. sprachgebrauch entnommen, sondernkünstlich gemacht; aber wirklich weist es sich als die urspr. bed. aus (vgl. [ 1DWb] kerbe 1). denn nd. heiszt es z. b. auch tabakkarven klein schneiden, zerschneiden (Brem. wb.), vgl. westf. kärwelspäne hauspäne [ Kuhns] zeitschr. 4, 136. auch nl. kerven heisztzerschneiden, den mast kerven kappen, u. a.; noch deutlicher tritt es im altfries., ags., engl. gebrauch hervor, engl. carve heisztzerschneiden, ausschneiden, in holz schnitzen, in stein hauen, in kupfer stechen, carved work bildhauerarbeit. 2
[]2) unser kerben heiszt einschneiden, d. i. einen einschnitt (kerbe) oder einschnitte machen; object ist sowol das was maneinschneidet als das worein geschnitten wird. 2@a
[]a) ein schnitt im schuch, den er (der pilger) minders truckens halben drein gekerbet hat. Garg. 238b (Sch. 447); was wird das erstesein, als seinen stab zu kerben? [ Lessing] bei Danzel 1, 505, mit kerben als zeichen der erhaltenen küsse zu versehen. 2@b
[]b) kerbend einschneiden, durch kerbschnitte schreiben:
die namen gemeiner hochverräther werden bei uns von dem hohnlacher in runstäbe gekerbt und bündelweise in eine seitenhallegeworfen. [ Klopstock] 12, 279; kerbte gesetz' in hölzerne tafeln. [ Voss] Horaz 2, 384. 2@c
[]c) dichterisch von wunden (wie altfries., s. [ 1DWb] kerbe 1):
mit feiger wunden schmach.
2@d
[]d) von runzeln, falten (s. dazu 4, b): wäsche kerben, s. [ 1DWb] kerbholz 2, a und kerbe 2, c, zu 'runzeln' s. sp. 558 oben;
2@e
[]e) am meisten gebraucht ist noch das part. gekerbt, mit kerben versehen (Steinbach, Frisch), wie immer von verbis die in abgangkommen, das part. praet. am längsten frisch bleibt: gekerbt wie'n apfelkuchen. [ Voss] Shakesp. 3, 424, vgl. kerbeleisen;
nachtschwarz, bäumend den kamm, den gekerbten, die dritte daherfuhr.
so von der zerrissenen, mit langen kerben durchzogenen rinde alter bäume: gekerbte buchen. [ Platen] 323;
der gekerbten eiche kleben.
von blättern mit gezahntem rande (s. schon Tabernaem. u. kerbe): gekerbt, wie blätter, serrato margine [ Frisch. Göthe] 1, 327. 3, 93,ausgekerbet [ Stieler] 953. 2@f
[]f) in der heraldik gekerbt, frz. danché (dentatus), den schild kerben, mit zacken und spitzen sägeförmig machen:
das, weil es im gehirn der schwärmer angesponnen,
sich eigne wörter macht und unvernehmlich spricht,
das bald die schilde krönt, bald in vier theile bricht,
bald pfählt und gegenpfählt, bald kerbet und verbindet.
nach Boileau de pal, de contrepal, de lambel et de face. 3
[]3) vom einschneiden auf das kerbholz, den kerbstock: kerben, dicare. voc. theut. 1482 q 3a, vgl. Diefenbach s. v. dicare: die (dreigewählten nachbarn) sullen uf ire eide die bede (abgabe) setzen und kerben, sollen dem schultheisz daʒ kerbholz geben, der salumgehen und die bede ufheben. weisth. 1, 511, 15. jh. (vom untern Main);
des möcht ein reicher wirt verderben.
d. i. schulden anschneiden (anschreiben); wann dan ewer kunden von euch schlahen (euch untreu werden) und anders wohinlaufen und kaufen und lang kerben, sprechen sie 'umb dén pfenning (preis) hetestu es auch umb (bei) den kaufmann kauft'. [ J. Pauli]sch. u. e. 71 (1546 73), das scheint aber vom borger gesagt, anschreiben lassen, geborgt bekommen, aufs kerbholz nehmen. besondersankerben: der wirt kan brafe ankerben, caupo iste creta apprime utitur, ich will dir das schon ankerben (drohend, das ist dir nichtvergessen!) [ Stieler] 953; s. auch abkerben unter kerbholz 1, e. /Bd. 11, Sp. 562/ 4
[]4) das wort verdient aber weitere betrachtung. 4@a
[]a) die seltenheit des hd. wortes in älterer zeit (vom Rheingebiet abgesehen) und seine beschränkung auf das anschneiden amkerbholz, dazu der mangel jeder spur starker form lassen doch daran denken, dasz das hd. wort vom nd. her eingeführt sein könnte,etwa eben durch das kerbholz? dieses hat überdiesz in der Schweiz einen andern namen, beile (1, 1378, s. bes. Stalder), ebenso diekerbe, hick m., auch hicken kerben [ Stald.] 2, 42; s. unter kerbholz 1, g noch andere namen. Maaler hat zwar mit Frisius kerbholz undkerb (neben beile), aber kein kerben, ebenso Schönsleder, Denzler; bei Dasyp., wie im voc. inc. teut. steht blosz kerbholz, im voc. th.1482 kerben nur vom kerbholz. und mit dem kerbholz scheint auch kerben wieder auszusterben, die neuern dialektwbb. wissen imallgemeinen nichts mehr davon. wie anders im nd. (und wol dem angränzenden westmd.) gebiete. 4@b
[]b) merkwürdig ist freilich das böhm. karbuju, das doch entlehnt klingt und den begriff ziemlich entwickelt zeigt, es heiszt auchschneiden, hauen, runzeln, falten (s. 2, d); doch hat es wieder auch andre bedd., die im hd. keinen anhalt finden. auch litt. bestehtkarboti mit dem messer einkerben (kárbas kerbstock), und wieder auch karbótas runzelig. sloven. heiszt aber gerba runzel, falte(gerbati runzeln), serb. grba, schon altsl. in grbat rugosus, contractus, curvatus, s. mehr [ Miklosich] 145a; also fand wol in demböhm. litt. wort nur anlehnung eines heimischen ans deutsche statt. 4@c
[]c) an und für sich aber darf man dem deutschen worte allerhöchstes alter zutrauen, und gerade dem kerben auf das kerbholz. dennwie dessen gebrauch nur ein rest ist von der ältesten art des schreibens und verzeichnens bei uns (s. weiter kerbholz), so knüpft sichkerben in sinn und körper an eine ferne urverwandtschaft an, die in überwältigender fülle zusammengestellt ist von [ Diefenbach] goth.wb. 2, 419 ff. 4@d
[]d) denselben consonantischen lautbestand im ganzen zeigen nämlich, um nur die nächsten anzuführen, gr. γράφω, und mit s vornlat. scribo, und beide bedeuten eig. ritzen oder schneiden, in holz oder stein; dann mit l für r, gr. γλύφω, γλάφω, lat. sculpo, scalpo.in welcher weise diese wörter sich aus einer urwurzel oder aus schwesterwurzeln entwickelt haben, ist freilich noch gegenstand derforschung; auch tritt zu γράφειν näher unser graben, zu γλύφειν näher unser klieben. dasz aber auch kerben in den kreisaufzunehmen ist, ist nach folg. sicher. 4@e
[]e) wie sich im anlaut scribo zu γράφω verhält, sculpo zu γλύφω, so hat kerben seine schwesterform mit sk- neben sich (vgl. sp.406): neben ags. ceorfan steht sceorfan mit nahverwandter bed., radere, minutatim scindere, und mit demselben ablaut (scearf,scorfen); neben nd. karven, nl. kerven stehn scharven, scherven schnitzeln, zerschneiden, klein hacken, neben hd. kerben ebensoscharben klein schneiden, sogar auch einschneiden, eine kerbe machen, schärbe kerbe ([ Schm.] 3, 398). und daran schlieszen sich auchschürfen, schorf, scharf, scherbe, mit anders gestelltem r aber schrapen, schroff u. a., ags. screpan scalpere, radere, ahd. screfônincidere. s. weiter klauben. 4@f
[]f) es bieten sich aber in dem wirrwarr der verwandtschaft noch weitere möglichkeiten dar, die zu erwähnen verstattet sei. gibt manwurzelhaften auslautwandel zu (sp. 6), so könnte verwandt sein nl. 'kerten, kerven, crenare, incidere' Kil., dazu kerte gleich kerf(kerbe), kertelen incidere, crenas scindere, was dann wieder in eine weit auslaufende fremde verwandtschaft einschlägt (vgl. [ 1DWb] kurz). ist aber die wurzel eine von denen, die urspr. einfacher auslauteten (vgl. sp. 6), so kommt unser scheren (urspr. schneiden) infrage, und dann begriffen sich die sonst überaus merkwürdigen nd. formen kâr, karre kerbe, karren kerben (sp. 557), altfries. kerakerben, koren gekerbt [ Richth.] 866a. s. auch kerlich.
s. auch ankerben, aufkerben, auskerben, bekerben, einkerben, verkerben, zerkerben.