Zum Inhalt springen

Werk:VGGWSM/Vorrede

aus AufEinWort, der freien Forschung
Dies ist eine alte Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 12. Februar 2024 um 08:07 Uhr durch Nikolaos (Diskussion | Beiträge) (Die Seite wurde neu angelegt: „Vorrede. Geneigter Leser Verstand, Tugend und Gesundheit sind die drey vornehmsten Dinge, darnach die Menschen in dieser Welt streben sollen. Allein insgeheim achtet man nichts weniger als diese drey. Zbd wer die gegenwärtigen unglückseelige Zeiten erweget, der siehet, wie sie aus Mangel des Verstandes und der Tugend herkommen. Leute, die Kinder am Verstande, aber Männer an Boßheit sind, stürtzen viele in großes Unglück und Verderben. Gewis! Ich…“). Sie kann sich erheblich von der aktuellen Version unterscheiden.
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Vorrede.

Geneigter Leser

Verstand, Tugend und Gesundheit sind die drey vornehmsten Dinge, darnach die Menschen in dieser Welt streben sollen. Allein insgeheim achtet man nichts weniger als diese drey. Zbd wer die gegenwärtigen unglückseelige Zeiten erweget, der siehet, wie sie aus Mangel des Verstandes und der Tugend herkommen. Leute, die Kinder am Verstande, aber Männer an Boßheit sind, stürtzen viele in großes Unglück und Verderben. Gewis! Ich erstaune, unter was für einen heßlichen Bilde ich sie erblicke, wenn sie Recht und Gerechtigkeit handhaben, aber zu guter Einrichtung des gemeinen Wesens Rath geben sollen. Da ich con Tugend auf eine große Neigung gegen das menschliche Geschlechte bey mir gespüret, so daß ich alle glückseelig machen wollte, wenn es bey mir stünde; habe ich auch mir niemahls etwas engelegener seyn lassen, als alle meine Kräfte dahin anzuwenden, daß Verstand und Tugend unter den Menschen zunehmen möchten, und nach dem ich diese vortreflichen Muster des ungearteten Geschlechtes nicht ohne empfindlichen Schmerzen kennen lernen, bin ich in diesem Eifer noch mehr angefeuert worden, ja ich werde davon nicht ablassen, so lange sich ein Blutes Tropffen in meinem Leibe reget. Aus diesem Triebe kommen auch gegenwärtige Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, an das Tage-Licht, und sollen nun in einer unverrückten Reihe nach und nach mit anderen begleitet werden, welche die Erkäntnis der Glückseelugkeit des menschlichen Geschlechtes, und der wunderbaren Wercke GOttes in der Natur vor Augen legen In der Materie, die ich jetzt und abhandele, ist bisher viele Finsternis und Unordnung gewesen. Es hat an deutlichen Begriffen, gründlichen Beweisen und Verknüpfungen der Wahrheiten mit einander gefehlet, so daß man viele Wahrheiten dar für Irrthümer gehalten und als anderen wiedersprechende verworfen, welche doch nicht allein ihre völlige Richtigkeit haben, sondern mit unter die wichtigsten und nützlichsten zurechnen sind. Ich habe mich demnach bemühet diesen Mangel zu ersetzen, und für allen Dingen dahin gtrachtet, daß ich von seinem Dinge reden möchte, davon ich nicht einen deutlichen Begriff vorgebracht hätte. Hierinnen aber habe ich mich nach den Regeln gerichtet, die theils im ersten, theils im andern Kapitel der vernünfftigen Gedanken von den Kräften des Verstandes zu finden. Wer demnach die Erklärungen, welche ich gegeben habe, untersuchen will; der wird sich zuerst gefallen lassen, die jetzt erwhnten beyden Kapitel mit Bedacht durch ziu gehen, und nach diesem meine in gegenwärtigem Wercke gegebene Erklärungen gegen die dort gefundene Regeln halten. Alsdenn bin ich versichert, er werde die Sache nicht allein wohl verstehen und meine Meinung recht fassen; sondern auch an der Richtigkeit keinen Zweifel übrig behalten. Ich weiß wohl, daß vielen diese Arbeit viel zu beschwerlich vorkommen wird, weil sie dis Buch gerne so behende werden lesen wollen, wie sie andere zu lesen gewohnet sind: allein die müssen sich auch gefallen lassen, daß sie nicht alles verstehen, noch diejenige Einsicht in die darinnen vorgetragene Wahrheiten erlangen, zu der sie würden kommen seyn, wenn sie die Sache mit rechte, Ernst angegriffen hätten. Es ist gewis nicht ein geringes, wenn wir in den ersten allgemeinen Begriffen Deutlichkeit haben: denn angezündet, das uns in aller unserer Erkäntnis leuchtet, wir mögen entweder mit Wissenschafften, oder mit Berrichtungen im menschlichen Leben zuthun haben. Über dieses habe ich mich auch beflissen nichts ohne Beweis anzunehmen: denn alles, was ich behauptet, ist entweder in klaren Erfahrungen gegrünet, oder durch tüchtige Schlüsse erwiesen. Was in der Erfahrung gegründet ist, kan man nach den Regeln der Erfahrung untersuchen, die ich den Gedancken von den Kräfften des Verstandes im fünfften Kapitel gegeben; so wird man hoffentlich nichts bedenckliches haben finden. Wil man die Beweise in ihre Schlüsse darans sie bestehen, ordentlich bringen;  so wird man befinden, daß nichts angenommen worden, welches nicht vorher schon seine Richtigkeit erhalten. Wer auch nur die Beweise obenhin ansiehet, dem werden die überall befindlichen citationes zeigen, daß alles jederzeit aus dem vorhergehenden angenommen wird. Am allermeisten aber habe ich darauf gesehen, daß alle Wahrheiten mit einander zusammen hingen, und das gantz Werck einer Ketten gleich wäre, da immer ein Glied an dem anderen, und solcher Gestalt ein jedes mit allen zusammen hänget. Die überall befindlichen Citiationes werden solches gleichfals zur Gnüge ausweisen. Und demnach meine ich den Fehlern abgeholffen zu haben, die man bisher in diesen Materien gehabt, die hier abgehandelt werden. Ich habe, da ich das Buch geschrieben, beständig mich angestellet, als wenn ich von allen diesen Dingen noch nichts wüßte: sondrn sie erst durch das Nachdencken heraus bringen sollte. Und dannenhero sind alle Materien ind er Ordnung zufinden, wie sie nach und nach aus einander können entdecket werden. Wer hierauf acht hat, der wird einem jeden Artienl? den Grund anzeigen können, warum er auf den andern folget, und in dem Ordnung finden, was ihm sonst unordentlich vorkommen dörfte. Gleichwie nun aber dieses Buch in einer steten Verknüpffung einer Wahrheit mit der anderen geschrieben worden; also muß es auch in unverrückter Ordnung von Anfange bis zu Ende gelesen werden. Und weil man auch hierinnen wird erwiesen finden, daß die Natur keinen Sprung thut; so wird absonderlich nöthig seyn, daß man dieses Buch nach und nach mit gehöriger Aufmercksamkeit und Überlegung lese. Wer dieses thut, wird das Vergnüge davon haben, daß er zu einer deutlichen und gründlichen Erkäntni der wichtigsten Wahrheiten gelanget, und absonderlich auch die höchstschädlichen und gefährlichen Irrthümer derer, die sich für anderen starck a, Verstande zu seyn düncken und für unüberwindlich halten, wird gründlich wiederlegen, auch die Einwürffe wieder die natürliche und geoffenbahrte Religion mit Nachdrucke beantworten können. Ich hatte mir zwar Anfangs vorgenommen, die FRage von der Gemeinschafft des Leibes mit der Seele, und der Seele mit dem Leibe gantz unentschieden zu lassen; allein da ich durch die im anderen Kapitel gelegten Gründe wieder Vermuthen gantz natürlich auf die vorher bestimmete Harmonie des Hrn. von Leibnitz geführet ward, so habe ich auch dieselbe behalten und in ein solches Licht gesetzet/ dergleichen diese sinnreiche Erfindung noch nie gehabt. Ich habe blöß auf die Wahrheit gesehen, und mich daher nicht bekümmert, ob es alt oder neue ist; sondern alles in meine Kette genommen, was sich als ein Glied damit verknüpffen lassen. Denn ich kan aufrichtig bekennen, daß ich in demjenigen, was die Alten gewust, mehrere Gründlichkeit bey reiffer Überlegung finde, als insgemein in dem jenigen anzutreffen, was man heute zu Tage für neu auszugeben pfleget. Unterdessen bin ich kein Anbeter des Alterthums; sondern nehme eben so willig an. was die Neueren hinzusetzen, und mur mein eigenes Nachsinnen an die Hand giebet. Wieviel die Erkäntnis der Wahrheiten, die ich hier viorgetragen habe, zur Beförderung der Tugend beytrage, wird sich nun bald zeigen, wenn ich ihre Natur und Beschaffenheit durch die Natur der Seele gründlich erklären werde. Unterdessen wünsche ich einem jeden, der gegenwärtiges Buch lesen wird, Gedult und Aufmercksamkeit, damit er alles, was hier voorgetragen wird, gründlich einsehen und zu dem vielfältigen Nutzen anwenden möge, welcher aus der Erkäntnis so wichtiger und tief verborgener Wahrheiten erwachsen kan! Halle Den 23. Decembr. 1719.

Inhalt.

Des gantzen Buches.

Das 1. Capitel.

Wie wir erkennen, daß wir sind, und was uns diese Erkäntnis nutzet.

Das 2. Capitul.

Von den ersten Gründen unserer Erkäntnis und allen Dingen überhaupt.

Das 3. Capitel.

Von der Seele überhaupt, was wir nemllich von ihr wahrnehmen.

Das 4. Capitel.

Von der Welt.

Das 5. Capitel.

Von GOTT.

Christian Wollfens,

Königl. Preuss. Hof-Raths und Prof. Purbl. Ordinarii, der Königl. Großbritannischen, wie auch der königl. Preuss. Societät Mitgliedes,

Erinnerung

Wie es künfftig mit den

Einwürffen

halten wil,

Die wieder seine Schriften

gemacht werden.

Halle um Magdeburgischen Anno 1720.

Zu finden in der Rengerischen Buchhandlung.

Prov. XVII, 28.

Ein Narr, wenn er schwiege, würde auch weise gerechnet, und verständig, wenn er das Maul hielte.

Erinnerung wegen der Einwürffe.

§ 1. Vorhaben des Autoris.

Mein Vorhaben ist die Wissenschafften in bessere Ordnung und mehrere Bewisheit zu bringen, damit Verstand und Tugend zur Glückseligkeit des menschlichen Geschlechtes zu nehme.  Aus dieser Absicht ist geflossen, was sich bisher in öffentlichen Druck gegeben, und, wenn mir GOtt Leben und Gesundheit erhält, noch ferner dazu befördern werde. Ich habe auch bißher das Vergnügen gehabt, daß sich viele aus meinen Schriften erbauet, und sie nicht allein wohl aufgenommen, sondern mich auch noch bis auf diese Stunde aufmuntern in meinem Vorhaben fortzufahren.

§. 2. Warum er sich die Einwürffe nicht befremden lässet.

Ob ich nun zwar das Glück gehabt, daß diejenigen, welche in der gelehrten Welt das größte Ansehen erhalten, meine Schrifften ihnen gefallen lassen; so kan ich mir doch deswegen nicht versprechen, daß sie allen gefallen werden: Denn  sonst wäre unter denen, die gelehrt heissen, kein Unterscheid mehr anzutreffen. Und deswegen werde ich mich es auch nicht befremden lassen, wenn sich einige öffentlich erklären, daß sie anderer Meinung sind, als ich, aber auch wohl sich einbilden, als wenn sie wieder dajenige, was ich behaupte, mit gutem Grunde etwas einzuwenden mästen, wenn sie gleich nach nicht verstehen gelernet, was sie sich ihrer Meinung nach zu wiederlegen unterfangen. Es ist allezeit so in der gelehrten Welt hergegangen, und wird auch wohl immer so bleiben, so lange Leute seyn werden, die durch Tadeln denjenigen Ruhm zu erlangen gedencken, den Verständige bloß auf das Besser-machen gesetzet.

§. 3. Frage, so hier abgehandelt werden soll.

Es entstehet nun aber hier die Frage, pb und wie weit man verbunden sey auf gemachte Einwürffe zu antworten? Und diese ist es, welche ich jetzund zu entscheiden mir vorgenommen: Damit man künfftig wisse, aus was für Ursachen ich mich mit Leuten, die Lust zu zancken haben, oder auch wohl mit dergleichen Streit-Schrifften sich etwas zu verdienen gedencken, nicht in Streit einlasse, und sie daher keine Gelegenheit nehmen dörffen zu triumphiren, als wenn ihnen nicht hätte können geantwortet werden. Weiwohl da ich nach dem Urtheile der Unverständigen nichts frage, sondern mir es für ein nicht geringes Lpb halte, wenn ich von ihnen verachtet werde, (deñ weil ein jeder nach seinem Begriffe urtheilet, so wäre mir leid, wenn ich derjenigen Mann wäre, den sie für etwas ansehen; ) so kan mir gleich viel gelten, wenn sie sich für grosse Helden achten und aus Irrthume darüber vergnügen. Weil sie doch keiner andern Glückseligkeit fähig sind; so will ich ihnen diese Freude gar gerne gönnen.

§. 4. Der Autor machet sich anheischig auf Einwürffe zu antworten, die in der Sache! ein mehrens Licht geben.

Ich erkäre mich demnach einmahl für allemahl. werde auch beständig darüber halten, daß ich 1. mit aller Bescheidenheit antworten will, weñ Einwürffe vorgebracht werden, die zur Erläuterung der von mir behaupteten Sätze dienen, und durch deren Untersuchung ein neues Licht angezündet wird, welches so wohl mir, als anderen zu tiefferer Einsicht der Wahrheit verhilfft. Und zwar wird es mir gleichviel seyn, ob die Einwürffe nur schrifftlich, oder in öffentlichen Drucke communiciret werden.