GULR/Einleitung/11
▷Wir wollen daher jetzt die in beiden Sprachen ähnlichen Wörter und besonders die germanischen Wurzeln mi Latein aufsuchen, wobei man bemerken wird, dass die Ähnlichkeit beider Sprachen um so mehr zunimmt, je ältere Schriftstücke man aus beiden wählt. Dabei werden wir freilich nicht übersehen dürfen, dass die Trennung des germanischen Stammes in Italien von dem in Deutschland weit über 3000 Jahre her sein muss, und dass, wenn schon die Sprache solcher Stämme, die erst seit 12 bis 14 hundert Jahren sich trennten, wie Angelsachsen und Franken, sich sehr änderte, die Abweichung dort noch grösser sein muss. Es ist ja selbst in dem eigentlichen Deutschland nicht nur die Aussprache in den verschiedenen Provinzen abweichend, sondern es finden sich in jeder eine Menge eigenthümlicher Ausdrücke, so dass, ohnerachtet durch die Buchdruckerkunst, die Sprache fester gehalten wird, die äussersten ober- und niederdeutschen Landleute sich nur mit Mühe verstehen. Wir müssen aber auch Folgendes beachten:
1) Dass die Vocale von geringer Bedeutung sind, die ja auch stets in den verschiedenen Dialecten verändert werden, daher dasselbe Wort in einer andern Sprache mancherlei Abwandelungen erleidet. Zeigt sich diese Abwandelung doch in Worten desselben Stammes: fliege, flog, Flug; finde, fand, finde, gefunden etc. Nur ist hier anzuführen, dass wahrscheinlich das a oft gesprochen wurde wie ae, das lange o und i wie ei omnis, omneis – Iphigenia, Mēdēa – für eia; o vielleicht wie ů im Schwed., schwankend zwischen a und o, u wie ủ, proximus, und proxumus, au wie oplaustrum und plostrum.
2) Dass die Consonanten als die Grundbestandtheile der Wörter angesehen werden müssen, dass aber in allen Sprachen die Buchstaben desselben Organs für einander gesetzt werden, wofür das Ober- und Niederdeutsche tausend Beispiele giebt, und wolfür man Belege in jeder griechischen und besonders der deutschen Grammatik des verdienstvollen Forscher Grimm finden kann. Es werden also unter einander vertauscht:
3) Die 3 Hauche, der Lippen- oder Blaselaut w, der Zungen-oder Sauselaut s (das lateinische s entspricht unserm scharfen ß) und der Kehl- oder Hauchlaut h wurde in der einen Sprache gesetzt, in der andern weggelassen, oft wahrscheinlich gar nicht bezeichnet. Im Griechischen wurden alle 3 durch den Spiritus asper bezeichnet, so war ἕσπερος vesper, ἕρπω serpō, ῐ̔στορῐ́ᾱ historíā, so ist also (be) wege ago; aeol: Fayw, frage, rogo, Frogo; auswirken es-- Ferceo, urbs ist wurbs ---warbes. sch --- lüpfrig ist lubricus, Specht picus, Stier taurus, s- chliesse claudo, s -- chreiten, Schwed. scrida, s - gredi spanne pando --- scheide cedo, ab - scedo, Ulphil. skaidan; Halle oder Saal -- und un-gekehrt; über super, Zinn Plattd. Tinn - stannum, grabe, scribo. Auch werden die Laute verwechselt Wald wird sal tus, hülle velo. Bei manchen Wörtern mochte der Zisch-laut später eintreten, vielleicht im Deutschen, wie im Italienischen und Französischen: juro bewähre, bewahrheite se-vero, schwöre*) jurer, giurare; taceo, Gothisch thahan, Schwedisch tiga, deutsch schweigen.