GDSG/Einwanderung
▷Aus dem unermeßnen Vorrat des Altertum sind manigfalte Züge Allem was folgen soll gleichsam als Vordergrund unterbreitet worden. Diese allgemeine Schilderung der Zeitalter, des Hirten- und Jägerleben, seiner Übergänge in den Ackerbau, in geordnete Feste und Jahrszeiten, endlich ein aus Glauben, Recht und Sitte urverwandter Völker gegrifnes Bild, überall durch Einklänge der Sprache gehalten und belebt, ließ sich noch gar nicht historisch fassen. aber mitten durch die Untersuchungen zuckt schon unabweisliche Gemeinschaft, und wenn gleich Denkmäler der Sprachen unsre reinste Quelle sind, wo sie noch sprudelt, dürfen überraschende Aufschlüsse und Bestätigungen nicht verschmäht oder gering geachtet werden, die aus der Poesie, dem Mythos und den Gebräuchen des Lebens hervorgehn: auch da ist eine zähe Kraft ihrer Fortdauer und Überlieferung anzuerkennen.
▷Nirgend wo europäische Geschichte beginnt, hebt sie ganz von frischem an, sondern setzt immer lange, dunkle Zeiten voraus, durch welche ihr eine frühere welt verknüpft wird. Einheimische Götter, ein-geborne Menschen kann nur Mythos oder Volksage hinstellen.
▷Darin unterscheidet sich wesentlich Asien und die Geschichte seiner meisten Völker, die nach verhältnismäßig kurzer Aufregung im gelobten Lande ihrer Heimat verweilen und was jene wandernden einbüßen, nie verlieren, was jene stufenweise hintereinander erreichen, auf einmal zusammen besitzen. wie in Kain und Abel alsobald Ackerbau und Hirtenleben nebeneinander erscheinen, so haben sich bei den Indern ständige, hart gesonderte Kasten von Priestern, Kriegern, Arbeitern und Knechten entfaltet, die dem verschmelzen und unablässigen erhöhen der Menschheit Widerstand entgegen stellen; noch unter Persern und Skythen dauerte diese Eintheilung in drei Stände: Krieger, Hirten und Ackerbauer, bei den übrigen, wo sie fortbestand, wurde ihr eine ganz andere Wendung gegeben.
▷Alle Völker Europas und voraus jene urverwandten, denen es beschieden war durch Wechsel und Gefahr emporzuringen, sind in ferner Zeit aus Asien eingewandert, vom Osten nach dem Westen setzte sie ein unhemmbarer Trieb, dessen eigentliche Ursache uns verborgen liegt, in Bewegung. Der Zug scheint aber stets zu Lande und um die Küsten des Meers ergangen, außer wenn bloße Meerengen zu überfahren, Inseln zu erreichen waren. Je weiter gegen Abend wir ein Volk gedrungen finden, desto früher hat es seinen Auslauf begonnen, desto tiefere Spur kann es unterwegs hinterlassen haben. Klein im Anfang wälzte sich der Haufe zu immer gröszerer Masse fort; beinahe alle Völker, wo sie zuerst erscheinen, sind schon zu solcher Breite und Fülle empor gewachsen, daß Zwischenräume der Ruhe und des Stillstands ihre Ankunft verdecken, aber hinten nachdringende Schwärme rühren sie von neuem auf. Dieser Drang muß in der Mitte und im herzen Europas am stärksten walten; einzelne Völker die seitwärts nach süden schmale Halbinseln erreichen, gedeihen auf ihnen schnell zu mächtiger Entfaltung, und erliegen erst spät, nachdem ihre Geschicke erfüllt sind, den unabwendbaren Einflüssen der Mitte. Unbegünstigte Stämme sinken in Vergessenheit, die aber am langsamsten zur edleren Bildung reiften, scheinen der größten Lebensdauer fähig, und wenn die Sage den Menschen der Vorzeit höheres alter beimißt, halten die späteren Völker desto fester aus. Der urverwandten zu weitem Auslauf ersehnen Völker entschiedner Beruf und vorragende Tüchtigkeit offenbart sich eben darin, daß ihnen fast allein die europäische Geschichte angehört.
Ich zweifle nicht, dasz unter deutschen und gallischen stämmen schon lange jahrhunderte nachbarschaft und manigfacher verkehr stattfand, aus dem allein erklärlich wird, wie einzelne deutsche wörter und gebräuche durch die Gallier auch zu den Römern gelangten, bevor diese in unmittelbare berührung mit den Deutschen selbst traten. auf solche weise wurden jene Deutschen ambacti (s. 131) zu Rom und dem Ennius bekannt: es ist glaublich, dasz reiche Gallier germanische diener um sich versammelten, wie hernach die Römer deutsches gefolge unterhielten; ich werde gelegenheit haben noch andere deutsche ausdrücke beizubringen, die so früh zu den Römern drangen. das geschrei der Gallier über deutsche wildheit vor Römern, deren beistand gegen Ariovist sie nachsuchten, kann man sich leicht auslegen. Wie nun zwischen den bis zum Rhein sich erstreckenden, diesen strom schon überschreitenden Germanen und den Galliern musz ein gleich starker verkehr eingetreten sein zwischen östlichen Germanen, 169 welche die Donaugegend inne hatten, von da sich nordwärts bis zur ostsee dehnten, und in ihrem rücken hausenden thrakischen, sarmatischen völkern. ja, weil wir sahen, dasz einzelne gallische stämme eine zeitlang mitten in Germanien fortdauerten, wird nicht weiter gegen osten bis zum auslauf der Donau und noch tiefer hinten von deutschen völkern die rede sein dürfen, die ihren früher dort eingenommnen sitz behaupteten? die wanderung ergieng nirgends auf einmal, ohne dasz haufen und abtheilungen einzelner völker zurückblieben. wer ein auge hat für diese verhältnisse kann nicht tadeln, dasz dakische, getische, thrakische und selbst skythische völkerschaften unter gesichtspunkte gestellt werden, die den abgelegnen Römern entgiengen; unsre älteste geschichte hat dabei nur zu gewinnen und was ihr abgerissen wurde zu erobern. dem unwandelbaren naturgesetz groszer völkerbewegungen angemessen scheint es, sie langsam von morgen gegen abend vorschreiten zu lassen und alle dauernden rückgänge abzulehnen. wie keine Gallier über den Rhein setzend deutschen grund und boden, den sie bereits verlassen hatten, neu bewältigten, eben so wenig sind Gothen, obwol es die sage lügt, von Scandinavien aus zur Weichsel und an die Donaugestade hinterwärts gedrungen; durch die Geten aber könnte der deutsche name weit über die zeit der ankunft in unserm jetzigen vaterland hinauf geleitet werden. ergossen sich deutsche stämme noch viel später nach Gallien, Britannien, Italien, Spanien und Africa, so werden auch früher pannonische, thrakische und skythische landstriche in ihrer gewalt gewesen sein. Die bisher gültige critik suchte sich weder über ankunft und einzug der Germanen in Deutschland eine befriedigende vorstellung zu bilden, noch den thrakischen und skythischen einflusz auf die geschicke Europas zu würdigen.