DG1G/Einleitung
Wenn es sich von der Sprache[1] des Volks handelt, welches in unserm Weltteil den Raum zwischen Kelten, Römern, Slaven, Letten und Finnen erfüllt und behauptet hat; so steht die Wahl nur unter zwei beinahe gleich treffenden Benennungen.
Man darf sie die Germanische heißen, weil schon den Römern dieser Name nicht allein von den Stammen des eigentlichen Deutschlands galt, sondern auch, so weit ihre Kunde reichte, von den Skandischen. Nur ist uns Germani vielleicht ein fremdes Wort, das ich bei allgemeineren Forschungen über slavogermanische oder indogermanische Sprache nicht verwerfen würde, dessen ich mich aber für der heimischen Sprache eignen Kreis lieber enthalte.
Diesen umschreibt am genausten der Ausdruck Deutsch, der, wie Germanisch, keinen bestimmten Stamm bezeichnend nirgend eintrag tut. Zugleich ist er althergebracht, gewährt den lautersten Sinn und die bequemsten Einteilungen.
Es wäre ersprießlich, wenn die Geschichte jeder Hauptsprache vollständig durch alle ihre Dialekte verfolgt werden könnte, aber einzelne Volksstämme pflegen unterzugehn, andere sich zu verrücken, zu mengen und umzugestalten, daß in ihnen die alte Grundlage nur zum Teil kenntlich bleibt. Die deutsche Grammatik, vielfacher Verluste eingedenk, denen ihre oft verschütteten Quellen ausgesetzt waren, hat sich dennoch des Glücks zu erfreuen, daß sie ihr von uralter Zeit her an zahllosen stellen aufsprudeln und erfrischende Nahrung verabreichen, zwar steht jede Sprache auf eignen Fußen und schreibt sich selbst ihre Gesetze; doch den stillen Zusammenhang unsrer Gegenwart mit dem Altertum, den Grund warum die heutige Regel hervorgegangen sein kann aus einer ganz verschieden lautenden früheren deckt uns bloß die Geschichte auf. Kaum ladet irgend eine andere Sprache so dringend zu historischer Betrachtung wie die Deutsche ein, und keine ihrer Mundarten ist so gering oder unscheinbar, daß sie nicht im einzelnen das große Ganze neu zu beleuchten und fester zu bestätigen vermöchte.
Die östlichsten Stamme, die sich jugendlich und nicht ohne Glanz ausgebreitet hatten, sind erloschen, mit vollem Recht wird ihre Sprache nach den Goten benannt, aus deren Zeit und Mitte uns noch genügende, zweimal gerettete Reste einer unsterblichen Arbeit verbleiben, ohne welche es in der Geschichte deutscher Sprache nur gedämmert, nie getagt hätte, wir überschauen den edeln Reichtum des gotischen Wortvorrats vielleicht nicht zur Hälfte, doch so daß uns die Regeln der Formen wohl meistenteils offenbar werden, der Mundart verschwistert war ohne Zweifel die der Gepiden, Vandalen, Herulen, vielleicht der Bastarnen, obschon Verschiedenheiten eingetreten sein müssen, wie sie selbst noch an wenigen Eigennamen, die uns Prokop und andere überliefert haben, zu erkennen sind, alle Heldenlieder der Goten gehen uns ab, und daß ihre Dichter, nach der Bekehrung, christliche Stoffe behandelt hätten, wird nirgend versichert.
Auf der entgegengesetzten Westseite haben andere auswanderer, die Angelsachsen, sehr bedeutende freilich um vier und mehr Jahrhunderte jüngere Denkmäler ihrer Sprache, in Poesie wie in Prosa, hinterlassen, aus welchen ein außerordentlicher Gewinn gezogen wird, denn wenn auch die Gedichte sämtlich schon in christlicher Zeit aufgeschrieben oder abgefaßt sind, enthalten sie doch Anklänge an frühere heidnische Darstellung, vorzüglich Beovulf, Cædmon und die eben erst in Vercelli glücklich aufgefundnen Andreas und Elene. Eine Menge der seltensten Wörter, Formen und Ausdrücke ist uns durch diese Dichtungen offenbart. Auch hier bestimmt den Namen der Stamm; später durch den Zutritt eines romanischen Elements ging die angelsächsische Sprache[2] in die englische über.
Im Norden dauert der eingeborne Volksstamm bis heute fort, der Sprachquell hat sich da mächtig und in ungetrübter Lauterkeit erhalten, sind die Aufzeichnungen noch später als die angelsächsischen erfolgt, so geht die Fassung der meisten eddischen Lieder der Grundlage nach doch ungezweifelt in das Heidentum selbst zurück, und zeigt Dichtung und Rede fast ungestört; die altnordische Sprache hat uns also nicht wenige Geheimnisse des Altertums zu erschließen, ihre Kraft flüchtete aus Norwegen nach Island; die schwedische und dänische könnte man unter Benennung der Neunordischen zusammen begreifen jede derselben verdient in der deutschen Grammatik aber auch eigens aufzutreten.
Südlich ist die mundart der Langobarden und Burgunden bis auf geringe Spuren verschwunden, jene grenzend an die Bairische, diese an die Alamannische und Fränkische; grammatische Regeln sind nicht mehr daraus zu entnehmen.
Den Kern des eigentlichen, inneren Deutschlandes würde man zum besten der Grammatik überall gern nach den einzelnen Stammen, die ihn bilden, zerlegen, für den nördlichen Teil geht diese Unterscheidung insofern von statten, als sich die Mundart der Friesen in fester Sonderung, durch sichere Denkmäler zwar schon aus ziemlich später Zeit, bewahrt hat; die Niederländische aber seit dem dreizehnten Jh. in reicher Quelle fließt und noch heute als Schriftsprache fortgebildet wird, hierbei muß die politische Trennung der Niederländer vom großen Deutschen Reich, und die lange Sttigkeit der Friesen angeschlagen werden, seit diese unter Holland, das eigentliche Deutschland und Dänemark gefallen sind, hört ihre Befähigung zur Schriftsprache auf. Befremdend scheint, daß jene niederländischen Sprachdenkmäler alles hintergrundes früherer Zeit entbehren und die Eigentümlichkeit der Mundart aus keinen älteren Urkunden deutlich geschöpft oder bestätigt werden kann, die Lösung des Rätsels verliert sich in dem über die besonderen Verhältnisse des altfränkischen Dialekts gebreiteten dunkel. Was nach Ausscheidung der Friesen und Niederländer zwischen Rhein und Weser, Weser und Elbe an Gebiet übrig bleibt, fällt der sächsischen Sprache zu, ohne daß es tunlich wäre Westfalen und Sachsen rein zu scheiden, alle Quellen der alisächsischen Sprache aus dem heidnischen Zeitraum sind versiegt; in den ersten Jahrhunderten nach der Bekehrung entsprangen unter den Sachsen wohl noch größere Dichtungen, von welchen sich ein einziges bewahrt hat, aus dessen ansehnlichem Umfang hauptsächlich die Regel der Sprache erkannt werden muß; gering sind andere Überbleibsel. Dies Altsächsische mag etwa zwischen Münster, Essen und Kleve zu Haus gewesen sein, es hat Anklänge an das niederländische, und entfernt sich, bei manchen Ähnlichkeiten, doch bedeutend vom Angelsächsischen. Für die jüngere Zeit könnte die Benennung Sächsisch beibehalten werden, schiene nicht angemessen sie mit der allgemeineren Niederdeutsch zu vertauschen, welche, in gewissem betracht, auch auf das fFriesische und Niederländische sich erstrecken darf.
Seitdem unter den Karolingen einheit und Zusammenhang der innern deutschen Volksstämme sich festigten, konnte eine Wirkung dieser lebhafter als vorher gefühlten Gemeinschaft auch für unsre Sprache nicht ausbleiben. Im sechsten und siebenten Jh. muste die der Franken, Burgunden, Alamannen, Baiern und Thüringer merkbar von einander abstehn; auch im achten und neunten lassen sich einzelne Unterschiede grammatisch erfassen, und doch, wer vermöchte die auf uns gekommnen einzelnen Denkmäler durchgreifend nach ihnen zu sondern? Man gewahrt bloß daß die alamannische Mundart zu überwiegen beginnt, die Bairische ihr sehr nahe tritt, wie schon die geschriebnen Volksrechte beider Stämme in vielen Bestimmungen zusammentreffen, kein burgundisches Stück läßt sich aufweisen, kaum ein thürin-gisches. Das schwierigste scheint zwischen alamannischer und fränkischer Sprache die Grenze zu finden. Wenn Alamannen (wie teilweise Burgunden) lange Jahrhunderte hindurch die Strecke des Oberrheins bis zum Main hinab besessen hatten; muß auch noch unter den Karolingen einer hälfte der Schweiz, dem Elsaß und einer Seite des nun bald so heißenden Lothringens alamannische Bevölkerung zustehn. der umfang Alamanniens war durch Siege der Franken geschmälert worden , und am Rhein, am Neckar bis gegen Thüringen hieß das Land nun Franken; doch welchen Begrif hatte uns altfränkische Sprache? Die Franken waren vom Niederrhein her durch Belgien und die Ardennen in Gallien eingedrungen, ihre älteste Spracheigenheit muß aus den zerrütteten malberg. Glossen und aus Namen bei Schriftstellern des 6. 7. 8 jh. geschöpft werden; diese dürftigen behelfe reichen nicht zur Grammatik hin, zeigen aber schon in dem Lautelement merklichen Abstand von alamannischer Mundart. Entschieden fränkische Denkmäler sind uns misgönnt, aus der Zeit der Merowinge wie der Carolinge, und die von Karl dem Großen veranstaltete Sammlung vaterländischer Gedichte ist verloren. Aber die Macht der deutschen Zunge im fränkischen Reich scheint frühe schon aus dem innern Gallien nach Austrasien und dem Rheinland hin gewichen; Benennungen der Monate und Winde bei Einhart, der zu Strasburg geschworne Königseid nähern sich dem Alamannischen und nur die Übersetzung des capitulars in der Trierer hs. steht ihm etwas ferner. Herrschte nun in Sanktgallen, Konstanz, Sindleozesouwa (Reichenau), Strasburg unbezweifelt alamannische Sprache, so wird im vosagischen Gebiet bis nach Tull, den Rhein hinab bis nach Speier, Worms und Mainz, auf dem rechten Ufer bis gegen Fulda und Würzburg keine große Verschiedenheit von ihr stattgefunden haben. Otfried zu Weillenburg, hart ander damaligen Marke zwischen Alamannien und Franken, nennt seinen Dialekt selbst einen fränkischen, und bei ihm, noch mehr bei den Übersetzern Isidors und Tatians, deren Heimat wir nicht wissen, die ich aber nach Lothringen setzen möchte, zeigen sich Vermittlungen zwischen alamannischcr und sächsischer Sprache, doch mit dem Übergewicht jener. Das ließe sich Fränkisch nennen, nur in der Grammatik ebenso schwer getrennt behandeln als das Bairische neben dem Alamannischen. Bedarf es folglich, um diese drei Mundarten zusammenzufassen, einer allgemeinen Benennung, so war sie damals bestimmt im Gang, und kann keine andre sein als Deutsch, was, wie hernach ausgeführt werden soll, mit Fränkisch beinahe zusammenfiel.
Hierzu kommt, datl die fortschreitend entfaltete Bildung unserer Poesie und Literatur auch fernerhin eben auf dem Grund dieser nun unzertrennlich gewordnen drei Mundarten sich emporhob, welche für das 12 und 13 Jh. passender die Schwäbische, Bairischöstreichische und Fränkische[3] genannt werden, ohne völlig das Provinzielle aufzugeben, teilen sie sich in lebendigster Anregung das allgemeine mit und prägen die Kennzeichen der über dem landschaftlichen Gebrauch in der Höhe schwebenden deutschen Schriftsprache noch reiner aus.
- ↑ 1) In sofern γλῶσσα, lingua, sermō die eigentümliche Ausdrucksweise eines Individuums, Stammes oder Volkes bezeichnen, wird dafiir golh. razda gebraucht (Rom. 14, 11. I Cor. 12, 10. 13, 8. 14, 21. 23. 26 = γλῶσσα, Matth. , 73. Marc. 14, 70 = λᾰλῐᾱ́); ebenso ags. reord in den alten gediebten (reord väs þâ gieta eorðbûendum an gemæne Cædm. 98, 25. torhtan reorde, vèregan reorde Cædm. 248, 10. 267, 9. cearegan reorde Andr. 2215), in der jüngeren Prosa aber spræc; ahd. ehmals gewis auch rarta, wie noch aus elirartèr (aliēnigena, goth. aljarazdja?) folgt, doch später galt rarta fiir das engere modulātiō (Graff 2, 535); für sermō loquela sprāhha (schon fragm., theot und T. Matth. 26, 73. spràcha O. IV. 18,27) auch zungā (O. I. 1, 31. 53. 122.) mhd. sprāche, zuweilen zunge (Mar. 148, 12. Aw. 2, 10.) und Rede (mit dütisker rede Mar. 148, 41.) altn. tūnga; das schwed. sprak, dän. sprog (beide neutral) scheinen aus hochd. Einfluß zu erklären, nnl. spraak gewöhnlich aber taal (was ursprünglich Zahl oder erzählung bedeutet) Heutzutage bedienen wir uns auch der Ausdrücke Mundart und Dialect in etwas eingeschränkterem Sinn, aber schwankendem.
- ↑ 1) Im neunten Jh. scheint man sie die anglische geheißen zu haben, vgl. nachher $. 13 und das abecedarium anguliscum im cod. sgall. 878 p. 321 linguā Anglorum bei Beda 13, 19 gibt Älfred durch on englisc. In Urkunden auch die Benennung sächsisch: fures quos saxonice dicimus vergeldþeóvas (a. 796.) Kembles ch. ags. I, 172. 207. Den zusammengesetzten Namen Engilsahsun haben erst spätere Glossen (Graft* 1, 351.)
- ↑ 1) Sowol Ostfränkische als Rheinfränkische, unter welcher letztern man sich, mehr die westliche Mittelrheinische denkt.