TDPC/Einführung
Von Lothar und Renate Steiger
n. 1 Die Szene. Vorstellung der Unterredner.
n. 2 Verständigung über das Problem (Rm 1,20), wobei der Kardinal die Thematik in einer ersten Paradoxie näher bestimmt (16): um das invisibiliter videre wird sich die Auslegung zu bemühen haben.
n. 3 Mit Z. 1 ist das Problem allererst genau gestellt: Die creatura mundi ist durch visibilitas, Sichtbarkeit ausgezeichnet. In Z. 3ff. bringt der Kardinal die erste Entwick-
lung, die erste Inbeziehungsetzung des Sichtbaren zum Unsichtbaren, indem er aussagt, daß die Unterschiedenheit und deshalb Sichtbarkeit von einer unsichtbaren Unterscheidungskraft herrührt, so daß gilt, daß das Sichtbare im Unsichtbaren gründet, Gottes virtus also von der Schöpfung her als unsichtbare verstanden werden muß. Die erkenntnis-theoretische Erläuterung, daß der sensus seine Unterschei- dungskraft nicht aus sich hat, sondern von einer über ihm liegenden Macht, wird ins Ontologische gewendet (sic, 5). Z. 12f.: Virtus - aeterna nimmt Bezug auf n. 2,8.
n. 4 Das »elevemur« von n. 3,8 wird in n. 4,9 mit »ascendendum« wiederholt. Der gedankliche Fortschritt: Mit den invisibilia ist nicht etwas an Gott, sondern Gott selbst gemeint, die Schöpfung ist die Selbstoffenbarung Gottes. Nachdem »invisibilia dei« durch »deus invisibilis« anspruchsvoll ganzheitlich ausgelegt worden ist, gibt der Kardinal dem Plural »invisibilia« sein Recht zurück, indem er den positiven Zusammenhang aufzeigt (6f.): die invisibilia sind in der Schöpfung anwesend. Damit sind die beiden Themen genannt, die durch den ganzen Trialog gehen: Das Nicht- sehen des Unsichtbaren, das aber ontologisch da und er-kenntnistheoretisch begründet ist (n. 3,4--6), und zweitens das »creatura docet« (n. 4,8), denn an ihr ist das Unsichtbare, sofern das Unsichtbare an Gott die adaequata ratio jedes Dinges ist.
n. 5 Was wir im Geschöpf vor Augen sehen, will uns der Apostel lehren unsichtbar in Gott zu erfassen. »Ut in principio conspiciamus« (n. 4,11f.) wird näherbestimmt als »invisibiliter apprehendere« (n. 5,3f.), was nicht mehr eine nur formale Erkenntnis meint. Wir können das, was wir in der Kreatur sehen, besser und erst eigentlich in Gott verstehen, wenn wir sie »unsichtbar erfassen«. Was kann man am Geschöpf sehen? Daß das Nichtsein in keiner Weise Geschöpf ist.
n. 6 Ausgehend vom puren »ist« schließt der Kardinal mit dem traditionellen logischen Satz »Was ist, kann sein« und steigt vom Sein des bestimmten Könnens auf zur absoluten Wirklichkeit. Vom nackten Sein der actualitas ab- soluta dringt er nun weiter vor: Er sagt nicht, daß von die- ser absoluten actualitas kein posse mehr ausgesagt werden könne, weil in ihr alles verwirklicht ist, sondern er schließt parallel, daß, weil die absolute Wirklichkeit wirklich ist, auch von ihr gilt, daß sie sein kann (5f.). Und das Sein-können der absoluten Möglichkeit ist selber absolut als Können (7f.). Z. 8-17 zeigen nun, daß im Absoluten Gleichzeitigkeit von Möglichkeit, Wirklichkeit und Verknüpfung besteht. Damit ist (gegen die Tradition) die Möglichkeit gleichrangig neben die Wirklichkeit gestellt. Der Kardinal hat jetzt der Frage Bernhards Genüge getan, indem er vom einfachen »ist« der Kreatur her (existens) das Ewige in der Dreiheit von Möglichkeit, Wirklichkeit und Verknüpfung erblickt hat. Dabei geschah die Vermittlung dieses Sehens über das Können. Das Geringste, was das Geschöpf an sich hat, das Seinkönnen, holt Cusanus in Gott ein und gründet damit die Möglichkeit gleichberechtigt neben die actualitas. Damit ist die erste Problementfaltung abgeschlossen. Der Einsatz des Johannes (21-23) leitet die Durchführung ein.
n. 7 - 8 Der »deus gloriosus« ist der Gott der endzeitlichen Herrlichkeit. Dieser Name ist wieder ein Ausdruck dafür, daß Gott selbst im Blick ist, er zeichnet das videre aus, das nicht auf etwas an Gott geht. Im folgenden werden Identität (n. 7,9) und Koinzidenz (n. 8,9) von Potenz und Akt in Gott erläutert. »Actualitas« (7,4) ist die Verwirklichtheit, die unterschieden wird von einer sie transzendierenden Möglichkeit; »possibilitas« (5) ist ein möglicher Inhalt, der unterschieden werden muß von seiner Seinssetzung.