Werk:Compendium/V
▷Capitulum V
▷Oportet autem, ut advertas quomodo signum sensibile est prius confusum et genericum quam proprium et specificum. Sicut signum verbi est prius signum soni, dum vox a remotis auditur; deinde dum propinquius auditur, fit signum soni articulati, quod vox dicitur; post adhuc propinquius fit signum vocis alicuius linguae; ultimo fit signum specialis verbi; sic de omnibus. Et licet intervalla temporis saepe non sentiantur propter miram celeritatem, non tamen potest signum perfectum esse, nisi de confuso ad speciale perveniat. Unius igitur et eiusdem immultiplicabilis rei notae et signa sunt varia, per quae innotescit, scilicet generica atque specifica, inter quae media alia magis generica et alia magis specifica cadunt. Cum autem perfectio signorum recipiat magis aut minus, nullum signum umquam erit ita perfectum et speciale, quin possit esse perfectius. Singularitatis igitur, quae non recipit magis et minus, nullum est dabile signum. Et ideo tale non est per se cognoscibile, sed per accidens, puta Plato, qui non recipit magis et minus, non videtur nisi per accidens in signis visibilibus, quae ei accidunt.
Du mußt darauf achten, daß das sinnliche Zeichen zuerst eher verschwommen und gattungshaft-allgemein ist als eigentümlich und eigengestaltlich. So ist das Wortzeichen zuerst nur das Zeichen für einen Ton, wenn man ein Wort von fern hört; dann, wenn man es näher hört, wird es Zeichen eines artikulierten Tones, den man Wort nennt; kommt es noch näher, wird es das Zeichen des Wortes einer bestimmten Sprache; und zuletzt wird es das Zeichen eines bestimmten Wortes. Und das gilt für alles. Wenn man auch oft die Zwischenräume der Zeit wegen der erstaunlichen Schnelligkeit nicht empfindet, so kann das Zeichen doch nicht vollständig sein, wenn es nicht vom Gestaltlosen zum Eigengestaltlichen gelangt. Für eine und dieselbe nicht vervielfältigbare Sache gibt es also mannigfache Zeichen, d. h. gattungshafte und eigengestaltliche, mit denen sie bezeichnet wird, und unter diesen solche, die eher gattungshaft und solche, die eher eigengestaltlich sind. Da aber die Vollkommenheit der Zeichen mehr oder weniger aufnimmt, wird kein Zeichen jemals so vollkommen und eigengestaltlich sein, daß es nicht vollkommener sein könnte. Daher ist es nicht möglich, ein Zeichen für die Einzigkeit zu geben, die kein mehr oder weniger aufnimmt. Und darum ist derartiges nicht durch sich selbst erkennbar, sondern nur durch das Hinzukommende, wie z. B. Platon, der nicht mehr oder weniger annimmt, nur durch das Hinzukommende in sinnlich-sichtbaren Zeichen, die zu ihm hinzutreten, erkannt wird.▷Omne igitur, quod sensu aut imaginatione attingitur, cum non nisi in signis, quae magis et minus recipiunt, cognoscatur, sine signis quantitatis non attingitur. Signa igitur qualitatis, quae ad sensum perveniunt, sine signis quantitatis esse nequeunt. Sed signa quantitatis non sunt per se in sensibilibus, sed per accidens, cum qualitas sine quantitate non possit esse. Signa vero quantitatis non requirunt signa qualitatis; ideo sine ipsis esse possunt. Quare res quanta signo quantitatis in notitiam devenit, et sic per se incognoscibile per accidens innotescit. Magnitudine igitur et multitudine sublata nulla res cognoscitur.
Da also alles, das von Sinn oder Vorstellung erreicht wird, nur im Zeichen, das mehr oder weniger annimmt, erkannt wird, wird es nicht ohne quantitative Zeichen erreicht. Die Zeichen der Qualität, die zum Sinn gelangen, können nicht ohne Zeichen der Quantität sein. Diese aber sind nicht durch sich selbst in den sinnlichen Dingen, sondern durch das Hinzutretende, da die Qualität nicht ohne die Quantität sein kann. Die Zeichen der Quantität hingegen erfordern keine Zeichen der Qualität; also können sie ohne sie sein. Darum gelangt eine quantitative Sache durch das Zeichen der Quantität in das Erkennen; und so wird das durch sich selbst Unerkennbare durch das Hinzugekommene bekannt. Wenn man also Größe und Vielheit hinwegnimmt, dann wird kein Ding erkannt.▷Hoc etiam repetere utile videtur, scilicet quod nec huius singularis quantitatis signum seu species naturalis potest esse singularis, cum nul|lum singulare sit plurificabile aut multiplicabile, sive sit[1] substantia aut quantitas aut qualitas. Licet igitur quantitatis sit species et signum, non tamen ut huius quantitatis. Singulariter igitur quanta signo generalis quantitatis notantur et cognoscuntur. Ita singulariter rubea signo universalis rubedinis. Unde cum nulla res sit eiusdem quantitatis aut qualitatis cum alia et cuiuslibet rei singularis sit quantitas singularis, non est quantitas aliquid generale in re, sed in cognitione seu specie et signo. Parvum igitur et magnum species habent, licet non hoc parvum et hoc magnum, quae sunt singulares quantitates; sed per speciem seu signum magni hoc magnum et parvi hoc parvum cognoscitur.
Das zu wiederholen scheint nützlich: daß [p.697] das Zeichen oder die natürliche Eigengestalt der einen einzigen Quantität nicht einzig sein kann, da nichts Einzelnes vervielfältigt oder vermehrt werden kann, sei es nun Substanz, Quantität oder Qualität. Denn wenn es auch die Eigengestalt und das Zeichen der Quantität ist, so doch nicht für diese Quantität. Das als Einzelnes Große wird also mit einem Zeichen allgemeiner Quantität bezeichnet und erkannt, das einzelne Rote mit dem Zeichen allgemeiner Röte. Da also kein Ding die gleiche Quantität und Qualität hat wie ein anderes, und jedes einzelne Ding eine einzelne Quantität hat, ist die Quantität nichts Allgemeines im Ding, sondern in der Erkenntnis oder Eigengestalt und im Zeichen. Das Kleine und das Große haben Eigengestalten, wenn auch nicht dieses Kleine oder dieses Große, welche einzelne Quantitäten sind. Aber durch die Eigengestalt oder das Zeichen des Großen wird dieses Große und durch die des Kleinen dieses Kleine erkannt.▷Signa igitur naturalia species sunt singularium signatorum. Nam species istae non sunt formae formantes, sed formae informantes. Informati vero uti tales recipiunt magis et minus. Unus enim plus est informatus quam alius, et idem nunc minus, postea plus. Tales igitur formae possunt esse in pluribus, cum non requiratur quod eodem essendi modo ipsis insint, qui modus non est multiplicabilis, sed variis varie, uti una ars scribendi varie variis inest scriptoribus. Patet etiam ex his quod numerus determinatus, puta ternarius, denarius et tales, cum non recipiant magis et minus ob suam singularem determinationem, non habent nisi indeterminatas species, sicut specie multitudinis indeterminatae, quae numeratio dici potest, determinata multitudo cognoscitur; et speciebus magnitudinis et multitudinis cognoscitur magnus determinatus numerus; et sic parvus numerus speciebus multitudinis et parvitatis; et similes colores speciebus similitudinis et coloris, et dissimiles speciebus dissimilitudinis et coloris, et concordantes voces speciebus concordantiae et vocis, et discordantes speciebus discordantiae et vocis; et taliter de omnibus.
Die natürlichen Zeichen sind Eigengestalten der einzelnen Bezeichneten. Diese Eigengestalten sind keine gestaltenden Gestalten, sondern ein-gestaltende. Die Ein-Gestalteten als solche nehmen mehr und weniger an. Der eine ist besser ein-gestaltet als der andere, und derselbe jetzt weniger und dann mehr. Derartige Gestalten können in vielen sein, da es nicht erforderlich ist, daß sie in ihnen in derselben Seinsweise sind. Denn die Seinsweise kann nicht vervielfältigt werden, sondern ist im Verschiedenen verschieden, so wie die eine Kunst des Schreibens bei den verschiedenen Schreibern verschieden ist. Daraus geht hervor, daß eine bestimmte Zahl, z. B. drei, zehn u. a., nur unbestimmte Eigengestalten haben, da sie wegen ihrer einzelhaften Bestimmung kein mehr oder weniger aufnehmen. Ebenso kann durch die Eigengestalt der unbestimmten Vielheit, die Zählung genannt werden kann, eine bestimmte Menge erkannt werden. Und in den Eigengestalten der Größe und Vielheit wird eine große, bestimmte Zahl erkannt; ebenso eine kleine Zahl durch die Eigengestalten der Vielheit und Kleinheit; und ähnliche Farben werden durch die Eigengestalten der Ähnlichkeit und der Farbe, unähnliche Farben durch die Eigengestalten der Unähnlichkeit und der Farbe erkannt; und wohl zusammenklingende Töne werden durch die Eigengestalten der Zusammenstimmung und des Tones, und mißtönende durch die Eigengestalten des Mißklanges und des Tones erkannt, usw.▷Cum autem sic ex signis et speciebus notionalibus formetur in nobis notitia rei, non potest res, quae sic innotescit, distincte cognosci ab alia, nisi distinctis notis et speciebus formetur notitia. Unde ut quaelibet res est singularis, ita et eius notitia aliquid habet, quod in alterius notitia non reperitur. Quemadmodum si unum vocabulum est sex litterarum et aliud etiam sex litterarum, oportet quod, licet in numero concordent, non tamen in figura et situ, ut sint diversa, sicut res sunt diversae, quarum sunt vocabula. Ac diversitas specierum notionalium nos ducit in notitiam diversitatis rerum. Et licet duo individua videantur in pluribus speciebus convenire, non tamen est possibile, quin in aliquibus etiam discrepent.
Da die Kenntnis einer Sache in uns dergestalt aus Zeichen und begrifflichen Eigengestalten gestaltet wird, kann ein Ding, das so bekannt wird, nur dann von einem anderen deutlich abgehoben werden, wenn die Kenntnis durch deutlich unterschiedene Begriffe und Eigengestalten gebildet wird. Wie jedes Ding einzig ist, so hat auch sein Erkenntnis-Begriff etwas, das sich in dem eines anderen nicht findet. Hat man darum ein Wort mit sechs Buchstaben und ein anderes ebenfalls mit sechs Buchstaben, so müssen sie notwendigerweise, auch wenn sie der Zahl nach übereinstimmen, in Figur und Lage nicht übereinstimmen, so daß sie verschieden sind, so wie die Dinge, deren Worte sie sind. Die Verschiedenheit der erkenntnishaften Eigengestalten führt uns zur Erkenntnis der Verschiedenheit der Dinge. Und wenn auch zwei Individuen in vielen Eigengestalten übereinzustimmen scheinen, so müssen sie doch in einigen auch nicht übereinstimmen.◀▷
- ↑ fol.170v